Kommentar

Event 201: Über die Übung einer Pandemie – und über YouTube-Schwurbler

Die Bill & Melinda Gates Foundation, die Johns-Hopkins-Universität und das World Economic Forum haben im letzten Oktober mit Event 201 eine Pandemie-Übung abgehalten. Diese ruft natürlich Verschwörungstheoretiker auf den Plan.

von Carsten Drees am 6. Juli 2020

“ExpressZeitung macht Unsichtbares sichtbar” — das ist der Claim, den ich am Anfang eines Videos erblicke, das mir ein Facebook-Freund zugesandt hat. Er bittet mich darum, Dinge doch bitte mehr zu hinterfragen. Darauf werde ich später nochmal eingehen — zunächst hinterfrage ich aber, ob diese “ExpressZeitung” tatsächlich Unsichtbares sichtbar macht, oder ob man lediglich etwas in einen anderen (falschen) Kontext setzt, was nie wirklich unsichtbar war.

Konkret geht es um das Event 201, welches im Oktober 2019 stattfand und so etwas, wie eine Pandemie-Übung war.

Event 201

Im Oktober 2019 veranstaltete das “Johns Hopkins Center for Health Security” zusammen mit Partnern — dem Weltwirtschaftsforum und der Bill & Melinda Gates Foundation — eine Pandemie-Übung mit dem Namen Event 201. Die Tatsache, dass ich euch hier die Event-Seite verlinke, auf der ihr nicht nur jegliche Information und offizielle Videos vom Event findet, sondern auch eine lange Liste an Medien, die darüber berichteten, beweist jedenfalls schon mal, dass hier niemand etwas “Unsichtbares sichtbar macht”, wenn man über das Event ein YouTube-Video zusammenschwurbelt. Meines Erachtens beweist es lediglich, wie wenig man sich noch im Oktober 2019 für die im Vorfeld immer zahlreicher zu vernehmenden Warnungen vor einer künftigen Pandemie gekümmert hat.

Das Event 201 sollte nun gewährleisten, dass man die Abläufe einer solchen Pandemie versteht, optimiert und Muster entwickelt, nach denen man vorgehen kann, wenn wir tatsächlich von einem Virus heimgesucht werden, welches den kompletten Planeten in Schach halten kann. Auf der Seite des Center for Health Security werden wir darüber informiert, dass die Welt In den letzten Jahren eine wachsende Zahl von Epidemien erlebt hat, die sich jährlich auf etwa 200 Ereignisse beläuft. Diese Ereignisse nehmen zu und wirken sich auf Gesundheit, Wirtschaft und auch Gesellschaft störend aus — wie wir alle ja mittlerweile selbst schmerzlich erfahren mussten. Die Bewältigung dieser Ereignisse, so heißt es weiter, belastet bereits die globalen Kapazitäten, selbst wenn keine Pandemie stattfindet.

Das sind also die Fakten hinter dem dreieinhalbstündigen Event vom 18. Oktober 2019, in dessen Rahmen ein solches Pandemie-Szenario durchgespielt wurde. Ausgangspunkt dieser fiktiven Pandemie war Brasilien, in dem ebenfalls ein Coronavirus von Fledermäusen ausging und zunächst aufs Schwein übersprang und schließlich auch Menschen infizierte. Dieses an SARS angelehnte Virus breitet sich von Brasilien aus zunächst nach Portugal, den USA und China aus und erreicht nach und nach die meisten Winkel der Erde. Es besteht in diesem Szenario keine Möglichkeit, dass im ersten Jahr ein Impfstoff zur Verfügung steht. Es gibt allerdings ein fiktives antivirales Medikament, das den Kranken helfen kann, aber die Ausbreitung der Krankheit nicht wesentlich einschränkt.

Das Szenario endet nach 18 Monaten mit 65 Millionen Todesfällen. Die Pandemie beginnt sich an diesem Punkt zu verlangsamen, da die Zahl der anfälligen Personen abnimmt. Die Pandemie wird sich in einem gewissen Tempo fortsetzen, bis es einen wirksamen Impfstoff gibt oder bis 80-90 % der Weltbevölkerung dem Virus ausgesetzt waren. Von diesem Zeitpunkt an wird es sich wahrscheinlich um eine endemische Kinderkrankheit handeln.

