Kommentar

Erst Corona – und danach mit vereinten Kräften gegen andere Krisen?

Weltweit beeinträchtigt das Coronavirus unsre Leben. Länder treffen besondere, drastische Maßnahmen und das aus gutem Grund. Wäre so viel Entschlossenheit nicht auch bei anderen Krisen wünschenswert?

von Carsten Drees am 16. März 2020

Gestern konnten wir lesen, dass mein Bundesland Nordrhein-Westfalen aufgrund des Coronavirus seine Maßnahmen weiter verschärft. In einer Pressemitteilung hieß es dazu:

Noch am Sonntag sollen durch Erlass des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales nahezu alle Freizeit-, Sport-, Unterhaltungs- und Bildungsangebote im Land eingestellt werden. So müssen bereits ab Montag alle so genannten „Amüsierbetriebe“ wie zum Beispiel Bars, Clubs, Diskotheken, Spielhallen, Theater, Kinos, Museen schließen. Eine gleiche Regelung ergeht für Prostitutionsbetriebe.

Ab Dienstag ist dann auch der Betrieb von Fitness-Studios, Schwimm- und Spaßbädern sowie Saunen untersagt. Ebenso ab Dienstag sind Zusammenkünfte in Sportvereinen und sonstigen Sport- und Freizeiteinrichtungen sowie die Wahrnehmung von Angeboten in Volkshochschulen, Musikschulen und sonstigen öffentlichen und privaten Bildungseinrichtungen im außerschulischen Bereich nicht mehr gestattet.

Andere Länder haben nachgezogen, einige Grenzen zu unseren Nachbarländern wurden dicht gemacht und vor wenigen Stunden hat die Regierung nochmals nachgelegt und die Regeln für das Zusammenleben in Deutschland weiter verschärft.

Es ist definitiv eine schwierige Situation für jeden von uns, mit einschneidenden Maßnahmen und noch nicht in seiner Gänze absehbaren Folgen. Dazu gehört auch, dass Schulen und Kitas geschlossen bleiben. Dass viele Angestellte sich erstmals mit dem Thema Home-Office auseinandersetzen müssen. Dass viele Bürger und Unternehmen vor ernsthafte wirtschaftliche Probleme gestellt werden.

Wir wissen noch nicht, welche Maßnahmen als nächstes getroffen werden und blicken ängstlich nach Italien, wo die Krise nochmal deutlich verschärfter gespürt wird. Wir haben auch noch keine Ahnung, wie unser Gesundheitssystem dieses Virus überstehen wird. Werden die Zahlen der Toten noch stark ansteigen? Werden uns die Krankenhaus-Betten knapp werden?

Ein großer Teil der derzeitigen Unsicherheit in der Bevölkerung hat genau damit zu tun, dass wir eben nicht annähernd wissen, ob wir gerade dabei sind, glimpflich durch die Krise zu kommen, oder ob wir auf eine Katastrophe zurauschen. Das führt dazu, dass sich in den Supermärkten Jagdszenen auf Nudeln, Milch und Klopapier abspielen und immer mehr Leute anfangen, Waren zu hamstern.

So viel zu all dem, was derzeit los ist, was uns beschäftigt und zu recht Sorgen macht. Da gibt es aber eben auch die andere Seite, die diese Krise fast schon ein bisschen überraschend ans Tageslicht zerrt: Riesige Solidaritäts-Wellen schwappen übers ganze Land bzw. über den ganzen Planeten. Deutschland und weitere Länder haben China am Anfang der Krise schnell und unbürokratisch mit Material geholfen, mittlerweile revanchiert sich China und unterstützt Europa nach Leibeskräften.

Nachbarn gehen für ältere Mitbürger einkaufen oder bieten anderweitig Hilfe an, Bands spielen kostenlose Live-Konzerte online, überall sprudelt es über vor kreativen Ideen, wie man Menschen helfen kann, wie man sich die Zeit vertreibt in Quarantäne-Zeiten und wie man sich und anderen das Leben unter den Gegebenheiten einfacher gestalten kann.

