Kommentar
Facebook, die Fake-News und die Verweigerung der Qualitätsmedien

Ohne Frage: Die Medien, die nach journalistischen Standards arbeiten, sind in einer Demokratie enorm wichtig und werden nicht umsonst als „Vierte Gewalt“ bezeichnet. Diesen Status verteidigen die sich selbst gerne „Qualitätsmedien“ nennenden auch gerne - aber wenn es anstrengend wird und beginnt weh zu tun, dann will man dort auf einmal nichts mehr davon wissen.

Die (vermeintlichen) Qualitätsmedien haben nicht wenige Probleme: Auflagen gehen zurück, damit nicht nur Verkaufserlöse, sondern auch die Werbeeinnahmen der Printprodukte, statt sich passiv berieseln zu lassen, machen sich immer mehr Menschen ihr Radio- und Fernsehprogramm selbst, im Web ist die Konkurrenz nur einen Klick weit entfernt und hat man den Nutzer dann doch mal auf die eigene Seite gezogen, dann hat der mit immer höherer Wahrscheinlichkeit einen Adblocker installiert und sieht die ganze schöne Werbung nicht mehr. Das ist für das bisherige Geschäftsmodell der meisten Medien existenzbedrohend. Also wird im Kampf gegen Adblocker – nicht nur gegen schmierige Geschäftsmodelle in dem Bereich, sondern gegen alle Adblocker – auch gerne auf die enorme Bedeutung der Qualitätsmedien für die Demokratie hingewiesen.

Mit Qualitätsmedien wäre das nicht passiert?
Zeitungsverleger: Adblocker sind schuld an Trump und Brexit!

An dieser Bedeutung kann man auch nicht ernsthaft zweifeln, allem Lügenpresse-Gebrüll zum Trotz. Peter Stefan Herbst, der Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung vertrat im Mediengespräch der Landesmedienanstalt Saarland zum Thema Fake-News die Auffassung, dass es gar nicht mehr Medienkritik gäbe als früher – man nimmt sie nur anders wahr, wenn auf einmal plötzlich Tausende auf der Straße stehen und Lügenpresse brüllen. Aber Medienkritik hin oder her, eine ebenso wichtige Frage ist doch, wie ernst ist es den Qualitätsmedien selbst mit ihrer Verantwortung als „Vierte Macht“, die sie so gerne vor sich her tragen, wenn es um ihr Geld geht.

Facebook und die Fake-News

Man kann und will es eigentlich nicht mehr hören: Fake-News hier, Fake-News da und immer spielt Facebook da mit, als Plattform, über welche diese Fake-News schnell rasende Verbreitung finden. Auch von Seiten der Qualitätsmedien wird hier gerne und häufig kräftig kritisiert. Es fehle an Medienkompetenz bei den Nutzern (stimmt), die Nutzer müssten auch selbst mal recherchieren (ja) und Facebook als Plattform für Nachrichten ist gefährlich, da das Unternehmen keine journalistische Kompetenz hätte (auch richtig).

Aber was will man dann tun? Medienkompetenz als Schulfach? Sicher hilfreich für die Zukunft. Ob man dazu unbedingt den Schülern Tageszeitungen nahe bringen muss, indem quasi im Unterricht gelesen werden, kann man aber bezweifeln: Die Lebens- und Medienwirklichkeit hat sich wohl zu sehr verändert, als dass sich Kinder und Jugendlich wieder zu Zeitungslesern entwickeln würden. Und abgesehen davon: Kinder und Jugendliche müssen natürlich für die Zukunft in Sachen Medienkompetenz geschult werden, aber was macht man mit den nicht wenigen Erwachsenen, denen offenbar heute schon die Fähigkeit (oder der Wille?) abgeht, Nachrichten kritisch zu lesen und zu hinterfragen? Hier gibt es Defizite und man verlangt von Facebook regelmäßig, tätig zu werden.

