Lügenfacebook!
Sorry, Herr Zuckerberg, aber wir glauben Dir kein Wort mehr

Facebooks CEO Mark Zuckerberg verteidigt sich mit fadenscheinigen Argumenten gegen Vorwürfe, seine Plattform habe in den vergangenen Monaten zu wenig gegen die enorme Verbreitung von Falschmeldungen unternommen und damit die US-Wahlen maßgeblich beeinflusst. Doch auch die seriösen Medien müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie nicht zu wenig gegen die stetig wachsende Parallelwelt aus Filterblasen unternehmen.

Gerade einmal zehn Tage ist es her, da wurde Donald Trump zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Noch immer leckt sich die Mehrzahl der Demoskopen, Journalisten, Sozial- und Politikwissenschaftler die Wunden und fragt sich, warum all die Analysen und schick aufbereiteten Vorhersagen so falsch lagen. Mindestens einen Schuldigen für das mediale Desaster hatte man schnell ausgemacht: Facebook.

Auf der Sozialen Plattform sollen sich in den vergangenen Monaten und ganz besonders in der heißen Phase des Wahlkampfs unzählige gefälschte Nachrichten in Windeseile verbreitet haben. Ein erheblicher Teil dieser Fake-News stammte offenbar von eigens dafür angelegten Internetseiten, die es auf eine möglichst große Zahl von Besuchern abgesehen hatten, um die wiederum daraus zwangsläufig resultierenden Werbeeinnahmen abzugreifen.

Zu den am häufigsten geteilten und am meisten geklickten Beiträgen gehören die absurdesten Verschwörungstheorien, mit denen vorzugsweise die demokratische Kandidatin Clinton ins Zwielicht gerückt werden sollte. Spezialisierte Portale wie “Snopes” kamen mit dem Fakten-Check und der Aufdeckung von Fake-News und Hoaxes kaum noch hinterher.

Wenn eine vermeintliche Nachricht dann endlich als reine Erfindung enttarnt war, hatte sich die Meldung längst ihren Weg auf die Bildschirme und in die Hirne der nur allzu bereitwillig Gläubigen gebahnt. Die wiederum korrigierten nur in den seltensten Fällen ihren (zuvor bereitwillig verbreiteten) Irrtum – den einen war es schlicht zu peinlich, die anderen hatten die fortgesetzte Verbreitung von Lügen längst als probates und legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung adaptiert.

Bis zu $50.000 pro Monat mit Fake-News

Noch heute hält sich sich z.B. hartnäckig das Gerücht, ein gegen Clinton ermittelnder FBI-Agent sei tot aufgefunden worden – Wasser auf die Mühlen all derer, die hinter der nahezu zeitgleich bekanntgegebenen Einstellung der behördlichen Ermittlungen eine von kriminellen Kreisen geplante Politverschwörung witterten. Und nein: Der Papst hat auch niemals seiner katholischen Gefolgschaft eine Wahl von Donald Trump empfohlen (nur für den Fall, dass ihr euch in diesem Punkt noch unsicher seid).

Auch nach der Wahl nimmt die Nummer kein Ende: So soll ein südafrikanischer Milliardär angeblich jedem Afro-Amerikaner 1 Million US-Dollar zahlen, wenn er oder sie die Vereinigten Staaten wegen Donald Trump verlassen will. Parallel dazu wird das demokratische Lager in seiner Trauer über die Niederlage nun selbstverständlich ebenfalls mit selbsterfüllenden Prophezeiungen bedient. Wie in unzähligen anderen Fällen fällt auch hier auf, dass die Ersteller der Fake-News unglaublich schnell – und damit den seriösen Medien vorauseilend – auf tatsächliche Geschehnisse reagieren. So entspricht es z.B. der Wahrheit, dass der Server der Kanadischen Einwanderungsbehörde kurz nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse die Grätsche machte. Die angeblich vom Kanadischen Premierminister Justin Trudeau verkündeten 11,5 Millionen Einwanderungsanträge durch US-Amerikaner sind allerdings frei erfunden.

Social Bots generieren Reichweite

Potenziert wird die Verbreitung der Falschmeldungen und Desinformationen von einer ganzen Armada sogenannter “Social Bots”. Data Scientists hatten bereits früh analysiert, dass besonders Donald Trump auf ein williges Netzwerk virtueller Identitäten bauen kann, deren menschliche Betreiber unerkannt bleiben.

