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Europawahl: Egal ob Rezo oder Wahl-O-Mat – macht es euch nicht so leicht

Die Europawahl steht an - kaum jemandem dürfte das entgangen sein. Nahezu jeder fordert euch zum Wählen auf - richtig so. Aber macht es euch bitte nicht zu einfach.

von Carsten Drees am 22. Mai 2019

Wer in den letzten Tagen mal ‘ne knappe Stunde Zeit hatte und nur halbwegs politisch interessiert ist, der wird diese Stunde vermutlich mit dem Video von Rezo verbracht haben, welches auf YouTube durch die Decke geht (für deutsche Verhältnisse). Aktuell haben bereits etwa 3,5 Millionen Menschen sein Video “Die Zerstörung der CDU” gesehen. Dort knöpft er sich die deutsche Parteienlandschaft vor — im Wesentlichen eben die CDU/CSU, aber auch SPD und AfD — und lässt kein gutes Haar an der Regierungsarbeit der letzten ein, zwei Jahrzehnte.

Aber Hand aufs Herz: Wie viele von euch haben das Video gesehen und dann anschließend wirklich die Links angeklickt, die er sorgfältig in ein Dokument eingepflegt hat? Alles wird sowieso niemand gelesen haben, weil es echt jede Menge Stoff ist, die er uns in seinen Quellen aufs Auge drückt. Solltet ihr den Clip noch nicht gesehen haben — hier ist er:

55 Minuten lang arbeitet er sich da an der CDU ab und liefert tatsächlich jede Menge Argumente, damit man den Unions-Parteien künftig nicht mehr seine eigene Stimme gibt — egal, ob bei Landtagswahlen oder auf Bundes- und EU-Ebene.Viel zu viel hat man in den letzten Jahren verkackt, man hat sich zu wenig um Digitalisierung, den gesellschaftlichen Wandel und vieles mehr gekümmert und stattdessen eine merkwürdig komatöse “Weiter so”-Politik gefahren.

Rezo macht also jede Menge richtig. Das geht schon damit los, dass er sich als junger (26 Jahre alt) Mann überhaupt mit der eigentlich so drögen Materie Politik beschäftigt. Das ist ja leider alles andere als selbstverständlich. Ebenso auf der Plus-Seite zu verbuchen: Als YouTuber mit ordentlicher Reichweite bereitet er Politik für Menschen auf, die noch mal deutlich jünger sind als er und die vielleicht noch viel weniger Berührungspunkte mit Politik haben als seinesgleichen.

Ob man das dann gleich “Zerstörung” nennen muss — geschenkt. Dennoch habe ich meine Schwierigkeiten mit dem Video, seiner Machart und den Effekt, den es erzielt. Ich gönne ihm das, dass die Nummer gut klickt und ich anerkenne auch, dass er sich da mit seiner Recherche tatsächlich viel Mühe gegeben hat. Trotzdem glaube ich, dass man jetzt nicht dieses Video als die einzige, ultimative Wahrheit über deutsche Parteien teilen sollte.

Die Hannoversche Allgemeine hat sich das Video geknöpft und einem Faktencheck unterzogen. Ein Absatz im Artikel erscheint mir besonders treffend:

Gewiss steht die CDU für keine Klimawende – ebenso wenig wie etliche andere Parteien, Konzerne und Bürger auf dem Planeten. Rezo aber stellt einzig die CDU als Dämon des Untergangs dar. Er spitzt zu, lässt aus und missachtet komplexe Zusammenhänge, während er sich durch allerhand Themenbereiche „rantet“, in denen er CDU und CSU, aber auch SPDFDP und AfD Lügen, Inkompetenz und Versagen vorhält.

Genau das hat mich auch gestört: Wenn Rezo “CDU” sagt, meint er CDU und CSU, damit geht es schon los. Er spricht nur deshalb von CDU, weil “das leichter ist”. Mag sein, dass es Erbsenzählerei ist, aber dadurch startet das Video eben schon ziemlich unsauber. Er zählt wirklich sehr viele Punkte auf, die man der Politik ankreiden kann und muss, schießt sich dabei aber zu sehr auf die CDU ein. Es gibt genügend Dinge, die man der Rot-Grünen Regierung vorhalten muss, aber die hat Rezo wohl nicht so auf dem Radar.