Wenn aus Spaß eine Fake-News wird:
Schuldig: Ja, ich bin ein Fake-News-Autor

Dabei geht es beim Thema Fake-News um viele unterschiedliche Dinge. Da wären zum einen strafbare Inhalte, Verleumdungen, Beleidigungen, Holocaust-Leugnung, Volksverhetzung und andere. Diese sind normalerweise noch relativ leicht zu erkennen und die Grundidee des Maas’schen Facebook-Gesetzes, dafür zu sorgen, dass Facebook hier schneller und konsequenter reagiert, kann man durchaus unterstützen. Ob der Weg, den das Gesetz da wählt unbedingt der beste ist, wäre dann wieder eine ganz andere Frage – wobei aber klar ist, dass die geforderten Millionen-Bußgelder wohl sein müssen, denn es muss solchen Unternehmen schon weh tun, wenn sie hier untätig bleiben.

Schwerer wird es mit Fake-News, die eben nicht so eindeutig einzuordnen sind, die sich in einer Grauzone befinden. Hier müsste man recherchieren, um sagen zu können, ob eine solche Nachricht wahr ist, aufgebauscht oder frei erfunden wurde. Dass hier ein Bedarf besteht ist keine neue Erkenntnis, schließlich gibt es zum Beispiel mimikama.at nicht erst seit letzter Woche. Aber wer wäre besser geeignet, solche Recherchen zu betreiben und solche Fake-News zu erkennen, als die Qualitätsmedien selbst? Gerade in einer Zeit, in der man befürchtet, dass die reine Zahl dieser Meldungen gar Wahlen beeinflussen oder sogar die Demokratie gefährden könnten?

Wäre es da nicht die Pflicht der „Vierten Macht“, dabei zu helfen, die Demokratie zu schützen?

Diese Idee hat man wohl auch bei Facebook gehabt und trat an Redaktionen heran mit einer simplen Idee: Sollten Nutzer auf eine Meldung stoßen, die sie für eine Fake-News halten, dann könnten sie diese kennzeichnen und ab einer gewissen Zahl an Meldungen, sollten dann professionelle Redaktionen diese Meldungen prüfen und recherchieren. Sollten sie dabei zu der Erkenntnis gelangen, dass es sich um eine Falschmeldung handelt, sollte die dann entsprechend markiert werden, wenn ein Nutzer sie teilen möchte.

 

Facebook warnt vor Fake-News. Quelle: The Guardian

Man könnte nun lange und breit darüber diskutieren, wie man so etwas umsetzen könnte, schließlich bewegt man sich hier in einem sehr sensiblen Bereich, es geht um Meinungs- und Pressefreiheit. Da selbst solche erkannten Fake-News aber nicht gelöscht oder von Facebook gesperrt werden sollten, sondern eben nur eine Warnung eingeblendet werden sollte, dass und welche Redaktionen diese Meldung für falsch halten, wäre zumindest ein Zensurvorwurf nur schwer zu begründen. Aber das sind alles Dinge, über die man reden könnte und müsste – wenn man denn darüber reden würde.

Richtig froh sei er, sagte Peter Stefan Herbst, dass fast alle deutschen Redaktionen die Anfrage von Facebook direkt abgelehnt hatten. Denn es sei schließlich nicht Aufgabe der Redaktionen, die Probleme von Facebook zu lösen.

Die Probleme von Facebook?

Moment, die ganzen Fake-News, die geeignet wären, Wahlen zu beeinflußen, gar unsere Demokratie zu gefährden, sind jetzt plötzlich geschrumpft zu einem Problem von Facebook? Wo kommt das denn plötzlich her? Wo ist die „Vierte Macht“ geblieben? Die Bedeutung der Qualitätsmedien als diejenigen, die den Menschen eine gewisse Orientierung geben, die Nachrichten einordnen, sauber recherchieren und damit zur Willensbildung in der Demokratie beitragen? Warum gilt das plötzlich nicht mehr?

