Kommentar
Facebook-Diskussionskultur: Das, was wir ’nicht‘ sagen

Nach dem G20-Gipfel stellen sich uns viele Fragen. Mich umtreibt gerade vor allem eine: Wieso können Menschen - vor allem in sozialen Medien wie Facebook - nicht mehr miteinander diskutieren?

Ein hartes Wochenende liegt hinter uns: Für nahezu alle Hamburger, für jede Menge Spitzenpolitiker inklusive Sherpas und alle anderen Delegierten, logischerweise auch für viele Demonstranten und im Besonderen für viele Einsatzkräfte vor Ort. Der Grund: Der G20-Zirkus war in der Stadt! Jetzt ist er glücklicherweise weiter gezogen, in einem Jahr dürfen sich die Menschen in Buenos Aires, Argentinien damit herumärgern.

Ein hartes Wochenende war es aber – zumindest ich empfinde es so – auch für diejenigen, die sich auf Facebook herumgetrieben haben und dort ihren Standpunkt vertreten wollten (vermutlich auf Twitter ebenso, aber dort bin ich nur sehr sporadisch, will mir also nicht anmaßen, das beurteilen zu können). Auch mich hat das Thema G20 und alles drumherum selbstverständlich auch beschäftigt und so war ich einer der vielen, die sich dazu zu Wort meldeten auf dem sozialen Netzwerk meines Vertrauens.

Übrigens hab ich mir einen Blog-Beitrag hier bei mobilegeeks.de ganz bewusst verkniffen. So sehr mich das Thema auch umtreibt, so fühle ich doch ziemlich unwissend:

  • Wie viel mehr wurde beim Gipfel jenseits des dünnen Kommuniqués erreicht?
  • Hat sich das Konstrukt „G20-Gipfel“ längst überlebt?
  • Ist das Sicherheits-Konzept der Polizei falsch gewesen?
  • Ist die Entscheidung für Hamburg falsch gewesen?
  • Wieso funktionierte G20 in anderen Millionenstädten besser?
  • Inwieweit ist die Polizei für die Eskalation mitverantwortlich?
  • Inwieweit sind die Organisatoren von #WelcomeToHell für die Eskalation mitverantwortlich?
  • Welche Konsequenzen sind aus den Ereignissen zu ziehen?

Zu dem meisten habe ich eine private Meinung, aber dennoch kann ich bei weitem keine schlauen Antworten dazu geben. Muss ich zum Glück auch nicht und daher bin ich am Wochenende auch ziemlich kontrolliert nicht in die „Irgendwas-mit-G20“-Clickbait-Falle getappt. Es wäre halt nur noch eine Meinung mit wenig Substanz gewesen.

Ich möchte auch nicht als x-ter Blogger über noch einen Selbstdarsteller mit ‚lustigem‘ Schild berichten oder über eine „Heldin“, die weder auf einem Räumpanzer was zu suchen hat, noch unangemessen von Polizisten mit Pfefferspray da runter geballert werden muss. Diskutieren möchte ich auch nicht darüber, dass diejenigen, die gegen den Kapitalismus „kämpfen“, teure Markenklamotten tragen und dank iPhone Selfies vor der schönen, brennenden Kulisse machen.

Vielmehr möchte ich über die Diskussionskultur im Internet und besonders auf Facebook schreiben! Aktuell scheint es mir echt schwierig, überhaupt irgendein Thema anzuschneiden, weil immer weniger Menschen in der Lage sind (mein subjektiver Eindruck), auf das Geschriebene eingehen zu können oder zu wollen.

Schwarz und Weiß

Quelle: Extra 3 auf Facebook

Sehr oft und sehr gern – und auch völlig zu Recht – wird in Debatten ins Feld geführt, dass es eben nicht nur Schwarz und Weiß gibt, sondern dazwischen auch viele Grautöne. Damit ist gemeint, dass es eben zumeist nicht die einfachen Lösungen und Erklärungen sind, die zielführend sind. Probleme – egal, ob es um den G20-Gipfel geht, um die Flüchtlingsfrage oder um was auch immer – sind komplexer, darin sind sich glücklicherweise viele Menschen auch online einig.