Wer in 55 Minuten viele Punkte anspricht, läuft zwangsläufig auch Gefahr, zu viele Dinge miteinander zu vermengen, Situationen zu verkürzt darzustellen oder zu einseitig. Genau in diese Falle tappt auch Rezo in seinem Video. Gerade beim Thema Klima punktet er allerdings mächtig und weist wiederholt drauf hin, dass es CDU und Co so einfach haben könnten — wenn sie schlicht auf die vielen Wissenschaftler hören würden. Wir behandeln das Thema hie rauf dem Blog auch oft genug, von daher wisst ihr ja, dass ich da mit Rezo auf einer Linie bin.

Drumherum passiert aber Vieles, welches mich doch ziemlich unbefriedigt zurücklässt. Natürlich kann man Politiker entlarven, indem man Interview-Schnipsel einstreut, in denen sie ihre Unwissenheit beweisen. Aber das bewirkt für mein Empfinden nur, dass man sich beim Zuschauen empört oder auch belustigt auf die Schenkel klopft, darüber hinaus ist das nicht besonders nachhaltig. Das ist angebracht, wenn man die “Heute-Show” produziert und auf Lacher aus ist, aber nicht ,wenn man mit seinem Video Augen öffnen möchte.

Ich hoffe, ihr wisst, dass ich weder CDU-nah zu verorten bin, noch die aktuelle Regierung hier jemals abgefeiert hätte. Im Gegenteil: Von 5G über Digitalisierung bis Außenpolitik verkackt sie so ziemlich alles, was sie anfasst. Dennoch tut es uns allen nicht gut, wenn in Videos wie dem von Rezo mit so einem “die sind alle behämmert und inkompetent”-Duktus pauschal auf alle Politiker gezeigt wird.

Politik bedeutet, dass da Menschen mit verschiedenen Ansichten aufeinander treffen, sich streiten und versuchen, Kompromisse einzugehen. Da gibt es manchmal ganz offensichtlich richtige und falsche Entscheidungen, meistens gibt es aber Situationen, die nicht so einfach zu bewerten sind. Nehmt beispielsweise subventionierte Jobs im Bergbau oder im Agrarsektor. Die meisten von euch — ich auch — finden, dass man es nicht mit viel Geld subventionieren sollte, dass endliche Bodenschätze aus der Erde geholt werden. Aber stellt die selbe Frage mal einer typischen Bergbau-Familie im Ruhrpott oder in der Lausitz.

Deswegen stört es mich, wenn Rezo zum Schluss nämlich als Fazit verkündet, dass CDU, CSU, SPD und AfD allesamt unwählbar sind. Aus meinem persönlichen Blickwinkel komme ich auch zu dem Schluss, aber es gibt zu viele Facetten, zu viele Positionen, um das auf so ein simples Resultat runterzubrechen. Im Grunde unterscheidet so ein Fazit sich dann in seiner Einfachheit auch nicht deutlich von den Lösungen der AfD. Da gibt es auch ganz einfache Lösungen für sehr komplexe Probleme.

Damit will ich aber Rezo um Gottes Willen nicht mit der AfD in eine Ecke drängen, glaube aber schon ein wenig, dass er hier mit zu viel Polemik und zu vielen Verkürzungen und hinkenden Vergleichen gearbeitet hat. Wenn das Video oft geteilt wird und dadurch gerade junge Wähler am Sonntag den Arsch hochkriegen, um irgendwo ihr Kreuz zu machen, hat Rezo jede Menge richtig gemacht. Aber ich würde mir wünschen, dass die Leute sich eben nicht nur 55 Minuten lang von dem YouTuber euphorisieren lassen, sondern davor und danach weiter Zeit mit der Entscheidungsfindung verbringen.

