Kommentar
Facebook und die 25 Freunde im News Feed (Kettenbrief will never die!)

Facebook und sein News Feed sind ein Mysterium - aber ganz sicher keines, welches man mit dem Teilen von Kettenbriefen entschlüsseln könnte.
von Carsten Drees am 18. September 2018

Wird die Menschheit immer bescheuerter oder kommt es uns nur so vor, weil wir viel mehr Reaktionen von Freunden, Bekannten und auch Fremden mitbekommen als früher? Ich mag mich da nicht wirklich festlegen, aber wenn ich mir meinen News Feed bei Facebook anschaue, wird mein Vertrauen in die Menschheit immer wieder in seinen Grundfesten erschüttert.

Persönlich bin ich schon längst dazu übergegangen, die Abos von Leuten aufzulösen, die mir nur pseudo-deepe Spruchbilder in den News Feed kippen — oder so Dinge wie rechte Hetze (wobei hier natürlich auch Entfreunden eine beliebte Option ist), Bilder von gequälten Tieren und mittlerweile auch Kettenbriefen.

Da ich zuvor auch immer schon Leute aus meinem Feed ausgeblendet habe, die generell für mein subjektives Empfinden nichts Spannendes posten, halten sich diese Wellen mit verstärkt auftretenden Kettenbrief-Postings glücklicherweise normal im Rahmen bei meinen verbliebenen, sichtbaren Freunden.

In den letzten Wochen allerdings nimmt das wieder Überhand, wobei für mich persönlich gar nicht mal diese nervigen Postings das Schlimmste sind. Viel härter trifft mich die Erkenntnis, wie dämlich sich Leute online anstellen, von denen man weiß, dass sie nicht bescheuert sind und eigentlich wirklich was in der Birne haben.

Die Geschichte der kollektiven Kettenbrief-Blödheit auf Facebook (und mitunter auch bei WhatsApp) ist eine lange und wenig ruhmreiche natürlich. Noch heute staune ich darüber, dass Menschen tatsächlich der Meinung sein können, dass man mit einem geposteten Bild auf Facebook den AGB des Unternehmens widersprechen könne. In anderen Kettenbriefen geht es darum, dass Facebook inaktive Nutzer löschen möchte, oder dass Facebook bzw. auch mal dessen Messenger kostenpflichtig wird.

Weil das noch nicht blöd genug ist, wiederholt sich der Mist auch alle paar Jahre wieder, teils mit den wirklich identischen Postings, die schon drei Jahre vorher als Fakes enttarnt wurden. Wobei “enttarnt” eigentlich ein zu starkes Wort ist, da sich Kettenbrief ja nun wirklich nicht schwer als solche entlarven lassen.

Nur noch 25 Freunde im Feed!

Die Sau, die aktuell durchs 2-Milliarden-Nutzer-große Dorf namens Facebook getrieben wird, ist die, die sich mit dem Umbau des News Feeds befasst. Facebook hat am Algorithmus geschraubt und daher würden euch nur noch 25 Freunde angezeigt, auch wenn ihr ein vielfaches davon an Freunden habt. Glücklicherweise besitzt der Kettenbrief auch gleich die Lösung: Ihr müsst demnach lediglich mit einem Wort, Sticker oder Emoji unter dem Beitrag kommentieren und ihn natürlich kopieren und selbst posten.

Von diesen Kettenbriefen gibt es mittlerweile einen Haufen Varianten, die im Kern aber alle identisch sind und zum Beispiel so aussehen können wie der im Bild:

Dieser hanebüchene Mist hat insofern einen wahren Kern, als Facebook tatsächlich den Algorithmus des Feeds angepasst hat und das auch nie abstreiten würde. Allerdings befindet sich der Feed wie das ganze Netzwerk in stetem Wandel und es wird a) ständig daran herumgeschraubt und b) ganz sicher nicht die Zahl der sichtbaren Freunde auf 25 limitiert.

Bereits im Februar hat sich die Washington Post damit auseinandergesetzt, den Kettenbrief als Schwachsinn entlarvt und dazu auch eine Stellungnahme eines Facebook-Sprechers veröffentlicht, der sich wie folgt äußerte:

Friends don’t let friends copy and paste memes, and this one simply is not true. We rank News Feed based on how relevant each post might be to you, and while we’ve made some updates that could increase the number of posts you see from your friends, your News Feed isn’t limited to 25 of them.

Der gesunde Menschenverstand

Ja, hier kann man das gute alte Batman-Meme wieder rauskramen

Jetzt kann der ein oder andere sagen, dass man es Facebook ja nicht glauben muss, nur weil die da behaupten, dass es so eine Begrenzung nicht gäbe. Aber es muss doch allein der oft beschworene gesunde Menschenverstand dafür sorgen, dass bei jedem die Alarmglocken bimmeln, bevor man so ein Posting raushaut.

