Bei Polizeikontrolle erschossen
Facebook Live zeigt sterbenden Mann – wohin führt uns Live-Streaming?

In den USA wird ein Mann - offenbar grundlos - bei einer Polizeikontrolle erschossen. Seine Freundin filmt nach den Schüssen per Smartphone mit, so dass die ganze Welt dem Mann auf Facebook beim Sterben zuschauen kann.

Als Disclaimer vorweg: Wenn man in der Überschrift eine Frage stellt, erwarten sich viele Leser, dass man diese Frage im Rahmen des Artikels beantwortet. Sorry, kann ich nicht und will auch gar nicht den Eindruck erwecken. Außerdem habe ich das Video hier im Artikel eingebunden, um welches es geht – mich persönlich hat es unglaublich aufgewühlt und wer schwächere Nerven hat, sollte vielleicht besser nicht reinklicken. 

Vor einem Supermarkt in Minnesota, USA wird der 32-Jährige Philando Castile bei einer Kontrolle von einem Polizisten mehrfach angeschossen und stirbt an den Folgen dieser Schüsse. Auf dem Beifahrersitz sitzt seine Freundin Lavish Reynolds und filmt mit ihrem Smartphone den Vorgang, streamt ihn live zu Facebook. Die Polizei hat das Fahrzeug kontrollieren wollen, nachdem ihnen ein defektes Rücklicht aufgefallen war.

Die Situation eskalierte, als der Fahrer aufgefordert wurde, seinen Ausweis und Führerschein vorzuzeigen. Er tat, wie ihm geheißen und wollte die Papiere hervorholen und erwähnte dabei dummerweise, dass er zwar eine Schusswaffe bei sich habe, aber dazu legitimiert wäre, sie zu besitzen. Während Castile nach seinen Papieren griff, verlor der Polizist die Nerven und feuerte insgesamt vier Schüsse auf den afroamerikanischen Mann ab.

An diesem Punkt setzt der Live-Stream ein, der so über Facebook lief während des Vorfalls und auch aktuell noch einsehbar ist. Wie gesagt: Schaut es euch nicht an, wenn ihr eher zartbesaitet seit und keine Lust habt, einem stark blutenden Mann beim Sterben zuzusehen.

Wir sehen nicht nur den angeschossenen Mann, der anfangs noch schwer atmend zu sehen ist, bevor er dann sein Bewusstsein verliert. Wir bekommen auch mit, dass der Police Officer, der die Schüsse abgegeben hat, spürbar erregt und verzweifelt wirkt, dass sich im Auto zudem noch die kleine Tochter der Frau befindet und auch, wie sie später dazu aufgefordert wird, das Auto zu verlassen, wo sie dann dingfest gemacht wird.

Im Polizeibericht liest sich sowas später immer schrecklich nüchtern, mithilfe dieses Videos kann man jedoch die ganzen Ausmaße dieses Dramas ausmachen: Der Polizist, der sich für sein Tun rechtfertigt, vermutlich schon im Wissen, dass er da gerade einen furchtbaren Fehler gemacht hat, die verzweifelte Frau, die anfangs noch hofft, dass ihr Freund nicht sterben wird und auch die kleine Tochter, die mit ihrer Mama später im Streifenwagen zur Polizei gebracht wird.

Wohin bringt uns Live-Streaming?

Mich hat das ziemlich aufgekratzt, was dort passiert ist und was davon für mich online jederzeit zu sehen ist. Das beschäftigt mich seit den frühen Morgenstunden, als ich erstmals auf diese Story aufmerksam wurde und das gleich aus mehreren Gründen. Zunächst einmal ist es eine unglaublich tragische Geschichte – ein Mann könnte noch leben, wenn er auf einen besonnenen Officer getroffen wäre und vielleicht nicht über seine Schusswaffe gesprochen hätte.

Aber mich als Blogger auf einem technisch ausgerichteten Blog interessiert in diesem Fall auch, was sich auf Facebook abspielt. Das Social Network liefert die Plattform für Live-Videos dieser Art, wie wir sie auch von Twitter/Periscope kennen. Das bietet uns unsagbar viele Möglichkeiten, was aber auch mit größerer Verantwortung einhergeht. Erst neulich berichteten wir darüber, dass ein Mädchen eine Vergewaltigung via Periscope gestreamt hat und stellten in der Folge die Frage, ob die technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit den schlechten Menschen in uns hervorkehren.

Immer leichter wird das Smartphone gezückt und immer öfter in einer Art und Weise, die mindestens fraglich ist, manchmal aber sogar einen Straftatbestand darstellen kann. Pay-TV-Fußballspiele, die widerrechtlich zu Facebook gestreamt werden, sind da noch die harmloseren Vertreter – deutlich mehr regt es mich auf, wenn Rettungsarbeiten behindert werden, weil Gaffer heutzutage nicht mehr nur gaffen, sondern gleichzeitig auch mitfilmen und -streamen.

Der oben beschriebene Vorfall in den USA steht aber für eine Problematik, die deutlich größere Kreise ziehen könnte. Gerade dort gibt es immer wieder Vorfälle, bei denen es zu Polizeiwillkür und zu unangemessenen Übergriffen kommt, meistens spielt dabei auch die Hautfarbe der Opfer eine Rolle. Ebenfalls heute sorgt ein weiterer Fall für Furore, bei dem ein Mann offensichtlich grundlos von der Polizei erschossen wurde und ebenfalls handelt es sich wieder um einen dunkelhäutigen Mann. Auch hier existiert ein Video, welches im Netz die Runde macht und erhitzt selbstverständlich die Gemüter.