Event 201 – ein gefundenes Fressen für Verschwörungstheoretiker

Eine Pandemie-Übung kurz vor einer tatsächlichen Pandemie, ein Coronavirus, dann noch der Name Bill Gates und eine Krankheit, die mal mild verlaufen kann, sich aber auch zur gefährlichen Lungenerkrankung auswachsen kann: Die ganze Veranstaltung ist mit diesen Zutaten selbstverständlich ein gefundenes Fressen für die Aluhut-Abteilung. Kein Wunder also, dass mich folgendes Video irgendwann erreichen musste — schließlich kritisiere ich Verschwörungstheorien oft und gerne öffentlich und dementsprechend oft versucht man mich “Schlafschaf” auch zu bekehren und mich zu einem Wissenden zu machen. Hier zunächst mal das Video — der Quatsch geht über eine Stunde, schaut es euch also nur an, wenn ihr ebenfalls irgendwo konkret auf bestimmte Punkte des Clips eingehen wollt, oder weil ihr euch gerne selbst quält.

Unabhängig davon, ob ihr jetzt eure kostbare Zeit mit diesem Video verschwendet habt, oder nicht: Ich möchte auf ein paar Punkte und Fragen im Video eingehen und aus meinem Blickwinkel beantworten. Einmal, weil ich dann jedes mal, wenn mich wieder jemand aufs Event 201 ansprechen sollte, schlicht auf diesen Beitrag verlinken kann. Und ich mach das natürlich für euch — also für jeden, der ebenfalls vom Event 201 erfährt und nicht tatsächlich weiß, was davon zu halten ist. Googelt ihr das Event nämlich oder gebt es bei Twitter in die Suche ein, ist die Gefahr groß, dass ihr an prominenter Stelle erst einmal auf Videos und Blogbeiträge verwiesen werdet, die aus dem Event 201 und der tatsächlichen Corona-Pandemie eine gewaltige Verschwörung basteln.

So ziemlich alles, was über das Coronavirus bekannt ist, jede Entscheidung, die in irgendeinem Land oder einer Institution getroffen wurde und alles, was in den “Mainstream-Medien” berichtet wurde, wird natürlich im Video infrage gestellt. Das geht schon los damit, dass China sich so früh an die WHO gewandt hat, um von diesem neuartigen Coronavirus zu berichten.

Das zeigt mal wieder, dass man gegen Verschwörungstheorien und deren Verbreitern nicht gewinnen kann: Meldet sich China schnell und transparent, kann damit was nicht stimmen, halten sie aber Informationen bewusst zurück, ist es ebenfalls verdächtig. Ich bin selbst kein Fan der chinesischen Politik, denke aber dennoch nicht, dass sich Nationen erst an die WHO wenden, wenn die Fallzahlen sich dramatisch entwickeln.

Ebola beispielsweise ist seit 1976 bekannt, obwohl es da im ersten kompletten Jahr nur etwas mehr als 300 Fälle gab. Es brauchte also vor Jahrzehnten schon keine dramatischen Fallzahlen, damit man hellhörig wurde. Das Video erwähnt die Kritik an Margaret Chan Fung Fu-chun, von 2006 bis 2017 Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation, weil sie einst der Einstufung der Schweinegrippe (H1N1) als Pandemie zustimmte, da für das Virus die Pandemie-Kriterien heruntergesetzt wurden.

Die Regeln wurden damals verschärft, was eigentlich ein Beleg dafür sein sollte, dass man seitens der WHO jegliches neue Virus von Beginn an ernst nimmt. Auf die Idee, dass das verkehrt sein sollte, muss man angesichts von knapp 12 Millionen Corona-Infizierten und weit mehr als einer halben Million Corona-Toten erst mal kommen.

Die unheimlichen Parallelen

Ich sprach es ja oben schon an: Da sind diese geheimnisvollen Parallelen der Pandemie-Übung zur späteren tatsächlichen Pandemie, auf die im Video hingewiesen wird. Eine dieser Parallelen ist, dass die handelnden Player in großen Teilen die selben sind. Ernsthaft? Wenn sich die Stiftung von Bill und Melinda Gates, die seit vielen Jahren u.a. in der Viren-Erforschung Milliarden-Summen spendet und diesen Zweig der Wissenschaft vorantreibt, mit Vertretern der World Health Organisation, der chinesischen CDC, der UNO und des Johns Hopkins Center for Health Security an einen Tisch setzt, wundert man sich darüber, wieso man nach dem Ausrufen einer wirklichen Pandemie mit genau diesen Institutionen zusammenarbeitet?

