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Elektromobilität: Die (verkehrte) Aufregung um 410.000 Arbeitsplätze

Aktuell diskutiert Deutschland über 410.000 Arbeitsplätze, die laut einer Studie der "Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität" (NPM) in der Automobilbranche "dank" der Elektromobilität wegfallen könnten.

von Carsten Drees am 13. Januar 2020

Durch die Umstellung auf die Elektromobilität sind in Deutschland bis zum Jahr 2030 rund 410.000 Arbeitsplätze gefährdet. Allein in der Produktion des Antriebsstrangs, also bei Motoren und Getrieben, könnten bis zu 88.000 Stellen wegfallen.

Mit diesen Sätzen fängt ein Artikel im Handelsblatt an, der sich mit einer Studie der “Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität” (NPM) auseinandersetzt. Diese Plattform ist eine Kommission, die von der Bundesregierung initiiert wurde und in der helle Köpfe aus Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften, Verbänden und Forschung zusammengebracht werden, um sich möglichst umfassend mit den Aufgaben auseinanderzusetzen, die die Zukunft der Mobilität mit sich bringt.

Weiter heißt es beim Handelsblatt: “Der aktuelle NPM-Bericht macht deutlich, wie groß die soziale Sprengkraft durch die Transformation der Autoindustrie ausfallen könnte.” Das ist insofern richtig, als das Handelsblatt natürlich fleißig mitzündelt, wenn es um die soziale Sprengkraft geht. Ich möchte dem Handelsblatt hier schon ein wenig vorwerfen, dass man hier genau das Klientel bedient, welches eh schon abwechselnd auf Regierung und Autohersteller sowie die Klimahysterie schimpft. Man findet viele Möchtegern-Argumente gegen die Elektromobilität, hier bekommt man mit möglichen Arbeitsplatzverlusten ein weiteres geliefert.

Damit möchte ich natürlich nicht sagen, dass es nicht so kommt und jeder Arbeitsplatz durch den Wechsel vom Verbrenner auf E-Mobilität erhalten bleibt. Im Gegenteil: Schon oft genug habe ich hier auf dem Blog darüber geredet, dass die technologische Entwicklung in den nächsten Jahren deutlich mehr Jobs kosten wird, als man neue kreieren kann. Aber das ist eben nicht der Punkt! Der Punkt ist viel mehr, dass sich die Welt im steten Wandel befindet und es somit nicht die Elektromobilität ist, die Jobs gefährdet, sondern eher, wie mit dem Wechsel umgegangen wird.

Es wird nicht nur in dieser Branche massive Umwälzungen geben, die Industrie wird durch Automatisierung und künstliche Intelligenz in den nächsten Jahren komplett auf links gekrempelt. Immer neue und bessere Technologien haben eben diese Schattenseite, dass Prozesse optimiert werden oder komplett wegfallen und somit Arbeitsplätze kosten.

Genau darum geht es auch der Kommission, die die erwähnte Studie erstellt hat. Es geht darum, welche Szenarien denkbar sind und wie man drauf reagieren sollte. Dabei, so schreibt die  taz, sind diese 410.000 Arbeitsplätze bis 2030 das denkbar negativste Szenario. Es ist also nicht das wahrscheinlichste Szenario, sondern das, was im äußersten Falle dabei herauskommen würde, wenn wirklich alles denkbar schlecht läuft.

Daher nervt mich das, dass landesweit Medien über die Studie berichten und in der Berichterstattung auf nichts anderes der Fokus gelegt wurde als auf die Zahl der gefährdeten Arbeitsplätze und den Zusammenhang mit der Elektromobilität. Das ist nicht das, was die Studie wirklich meint und auch sicher nicht das Ergebnis der Studie. Wichtig in dem Zusammenhang ist es, dass ein essentieller Bestandteil der NPM der ist, wie man den wegfallenden Jobs entgegenwirken kann.

Eine NPM-Arbeitsgruppe unter Vorsitz von IG-Metall-Chef Jörg Hofmann fordert dementsprechend auch eine strategische Personalplanung der Unternehmen und regionale Qualifizierungszentren, in denen Firmen, Arbeitsagentur und Weiterbildungsträger zusammenarbeiten. Auf diese Weise will man möglichst viele Arbeitnehmer rechtzeitig abholen und sie in eine Situation bringen, in der sie eben auch nach den Zeiten des Verbrenner-Autos einen sicheren Job ausüben können.

Persönlich glaube ich auch, dass deutsche Hersteller zu träge das Kapitel Elektromobilität aufgeschlagen haben. Aber die deutschen Traditionsunternehmen finden in die Spur, haben eine Menge E-Autos in der Pipeline und werden auch künftig noch eine wichtige Rolle in der Branche spielen, wenn man jetzt die richtigen Knöpfe drückt und zukunftstaugliche Strategien umsetzt.

Worauf ich hinaus will: Es ist nicht die Elektromobilität, die viele Tausend Jobs gefährdet, sondern ein zu langes Abwarten und das Beharren auf ein “Weiter wie bisher”. Die Zeiten der Verbrenner gehen unbestritten ihrem Ende entgegen, ganz unabhängig davon, ob die Alternative E-Mobilität ist oder ob wir über Wasserstoff oder sonst was reden. Die Unternehmen müssen sich bewegen, die Mitarbeiter müssen sich bewegen und die Politik muss Unternehmen und Mitarbeitern den Boden bereiten, damit sie sich entsprechend bewegen können.

Ich hoffe, dass der nächste, bereits am Mittwoch stattfindende Autogipfel uns diesem Ziel ein bisschen näher bringt. Wenn schräge, falsche Entscheidungen in Berlin getroffen werden — das wisst ihr — legen wir hier auf dem Blog auch immer wieder gern den Finger in die Wunde. Es gibt sowohl bei Industrie als auch in der Politik leider wahrlich genug zu kritisieren. Aber wir sollten zumindest damit aufhören, uns aus Berichten und Studien nur die (negativen) Rosinen herauszupicken und damit die ohnehin miese Stimmung in weiten Teilen der Bevölkerung noch weiter anzuheizen.