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Facebook und die Privatsphäre: Ist Zuckerberg Erneuerer oder Blender?

Gestern sprach Mark Zuckerberg anlässlich seiner F8-Keynote davon, dass sich Facebook künftig primär dem Thema Privatsphäre verschreiben wird. Aber wie glaubhaft ist diese Ankündigung?

von Carsten Drees am 1. Mai 2019

Mark Zuckerberg lächelt verschmitzt, als er in San Jose im Rahmen seiner Keynote zur F8-Entwicklerkonferenz vor 5.000 Developern einräumt, dass Facebook wahrlich nicht den besten Ruf genieße, was den Schutz der Privatsphäre angeht Ich bin ein bisschen naiv, daher wirkt dieses entwaffnend offene Statement erst einmal aufrichtig für mich.

Er sagte diese zu Beginn seiner Rede, direkt nachdem er klar stellte: “The Future is Private”. Die Stoßrichtung stand also früh fest gestern Abend. Wie zu erwarten war, fokussiert sich Facebook künftig mehr auf den Schutz der Privatsphäre und Zuckerberg bemühte — wie seine Kollegen in der Folge auch — immer wieder das Bild vom Marktplatz, den Facebook bislang dargestellt habe. Jetzt wäre es an der Zeit, nach dem Marktplatz, jenem Platz der Begegnung, auch ein virtuelles Äquivalent zu unserem Wohnzimmer zu gestalten. Also jenem Bereich, in dem wir uns sicher fühlen, in dem wir unter uns sind und wo wir Dinge im Vertrauen sagen und herumzeigen können.

Schauen wir uns Facebook an, erkennen wir diesen Marktplatz in der Gestalt des News Feeds. Von dort will Mark Zuckerberg die Nutzer mehr und mehr loseisen und lieber im Chat und in den Gruppen unterbringen. Dort werden wir jeweils eine Art Ersatz-Feed zu sehen bekommen: In den Gruppen werden wir so über andere Gruppen-Aktivitäten informiert, im Chat sehen wir Postings und Stories unserer engeren Freunde. Auch wird es möglich sein, innerhalb des Messengers mit Freunden zusammen Watch Parties zu veranstalten, in denen man gemeinsam ein Video betrachtet.

All das macht man natürlich, um Zeit zu binden. Je mehr Zeit wir auf der Plattform verbringen, desto besser für Facebook. Wobei das beim Chat nur eingeschränkt stimmt, denn dort, wo Facebook nicht mitlesen kann, kann man auch keine auf uns abgestimmte Werbung einspielen. Bislang ist der verschlüsselte Chat im Messenger nur optional, zukünftig wird aber jede Unterhaltung Ende-zu-Ende-verschlüsselt sein, so dass weder Hacker noch Regierungen auf diese Daten zugreifen können und erst recht nicht Facebook selbst. Auch das erklärte Zuckerberg und musste den wenig begeisterten Entwicklern auch die für sie unschöne Nachricht verkünden, dass der Umbau von Facebook ihnen die Arbeit künftig schwerer gestalte.

Schließlich werden weniger Daten verfügbar und nutzbar sein für die 3rd Parties, was aber eben im Sinne der Milliarden Nutzer auf Facebook sein soll. Übrigens ist mir mal aufgefallen, dass das Unternehmen meines Wissens keine absoluten Zahlen mehr für Facebook nennt. Jüngst sagte man zwar, dass man Plattform-übergreifend mit Instagram und WhatsApp zusammen über 2,7 Milliarden aktive Nutzer verfüge und auf Facebook über zwei Milliarden Menschen unterwegs sind. Aber die Zwei-Milliarden-Marke hat Facebook ja schon lange geknackt und aus irgendeinem Grund nennt man hier keine expliziten aktuellen Zahlen. Aber das soll uns an dieser Stelle nicht länger beschäftigen.

Wieder und wieder ließ Mark Zuckerberg wissen, dass man dieses mal tatsächlich alles richtig machen möchte beim Umbau des Unternehmens generell und beim Umbau von Facebook im Speziellen. Er sagte uns, dass sowohl Messenger als auch Facebook Redesigns erhalten und auch neue Funktionen, aber wie der Umbau des Unternehmens konkret aussehen soll, blieb erstaunlich diffus.

Mehr zur F8-Keynote in unserem Round-Up-Artikel

Klar ist, dass man sich von seiner bisherigen Arbeitsweise verabschieden möchte. Bislang hat man nach der Trial-and-Error-Methode Neuerungen implementiert. Man hat also erst mal gemacht und wenn man dann sah, dass man es gegen die Wand fährt, hat man reagiert und es geändert. Genau das möchte man beim Thema Privatsphäre nicht bzw. nicht wieder riskieren. Stattdessen will man mit Experten und auch Regierungen möglichst eng zusammenarbeiten und gemeinsam einen Konsens finden, wie der Umbau unter Sicherheitsaspekten auszusehen habe.

Das klingt zunächst einmal tatsächlich nach dem richtigen Ansatz, wenn ihr mich fragt. Man wäre auch geneigt, das so zu glauben, wenn wir hier nicht über das Unternehmen reden würden, das uns in den letzten Jahren mit leeren Versprechungen fast so sehr überhäufte wie mit Datenpannen. Kein Wunder also, dass nach der Keynote gestern nicht nur ich skeptisch die nächsten Schritte des Unternehmens hinterfrage.

Wenn Zuckerberg sagt, dass er momentan selbst auf viele Fragen noch keine Lösungen weiß, dann klingt das erneut sehr ehrlich und reflektiert. Gleichzeitig fragt man sich aber natürlich auch, wer die Lösungen parat halten soll, wenn die hellsten Köpfe des Silicon Valley nicht einmal in der Lage sind, einen Ausweg aus dem derzeitigen Dilemma aufzuzeigen. Wir führen derzeit auch in Europa so viele Debatten, bei denen es um Privatsphäre geht, um mögliche Upload-Filter und vieles mehr.

Diese Debatten zeigen uns leider immer wieder, dass die Politiker entweder wissentlich oder aus Unkenntnis Entscheidungen treffen, die in die komplett falsche Richtung gehen. Daher begrüße ich zwar, dass sich Facebook mit Regierungen bezüglich Privatsphäre-Entscheidungen abstimmen will, viel konstruktiven Input von dieser Seite darf man aber wohl eher nicht erwarten.

Unterm Strich wirkte die Keynote auf mich gestern wie eine Zaubervorstellung beim Kindergeburtstag: Man weiß irgendwie als Erwachsener, mit welchen Tricks der Zauberer arbeitet und weiß daher eben auch, dass er flunkert. Sieht man diese Tricks jedoch als kleines Kind zum ersten Mal, ist man vermutlich fasziniert. Würde Zuckerberg erstmals verkünden, dass er kapiert hat, dass man sich in der Vergangenheit mehrfach dumm angestellt hat und falsche Entscheidungen traf, würde man ihm die Rolle des Erneuerers und des Geläuterten vermutlich blind abkaufen. So können wir erst einmal nur abwarten, was wirklich hinter den großen Worten steckt und ob dabei mehr herausspringt als heiße Luft und einige fancy Design-Veränderungen.

Dass man sich übrigens Privacy in ganz fetten Lettern auf die Fahnen geschrieben hat und beim gleichen Event freudestrahlend verkündet, dass künftig alle Messenger — Facebook Messenger, WhatsApp und Instagram Direct — lustig untereinander und miteinander kommunizieren können, halte ich auch für äußerst unglückliches Timing. Ich fürchte, bei allen Bemühungen an anderer Stelle wird Facebook das sicher nochmal irgendwie vor die Füße fallen.