Wen sollte man denn bezüglich einer Pandemie ins Boot holen, wenn nicht die UNO und die WHO? Wäre es nicht verdächtiger, wenn ich mit meiner Stiftung und bestimmten Partnern eine Pandemie simuliere — und im kurz später stattfindenden Ernstfall dann auf komplett andere Institutionen setze? Wen ruft ihr denn an, wenn euer Haus brennt? Eure Oma, die Hotline der Telekom — oder vielleicht doch eher die Feuerwehr, die dieses Szenario trainiert hat und echt eine Idee hat, wie man bei Hausbränden vorgeht?

Als Beleg, dass da irgendwas komisch sein soll, wird auch angeführt, dass die Stiftung von Gates fast 900 Millionen US-Dollar an die Johns-Hopkins-Universität gespendet hat und “zufällig” genau die dann auch in die Simulation involviert war und aktuell in der Corona-Pandemie die globalen Fallzahlen verkündet. Auch hier wieder: Ist es echt eine Sensation, wenn jemand so überzeugt von der Arbeit bestimmter Wissenschaftler ist, dass er sie mit fast einer Milliarde Dollar fördert und die selbe Institution dann auch in eine Pandemie-Übung involviert ist?

Weitere geheimnisvolle Parallelen, die das Video “aufdeckt”: Wie in der Simulation breitet sich das Virus auch jetzt tatsächlich global aus. Wow, unfassbare Aufdeckung: Eine Pandemie breitet sich tatsächlich aus — wie eine Pandemie. Wie die Endemie ist eine Epidemie räumlich begrenzt. Erst, wenn sich eine Krankheit global ausbreitet, wird aus der Epidemie eine Pandemie. Es ist also keine zufällige Parallele, sondern schlicht und ergreifend die Definition einer Pandemie.

Ebenfalls wurde von wirtschaftlichen Folgen besonderen Ausmaßes ausgegangen in der Pandemie-Übung. Auch hier staune ich darüber, dass man das als Indiz für irgendwas heranziehen möchte. Wenn man eine Pandemie durchspielt, in denen Länder abgeriegelt werden müssen, wäre es eine ziemliche Überraschung, wenn das keinen Impact auf die Wirtschaft hätte, oder?

Der Hellseher Bill Gates

Ich habe hier jetzt mal den vielbeachteten TED-Talk von Bill Gates aus dem Jahr 2015 verlinkt. Wieso? Einmal, weil es sehenswert ist und zum anderen, weil man sich anscheinend auf Bill Gates als den Super-Endgegner festgelegt hat, zumindest im Aluhut-Lager. In einem anderen Beitrag sprach ich es bereits an, dass man die Person Bill Gates durchaus kritisch sehen darf und soll, ebenso sein unternehmerisches Schaffen. In aber jetzt in dieser Pandemie zu einer Person zu machen, deren Beliebtheitswerte nur noch von Adolf Hitler unterboten werden, ist absoluter Irrsinn. Welcher Mensch hat eigentlich auf diesem Planeten mehr Geld dafür ausgegeben, dass unterprivilegierte Kinder zu Schulbildung und medizinischer Versorgung kommen?

Seit Jahrzehnten haut Gates sein Vermögen — nicht nur innerhalb seiner Stiftung — für den guten Zweck raus, für die Verbesserung der Welt. Bei aller berechtigten Kritik hat dieser Mann aber viele Millionen Kinder weltweit in die Lage versetzt, geimpft zu werden und er hat über 50 Milliarden US-Dollar für humanitäre Zwecke verballert. Ist das wirklich der Mann, den ihr am Pranger sehen wollt? Oder vielleicht doch lieber die Milliardäre, die ihre Kohle lieber über dubiose Briefkastenfirmen vervielfachen — und/oder Milliardäre, die sich derzeit im Weißen Haus als Brandstifter und Spalter betätigen? Entscheidet selbst!