Falls sich jemand ein wenig mit den sozialen und technologischen Mechanismen, Filtern und Algorithmen der wichtigsten Plattformen Facebook und Twitter auskennt, kann eine strategisch aufgebaute Kampagne zur Verbreitung von Nachrichten zu einer enormen Reichweite führen.

Zuckerbergs plumpe Stellungnahme

Hinter den Kulissen geht es in der momentan hitzig geführten Diskussion längst um diese Filter und Algorithmen. Mark Zuckerberg sah sich bemerkenswert schnell zu einer Stellungnahme genötigt, in der er die Bedenken der Kritiker freundlich zur Kenntnis nahm – und umgehend abwiegelte. Der Anteil an Fake-News sei gemessen an den restlichen, durchweg authentischen Inhalten verschwindend gering, teilte der CEO von Facebook in einem umfangreichen Beitrag mit. Zudem gebe es bei diesen Fake-News keine erkennbare politische Ausrichtung, so dass ein Einfluss auf das Wahlergebnis äußerst unwahrscheinlich sei.

“Of all the content on Facebook, more than 99% of what people see is authentic. Only a very small amount is fake news and hoaxes. The hoaxes that do exist are not limited to one partisan view, or even to politics. Overall, this makes it extremely unlikely hoaxes changed the outcome of this election in one direction or the other.” Mark Zuckerberg, Facebook

Besonders der erste Satz in diesem Zitat ist, wie alles bei Zuckerberg, sorgfältig formuliert – und soll in beeindruckend plumper Weise von dem tatsächlichen Problem ablenken. Selbstverständlich sind 99% aller bei Facebook geteilten Katzen- und Kinderbilder, lustigen und unlustigen Witze, immer noch existierenden Foodporn-Bildchen und tiefsinnigen Lebensweisheiten und -beichten “authentisch”. Ebenso selbstverständlich trifft dies auf die Nachrichten zu, die von seriösen Medien geteilt werden. Doch darum geht es gar nicht.

Denn die Wucht von Facebook entfaltet sich nicht der absoluten Zahl von falschen Beiträgen im Verhältnis zur restlichen Zahl der authentischen Beiträge, sondern allein in der Reichweite einzelner Nachrichten. Sprich: 99 authentische, “wahre” Nachrichten können von den Filtern und Algorithmen der Plattform an eine wesentlich geringere Zahl von Personen ausgespielt werden als 1 unwahre Fake-News.

Tipps und Tricks:
Facebook: So holt ihr das Beste aus eurem Newsfeed raus

Hinzu kommt, dass auch die absolute Zahl der Empfänger eigentlich nahezu irrelevant ist. Wenn Facebook 1 Million politisch uninteressierte Menschen im Tagesverlauf mit 99 “wahren” Meldungen aus der Lokal-, Landes-, Bundes- und Weltpolitik bombardiert, dann hat das keinerlei Relevanz oder Auswirkung. Erreicht aber täglich 1 unwahre Nachricht aus diesen Themengebieten 10.000 politisch interessierte Menschen, kann das kurz-, mittel- und langfristig enorme Folgen haben. Dieser Effekt verstärkt sich um ein Vielfaches, wenn diese eine unwahre Nachricht ein ohnehin bereits vorhandenes Gesellschafts- oder Weltbild bedient und manifestiert.

Facebook Reactions Deutsch

Ebenfalls weitestgehend unbeachtet und besonders perfide ist, dass Zuckerberg bei seinem Zahlenspiel die sozialen Komponenten der Plattform – also z.B. die Kommentare und Likes bzw. Reactions – nicht erwähnt. Wer schon einmal gezielt oder zufällig auf besonders kontrovers diskutierte Beiträge gestoßen ist, durfte das Schlachtfeld namens Kommentarspalte vielleicht schon einmal erfreut, fasziniert oder angewidert erleben. Die Fälle, in denen ein eigentlich sachlicher Beitrag von professionellen Trollen und Hatern vollständig gekapert wird, sind gerade im politisch-gesellschaftlichen Umfeld ungezählt. Unter besonders hervorstechenden Fällen besitzen einige Kommentare mehr “Likes” als der ursprüngliche Beitrag.

Die von Facebook (und Google) momentan in Betracht gezogene Reaktion wirkt nur auf den ersten Blick schlüssig. Die beiden Betreiber wollen den Verbreitern von Fake-News den Geldhahn zudrehen und ihnen damit die Motivation nehmen, ihr schäbiges Business weiter zu betreiben. Die meisten der eigens zu diesem Zweck erstellten Websites setzen nämlich Werbeanzeigen ein, die von Facebook, Google oder anderen Anbietern ausgeliefert werden.

