smithadri, flickr.com

Fahrverbote: Mobile Apartheid

von Robert Basic am 7. September 2018

Nun ist es in Frankfurt flächendeckend soweit: Ab dem 01.02.2019 gilt das Fahrverbot für alle Diesel-Autos mit einem Motor EU-Norm 1 bis 4 und Benziner mit Euro-Motor 1 und 2. Ab dem 01.09.2019 heißt es dann für die Euro 5 Diesel auch njet. Wie viele Menschen bzw. Fahrzeuge betrifft das eigentlich? Es ist exorbitant! Hierzu eine Grafik der FAZ auf Basis der KBA-Daten (Kraftfahrtbundesamt)

FAZ

In der ersten Blockade werden zunächst 98.000 Fahrzeuge betroffen sein, in der zweiten Blockadewelle dann 180.000 Fahrzeuge. In und nahe um Frankfurt herum. Eingerechnet sind hier nicht einmal die Fahrzeuge, die aus dem Umland hinein/herauspendeln. Also sagen wir grob 300.000 am unteren Limit?

Ich müsste erstmal hergehen und die Tassen im Schrank nachzählen. Auf einen Schlag hunderttausenden Menschen in die Fresse hauen, die sich die neuesten, super-schnuggeligen Luxuskarren schlichtweg nicht leisten können. Euer Ernst? Der durchschnittliche Wert eines Neuwagens beträgt knapp 30.000 Euro. Das ist ein lächerlicher Betrag für Tesla-Fahrer, in ihren tonnenschweren Elektropanzern, ebenso lächerlich für Mercedes S-Klasse Superdieselfahrer oder Alnatura-Öko-SUV-Wählerinnen in ihren BMW X5 mitsamt Euro-super-d-Norm.

Nein, im Gegenteil, man muss das so sehen: Ist doch klasse, dass jetzt endlich was für die Menschen getan wird. Die Luft wird damit viel besser, yuheee. Ja klar, wer es sich leisten kann, wohnt in der Stadt in immer mehr Edelvierteln, deren Mieten für Normalos und Geringverdiener eh nicht mehr bezahlbar sind. Dann gleich raus mit den billigen Drecksautos für Arme. Sollen die mit ihren Verpesterkarren eigentlich froh sein, dass sie nun gesünder leben können, wenn es schon mit dem Geld nicht reicht. Und wenn sie schon draußen leben, sollen sie gleich ganz draußen bleiben. Diese faktische Einstellung ist Apartheid im Kopf der Umwelt-Überzeugungstäter. Wie sagte eine, die ich ob dem Fahrverbot befragte? „Tja, Umweltbewusstsein muss man sich leisten können“.

O-Töne von Betroffenen

Feedback aus dem echten Leben von Mitmenschen, die sich weder eine Luxuskarre aka Tesla noch einen Premium-Benz leisten können und vom Fahrverbot betroffen sind:

Er arbeitet im Umland, die Kosten für Benzin sind hoch und Diesel dagegen günstig. Bahn und Zuganbindung war nie so, dass er pünktlich zur Arbeit gekommen wäre. Und wäre ewig lange gewesen, über ne Stunde mit Wartezeiten.

Unbequem wegen Einkaufen, gerade auf dem Rückweg.

Umweltbewusstsein muss man sich leisten können, nicht nur finanziell auch zeittechnisch.

Eine direkte Anbindung an das Gewerbegebiet wo er jetzt ist gibt es nicht ohne mindestens 1,5 km zum Laufen soweit ich weiß.

Ich weiß nur, er ist derzeit in einem Dreieck, wo nix fährt anständig.

Viele Kinder daheim – Zeit zum Einkaufen? Kraft und Gesundheit von Nöten… wenn man dann unverpackt einkaufen will und seine eigenen Behälter mitbringt und Bio essen will.

Was sagen andere Betroffene? Die Hessenschau hat drei Kandidaten gefragt.

Das ist Realität von ganz normalen Menschen, die durch Umweltritter völlig unberücksichtigt und ungefragt behandelt werden wie der letzte Dreck. Als hätten nur die Wohlhabenden ein Anrecht auf freie Mobilität in ihren Superschlitten. Um ihr Leben freizügig zu gestalten.

Hat das untere Zweidrittel eben Pech, na und? Müssen doch sowieso langsam aber sicher raus aus Städten. Das sollen schöne Orte zum teuren, edlen Wohnen, Einkaufen und Arbeiten werden. Möge sich dieses Pack mit den Stinkern im Umland umschauen.

