Kommentar
Fakes, Hass, Nazis: Offener Brief an Facebook Chef Zuckerberg

Ach, Facebook - wird das jemals klappen, dass volksverhetzende und rassistische Postings flächendeckend eliminiert werden? Langsam gebe ich die Hoffnung auf und muss zugeben, dass ich gerade richtig wütend bin.
von Carsten Drees am 22. November 2016

Huhu Herr Zuckerberg,

ich bin’s nochmal. Sie werden sich sicher erinnern: Ich war schon im letzten Jahr ziemlich angepisst, weil auf ihrer Plattform so fröhlich von der Leber weg gegen Flüchtlinge gehetzt werden durfte. Damals forderte ich: Facebook, mach was!

Ich verstehe das, dass es kein Zuckerschlecken ist, die Postings von 1,7 Milliarden Menschen im Blick zu behalten. Dann noch das Theater mit den Fake-News, wo sie auch so ein „bisschen“ auf verlorenem Posten stehen. Da kann einem also auch durchaus schon mal ein rassistisches, volksverhetzendes Posting durch die Lappen gehen – zum Beispiel so eins:

wollner

„Ich hab mir mal eine Judenfalle gebaut“ schreibt der gute Michael zu einem Bild, auf dem eine Spur aus Dollar-Noten zu einem Gasofen führt. Die Anspielung auf die Konzentrationslager, in denen Juden zunächst vergast und dann in riesigen Öfen verbrannt wurden, sollte auch für ein Unternehmen jenseits des großen Teichs auf der Hand liegen.

Sie sind nach eigener Aussage Atheist, aber sie entstammen einer jüdischen Familie, Herr Zuckerberg. Ich gehe also davon aus, dass sie das obige Bild einordnen und die dazu gemachte Aussage einordnen können. Postings wie das da oben machen mich wütend. Was ich von einem armen Wicht wie Michael Wollner halte, halte ich hier lieber nicht öffentlich fest, ich würde mich im Ton vergreifen.

Feststehen dürfte aber, dass eine solch hämische Aussage an Abartigkeit kaum zu überbieten ist und nicht nur für mein Empfinden der Strafbestand der Volksverhetzung erfüllt ist. Damit ist so ein Posting nicht nur „unschön“ und ärgerlich, sondern ganz einfach strafrechtlich relevant. Ein Blick aufs Profil zeigt auch, woher da der äußerst rechte Wind weht, egal ob man auf seine Fotos, seine Aussagen oder seine Freundesliste blickt.

wollner-profil

Anhand der Freundesliste kann man auch sehr schön erkennen, was die Bedeutung hinter dem Begriff „Filterblase“ sein könnte: Man schmort schön in seinem eigenen, rechten Saft und ist sich herrlich einig, wohin es mit Deutschland zu gehen hat.

wollner-freunde

Zwischendurch als kleiner Disclaimer: Ja klar, ich habe hier keine Namen unkenntlich gemacht. Wieso auch -das ist alles öffentlich einsehbar auf Facebook, zumindest solange der Kollege Wollner nicht gesperrt wird.

Damit kommen wir jetzt zum Knackpunkt und dazu, wieso ich erneut schwer angepisst bin, angesichts dessen, was derzeit auf Facebook los ist.

Diesen Beitrag postete ich gestern am frühen Abend so gegen 19 Uhr. Wie ihr nachlesen könnt, gab es jede Menge Reaktionen von Freunden, die exakt so über das Ofen-Posting denken wie ich. Einige haben mittlerweile Strafanzeige gestellt, die meisten haben das Bild bei Facebook gemeldet. Ebenso wurde das Profil selbst gemeldet, andere eindeutige Postings und auch einige seiner Kontakte mit einschlägigen Inhalten.

Ich hab – 15 Stunden später – die Reaktion von Facebook bekommen und zwar genau die Reaktion, die ich bei solchen Meldungen meistens erhalte: Der gemeldete Beitrag verstößt nicht gegen die Gemeinschaftsstandards!

wollner-hassrede-bericht

Ernsthaft, Facebook?? Wie gern würde ich jetzt mit dem Facebook-Chef und seinen jüdischen Eltern zusammensitzen und nochmal und nochmal nachfragen, ob Witze über vergaste und verbrannte Juden wirklich so konform gehen mit den Gemeinschaftsstandards auf Facebook. Ich bin ganz sicher, dass sie schon beim ersten Blick auf den Beitrag erkennen würden, was hier Phase ist und ich bräuchte die Nummer mit den Juden und den Öfen sicher nicht erst mit Handpuppen vorspielen.