Diese Herangehensweise entspricht exakt der Logik, die man insbesondere von Facebook erwartet. Denn de facto existiert auch Zuckerbergs Plattform nur aus einem Grund: zwischen den – wahren und unwahren – Nachrichten soll eine bestimmte, in der Vergangenheit stetig wachsende Zahl von Werbeanzeigen und gesponserten Beiträgen platziert und abgerechnet werden. Offenbar schließt Zuckerberg deshalb aus seiner eigenen Motivation auf die vermeintlichen Beweggründe der momentanen “Gegner”.

„It was absolutely bias. We were doing it subjectively. It just depends on who the curator is and what time of day it is. Every once in awhile a Red State or conservative news source would have a story. But we would have to go and find the same story from a more neutral outlet that wasn’t as biased.“ ehem. Facebook-Mitarbeiter, Mai 2016

Facebooks Geschäftsmodell schreit nach Fake-News

Facebook muss allerdings in diesem Zusammenhang bei der Programmierung der eigenen Algorithmen eine weitere Vorgabe einhalten. Das gesamte Geschäftsmodell basiert auf einer möglichst langen Verweildauer der Benutzer auf der Plattform. Ein Benutzer ist für Facebook umso wertvoller, je mehr Werbeanzeigen man ihm oder ihr bei längeren Aufenthalten anzeigen kann (und je weniger Werbeanzeigen dadurch „woanders“ eingeblendet werden). Das wiederum führt zwangsläufig zu der Notwendigkeit, dass sich der Benutzer auf der Plattform möglichst wohl fühlen soll, was man wiederum bestenfalls durch Beiträge erreicht, welche die Ansichten und Weltanschauungen des Benutzers aufgreifen.

Entweder man gibt dem Benutzer also die permanente Gelegenheit zur Selbstbestätigung, oder man räumt ihm über eine entsprechende Vorauswahl den erwünschten Raum für Auseinandersetzungen auf der Plattform ein. Für beide Methoden eignen sich Fake-News – oder Nachrichten, die es mit der langweiligen Wirklichkeit nicht so genau nehmen – hervorragend.

Rückblickend besonders interessant ist, dass bereits im Mai schwerwiegende Zensur-Vorwürfe gegen Facebook erhoben wurden. Ehemalige Mitarbeiter der Plattform hatten berichtet, dass Facebook gezielt (Hinweis: “wahre”) Nachrichten über die republikanischen Kandidaten und deren Wahlkampf unterdrücke. Ein eigens dafür abgestelltes Team beeinflusse permanent in bester Aschenputtel-Manier, welche Nachrichten die Geschäftsleitung auf der Plattform sehen wolle – und welche nicht. Spätere Vorwürfe durch WikiLeaks schienen diese Vorwürfe zu untermauern. Schon damals hatten wir darauf hingewiesen, dass sowohl manuelle als auch automatisierte Eingriffe in die Themen- und Quellenauswahl und die daraus für den Facebook-Benutzer resultierende selektive Berichterstattung politisch und gesellschaftlich brisante Auswirkungen haben kann. Eine “gesunde” Medienlandschaft basiert ungeachtet aller politischen Präferenzen eines Lesers oder Zuschauers immer noch auf einer gewissen Medienvielfalt, die dem “Pro” und “Contra” ein gewisses Maß an Platz und Zeit einräumt.

Facebooks Roadmap:
Mark Zuckerberg und die Eroberung der Welt in 10 Jahren

Facebook sah sich damals mit einer offiziellen Anfrage des „Commerce Committee“ des US-Senats konfrontiert, das mehr über Mark Zuckerbergs politische Einflussnahme erfahren wollte. Wie Gizmodo erfahren haben will, brach daraufhin im Headquarter der Kalifornier Hektik aus. Ein eigentlich längst geplantes Update der Filter und Algorithmen zur Identifikation von Fake-News und Hoaxes wurde angeblich zurückgestellt, weil die Verantwortlichen befürchteten, dass dies unter den Argusaugen der republikanischen Kritiker den Verdacht der News-Manipulation bestätigt hätte.