Gates ist seit vielen Jahren jemand, der sich mit Themen wie eben einer Pandemie beschäftigt und nicht müde wurde, immer und immer wieder darauf hinzuweisen, dass wir unzureichend auf so etwas vorbereitet sind. Das hat nichts mit “hellseherischen Fähigkeiten” zu tun, sondern eben damit, dass er 1 + 1 addieren kann und den logischen Schluss verkündet. Ein weiterer “Hellseher” war ja zum Beispiel auch Barack Obama, der im Jahr 2014 in eine nahezu identische Kerbe haute.

Wissenschaft funktioniert so: Man findet Dinge heraus, verifiziert diese und kann daraus ableiten, was passieren kann. Wenn ich sage, dass wir am Arsch sind, sobald ein riesiger Gesteinsbrocken auf die Erde zurast, bin ich ja auch kein Hellseher. Es ist abenteuerlich, dass über viele Jahre Experten und Politiker auf die Probleme hingewiesen haben und Millionen empörte Bürger weltweit nicht auf die Personen schimpfen, die hätten zuhören sollen, sondern auf die Menschen, die ihre begründeten Warnungen rausgehauen haben.

Der “Game-Changer” namens Impfstoff

Es wird sich in der Folge im Video an den Menschen entlang gehangelt, die bei dem Event 201 anwesend sind. Dabei wundert man sich nicht nur über Vertreter der United Nations und der weiteren bereits erwähnten Institutionen, sondern besonders darüber, dass auch Personen aus zivilen Unternehmen wie der Lufthansa, dem UPS oder den Marriott Hotels dabei sind.

Ich hätte nicht eine Sekunde daran gezweifelt, dass man sich auch solche Experten ins Boot holt, die für den Transport von Gütern oder Menschen zuständig sind, dieses vermeintliche Aufklärungsvideo wundert sich aber selbstverständlich. Ich mag die Namen nicht alle durchgehen, will aber zumindest auf die Dame hinweisen, die die Marriot-Hotelkette zum Event 201 schickte: Latoya D. Abbott ist Senior Director of Global Occupational Health Services für Marriott International, lehrte zudem als außerordentliche Professorin vorher Krankenpflege an drei verschiedenen Universitäten, wurde dafür sogar mal als Professorin des Jahres ausgezeichnet.

In ihrer gegenwärtigen Funktion leitet Frau Dr. Abbott Krankenschwestern-Fallmanager, Manager für die Überprüfung der Auslastung und Krankenschwestern im ganzen Land und arbeitet eng mit dem Schadenersatzteam zusammen, um in Fragen der Arbeitsunfallversicherung zu beraten. Dr. Abbott hilft bei der Analyse von Geschäftsfällen und bei der Einrichtung oder Neugründung von Hotelkliniken vor Ort auf der ganzen Welt. Sie berät Hotelbetriebe bei der Behandlung von Ausbrüchen von Infektionskrankheiten und hat vor kurzem Standardarbeitsanweisungen erstellt und implementiert, um die Kommunikation im Zusammenhang mit Legionellenausbrüchen zu rationalisieren und die Sanierung zu beschleunigen. Zusätzlich zu diesen Aufgaben ist Frau Dr. Abbott als arbeitsmedizinische Vertreterin im Krisenstab tätig und berät bei Krisen wie Naturkatastrophen, Ausbrüchen von Infektionskrankheiten und Gewalt oder terroristischen Aktivitäten.

Diese Infos habe ich nicht mühevoll im Netz zusammengesucht, sondern direkt plump von der Event-201-Seite kopiert — eine Arbeit, die sich auch die Ersteller des Aufdeckungs-Videos hätten machen können und dann erkannt hätten, dass da nicht zufällig irgendein Hotelpersonal ausgewürfelt wurde, sondern eine ausgewiesen Expertin am Tisch saß.

“The New Normal”

Auch weiter werden im knapp 70 Minuten laufenden Video Enthüllungen vorgenommen, die keine sind. Pharma-Vertreter, die Geld fordern dafür, dass man einen Impfstoff schneller findet bzw. schneller große Dosen bereitstellen kann? Ich will sicher nicht die Pharma-Branche über den grünen Klee loben, da wird genügend Scheiße gebaut. Aber ich kann die Branche doch nicht dafür anzählen, dass sie auf finanzielle Unterstützung hofft in einem Sonderfall wie dieser Pandemie, bei der es nicht in erster Linie ums Geldverdienen geht, sondern ums möglichst schnelle Bereitstellen einer Impfung.