Worauf ich hinaus will, werter Herr Zuckerberg: Sie haben ihren Laden nicht mehr unter Kontrolle! Nicht falsch verstehen – ich nehme ihnen das weiterhin ab, dass sie grundsätzlich ein friedliches Facebook und einen friedlichen Planeten im Sinn haben, aber auch sie müssen doch erkennen, dass uns allen hier die Scheiße um die Ohren fliegt. Nochmal sortiert:

Fake-News

Ich sprach es eingangs an mit Link zu unserem Beitrag: Sie bekommen es nicht kontrolliert, was sich da im Fake-News-Bereich über Facebook ergießt. Es sind genau diese Falschmeldungen, die vielfach geteilt werden und die den Populisten in die Karten spielen. Und ja: Vielleicht müssen auch sie, Herr Zuckerberg, sich zähneknirschend den Schuh anziehen, dass Facebook durch diese Ohnmacht gegenüber Fake-Nachrichten dazu beigetragen hat, Wähler für einen Donald Trump zu generieren und mobilisieren. Sie können es sich damit durchaus – zumindest zu einem kleinen Teil – ankreiden, dass der Kamerad es ins Weiße Haus geschafft hat.

Spam

1,71 Milliarden Nutzer auf Facebook wurden im Sommer vermeldet – das ist ein Viertel der Weltbevölkerung! Das ist zweifellos beeindruckend, aber wir dürfen nicht vergessen, wie viele Spam-Schleudern mit Fake-Profilen sich darunter befinden. Ich bekomme eigentlich täglich Anfragen von Fake-Mädels, die allesamt auf der Suche nach einem Mann sind und das mit einem Link zu den einschlägigen Sex- und sonstigen Seiten unterstreichen wollen. Bei Palle sieht das noch schlimmer aus – diese Anfragen – allesamt – hat er allein in den letzten Tagen erhalten:

fake-fb-frfiends

Hassrede

Tja, und schließlich ist da noch die Hassrede, die uns tagtäglich auf Facebook begegnet. Mobbing, Cyber-Mobbing, Hassrede – das ist alles niemals in Ordnung, egal ob ein Nazi pauschal gegen Flüchtlinge oder Juden hetzt oder ob sich Mitschüler über die Klassenkameradin lustig machen. Der Ton ist rüde und für mein persönliches Empfinden wird es jeden Tag schlimmer. Besonders dramatisch finde ich aber, wie sich das aktuell bei politischen Themen darstellt.

Kaum noch eine Diskussion wird sachlich geführt, es wird gepöbelt und gedroht und die Trumps und Erdogans und Le Pens dieser Welt reiben sich vergnügt quietschend die Hände, weil ihnen diese Stimmung in die Karten spielt. Das will ich nicht alles Ihnen in die Schuhe schieben, Herr Zuckerberg – viel zu viele Menschen lieben halt die ganz einfachen Antworten und gehen den Populisten auf dem Leim. Aber sie müssen zugeben, dass sie das nicht mal mehr im Ansatz unter Kontrolle haben.

Besonders wütend macht mich dabei, dass sie – völlig zu Recht – auf unsere Hilfe bauen, also die der Facebook-User, diese dann aber nicht zu nutzen wissen. Ich möchte es einfach nur verstehen, woran es hakt! Mal unter uns, mein lieber Facebook-Boss: Wir wissen doch beide, dass es hier nicht um Gemeinschaftsstandards geht, oder? Der oben erwähnte „Juden-Ofen“ ist ein Beispiel dafür, aber es gibt unendlich viel mehr Fälle, in denen zu Körperverletzungen und Mord aufgerufen wird, in denen Volksgruppen verhetzt werden und vieles mehr.

Diese Sachen werden von uns Nutzern gemeldet und nach X Stunden bekommen wir dann in erschreckend vielen Fällen die Antwort, dass dieser Dreck mit ihren Regeln konform geht? Da kann doch was nicht passen, oder? Das kann mir auch niemand mehr damit erklären, dass in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Standards gelten. Vielmehr glaube ich, dass ihnen da Personal fehlt. Postings wie das da oben rutschen Ihnen durch bei ihren Kontrollen und das kann für mich nur bedeuten, dass entweder zu viel automatisiert bearbeitet wird und nicht persönlich – oder dass das Personal einfach den Ansprüchen nicht genügt.

