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Europa: Wo sind Elektroautos umweltfreundlicher als Diesel und Benziner?

Der Energiemix in verschiedenen europäischen Ländern entscheidet maßgeblich über die Umweltfreundlichkeit eines Elektroautos im Vergleich zu einem Diesel oder Benziner. Problematisch bei solchen Vergleichen ist, dass sich die Parameter im Einzelfall beliebig verändern lassen.

von Bernd Rubel am 28. August 2017

Elektroautos gehört – Stand heute – die Zukunft. Sollten alle Prognosen zutreffen, dann werden die Autos ohne Verbrennungsmotor in den kommenden zehn, zwanzig oder dreißig Jahren ihren Marktanteil erheblich steigern und irgendwann im Laufe dieser Zeitspanne mehr als die Hälfte aller zugelassenen Fahrzeuge innerhalb Europas bilden. In den Vereinigten Staaten und in China zeichnet sich eine ähnliche Tendenz ab, während es in Entwicklungs- und Schwellenländern wie Indien oder auf dem afrikanischen Kontinent wirtschaftliche Parameter gibt, deren Auswirkung man noch nicht einschätzen kann.

Über die Umweltfreundlichkeit von Elektroautos ist im Rahmen der Dieselaffäre ein z.T. heftig geführter Streit entbrannt. Einerseits gibt es die Fraktion derjenigen, die für den schnellstmöglichen und vollständigen Umstieg auf die Elektromobilität keine Alternative sehen. Andererseits gibt es Politiker, Ökonomen und Wissenschaftler, die zu einem langfristig und strategisch geplanten Umstieg tendieren, in dessen Rahmen auch andere Antriebstechnologien weiterhin berücksichtigt werden. Und schlussendlich gibt es mahnende Stimmen, die ein völliges Umdenken fordern und das heutige Mobilitätskonzept des Individualverkehrs gänzlich in Frage stellen.

Fakt ist: ein heute gekauftes Elektroauto ist nicht “CO2-neutral”. Zum einen geht ein erheblicher Teil der Fahrzeuge – abhängig von der Größe des Akkus sowie der Rohstoffbeschaffungs- und Fertigungsprozedur – mit einem schweren “CO2-Ballast” auf die Straße, der im direkten Vergleich zu einem Fahrzeug mit Verbrennungsmotor u.U. erst nach mehreren Jahren bzw. mehreren tausend Kilometern abgebaut ist.

Quelle: jakubmarian.com (*
siehe Hinweis am Ende des Artikels)

Zudem “produziert” ein Elektroauto durch den Energie-Mix in verschiedenen Ländern ebenfalls CO2. In vielen europäischen Ländern wird ein erheblicher Teil des benötigten Stroms von Kohlekraftwerken oder anderen nicht regenerativen Energiequellen produziert. Sofern ein Elektroauto nicht zu 100% mit erneuerbaren Energien betrieben wird, muss man seinen Anteil an dem dadurch verursachten CO2-Ausstoß zumindest rechnerisch berücksichtigen.

Problematisch ist, dass man für einen Vergleich zwischen Dieselfahrzeugen, Benzinern und Elektroautos die verschiedenen Parameter nur geringfügig verändern muss, um auf völlig gegensätzliche Ergebnisse zu kommen. Wer mit einem Elektroauto wenig fährt, braucht (in Jahren) länger zum Abbau des CO2-Ballasts. Wer viel fährt, hat bereits nach kürzerer Zeit (aber vielen Kilometern) seinen CO2-Ballast abgebaut. Vergleicht man eine “Luxuslimousine” wie das Model S mit einer stark motorisierten deutschen Oberklasse, gewinnt das Fahrzeug von Tesla recht zügig. Zieht man hingegen den Vergleich zu einem Toyota Prius Hybrid – dem Fahrzeug, von dem die meisten Tesla-Kunden “upgegradet” haben – dann sieht es für die Kalifornier gar nicht mehr so gut aus.

Stromproduktion in Deutschland
In Deutschland produzierter Strom pro Jahr650 TWh (Terawattstunden)
davon regenerativ (Sonne, Wind, etc.)33% (215 TWh)
davon aus Kohlekraftwerken40% (260 TWh)
davon Atomstrom13% (85 TWh)
Rest (Gas, Öl, etc.)14% (90 TWh)
Stromverbrauch eines Elektrofahrzeugs pro 100km20 KWh
(zwischen 15KWh und 25KWh)
durchschn. Fahrleistung in Deutschland pro Jahr14.000 Kilometer
Strombedarf von Elektroautos (in Deutschland)
pro 1 Million Fahrzeugeca. 2,8 TWh
(zwischen 2,1 TWh und 3,5 TWh)
für 44 Millionen Fahrzeuge (Zahl aller Fahrzeuge in Deutschland)ca. 123,2 TWh
(zwischen 92,4 TWh und 154 TWh)

Die oftmals für einen Vergleich herangezogenen Durchschnittswerte für einzelne Fahrzeuge sind also allenfalls ein Anhaltspunkt, der sich für einen Einstieg in die Thematik eignet und dann die Grundlage für Strategien in weitaus größerem Maßstab bilden sollte. “Die beste Lösung” für “den Autofahrer” und “die Gesellschaft” gibt es – Stand heute – nicht, so begrüßenswert das auch wäre. Für die eingebunde Grafik wurde angenommen, dass ein Diesel im Durchschnitt ca. 170g CO2 pro Kilometer und ein Benziner ca. 180g CO2 pro Kilometer ausstoßen.

Zudem sind wir in Europa – aber auch andernorts auf diesem Planeten – noch weit von einer homogenen, umweltfreundlichen Energieversorgung entfernt. Verschiedene Länder setzen immer noch verstärkt auf Kohlestrom und andere fossile Energieträger und zeigen trotz Europäischer Klimaziele nur wenig Ambitionen, etwas daran zu ändern. In Polen oder Estland produzieren Elektroautos dadurch 30% bzw. 60% mehr CO2 als ein handelsübliches Fahrzeug mit Verbrennungsmotor.

Video: Wie “CO2-neutral” produziert Teslas Gigafactory wirklich?

Gelegentlich hilft auch ein Blick hinter den vermeintlich “grünen” Vorhang. Während z.B. Norwegen oder Island ihren Strombedarf fast vollständig mit eigenen Wasserkraftwerken erzeugen, sind Frankreich, die Slowakei oder Ungarn nur deshalb “grün”, weil dort 77%, 57% und 54% der Energie durch Kernkraftwerke erzeugt werden. Großbritannien lotet lt. einem Strategiepapier der britischen Regierung ähnliche Pläne aus.

* Hinweis zum Autor der Grafik:
Damien Linhart ist nach eigenen Angaben ein Consultant und Journalist, der sich auf den Energiesektor und den Klimawandel spezialisiert hat. Auf seinem Blog will er die “Heuchelei” der Politik und Industrie zu diesen Themen aufdecken.