Euro 2016 – Der finale Ausverkauf der Ware Fussball

Die Euro 2016 ist vorbei. Zeit Bilanz zu ziehen und sich endlich einzugestehen, dass die UEFA den Fussball bis zum Exzess prostituiert hat.

Disclaimer: Die folgenden Zeilen haben nichts, aber auch gar nichts mit Tech zu tun. Es sei denn, es gibt unter euch Lesern einige, die tatsaechlich glauben, dass David Guetta auch nur ansatzweise sowas wie ein Musiker ist oder die UEFA ein gemeinnuetziger Verein, der die schoenste Nebensache der Welt alle 4 Jahre richtig kraeftig feiern will.

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Ich bin mittelschwer angesickt, nein eigentlich moechte ich mich aus saemtlichen Koerperoeffnungen heraus entleeren, wenn ich nur noch einmal auf die Euro 2016 angesprochen werde. Wer glaubt, dass die Einfuehrung der Championsleague oder die Beerdigung des Cups der Pokalsieger bereits das grosse Finale der Kommerzialisierung des Profi-Fussballs darstellte, sah sich spaetestens mit der Auslosung der WM 2022 eines besseren belehrt.

Hurra, hurra, hurra, wir fahren nach Katar!

Was sich nach der Rettung von 3 Hektar-Regenwald (ihr wisst schon, jede Kiste Krombacher und so…) noch nach einem lustigen Schlachtruf fuer die wohl irrsinnigste Auswaehrtsfahrt aller Zeiten anhoert, wird spaetestens am naechsten Morgen zum realen Horror eines jeden Fussballfans. Und diese Blattersche Mafia sollte doch tatsaechlich durch einen Michel Platini abgeloest werden. Ein ehemals passabler 10er, der sich im Sumpf der Korruption ueber Jahre suhlte und die 250km zwischen Nyon (Sitz der UEFA) und Zuerich (Sitz der FIFA) mit dem ein oder anderen Koefferchen angetreten haben duerfte.

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Aber keine Angst, dies wird kein persoenliche Abrechnung mit der UEFA oder gar der FIFA… das erledigen diese beiden kriminellen Vereinigungen mit regelmaessiger Selbstverstaendlichkeit untereinander.

Vielmehr moechte ich ein Ventil fuer meine tiefe Enttaeuschung finden. Dieser Schlachruf der 90er „die haben uns den Fussball geklaut“, was zumindest in den Grenzen des ehemaligen EU-Mitglieds Grossbritanniens zu der wunderbaren „Reclaim the Game„-Kampagne fuehrte und irgendwann dann spaeter auch zu Projekten wie dem FC United of Manchester, der schoss mir in den letzten 4 Wochen nicht nur einmal durch den Kopf.

Euro 2016 Abseits der Fernsehkameras

12. Juni 2016. Lille. Deutschland spielt im ersten Gruppenspiel gegen die Ukraine und ich muss zu meiner Schande eingestehen, dass ich weder das Eroeffnungsspiel, noch die einleitende Zeremonie verfolgt hatte. Nahezu auf den Tag genau vor 20 Jahren stand ich im Old Trafford in Manchester und hab mir unsere Mannschaft gegen die Tschechen angeschaut. Wunderbare Oldschool Stimmung im damals noch nicht ausgebauten Ground, wobei die vor den Toren aufgebauten Mancherster United Super- und Megastores schon ein wenig andeuteten, was da auf uns in Zukunft zukommen mag. Ja, es gab dort wirklich Eric Cantona-Schokolade zu kaufen. Mal abgesehen von kleinen Poesie-Alben des wohl bekanntesten „Flying High Kick“-Artisten der Premier League.

Im Stadion wurde in der Halbzeit einmal „Lemon Tree“ von Fool’s Garden gespielt, was nun nicht wirklich die grosse Fussball-Hymne war, aber uns Hardcore-Fans doch fuer ein paar Minuten in rythmisch klatschende Neckermaenner verwandelte. Das wars aber auch… die weitere musikalische Untermalung kam von den zehntausenden Fans, die aus ganz Europa angereist sind. Und wer schon einmal, auch wenn es sich damals um die noch nicht ausgebaute Version handelte, im MANU Stadion war, der kennt die Akkustik vor Ort. Das Schmuckkaestchen ist eine Fusball Oper aller erste Kajuete. Gaensehaut Garantie Deluxe!

Und Lille? Das gesamte Stadion wurde schoen mit „Winkelementen“ ausgestattet, damit sowohl der Fanclub Nationalmannschaft, wie auch die Ukrainischen Schlachtenbummler ne ganz dufte Choreo vor dem Spiel abliefern konnten. Waere es doch dabei geblieben.

Super Victor

Ist es nicht! Super Victor wurde vorgestellt. Ein Maskottchen, von dem ich noch nie zuvor gehoert habe und bei dessen Nennung ich mich dann doch fragen musste, welche Horde grenzdebiler Ballerbirnen sich so einen Namen ausgedacht hat? Mensch, da waere Driblou und, Achtung Asterix Freunde, Goalix ja noch ein multipler Kreativitaets-Orgasmus, aber Super Victor? WTF?! Gut, der Wasserkopf mit einem „Banane quer“-Breitmaul durfte zum Glueck nur fuer knapp 5 Minuten auf den Rasen, denn schliesslich galt es ein straffes Programm abzuarbeiten, womit wir die ganz heisse Event-Phase einlaeuten.