Dass die Ersteller des Clips Impfungen gegenüber sowieso kritisch eingestellt sind, brauche ich dabei wohl nicht zusätzlich erwähnen, oder? Immer wieder wird auf Gates und dessen Kontakte verwiesen “CNN-Gründer Ted Turner, Freund von Bill Gates”, auf die Spenden seiner Stiftung, nebenbei wird immer von einer “angeblichen Pandemie” gesprochen. Genau darum soll es in diesem kompletten Video eigentlich auch gehen: Uns Schlafschafen soll verklickert werden, wie es tatsächlich aussieht und dass es nämlich in Wirklichkeit diese Pandemie gar nicht gibt. Absoluter Irrsinn, für den man sich nur nochmal die vielen Bilder aus komplett überforderten Krankenhäusern ins Gedächtnis rufen muss.

Natürlich werden auch die leeren Krankenhäuser und die verschobenen Operationen angesprochen, die es in Deutschland gab. Hier stoßen wir wieder auf das ständig wiederholte Paradoxon, nach welchem die Maßnahmen als überflüssig hingestellt werden sollen. Tatsächlich haben uns die Maßnahmen in die glückliche Situation versetzt, dass wir gelangweilte Krankenschwestern in den Kliniken haben und nicht stapelweise Leichen.

Wie so oft in Videos dieser Art stört man sich auch an Begrifflichkeiten. Das wird spätestens klar, als man auch noch aufs Thema Klimaschutz umschwenkt und “enthüllt”, dass Menschen wie Greta Thunberg oder der französische Präsident Macron nicht die ersten waren, die von einem Haus sprachen, welches in Flammen steht.

Die Pandemie, Fridays for Future — irgendwie soll das alles zusammenhängen und das hat — logisch — damit zu tun, dass mehrfach von dieser Kraftanstrengung die Rede ist, die nötig ist, dieses Problem doch noch in den Griff zu bekommen. Auch hier wieder: Der Klimawandel wird als “angeblich” bezeichnet, passt doch schön ins Gesamtbild. Es wird auf die Mobilmachung und die Kraftanstrengung im zweiten Weltkrieg verwiesen, die nötig war, um gemeinsam diese Katastrophe zu beenden und daraus wird im Video geschlossen, dass man sich im Grunde ein zweites Pearl Harbor “herbeisehne”. Ich staune, dass ihr immer noch mitlest hier, denn mir bereitet dieses ganze hanebüchene Geschwurbel im Video unfassbare Kopfschmerzen.

Das liegt daran, dass die Stoßrichtung des Videos die ist, dass all diese Institutionen eine Weltregierung anstreben. Die Faktenlage ist auch hier mit “durchwachsen” noch freundlich umschrieben, aber wer eine Verschwörung sehen will, wittert sie eh hinter jedem Baum. Indizien dafür, dass wir es hier gar nicht mit einer Pandemie zu tun haben, sondern nur mit einer riesigen, aufwändig geplanten Sauerei, finden sich wieder in der Wortwahl: “The New Normal” — genau das sagen die Menschen beim Event 201 und plötzlich wird exakt diese Phrase auch in der tatsächlichen Pandemie verwendet. Ja, das ist entweder ein deutliches Zeichen für eine Weltverschwörung — oder aber eine Wortwahl, die wir aus einer anders gearteten Krise schon längst kennen könnten: Aus der Finanzkrise vor 13 Jahren, wie ihr hier nachlesen könnt.

“Du musst mehr hinterfragen!”

Was bleibt übrig nach diesen verschwendeten 70 Minuten? Das Video, vor zwei Wochen etwa hochgeladen, ist schlecht gealtert, wie man an den aktuellen Fallzahlen in den USA sieht. Dort schwenken mittlerweile sogar die Republikaner um und selbst Trump muss zähneknirschend erklären, dass er nichts gegen Masken hat und sie für eine gute Sache hält.