Aber es sind gleich drei verschiedene Bereiche, in denen sich gerade Erstaunliches tut:

  1. Die bereits angesprochene Solidarität unter den Leuten
  2. Die Wirtschaft
  3. Die Politik

Unternehmen während der Krise

Zunächst einmal dürfte jedem klar sein, welche furchtbaren Auswirkungen auf die Unternehmen diese Krise haben kann. Zahlreiches Personal fällt aus, weil man entweder in Quarantäne oder krank ist — oder aufgrund geschlossener Einrichtungen zuhause den Nachwuchs beaufsichtigen muss.

Durch die Pandemie brechen unendlich vielen Betrieben Umsätze weg aus den verschiedensten Gründen. In der Industrie fehlen beispielsweise Materialien, weil gerade die Zuliefererketten aus Fernost unterbrochen sind, außerdem leiden alle Unternehmen, die auf Publikum angewiesen sind, so wie Kinos, Bars, Konzert-Locations und viele mehr. Künstler, alle Arten von Freiberuflern — die Liste derer, die gerade auf eine ganz harte Zeit zumarschieren, dürfte nahezu endlos sein.

Gleichzeitig beobachten wir aber auch, wie die Grenzen des Machbaren ausgelotet werden und dafür sorgen, dass viele Firmen jetzt — gezwungenermaßen — neue Wege gehen. Home-Office war in viel zu vielen Bereichen bislang anscheinend keine Option — plötzlich geht es bei immer mehr Unternehmen. Es geht, weil es muss! Plötzlich lernt man, mit Kollaborations-Tools zu arbeiten, Konferenzen und Meetings nur noch virtuell abzuhalten usw.

Ein weiterer Punkt, der mir einfällt: Es zeichnet sich ab, dass sowohl Privatisierungen von Krankenhäusern als auch der Personalabbau nicht der Weisheit letzter Schluss sein können. In diesen Tagen stellen wir alle fest, was für ein kostbares Gut unsere Pfleger und Ärzte sind und wir könnten jetzt die Weichen stellen, a) mehr Pflegepersonal zu beschäftigen und b) dieses auch angemessen zu bezahlen.

Politik während der Krise

Ähnliches beobachten wir auch in der Politik: Sucht man für Beispiele, wie konstruktiv die demokratischen Parteien zusammenarbeiten können, wenn sie nur müssen, konnte man das in der letzten Woche beobachten: Da nämlich wurde im Parlament darüber beraten, ob man in Zeiten der Corona-Krise Erleichterungen beim Kurzarbeitergeld auf den Weg bringen kann. Ja, konnte man — und wie: Alle drei Lesungen und die Abstimmung wurden an einem Tag durchs Parlament gepeitscht von Koalition und Opposition, um schnelle Hilfe möglich zu machen.

Noch ein positives Beispiel: Politiker hören sehr genau zu, was Experten gerade sagen. Oft genug sitzen diese Experten zusammen mit den Spitzenpolitikern und unterstützen diese bei der Erklärung der Maßnahmen und beim Erklären der Situation an sich. Immer wieder verweisen Politiker ganz ausdrücklich darauf, dass man bestimmte Entscheidungen genau so trifft, weil sie von den entsprechenden Wissenschaftlern empfohlen wurden.

Noch eine Beobachtung: Seit Tagen nehme ich nicht mehr wahr, dass Politiker gegen Konkurrenten schießen, egal, ob die aus der eigenen oder einer anderen Partei kommen. Es wird konstruktiv an Lösungen gearbeitet, alle (okay, fast alle) bringen sich entsprechend ein. Und — noch eine Erkenntnis in der Krise: Jetzt, wo Sachkompetenz gefragt ist, ist es unendlich still geworden um die AfD. Diese schlechte Kopie einer demokratischen Partei steht für populistische Phrasen und für vermeintlich leichte Lösungen auf komplexe Probleme. Angesichts der Komplexität der Corona-Krise fallen selbst der AfD keine einfachen Lösungen mehr ein. Sie jammern zwar immer noch und wollen das Corona-Virus rhetorisch jetzt gerne auch noch den Geflüchteten andichten, aber es hört ihnen gerade kaum jemand zu — gut so!