30 Minuten vor Anstoss wurden die Einheizer losgelassen. Das Fanometer sollte messen, welche Fankurve denn die lauteste ist. Zwei voellig deplatzierte Hansel, die frueher wohl als Einpeitscher bei Vera am Mittag ihre Broetchen verdienten, verlangten nun von den jeweiligen Fans den beruehmten“make some noise“-Moment. Inzwischen schaute ich zum ersten mal peinlich beruehrt auf den Boden. Erlebe ich das gerade wirklich?

diese letzten Momente vor dem grossen Kick-Off, die wurden von einem unlustigen, laufenden Meter aus der Zweitliga-Metropole Hannover ueberbrueckt

Ok, hat geklappt. Das Duell ging Unentschieden aus (hach, Fussball hat so eine wunderbar voelkerverstaendigende Wirkung) und nach so viel Schreierei, konnte ja nun mal das Liedgut ausgepackt werden, oder? Jop, aber nur so, wie die UEFA das vorschreibt. „Le Chanson de Fans“ oder so (sorry, ich hatte Latein) war nun angesagt. Karaoke fuer den noch nicht aus Fremdscham geflohenen Stadionbesucher. Na, was glaubt ihr wohl was da fuer die deutschen Supporter vorbereitet wurde. Juti, Mexiko haette wohl beim DFB fuer den ein oder anderen Kreislaufschock gesorgt, aber ein Liedchen von Oliver Pocher? Ist das euer ernst?

Well, nun drehten sich dann wirklich mehrere tausend Fans angewidert um. Die Minuten, in denen sich die Kurven gegenseitig versuchen zu uebertrumpfen… diese letzten Momente vor dem grossen Kick-Off, die wurden von einem unlustigen, laufenden Meter aus der Zweitliga-Metropole Hannover ueberbrueckt.

Da fiel es schon fast gar nicht mehr ins Gewicht, dass danach dieser Knoepchendruecker David Guetta noch seine „Euro Hymne“ zum besten gab. Die hiess noch einmal wie?

Das kann man sich doch alles gar nicht mehr ausdenken, oder? Nein, den Countdown vor dem Spiel, das ganze Stadion soll von 10 auf Goooooooo runterzaehlen, haben auch nicht mehr alle mitgemacht. Vielleicht sollte man in Zukunft Gamepads verteilen, auf denen man dann passend zur Guetta Melodie drueckt…

Ach ja ich weiss… frueher war alles besser. Erbsensuppe mit Einlage. Bratwurst im Broetchen (von oben nass und von unten kalt) und Stadien, die dank Laufbahn und Walter Gropius Gedaechtnis-Architektur so weitlaeufig waren, dass man bei Nebelspielen nur bis zur Mittellinie gucken konnte.

Fussball das war immer ein Event, welches das Publikum dynamisch und ohne vorgeschriebene Agenda erst entstehen liess.

Irgendwie hat sich Fussball damals angefuehlt, als waere es ein Spiel fuer uns alle. Etwas, dass man anfassen kann, dass nicht unwirklich erschien. Stadien waren keine Hochsicherheitstrakte und wenn irgendein Eierkopf von Sponsor auf die sensationelle Idee kam, da eine Horde Cheerleader aufzufahren, wurden selbige gnadenlos ausgepfiffen… oder sahen ein paar dutzend „Vollmonde“. Hach was haben wir gelacht.

Fussball das war immer das Event, welches das Publikum dynamisch und ohne vorgeschriebene Agenda entstehen liess. Welches dich in 90 (oder mehr) Minuten durch saemtliche emotionale Oktaven schoss.

Aber das ist vorbei. Aufgeschlungen worden von einer Horde profitgeiler Funktionaere, die zum Teil weder jemals vor die Pille getreten, noch bei stroemenden Regen in der Kurve eines Vereins der 5. Liga gestanden haben.

Was bin ich nur froh, dass sich nicht nur das spielerische Niveau der Orga angepasst hat (was soll man auch von Spielern erwarten, die zum Wohle des Sponsors 70 oder 80 Spiele in den Knochen haben), sondern mit Portugal auch ein Team gewonnen hat, dass wirklich nur einmal innerhalb von 90 Minuten einen Sieg einfahren konnte.

Was fuer ein Armutszeugnis fuer die UEFA, den Fussball und fuer uns alle, die diese Farce auch noch unterstuetzen.

P.S. Ohne die Islaender haette ich die Hoffnung auf eine bessere Zukunft fuer den Fussball in Europa bereits aufgegeben. Es gibt sie zum Glueck noch, diese kleinen sympathischen Wunder. þakka þér!

P.P.S. Ich glaube ohne eine gehoerige Portion Dadaismus komme ich nicht ueber diese Euro hinweg. Wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass die ARD, Beckmann und sein Produktionsteam dies auch nur ansatzweise so geplant hatten.