Den Menschen, der mir dieses Video geschickt hat, werde ich auf Facebook ausblenden müssen — weil ich nicht weitere durch Verschwörungs-Videos ausgelöste Magengeschwüre riskieren möchte. Ich erinnere nochmal an den Anfang des Beitrags und an die Stelle, in der er mir empfohlen hat, mehr zu hinterfragen.

Wo kommt das immer her? Wieso denken diese Menschen, die es eher mit den alternativen Fakten und alternativen Medien halten, dass ich nicht hinterfrage? Wieso muss man mich aufwecken? Wieso soll ich “blind alles kaufen, was die Regierung verzapft”? Kann es nicht einfach so sein, dass ich genau so viel hinterfrage und einfach zu einem anderen Schluss komme?

Länder wie China und die USA kommen auf keinen Grünen Zweig zusammen, private Unternehmen sind in erster Linie darauf bedacht, die eigene Marktposition zu stärken — und plötzlich arbeiten die alle friedlich zusammen und ziehen an einem Strang, weil sie eine neue Weltordnung etablieren wollen? Eine Welt, die sich fast jeder anders vorstellt? Und der Typ, der seit vielen Jahren schon deutlich mehr Kohle in die Forschung und Entwicklungshilfe steckt, als er wieder rausbekommt, soll der leibhaftige Satan hinter dem Ganzen sein, der das alles steuert?

Wenn ihr all das hier lest und mit meinen Ausführungen wenig anfangen könnt und stattdessen der Argumentation im Video folgen möchtet: Schnappt euch doch einfach selbst die Medien aus den verschiedensten Ländern und lest neben den deutschen Medien auch die US-Medien, lest internationale Zeitungen aus Asien, aus Großbritannien, der Schweiz. Streut dabei so, dass ihr vom linken bis zum konservativen Spektrum alles mitbekommt und dann macht euch ein Bild. Ich wette mit euch, dass dieses Bild ein anderes sein wird, als es euch von irgendwelchen YouTube-Clips vorgegaukelt wird.

Lasst mich den Spieß umdrehen: Wir alle müssen die wichtigen Themen hinterfragen, aber das gilt auch für all die Menschen, die mit solchen Videos um die Ecke kommen. Fragt euch wenigstens einmal, wem das alles nützen soll. Was hat Gates davon, dass er Milliarden US-Dollar investiert und nur einen Bruchteil davon über Umwege zurückbekommen könnte. Hinterfragt, wieso Regierungen in der Welt eine solche Wirtschaftskrise auslösen sollten, aus der eine neue Weltordnung hervorgehen soll – eine einzige Ordnung, nachdem sich nicht mal ein paar EU-Staaten auf irgendwas einigen können. Hinterfragt doch auch, wieso hinter den Kulissen die Mächtigen so sehr an den Strippen ziehen können, dass Regierungen weltweit blind gehorchen — aber diese Mächtigen es gleichzeitig nicht schaffen, solche vermeintlichen Aufklärungs-Videos aus dem Netz zu verbannen. Und vielleicht die wichtigste Frage solltet ihr euch auch stellen: Wenn das alles so geheim ist, wie im Video kommuniziert wird: Wieso ist das alles fein säuberlich und für jedermann zugänglich auf den offiziellen Kanälen dokumentiert? Ihr könnt Videos sehen, könnt alles über die Konferenz nachlesen und bekommt sogar genug Links an die Hand, die über das Event 201 berichtet haben.

Tut mir leid, dass das hier wieder so lang geworden ist. Eigentlich wollte ich nur relativ knapp aufs Event 201 verweisen und euch darum bitten, dass ihr die Berichterstattung dazu prüft, bevor ihr sie ungefiltert weiterteilt. Aber ich kann da echt nicht aus meiner Haut, wenn ich so ein gefährliches Geschwurbel immer und immer wieder sehen muss. Schafft euch bitte ein bisschen Medienkompetenz drauf, wenn ihr zu denen gehört, die dazu neigen, solche Clips auf die Reise zu schicken. Wir müssen hinterfragen, wir müssen die Augen und Ohren offen halten, wir müssen im Diskurs bleiben — all das stimmt, gilt aber für jede Seite, die sich mit den Themen beschäftigt.