Nochmal: Ich will ihm nicht ans Bein pinkeln — er spricht unglaublich viele wichtige und richtige Dinge an und liefert auch sehr viele seriöse Quellen. Aber wie gesagt: Ich glaube, dass er einen Fehler macht ,wenn er so tut, als richte die CDU im Alleingang die Welt zugrunde. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich möchte, dass ihr euch durchaus sein Video anschaut, anschließend aber auch mal einen ausführlichen Blick auf die Quellen werft und euch ein paar Artikel, Tabellen und Studien anschaut, die er erwähnt.

Dort werdet ihr dann feststellen, dass man der CDU leicht den Schwarzen Peter unterjubeln kann, es aber zu kurz gesprungen ist, wenn die Unionsparteien da allein am Pranger stehen. Auch die SPD hat den Reichen das Leben in Deutschland erleichtert und auch die Grünen haben abgenickt, dass Deutschland wieder in Kriegshandlungen involviert wurde. Lest viel, diskutiert ergebnisoffen und blickt auch über Tellerränder!

Das bringt mich zum Wahl-O-Maten, den ich jetzt aber nur kurz ansprechen möchte, da ich eh schon alles Wesentliche gesagt habe. Hier verhält es sich ziemlich ähnlich, wenn auch auf einer sachlicheren und fundierteren Ebene als beim Rezo-Video. Vermutlich habt ihr mitbekommen, dass der Wahl-O-Mat kurz vor der Wahl vom Netz genommen werden musste. Ein schönes Eigentor der Volt-Partei, wenn ihr mich fragt, aber das soll hier nicht das Thema sein.

Ich kenne leider viel zu viele Menschen, die vom Wahl-O-Mat-Ergebnis auch direkt ableiten, was sie bei der Wahl entscheiden werden bzw. wo sie ihr Kreuz machen. Dabei wird auf der Seite selbst darauf hingewiesen, dass der Wahl-O-Mat lediglich unterstützend bei der Entscheidung behilflich sein soll und euch diese Entscheidung nicht komplett abnimmt. Auch hier gilt es wieder, einfach ein wenig mehr Zeit einzuplanen, als man fürs Durchklicken der verschiedenen Thesen braucht. Man kann sich alle Standpunkte sämtlicher Parteien anschauen und miteinander vergleichen und so ein deutlich besseres Bild gewinnen, bei welcher Partei man sich am besten aufgehoben fühlt.

Deswegen packe ich beides — Wahl-O-Mat und Rezos Video — hier auch in einen einzigen Kommentar, weil es mir beide Male ums Gleiche geht: Macht euch eure Entscheidung nicht so einfach. Wenn ihr glaubt, dass ein 55-minütiges Video euch die Qual der Wahl abnimmt oder eine Multiple-Choice-Nummer, durch die man sich in fünf Minuten durchklickt, dann liegt ihr falsch. Das gilt übrigens auch, wenn ich euch hier sage, dass ich mir eher die Finger abhaken würde, bevor ich der CDU meine Stimme gebe. Das könnt ihr gerne so zur Kenntnis nehmen, aber das sollte euch nicht davon abhalten, persönlich die Wahlprogramme der Parteien zu checken, eifrig die seriösen Nachrichten zu verfolgen und bei möglichst vielen Themen einfach hungrig zu bleiben.

Persönlich gibt es für mich einige Parteien, die ich für mich als unwählbar bezeichne, aber am Wichtigsten ist mir gerade, dass viele Menschen wählen gehen und sich von diesen Menschen möglichst wenige für Rechts-Populisten entscheiden. Nutzt also die Zeit und lest, diskutiert, schaut euch Talkshows und Dokus an — alles, was euch weiterhelfen kann bis Sonntag. Ich warte derzeit noch auf den guten Herrn Amthor — wie es heißt, kommt von ihm noch ein Antwort-Video auf den Rezo-Clip ;)

PS: Wer mag, zieht sich auch dieses Video an, in dem Tiemo Wölken auf Rezo reagiert als SPD-Umweltpolitiker im Europäischen Parlament. Auch er stimmt Rezo in vielen Punkten zu, liefert aber noch ein paar mehr Einblicke, wie sich die EU-Politik von der Bundespolitik unterscheidet.