In einer ersten Stellungnahme gegenüber Gizmodo streitet Facebook einen solchen Zusammenhang ab. Man arbeite zwar ständig an einer weiteren Optimierung des News-Feeds, aber ohne jegliche Rücksichtnahme auf eine eventuelle politische Auswirkung der Änderungen.

„We did not build and withhold any News Feed changes based on their potential impact on any one political party. We always work to make News Feed more meaningful and informative, and that includes examining the quality and accuracy of items shared, such as clickbait, spam and hoaxes.” Facebook

Die New York Times berichtet unterdessen unter Berufung auf interne Quellen, dass die im Mai erhobenen Vorwürfe intern zu einer “Kultur der Angst” geführt hätten. Dies wiederum entspricht dem, was Branchenkenner bereits seit längerem vermuten, denn der tatsächliche Nachweis einer Einflussnahme auf die Berichterstattung könnte für Facebook weitreichende Folgen haben. Sollten Regulierungs- und Kontrollbehörden auf die Idee kommen, dass die Plattform aktiv die Berichterstattung beeinflusst oder manipuliert, dann könnten Mark Zuckerberg & Co. u.U. sogar im juristischen Sinne als “digitale Erfüllungsgehilfen” für die dort verbreiteten Nachrichten, deren Richtigkeit und deren Folgen (mit)verantwortlich und haftbar sein. Zudem dürfte Facebook befürchten, dass eine mehr oder weniger eindeutige politische Positionierung nicht nur Investoren, sondern auch potentielle Werbekunden abschrecke könnte.

Ein amerikanisches Problem? Nein, ganz im Gegenteil.

Wem die bisherige Aufarbeitung zu US-lastig ist, bekommt jetzt noch ein aktuelles Beispiel für Fake-News aus dem beschaulichen Deutschland. Neben all den auch hierzulande existierenden Meldungen über Chemtrails, als Flüchtlinge getarnte ISIS-Kämpfer und in Glasflaschen gesteckte Katzenbabys hat sich ein bekannter RTL-“Comedian” in der vergangenen Woche als investigativer Journalist betätigt und der verdammten “Lügenpresse!!!” mal gezeigt, wo der Frosch die Locken hat. Kennsse, kennsse, chrchrchr, hickshickshicks, Mario Barth?

Mario platzierte sich vor dem Trump Tower in New York, zückte sein Smartphone für ein Live-Video und eröffnete seinen 2,1 Millionen Followern, dass vor Ort von den in Deutschland berichteten Protesten nichts zu sehen sei. Für diese journalistische Meisterleistung erhielt Barth nicht nur 1,4 Millionen Aufrufe, sondern bis zum heutigen Tage auch über 16.300 Shares, 25.000 Reactions/Likes und 5.300 Kommentare.

 

Leider hatte dem sonst in Steuerverschwendungsangelegenheiten umtriebigen Witzbold niemand gesagt, dass die Straße wegen einer Parade zum Veteran’s Day gesperrt war und die Proteste ohnehin nur in den Abendstunden stattfinden, wenn der (ansonsten arbeitende) New Yorker nicht mehr auf Investigativtouristen wie Mario Barth trifft. Diese Hinweise trafen dann zwar vielfältig im Laufe des Tages ein, doch Deutschlands stadienfüllender Fips-Asmussen-Abklatsch genoss lieber den virtuellen Applaus seiner Gefolgschaft.

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Die sah in Barths Video nämlich nichts anderes als den lang erhofften, vermeintlich “seriösen” Beweis für die sorgfältig gepflegten und seit Monaten aus verschiedenen politischen Lagern befeuerten Ressentiments gegenüber den deutschen Medien.

Jene wiederum befinden sich in weiten Teilen immer noch selbstgefällig grunzend im digitalen Tiefschlaf. Nur wenige greifen Fälle wie Mario Barth sachlich auf und sorgen mit ihrer tatsächlich vorhandenen Reichweite für eine seriöse Klarstellung. In einer unweigerlich elitär anmutenden Lethargie scheint in vielen Redaktionen das Missverständnis zu existieren, dass es sich hier bestenfalls – ähnlich wie bei Trump – um unterhaltsame Anekdoten handelt, die der politischen und gesellschaftlichen Deutungshoheit der etablierten Medien nicht gefährlich werden können. Andere wiederum sind längst auf den mit Karacho bretternden Schwerlasttransport namens Facebook aufgesprungen und betätigen sich hier als geistige Brandstifter.

 

Was passiert eigentlich, wenn wir Algorithmen als eine Kulturtechnik betrachten?
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