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Warum mir der Gottkomplex von Elon Musk so gewaltig auf den Sack geht

Elon Musk, der Donald Trump der Tech-Szene. In einem ebenso vorhersehbaren wie erschreckenden Anfall von Überheblichkeit bezeichnet der Tesla-Chef kritische Journalisten als potentielle Mörder. Musk outet sich damit erneut als Vetreter einer abgehobenen Pseudo-Elite im Silicon Valley, die keine Zweifel an ihrer Mission duldet und jeden Widerspruch im Keim ersticken will. [Kommentar]

von Bernd Rubel am 21. Oktober 2016

Elon Musk hat in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag die nächste Hard- und Software-Generation für vollautonome Fahrzeuge vorgestellt. Ab sofort werden die momentan und zukünftig erhältlichen Teslas mit wesentlich mehr Kameras, einem leistungsfähigeren Radar und einem Hochleistungs-Computer von Nvidia bestückt. Anders als viele Wettbewerber wird Tesla damit zwar weiterhin auf LiDAR verzichten, doch die mit der Aufrüstung einhergehenden Verbesserungen und die geplante Umsetzung über ein selbstlernendes neuronales Netzwerk sind ohne jeden Zweifel signifikant.

Alles super. Ich freu’ mich ‘drauf, wirklich.

Doch dann – getragen von der Begeisterung über den Coup des eigenen Unternehmens – kam er wieder zum Vorschein: der großkotzige, überhebliche, nicht zur Reflektion der Reichweite des eigenen Handelns fähige Elon Musk. Der Elon Musk, der mittlerweile zum typischen Vertreter einer Kaste der kalifornischen Heilsbringer mutiert, die keinerlei Kritik an ihren großen Visionen dulden und schon die Frage nach möglichen Risiken als Frevel auffassen. Der Elon Musk, der mit der unerbittlichen und widerspruchslosen Verbreitung seiner visionären Botschaft eine stetig wachsende Schar von gehorsamen Jüngern um sich sammelt, die ihrem Messias – und nur ihm – die Rettung der Welt zutrauen.

Wie entscheidet eine Software, ob der Tod eines auf die Fahrbahn laufenden Kindes oder der Tod des Fahrers in Kauf genommen werden soll?

Ein Reporter hatte es gewagt, Elon Musk auf Teslas Grad der Verantwortung für die zukünftig vollkommen autonom fahrenden Autos anzusprechen, wenn ein Fahrzeug in einen Unfall verwickelt werde.

Diese Frage ist elementar und beschäftigt momentan nicht nur eine Reihe von internationalen Aufsichtsbehörden, die der Technologie durchaus offen gegenüberstehen. Auch vorausschauende Versicherungskonzerne und einige Ethiker stellen sich zunehmend die Frage, wer die Verantwortung für ein Fahrzeug übernimmt, wenn ein bisher in die Haftung genommener Fahrer selbige vollständig an eine Software abtritt.

Bereits seit geraumer Zeit zerbrechen sich nicht nur Skeptiker den Kopf, wie ein autonomes Auto beispielsweise das ultimative Dilemma im Straßenverkehr lösen wird. Was passiert, wenn eine Software darüber entscheiden soll, ob der Tod eines auf die Fahrbahn laufenden Kindes oder der Tod des Fahrers in Kauf genommen werden soll? Wer definiert in diesem Fall, was “sinnvoller” oder “weniger schlimm” ist?  Wie schwierig solche Entscheidungen sind, kann jeder mit dem Moral-Machine “Spiel” des MIT selbst ausprobieren. Und die Anschlussfrage: Wer haftet für eine Fehlentscheidung und die Folgen?

Musks Antwort auf die Frage des Journalisten war eindeutig: Tesla sehe sich nicht in der Verantwortung, dies sei eine Frage der Versicherung des einzelnen Fahrers. Nur wenn es sich um einen wiederholt auftretenden, endemischen Design-Fehler handele, werde Tesla die Verantwortung übernehmen. Man solle das wie bei Personenaufzügen sehen, für die übernehme der Hersteller ja auch nicht weltweit die Haftung.

“No I think it would be up to the individual’s insurance. … If it’s something endemic to our design, certainly we would take responsibility for that. Once you view autonomous cars sort of like an elevator in a building, does Otis take responsibility for all elevators around the world? No, they don’t.”

Und dann ergänzte Musk seine Antwort um folgende Ausführung:

“One of the things I should mention that frankly has been quite disturbing to me is the degree of media coverage of Autopilot crashes, which are basically almost none relative to the paucity of media coverage of the 1.2 million people that die every year in manual crashes. [It is] something that I think does not reflect well upon the media. It really doesn’t.

Because, and really you need to think carefully about this, because if, in writing some article that’s negative, you effectively dissuade people from using an autonomous vehicle, you’re killing people.