Vielleicht das Beste von allem: Selbst, wenn der ein oder andere Staat immer noch seine Alleingänge plant und durchzieht, habe ich das Gefühl, dass die Bestrebungen zur Zusammenarbeit zwischen den Nationen deutlich intensiviert wurden in den letzten Wochen. Auch hier sieht man, dass man in der Not sehr wohl zusammenarbeiten und vorankommen kann — wenn man nur muss.

Es geht, weil es gehen muss – Blaupause für andere Krisen?

Ich fasse also nochmal zusammen:

  • Selbst in einer so schweren Krise, die gerade in den sozialen Medien, aber auch in den Supermärkten die Arschlochhaftigkeit vieler Menschen zutage befördert, erleben wir ungeahnte Solidarität.
  • Selbst in so einer schweren Krise, die viele Unternehmen arg in Bedrängnis bringt, finden diese Unternehmen aber endlich Zeit und Mut, um neue, modernere Wege der Zusammenarbeit auszuprobieren.
  • Selbst in so einer schweren Krise, in der Politiker sich nicht an irgendwas Vergleichbarem orientieren können, wirken gerade die meisten Spitzenpolitiker engagiert, aber dennoch besonnen. Es geht nicht um parteiinterne Scharmützel und nicht um Grabenkämpfe oder um Personalfragen — es geht um das, um das es immer gehen sollte: Das Wohl des Bürgers und das Wohl der Nation.

Wir stecken also gerade alle miteinander knietief in der Scheiße, gelinde gesagt — und dennoch bin ich überzeugt davon, dass wir auch diese Krise meistern werden. Es werden noch mindestens ein paar sehr haarige Wochen auf uns zukommen, aber diese Krise ist beherrschbar.

Ich hoffe sehr, dass wir aus all dem was lernen können. Jetzt ist die Zeit, in der wir uns solidarisch zeigen müssen, in der wir aber auch vielleicht viel öfter mit unseren eigenen Gedanken allein sind, als zu Zeiten, in denen wir mit Freunden und Kollegen rumhängen. Vielleicht bleibt sogar in der Politik was Positives hängen. Zum Beispiel die Gewissheit, dass man in der Not an einem Strang zieht und schnell, produktiv und im Sinne der Bürger arbeiten kann, wenn es nur sein muss.

Und die Wirtschaft wird so oder so nachhaltig ein anderes Gesicht bekommen. Viel mehr Bürger als je zuvor werden in diesen Wochen erkennen, wie bequem sich vieles von zuhause bestellen lässt, was den E-Commerce befeuern wird. Unternehmen, bei denen jetzt erstmals neue Tools eingesetzt und Mitarbeiter ins Home-Office geschickt werden, werden mit großer Wahrscheinlichkeit die verschiedenen Vorzüge dieser Vorgehensweise erkennen.

Meine abschließende Frage daher, die ich ja auch bereits in der Headline gestellt habe: Irgendwann können wir aufatmen und erklären, dass wir das Coronavirus zurückgeschlagen haben und die Situation bestens beherrschbar ist. Atmen wir dann durch, sammeln uns und machen weiter wie bisher? Oder stellen wir uns die Frage, ob wir jetzt nicht eine der anderen riesigen Krisen in Angriff nehmen?