Was, wenn mehr als 25 Leute euer Posting kommentieren oder drauf reagieren? Wäre das nicht allein schon ein Beleg dafür, dass mit der These was nicht stimmen kann? Vielleicht bekommt ihr keine 25 Kommentare für dieses spezielle Posting, aber spätestens, wenn euer neulich geändertes Profilbild 50 Likes bekommen hat von logischerweise 50 verschiedenen Menschen, solltet ihr ins Grübeln kommen.

Und wieso soll man zwingend einen Beitrag kopieren, um das “System zu umgehen”? Könnte man nicht selbst etwas posten und seine Leute dazu auffordern, mit einem zu interagieren? Denn tatsächlich gewichtet Facebook das Gezeigte ja so, dass ihr mehr von denen zu sehen bekommt, mit denen ihr öfter interagiert. Es braucht also ganz sicher keinen bestimmten Wortlaut — und schon gar nicht so einen behämmerten, in dem vielfach beschworen wird, dass “es funktioniert”.

Apropos “funktioniert”: Woher um Himmels Willen wissen denn Leute eigentlich, dass es funktioniert, während sie bereits posten, dass es angeblich funktioniert? Müsste diese Erkenntnis nicht irgendwann kommen, nachdem man diesen Beitrag gepostet hat? Oder ist der Facebook-Algorithmus bereits so klug, dass er schon vorher weiß, dass man diesen Beitrag veröffentlichen wird?

Und schlussendlich: Wenn wir doch dank Kettenbrief wissen, dass man das System umgeht, indem man mit den Leuten interagiert — wieso um alles in der Welt sollte man dann einen solchen Beitrag ausdrücklich kopieren und selbst veröffentlichen, statt das Original-Posting zu teilen? Das ginge nämlich einfacher und wäre eine weitere Interaktion mit einer Person.

Das ist alles von vorne bis hinten so dämlich und ich wiederhole mich: Es konsterniert mich, dass so viele intelligente Menschen auf diesen Quatsch einsteigen und bestätigt mich darin, dass wir Medienkompetenz in jeder Schule unterrichten sollten. Das hilft zwar den älteren Semestern nicht, aber für die schreibe ich dann halt meine Artikel hier ;)

Im übrigen gilt das alles auch für andere Kettenbriefe. Es geht darin manches mal darum, gezielte Personengruppen anzusprechen — “teile das, wenn Du eine Mutter bist”, “teile das, wenn Du auch jemanden durch Krebs verloren hast” usw. Ganz im Ernst: Ich verstehe besser, als mir lieb ist, was es in einen anrichten kann, wenn man jemanden durch diese Krankheit verliert, aber ist es etwas, für das wir mehr Awareness brauchen? Was verbessert sich dadurch, dass man das teilt? Werden wir dann aufhören, Krebs zu bekommen oder Leute durch Krebs zu verlieren? Nicht falsch verstehen, aber es ist genau so sinnfrei, als würde man Kettenbriefe teilen, die gegen schlechtes Wetter sind. Zudem triggert ihr noch Leute, die eh schon genug daran zu knabbern haben, dass Menschen in ihrem Umfeld gestorben sind.

Generell solltet ihr einfach die Finger von Kettenbriefen lassen und ja, das gilt wirklich für jede Art von Postings, in denen ihr explizit aufgefordert werdet, einen Beitrag zu kopieren und mitsamt allen enthaltenen Schreibfehlern weiterzuverbreiten. Wenn ihr euch bei einer Sache nicht sicher seid, dann informiert euch über das jeweilige Thema. Jeder sollte heute imstande sein, Postings auf ihren Wahrheitsgehalt zu verifizieren, dummerweise passiert genau das in so vielen Fällen nicht. Schaut im Zweifelsfall auf Seiten wie Mimikama vorbei, wo solche Kettenbriefe und andere Hoax-Nummern regelmäßig entzaubert werden, oder befragt einfach die Suchmaschine eures Vertrauens.

PS: All das gilt übrigens auch für Postings, in denen mittels Kettenbrief ermittelt werden soll, auf welche Freunde man wirklich zählen kann im Ernstfall. Die Dinger gibt es auch in verschiedenen Varianten, aber immer werden dort die selben Dinge rumgeschwurbelt: “Ich wette, dass nur x Prozent den Beitrag zu Ende lesen” und ähnlicher Quatsch. Ich mein, wie kommt man allein auf die Idee, wie viel Prozent meiner Leute exakt diesen einen Kommentar von mir lesen? Und noch behämmerter: Wie komme ich auf das dünne Brett, dass mir in einer Notsituation ausgerechnet die Pfeifen helfen, die auf so einen Beitrag mit “Danke” oder ähnlichem kommentieren und nicht die Leute, die sich vielleicht schon seit Jahrzehnten den Arsch für mich aufreißen? Okay, gerade glaube ich tatsächlich wieder, dass die Menschheit immer dümmer wird ;) So — ich muss los, Leute auf Facebook ausblenden.