Elon Musk schmettert die Frage nach der Verantwortung seines eigenen Unternehmens für die Entscheidungen eines autonomen Fahrzeugs im öffentlichen Straßenverkehr kurzerhand mit einem Mordvorwurf an jeden ab, der die negativen Aspekte der Technologie hinterfragt. Sofern ein kritischer – und damit nach Musks Denkweise negativer – Medienbericht Menschen von der Nutzung eines autonomen Fahrzeugs abhalte, töte der Verfasser damit de facto Menschen. Punkt.

Die Antwort des Unternehmensgründers offenbart nicht nur seine Unfähigkeit, sich der eigenen Verantwortung zu stellen. Sie zeigt auch auf erschreckende Weise, wie begrenzt sich Musk und sein Unternehmen mit den gesellschaftlichen Konsequenzen einer Technologie und der damit einhergehenden digitalen Disruption beschäftigen. Für Musk gibt es offenbar nur Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse, Freund oder Feind. Jede darüber hinausgehende Frage wird für den vermeintlichen Visionär zur lästigen Gretchenfrage.

Dieser unerschütterliche Glaube an die Unfehlbarkeit der eigenen Vision erreicht bei Elon Musk – und, nebenbei, vielen anderen Mitgliedern der neuen Elite im Silicon Valley – eine Dimension, die man bisher nur aus griechischen Tragödien kennt, in denen der Protagonist schlussendlich von Nemesis in seine Schranken gewiesen wird.

Das Silicon Valley mutiert zu einer elitären Kaste von selbsternannten Weltverbesserern, die keinerlei Kritik dulden.

Musk ist die Personifizierung eines zum Selbstzweck missbrauchten utilitaristischen Kalküls, das den vermeintlichen gesamtgesellschaftlichen “Nutzen” einer Technologie zum ultimativen Maßstab erhebt. Jede Kritik, jeder Einwand, jede Anführung anderer ethischer Werte stellt in dieser Denkweise den einmal definierten Nutzen als Ganzes in Frage und wird dementsprechend abgeschmettert.

In einem fortwährenden Mantra betont Elon Musk seit Jahren, dass autonome Fahrzeuge “sicherer” seien als Autos, die von menschlichen Fahrern gesteuert werden. Seine dazu herangezogenen Vergleiche über Unfallzahlen im Verhältnis zu zurückgelegten Kilometern wurden ihm in den vergangenen Monaten wiederholt [1] [2] [3] um die Ohren gehauen. Renommierte Professoren, die sich seit Jahren mit der Technologie beschäftigen, bezeichneten die Zahlen wiederholt als “bedeutungslos” und “lächerlich” und mahnten an, dass es weitaus wichtigere Fragen und Variablen zu klären gebe.

Die möglichen positiven Auswirkungen einer zunehmenden Automatisierung sind nach der jahrzehntelangen Erprobung der unterschiedlichsten Fahrassistenzsysteme längst geklärt. Eben deshalb muss man sich nun mit den noch ungeklärten und mitunter auch unangenehmen Fragen beschäftigen, die der weitere Fortschritt mit sich bringen kann.

Musks radikale Ablehnung jeglicher Verantwortung für ein System, das dem Menschen die Verantwortung abnehmen will, basiert nicht nur auf der irrigen Annahme, dass seine Verantwortung mit der puren Bereitstellung des Systems endet. Sie zeugt vielmehr von der Abkopplung einer pseudo-intellektuellen Gesellschaftsschicht im Silicon Valley, die sich nach ihrem eigenen Empfinden nicht mehr für ihre einmal getroffenen Entscheidungen erklären oder rechtfertigen muss. Elon Musk weiß, was das Beste für uns alle ist – Diskussion beendet.

Tesla muss sich nach den Äußerungen von Musk die Frage gefallen lassen, wie gut es tatsächlich um eine Technologie bestellt ist, wenn man sie nach Ansicht des Unternehmensgründers nicht einmal in den wesentlichsten Punkten hinterfragen darf. Dieses plumpe, mit verschwörungstheoretischen Andeutungen gespickte, an einen Richard Nixon oder Donald Trump erinnernde Medien-Bashing bedient normalerweise allenfalls eine Klientel, die hierzulande “Lügenpresse!” grölend durch die Straßen zieht. Doch Musk kann sich sicher sein, dass er mit der Bedienung solcher Klischees bei einem erheblichen Teil seiner Fans auf Zustimmung stößt.

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Wir haben trotz unserer Begeisterung für die Technologie den “Autopiloten” von Tesla wiederholt kritisiert und uns dabei nicht nur auf die irreführende Begrifflichkeit beschränkt. Wir durften uns im Rahmen der Artikel nicht nur einmal den Vorwurf gefallen lassen, wir seien rückständige, sicherlich von der dahinsiechenden deutschen Autolobby bestochene Schreiberlinge, die “das große Ganze” hinter Elon Musks Vision nicht erkennen könnten und nicht zu schätzen wüssten.

“Mörder” hat uns im Laufe der zurückliegenden Monate niemand genannt. Das hat sich dann mit dem heutigen Tag erledigt: der Chef höchstpersönlich hat das für seine Jubelperser übernommen.