Was mich konkret gerade nervt an der Schwarz-Weiß-Thematik: Manchmal bekomme ich genau das – also die Schwarz-Weiß-Malerei – vorgeworfen mit der Begründung, dass ich in einem Posting ja nur auf Sichtweise A eingehe und nicht auch noch auf Sichtweise B. Ich mach euch ein Beispiel, damit es nicht so abstrakt bleibt:

Ich verlinke beispielsweise die Polizei Hamburg bzw. einen Artikel, der sich auf die Polizei Hamburg beruft. Ich zitierte aus einem Live-Blog:

„Die Situation ist sehr aufgeheizt. Die Polizei twitterte, dass Beamte mit Latten und Flaschen angegriffen wurden. Daraufhin rückten Polizisten in die Menge ein und begannen sie zu teilen, berichten die Kollegen vor Ort. Währenddessen kletterten Autonome die Promenade hoch. Die Demonstranten haben Feuerwerkskörper gezündet, die Polizei setzt Tränengas und Wasserwerfer ein. „

Als Reaktion ernte ich Unverständnis darüber, dass ich blind alles glaube, was die Polizei von sich gibt. Mir fehlt da jetzt ehrlich gesagt die Verbindung zwischen dem Zitat meinerseits und der Erkenntnis, dass ich der Polizei blind alles glaube.

Das, was wir nicht sagen

Dabei handelt es sich aber um ein Problem, welches mir immer und immer wieder auffällt: Menschen reagieren nicht auf das, was jemand tatsächlich sagt, sondern auf das, was er gerade nicht sagt und was sie dort hinein interpretieren. Äußere ich mich dazu, dass Plündern und Autos anzünden nicht dazu beiträgt, die Welt besser zu machen, findet sich schleunigst immer jemand, der mir erklärt, dass ich „ruhig mal erwähnen könnte“, dass sich die Polizei anfangs unverhältnismäßig verhalten hat.

Nein! Muss ich nicht erwähnen!! Weil es meine private, wenngleich öffentliche Äußerung auf Facebook ist und nicht eine Pressekonferenz der Bundesregierung und ich bin auch keine Publikation, die umfassend über alle Facetten einer Nachricht zu berichten hat.

Wenn ich auf n-tv Live-Bilder sehe, bei denen ich vermummte Gestalten erkenne, die Polizisten mit Wurfgeschossen attackieren, dann ist ein Posting dazu lediglich ein Impuls – ein Gedanke, der mich gerade beschäftigt. Trotzdem wird daraus – und tatsächlich nur daraus – abgeleitet, dass ich die Polizeigewalt ganz bewusst nicht anspreche und daher vermutlich gutheiße, dass das Demonstrationsrecht beschnitten wird. Und dass ich ebenso bewusst nur n-tv verlinke (ich hab nicht mal was verlinkt, lediglich angegeben, dass ich den Sender gerade sehe) und mutwillig andere Quellen ignoriere, die über das eskalierende Verhalten der Polizisten berichtet.

Aus einem erwähnten TV-Sender wird also abgeleitet, dass ich mich ausschließlich dort informiere und aus einem Verständnisproblem angesichts vermummter Gewalttäter wird angedichtete Polizeinähe bzw. meine Zustimmung zur Einschränkung eines Grundrechts.

Das alles strengt mich unfassbar an und ist auch so wenig zielführend. Das gilt für diese konkreten Fälle um die Geschehnisse in Hamburg, aber auch ganz allgemein. Ich hab nicht nur unter meinen Beiträgen, sondern auch generell in diesen Tagen so viel krude Diskussionen geführt und so viel Merkwürdiges gesehen und muss zugeben, dass ich mich gerade überfordert fühle.

Diese ganzen falschen „Du findest X schlimm, also bist Du für Y“-Ableitungen gehen mir echt an die Nerven und lassen mich glauben, dass wir diese ganze Internet-Geschichte immer noch nicht so richtig begriffen haben.