Natürlich ist die Verbreitung von Fake-News ein Problem von Facebook, aber wenn man sich hinstellt und diese Fake-News zu einer Gefahr für Demokratie und Rechtsstaat erklärt, dann wird daraus eben ein gesamtgesellschaftliches Problem und innerhalb unserer Gesellschaft haben die Medien eben auch Aufgaben und Verantwortung, die man eben nicht nur dann in den Ring werfen darf, wenn es ums Geld geht. Wie gesagt, man kann über die Idee von Facebook lange und breit diskutieren, man muss es sicher auch. Schließlich gäbe es da viel zu klären: Einerseits kann man von den Redaktionen kaum erwarten, dass sie den Job des Faktenchecks für Facebook kostenlos erbringen, auf der anderen Seite wären Zweifel an der journalistischen Unabhängigkeit angebracht, wenn eine Redaktion von Facebook bezahlt wird für diesen Faktencheck. Aber solche Fragen klärt man in einer Diskussion und nicht durch komplette Verweigerung, überhaupt mal über das Thema zu sprechen.

Gegenvorschläge?

Wo sind denn die Gegenvorschläge der Medien zu diesem Thema? Und natürlich kann und muss man hier konkrete Vorschläge erwarten, immerhin betonen die Medien regelmäßig ihre Bedeutung für unsere Gesellschaft. Wenn man nun also Fake-News als Problem für unsere Gesellschaft ansieht, dann müssen eben gerade auch von denen, die sich auch selbst eine enorme Bedeutung für und in unserer Gesellschaft beimessen (die ich ihnen auch gar nicht absprechen möchte), Vorschläge kommen, wie diese Probleme in den Griff zu bekommen wären.

Wie wäre es denn mit einer Stiftung oder einem Verein, finanziert von Facebook, Twitter, Google und anderen Plattformbetreibern, über die die Faktenchecks organisiert und bezahlt werden? Eine Art Profi-Mimikama, mit einem plattfomübergreifenden Meldesystem, finanziert von den Anbietern dieser Plattformen und inhaltlich gefüttert von den Profis in Sachen Recherche und Journalismus? Dann würde kein Geld mehr direkt von Facebook, Twitter & Co. an die Redaktionen fließen, aber es gäbe trotzdem einen Faktencheck nach journalistischen Grundsätzen, der nicht kostenlos erbracht werden müsste.

Klar, man kann stattdessen auch fordern, dass Schulen in Zukunft Tageszeitungen für die Schüler abonnieren – bringt nur für das akute Problem genau gar nichts.

Forderung an die Medien: Mitmachen!

Liebe Medien,

ich bin wirklich ein großer Fan von euch und ich stimme auch ohne Einschränkung zu, dass ihr für unsere Gesellschaft und Demokratie eine enorm wichtige Rolle spielt. Aber ich verlange von euch, dass ihr diese wichtige Rolle auch ernst nehmt und aktiv mitarbeitet, wenn technische und gesellschaftliche Entwicklungen die Frage aufwerfen, ob und wie sich die Umsetzung eurer Funktion als „Vierte Macht“ verändert. Es reicht nicht, immer nur auf eure Rolle hinzuweisen, wenn euer Geschäftsmodell bedroht ist und sich immer nur von „den anderen“ abzugrenzen. Das hatten wir schon einmal, ihr erinnert euch vielleicht an die Auseinandersetzungen Blogger vs. Journalisten?

Hört auf, euch auf das Beklagen nicht vorhandener journalistischer Kompetenz bei Facebook und die Aufforderung wieder mehr Tageszeitungen zu lesen zu beschränken, sondern beteiligt euch an der Diskussion darüber, wie man Fake-News wirkungsvoll bekämpfen kann, macht Vorschläge, wie eure Rolle hier aussehen könnte. Denn niemand kann ernsthaft wollen, dass solche Dinge in Zukunft juristisch geregelt und die Entscheidung darüber, ob eine Meldung nun eine Fake-News wäre oder nicht, in einem „Wahrheitsministerium“ getroffen wird. Die Gefahr besteht aber durchaus, wenn sich nicht alle Beteiligten Gedanken machen, miteinander reden und auch mal etwas ausprobieren.

Beitragsbild: pixel2013 via Pixabay, Lizenz: CC0