Oder am besten die Autoindustrie verklagen. Wenn schon billige Drecksstinker der Normalos noch weiter im Wert fallen. Sozusagen als Bonus obendrauf. Die Automafia ist doch total schuld daran! Verstehe. Die Autoindustrie und all die armen Schlucker hätten doch schon vor 20 Jahren den heutigen Öko-Fanatismus der Alnatura-Wohlstandsbürger vorausahnen können. Wäre alles nicht nötig gewesen. Man hätte rechtzeitig auf die Umweltsuperschlitten setzen können. Von Arm bis sowieso-ein.neues-Auto-haben. Und sowieso, Gesetz ist doch Gesetz. Schadstoffgrenze ist Schadstoffgrenze. Was soll das also? Arm, Automafia, Gesetz. Punkt. Wäre da nicht ein winziges Detail: Die Luftwerte haben sich über die Jahre extrem gut entwickelt. Will nur ein Umweltfanatiker nicht hören.

Faktenlage versus Fallout des Fahrverbots

Frankfurt erstickt und die Teslaratis sowie Alnaturas sterben beim Einatmen vom Fleck weg? Das sind Charts aus den Messungen der Stadt Frankfurt und des Landes Hessen. Es ist angesichts der Daten einfach nur lächerlich, dass man hier den Hammer rausgeholt hat und locker 200.000 – 300.000 Menschen im Übermaß schädigt.

FFM
FFM
FFM

Wen es interessiert, für den habe ich eine Aufbereitung wissenschaftlicher Analysen zu dem Stickoxid-Thema. Dort zeige ich auch auf, dass die gesundheitsfanatischen Amerikaner 100 Mikrogramm NOx als Grenzwert definiert haben. Auch bei diesem Wert konnten Toxikologen nichts feststellen.

Wir sprechen hier in Frankfurt über Messstellen – die Grundlage des Urteils waren – an super schwer belasteten Straßen, die einen Hauch Mikrogramm über dem 40er Mikrogramm Grenzwert sind (wie gesagt, 100 interessiert die Kalifornier). Es ist daher unglaublich, wie unverhältnismäßig mit dem Fahrverbot vorgegangen wurde. Über die Gewissensritter der Klägerseite will ich dabei explizit nicht sprechen. Mir sind die Jute-Tüten zu schade, um die vollzukotzen.

Follow-Up

Nicole Scott erzählt euch etwas über Südafrika und Mobilität (Link zur Zeit tot, wird gefixt). Das Mutterland der Apartheid. Wir brauchen da nicht mitleidig hinzuschauen. Wir sind auf dem besten Weg dahin.

Apartheid

Update: War klar, dass sich einige User über den reservierten Begriff aufregen.

Als Apartheid wird eine geschichtliche Periode der staatlich festgelegten und organisierten so genannten Rassentrennung in Südafrika bezeichnet. Sie war vor allem durch die autoritäre, selbsterklärte Vorherrschaft der „weißen“, europäischstämmigen Bevölkerungsgruppe über alle anderen gekennzeichnet. “ (Wikipedia)

Es ist keine intellektuelle Leistung notwendig, das auf Mobilität, Umwelt und städtische Gentrifizierung zu übertragen. Besserverdiener leisten sich eine teure Umweltpolitik und teure PKWs, während die Gering- und Normalverdiener von der schönen neuen Stadtwelt in ihren alten Mühlen ausgeschlossen werden. Schlimmer, ihre Mobilität wird erheblich eingeschränkt und verteuert, in Zeit und Geld. Geld, das sie nicht einfach so ausgeben können wie die Besserverdiener. Und das wegen Mikrogramm über Temporärgrenzwerten? Sorry, das kann nur ein Besserverdiener goutieren, der nicht versteht, was 100 Euro oder gar 10.000 Mehrausgaben bedeuten. Willkommen in der Welt der Abtrennung.

Update 2: Ja, leider ist das Fahrverbot ein hochpolitisches und äußerst brisantes Thema. Völlig unabhängig vom marginalen Nutzen ausgehend von den Messwerten (um sagen wir auf Teilstrecken von 50 auf 39 Mikrogramm zu kommen, merkt der Mensch nicht). Es ist nicht mein Anliegen, der AfD Aufmerksamkeit zu gönnen, die sich der Betroffenen annehmen wird und es bereits mit „ja zum Diesel“ aufgegriffen hat. Das ist so logisch, dass ich es wirklich nicht erklären muss.

Copyright Titelbild: smithadri, flickr.com, Apartheid Museum, CC by 2.0