Ich hab jetzt ehrlich gesagt wenig Lust, eine Umfrage zu starten im Sinne von: “Ist Live-Streaming wichtig oder eher kontraproduktiv”, weil ich das für wenig zielführend halte. Fakt ist aber, dass diese Live-Streams oder generell Videos in den sozialen Medien einen riesigen Impact auf uns alle haben werden: Straftaten werden dokumentiert, übermäßige Polizeigewalt ebenso – das ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite der gleichen Medaille ist aber, dass diese Videos zweifellos auch zu Reaktionen führen werden.

Vermutlich dürfen wir aus den USA wieder Demonstrationen erwarten, bei denen gegen die Polizei und gegen Polizeiwillkür protestiert wird. “Mit gutem Recht” werdet ihr angesichts der Polizei-Übergriffe vielleicht denken, aber es steht zu befürchten, dass diese Proteste wenig friedlich ausfallen, oder dass sich irgendwelche Menschen berufen fühlen, sich in blindem Hass auf die Polizei zu Straftaten gegenüber Polizisten verleiten zu lassen.

Populismus statt Argumentieren

Schaut euch mal die politische Weltlage an: Ein Trump kann – vollkommen frei von Argumenten und Fakten – gegen alles hetzen, was ihm einfällt und wird dafür von Millionen Amerikanern umjubelt, Großbritannien sieht seinem #Brexit entgegen und wurde dorthin von Menschen getrieben, die ebenfalls mit populistischen Mitteln die Bevölkerung zu dieser Entscheidung gebracht haben und die nun keinerlei Verantwortung für ihr Tun übernehmen wollen. Nationalistische Parteien gewinnen in europäischen Ländern immer weiter an Boden, in Deutschland sehen wir das am besten demonstriert durch die rechts-populistische AfD.

Worauf ich hinaus will: Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht zu sehr vor diesen populistischen Karren spannen lassen. Damit meine ich nicht euch als Leser dieses Blogs im speziellen, sondern uns alle. Auf Facebook bekommt man sehr schnell eine Menge Menschen organisiert, die sich schrecklich über ein Thema empören können. Dabei – und das finde ich grässlich – scheinen sich immer mehr diejenigen durchzusetzen, die am lautesten trommeln und nicht etwa diejenigen, die die besten Argumente besitzen.

Immer öfter wird all das auf einer emotionalen Ebene ausgetragen, die die Leute dazu bringt, sich gegen Flüchtlinge, gegen Polizei, gegen Politiker oder was auch immer zu solidarisieren. Im günstigsten Fall werden diese Gruppen dann “nur” beschimpft und diffamiert, in schlimmeren Fällen jedoch wird zu Gewalt aufgerufen oder sie sogar ausgeführt.

Was da oben im Video zu sehen ist, ist eine wirkliche Katastrophe, die mir sehr nahe geht. Aber ich weigere mich inständig, deswegen jetzt alle Polizisten oder alle US-Polizisten für schlechte und/oder rassistische Menschen zu halten. Gleiches gilt für Politiker, für Flüchtlinge und für jede andere Gruppe, die ihr euch denken könnt und bei denen ich nicht von einem schwarzen Schaf auf alle schließen werde. Ich befürchte aber, dass ungeachtet der tollen Möglichkeiten des Internets solche Videos in Zukunft immer wieder dazu führen werden, dass Populisten sie für ihre Zwecke ausschlachten. In Zeiten, in denen der Fakten-Check immer wichtiger wird und gleichzeitig auch immer öfter ignoriert wird, werden auch immer öfter Bilder, Videos und Überschriften ausreichen, um Menschen emotional so aufzuladen, dass sie sich vorschnell eine (falsche) Meinung bilden.

Bei all meiner Liebe zum Internet, zum Fortschritt und zur Technik habe ich davor wirklich Angst, dass immer größere Schichten der Bevölkerung sich auf diese Weise zu falschen Entscheidungen verleiten lassen – egal ob es dabei um Übergriffe gegenüber anderen Menschen geht, um Protestwahlen, die rechte Elemente in Regierungsverantwortung bringen oder um was auch immer.

Eingangs fragte ich, wohin uns Live-Streaming führt oder führen kann. In der Folge hab ich euch den akuten Fall geschildert und euch erklärt, dass mit den Möglichkeiten der Live-Übertragung auch viele Probleme verbunden sind. Wohin es uns nun führt, kann ich euch abschließend nicht sagen. Die Möglichkeiten sind großartig und es werden dank Live-Videos, 360-Grad-Videos etc viele tolle Inhalte zu sehen sein. Aber ich fürchte, wir werden auch viel Unschönes zu sehen bekommen, bei dem ich weder weiß, welche Konsequenzen das für die veröffentlichende Person oder uns Zuschauer haben wird, noch wie Facebook oder Twitter diese Inhalte kontrolliert bekommen wollen. Daher mache ich es mir leicht und frag einfach mal in die Runde, was ihr darüber denkt. Seht ihr das ähnlich zwiegespalten wie ich oder habt ihr da eine ganz klare Ansicht? Seht ihr eher die Vorteile der Streaming-Videos oder würdet ihr euch wünschen, dass Facebook diese Clips wie den obigen vom Netz nimmt? Schreibt es uns in die Comments.

Quelle: Lavish Reynolds auf Facebook via mic.com und gawker.com