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Facebook, Greta und das Faktencheck-Dilemma

Es ist eine gute Sache, wenn Facebook Fakten von unabhängigen Dritten checken lässt. Was der Algorithmus daraus macht, ist leider weniger gut, wie das Beispiel Greta Thunberg aktuell zeigt.

von Carsten Drees am 19. Dezember 2019

Ja, ich weiß — schon wieder Greta Thunberg. Nachdem ich mich hier auf dem Blog bereits über die merkwürdige Vorgehensweise der Deutschen Bahn anlässlich der mittlerweile längst denkwürdigen Zugfahrt der Schwedin ausgelassen hatte, schrieb ich gestern auch noch darüber, dass die Geschichte für die Deutsche Bahn auch noch ein datenschutzrechtliches Nachspiel haben wird.

Jetzt knöpfe ich mir erneut dieses Foto vor, wobei es in diesem Fall jedoch nur ein Zufall ist, dass es ausgerechnet wieder Greta Thunberg, wieder diese Zugfahrt und wieder dieses Bild trifft. Im Grunde geht es nämlich darum, wie Facebook mit Fake-News umgeht und wie man versucht, dafür zu sorgen mittels Technik solche Fakes und ihre verschiedenen Instanzen auszumerzen. Das Unternehmen äußerte sich kürzlich nochmal dazu, wobei es allerdings vornehmlich um Instagram ging, wo man den Fakes ebenfalls den Kampf angesagt hat.

Im Idealfall sieht es so aus, dass man im Unternehmen selbst auf solche Fake-News stößt oder sie von Nutzern gemeldet werden. Unabhängige und von Facebook legitimierte Fact-Checker überprüfen so einen Vorfall dann und gegebenenfalls werden die Beiträge dann entsprechend markiert, damit es für jeden ersichtlich ist, dass es sich um einen Fake handelt. Das #GretaGate um besagte Zugfahrt mit der Deutschen Bahn liefert uns hier jetzt ein schönes Beispiel dafür. So sieht das also aus, wenn Facebook einen Beitrag als Fake erkennt und entsprechend darstellt:

Ihr seht, dass es sich um einen Beitrag von Kalle Schwensen handelt, ein echtes Kiez-Original aus St. Pauli, manchmal aber leider eben auch ein bisschen sehr einfach strukturiert. Er hat das Original-Foto von Greta Thunberg genommen, mit einem gelben Rahmen versehen und in diesen Rahmen geschrieben: “SO funktioniert die Fake-PR von Greta Thunberg!”

Das Bild wurde als Fake erkannt und ausgegraut und ihr seht, dass ihr über entsprechende Schaltflächen sowohl das Foto ganz normal betrachten könnt und euch auch den Grund anzeigen lassen könnt, wieso Facebook dem Beitrag den Stempel “Falsche Information” verpasst hat. Lässt man sich jetzt diesen Grund anzeigen, sieht man Folgendes:

Sowohl Correctiv als auch die Faktenchecker der dpa haben sich des Vorfalls angenommen, beide haben es auch als Fake entlarvt, dennoch gibt es in der Formulierung der Begründung einen feinen Unterschied: Correctiv spricht ganz klar davon, dass das Foto kein Fake ist, wähend die dpa schreibt, dass das “Foto im Gang des ICE entstand, bevor Thunberg einen Sitzplatz hatte”.

Die Version der dpa geht in exakt die gleiche Richtung wie auf der Correctiv-Seite. Man schildert den Fall sehr sachlich, ausgewogen und mit allen denkbaren Quellen zu den Tweets und selbst zu den Zügen. Allerdings nimmt die dpa keinen Bezug zur eigentlichen Fake-Meldung von Kalle Schwensen. Somit kann man den oben zitierten Satz zum Sitzplatz auch so interpretieren, dass der Fake das Foto an sich sei, weil Greta Thunberg schließlich tatsächlich später einen richtigen Sitzplatz hatte.