Fast komplett aus den Nachrichtenbildern verschwunden sind die furchtbaren Aufnahmen aus den Flüchtlingslagern in Griechenland und in der Türkei. Wenn wir uns bewusst machen, in was für unfassbar unwürdiger Art und Weise dort viele Tausend Menschen vegetieren und wie groß deren Angst, Risiko und Gefahr sein müssen — schaffen wir gedanklich den Transfer von unserer derzeitigen Krise zur Krise der Geflüchteten? Können wir auch hier so solidarisch zusammenarbeiten auf europäischer Ebene und tatsächlich mal Lösungen erarbeiten? Auch mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass es klappen kann, wenn es nur muss?

Und was ist mit dem Klimawandel? Die Corona-Krise ist furchtbar und die aktuelle Situation ist etwas, was wir in Deutschland so noch nicht erlebt haben. Aber wenn man es globaler betrachtet, ist Corona nichts, was unsere gute, alte Erde sonderlich aus der Fassung bringen müsste. Der Planet kommt gut damit klar, sollte die Menschheit um ein paar Millionen ausgedünnt werden. Da ist die Nummer mit dem Klimawandel schon eine ganz andere.

Ich werde hier jetzt nicht Tote gegen Tote oder Krise gegen Krise aufwiegen. Aber tatsächlich ist der menschgemachte Klimawandel eben ein noch größeres Problem für uns alle als dieses Virus, das hier derzeit alles lahmlegt. Wir haben hier Sommer, die sich endlich mal wie Sommer anfühlen — nicht der verregnete Scheiß, sondern stabil um und über 30 Grad. Kein Wunder, dass man da die Krise nicht so deutlich erkennt, als wenn man im Supermarkt vor leeren Regalen steht. Bekommen wir das hin, dass wir da auch genau so mit gebündelten Kräften, mit Solidarität und mit dem guten Gefühl, das Richtige zu tun, aktiv werden? und dass wir diese Krise als genau so dringend erkennen wie die Corona-Krise?

Wir können derzeit quasi live dabei zuschauen, wie die Erde aufatmet — schaut euch entsprechende Satellitenfotos aus China an, die den Unterschied zeigen zwischen dem Normalzustand dort und dem Zustand, als alle Fabriken dicht waren. Vielleicht profitiert auch die Umwelt davon, dass jetzt mehr Menschen aufs Auto verzichten und im Home-Office arbeiten. Nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft, weil dieses Home-Office auf einmal eine echte Option ist.

Vielleicht wurde in diesen Tagen auch in Politikerköpfen ein Hebel umgelegt und Merkel, Söder, Altmaier usw erkennen künftig leichter, dass das Substanz hat, was diese Experten da immer und immer wieder sagen und die förmlich darum betteln, dass man das umsetzt, was sie uns aufzeigen. Am besten wäre es, wenn auch die Erkenntnis in den Politikern reifen würde, dass man bei seinen Maßnahmen nicht immer Rücksicht auf die Wirtschaft nehmen muss. Wenn es sein muss, kann man halt deutlich schneller deutlich rigoroser handeln.

Ich möchte die Corona-Krise nicht kleinreden, zumal mir die derzeitige Situation auch Angst macht und mir Respekt abnötigt. Aber ich glaube dennoch, dass wir derzeit jede Menge über die heutige Welt lernen. Wir lernen, dass irgendwas schief läuft mit der Art des Kapitalismus. Wir lernen, dass wir eben doch eine globale Welt sind, in der Länder zusammenarbeiten müssen und auch können. Wir erkennen, wie viel wir Menschen aushalten können, wie solidarisch wir sein können und dass wir imstande sind, unsere Leben umzustellen. Es ist nur ein frommer Wunsch, aber ich glaube tatsächlich fest daran, dass man mit dieser gemeinsamen Kraft auch die anderen großen Probleme dieser Welt angehen kann. Gleichzeitig habe ich nicht viel Hoffnung, dass es tatsächlich so kommen wird — aber vielleicht macht es ja doch bei dem ein oder anderen Entscheider “Klick” und es wird was angestoßen.

Artikelbild: stokpic auf Pixabay