Das passiert übrigens auch nicht nur bei politischen Themen. Wenn ich poste, dass ich Diät mache und veganes Curry esse, dann erntet man „Ja, aber ist doch lecker“-Reaktionen. Ja, vielleicht ist es lecker – ich schrieb aber auch nie, dass es das nicht ist, Leute! Das ist bei solchen Lappalien dann eher belustigend im Vergleich zu Statements zum Zeitgeschehen, dennoch erschwert es die Kommunikation, weil ich zumindest gefühlt dazu aufgefordert werde, mich für Dinge zu rechtfertigen, die ich gar nicht von mir gab.

Wir reden gerne darüber, dass den Kids Medienkompetenz beigebracht werden soll, aber dabei scheinen wir zu vergessen, dass den meisten von uns ein Crash-Kurs in diesem Fach ebenfalls gut zu Gesicht stehen würde. Einfach mal lernen, dem anderen wieder ein bisschen mehr zuzuhören. Mit ein bisschen mehr Empathie an die Sache ranzugehen. Mal genauer auf das zu achten, was dort tatsächlich steht und nicht aufgrund einer vorgefertigten Meinung irgendwelchen Bullshit in die Kommentarspalten husten, weil man nicht wirklich diskutieren, sondern nur die eigene Meinung durchdrücken möchte. Einfach mal Quellen überprüfen, bevor man wieder auf einen von der BILD inszenierten Shitstorm reinfällt oder direkt zur Selbstjustiz übergeht und Fahndungsaufrufen von rechten Gruppierungen folgt.

Normalerweise versuche ich zum Ende eines Artikels immer einen Lösungsansatz zu finden – irgendwas, was man euch an die Hand geben kann, damit das Angesprochene wieder besser funktioniert. Aber aktuell bin ich echt ratlos. Ich möchte nicht mehr, dass mir Kängurus erzählen, dass sich die einen Idioten nur an Sachen auslassen und die anderen Idioten an Menschen und mir kommt auch diese ganze Whataboutism- und Derailing-Scheiße zu den Ohren raus.

Freunde, es könnte echt so einfach sein, aber wir machen uns da gerade das Leben wirklich unnötig schwer. Ich nehme mich selbst da auch gar nicht aus, weil ich mich selbst schon bei unangemessenen Postings ertappt habe. Aber genau das ist der Punkt: Mehr nachdenken und reflektieren, dem anderen mal wieder mehr zuhören und sich zumindest ein bisschen Mühe geben, den anderen Standpunkt zu verstehen oder wenigstens zu akzeptieren.

Wie gesagt: Aktuell hab ich die Hoffnung verloren, dass wir das zeitnah auf die Kette kriegen und ich mag nicht drüber nachdenken, wie sich das auf Menschen auswirkt, die da von Kritikern mundtot gemacht werden, obwohl sie vielleicht eine viel differenziertere und richtigere Meinung vertreten als ihr Gegenüber. Ich entziehe mich dem Theater erst mal eine Weile, weil es mich echt schafft – und poste vorläufig auf Facebook einfach nur noch Musik, die ich schätze.

Apropos Musik: Hat schon irgendjemand mit der Organisation für #RockGegenBILD begonnen? Ich würde gerne mithelfen! Hier – zum Schluss wenigstens ein musikalischer Rausschmeißer, wenn ich euch schon nichts Positiveres mit auf den Weg geben kann, nachdem ihr euch hier 1.500 Wörter lang meinen Unmut über Facebook-Debatten reingezogen habt. 65.000 Menschen singen den Queen-Song „Bohemian Rhapsody“ mit, kurz bevor Green Day die Bühne betreten. Haltet meinen derzeitigen Blick auf die Welt für naiv und verklärt, aber ich bin sicher: Diese 65.000 Leute da sind sich anschließend sicher nicht bei politischen Debatten an die Gurgeln gegangen! #nurMusik