Klar, so meint es die dpa nicht, der Schluss ist aber möglich. Das hat allerdings für das weitere Vorgehen jetzt Konsequenzen, wie ich selbst auf Facebook sehen musste. Eine Bekannte postete ebenfalls das ominöse Bild — allerdings das Original, nicht das von Schwensen manipulierte — und schrieb ihre Gedanken dazu. Mittlerweile ist aber auch dieses Bild als Fake markiert worden, wie ihr auf dem nächsten Screenshot seht:

Der Beitrag ist mittlerweile wieder gelöscht worden, führte aber zu dem Zeitpunkt lediglich zum dpa-Faktencheck.

Wie ihr seht, hat das beanstandete Bild auch nicht den gelben Rahmen mit der Falsch-Info, es handelt sich schlicht um Gretas Bild, welches hier neu hochgeladen wurde.

Schon im Instagram-Beitrag neulich erwähnte ich ja, dass Facebook in der Lage ist, Bilder abzugleichen, um weitere Instanzen eines Fakes zu finden. Wenn das aber bedeutet, dass man — wie in diesem Fall — allein die identische Bildquelle berücksichtigt und nicht unterscheidet zwischen Original und der manipulierten Kopie, dann bringt uns auch der tollste Faktencheck nichts.

Ich hoffe inständig, dass es sich hier um ein Missverständnis handelt, oder um einen Fehler, der einfach mal passieren kann. Ehrlich gesagt befürchte ich aber, dass Facebook bei der Überprüfung von Fakes immer noch viel zu viel seinen Algorithmen und damit auch dem Zufall überlässt. Es ist absolut legitim, bei so immensen Datenmengen auf technische Unterstützung zu setzen. Aber zum jetzigen Zeitpunkt darf man ganz sicher nicht allein auf vermeintlich smarte Algorithmen vertrauen.

In dem Zusammenhang erinnere ich gerne noch mal an die britischen Wahlen neulich. Da haben nämlich etliche Facebook-Nutzer Verwarnungen von Facebook bekommen. Der Grund waren geteilte Bilder aus einem Asterix-Comic mit dem Zitat: “Die spinnen, die Briten”. Das kann man natürlich als Volksverhetzung bewerten, ist aber dann halt hanebüchener Quatsch.

Ich kann das anerkennen, dass Facebook anscheinend wirklich erreichen möchte, dass nur legitime Inhalte abgebildet werden. Aber wenn man bei Fake-News und der Einhaltung der Gemeinschaftsstandards so schlampig arbeitet, dass es einem wie Beliebigkeit erscheint, dann ist man schwer auf dem Holzweg.

Beim besagten Facebook-Kontakt oben fanden sich leider diverse Kommentatoren ein, die es “ja schon immer gewusst” haben, dass mit dieser Greta Thunberg was nicht stimmt und sie nur eine Marionette in einem riesigen PR-Zirkus ist. Geschichten wie die hier beschriebene sind Wasser auf die Mühlen dieser schlichten Gemüter und das hilft dann im Endeffekt niemandem wirklich: Nicht uns, nicht den eigentlichen Protagonisten, die man schützen möchte, wie in diesem Fall Greta Thunberg — und langfristig auch ganz sicher nicht Facebook selbst.  Faktencheck? Oh, ja bitte – mehr davon. Aber bitte, bitte, Facebook: Dann mach es auch richtig. Es hilft nichts, wenn man seriöse Faktenchecker ins Boot holt und im Endeffekt daraus dann aber die falschen Postings aus dem Verkehr zieht.

PS: Hier nochmal der Link zum Posting von Kalle Schwensen. Ich hab keine Ahnung, ob es bei euch eventuell anders angezeigt wird, aber ich sehe hier jedenfalls nichts mehr davon, dass das Bild als Fake markiert wurde, sondern exakt das Posting, wie es veröffentlicht wurde. Hier sollte Facebook also auch nochmal nacharbeiten, damit der Faktencheck tatsächlich Sinn macht.

Einmal mehr wurden die "Botschaften" von Greta Thunberg als sinpler Fake entlarvt.Fräulin Thunberg postete am Samstag…

Gepostet von Kalle Schwensen am Sonntag, 15. Dezember 2019