Außerdem möchte ich nicht mehr hören, dass wir das am besten durch die berüchtigte „Gegenrede“ lösen sollen. Klar, natürlich ist Gegenrede eine Möglichkeit, auf Menschen einzuwirken und sie bestenfalls sogar zu bekehren. Aber das ist doch Quatsch bei Personen wie der hier im Artikel beschriebenen. Es gibt sicher Gründe dafür, wieso die Polizei einen Mörder einsperrt und nicht mit ihm darüber diskutiert, dass das jetzt echt blöd von ihm war. Mir schwant aber eher, dass diese Gegenrede nur Ihnen und Ihrem Unternehmen in die Karten spielen soll, indem auf der Plattform noch mehr Interaktion stattfindet.

Unternehmen Sie was, Herr Zuckerberg!

Worauf ich hinaus will, um hier mal langsam zum Schluss zu kommen: Facebook muss verdammt nochmal was machen: 1,71 Milliarden Nutzer treiben sich auf Facebook rum. Die lesen dort viele falsche Nachrichten, die dazu führen, das sie sich falsche Meinungen bilden und die falsche Monde anheulen, sprich: Trump und Konsorten – die klassischen Lautsprecher.

Das geht einher mit der oben beschriebenen Fake-Profil-Flut und nimmt man jetzt falsche News, falsche Profile und die unsägliche Hassrede zusammen, dann kann man unterm Strich nur noch zu einer Erkenntnis kommen: Herr Zuckerberg, Facebook entgleitet Ihnen! Sie können nicht unterbinden, dass wir mit falschen Nachrichten, falschen Meinungen und falschen Profilen überschüttet werden, von urheberrechtlichen Geschichten wie Millionen widerrechtlich geposteten Bildern und Videos will ich dabei gar nicht anfangen.

Das muss Sie doch interessieren, was da passiert, oder nicht? Im Sommer wurde fürs zweite Quartal verkündet, dass der Gewinn des Unternehmens um 186 (!) Prozent gegenüber dem Vorjahr gesteigert werden konnte – das entspricht einem Gewinn von über zwei Milliarden US-Dollar im Quartal. Rechnen wir das hoch aufs Jahr, landen wir über den Daumen gepeilt bei acht Milliarden Dollar Gewinn. Wissen Sie, was ich machen würde, wenn ich auf diesem Berg Kohle säße, Herr Zuckerberg? Ich würde Menschen einstellen! Menschen, die sich um Fakes kümmern, die die Meldungen bearbeiten, die neue und bessere Algorithmen erarbeiten um Fakes automatisch erkennen zu können. Und ich würde nicht 100 Leute einstellen oder 1.000, sondern 10.000 oder 50.000 Menschen – so viele eben, wie notwendig sind, um diesen Moloch Facebook wieder in den Griff zu bekommen.

Ja, Facebook verbindet Menschen, vertreibt uns die Zeit und ist für uns alle kostenlos. Aber dennoch bezahlen wir ja einen Preis, indem wir dem riesigen blauen Drachen unsere Daten mit Kusshand in den Rachen schleudern. Was glauben Sie, wie lange ich gewillt bin, all das preiszugeben, wenn ich täglich von unechten Weibern mit unechten Brüsten und unechten Absichten angeschrieben werde, wenn ich tagtäglich für meine politische Gesinnung von Rechten beschimpft und bedroht werde und wenn ich jeden Tag über mehr falsche News stolpere, die immer mehr falsche Politiker in Ämter hieven, in denen sie nichts zu suchen haben?

Sie schwimmen in Geld, wir Nutzer schwimmen derzeit in der Scheiße – machen Sie was, korrigieren Sie diesen Missstand!

Spätestens an dem Punkt sollten Sie ins Grübeln kommen, Herr Zuckerberg: Wenn immer mehr Menschen den Eindruck gewinnen, dass sie ihren Laden nicht unter Kontrolle haben und sie nichts unternehmen, um dem entgegen zu wirken, dann werden immer mehr Nutzer von Bord gehen und ihre Daten woanders preisgeben. Und wenn die Leute von Bord gehen, dann ist Facebook auch weniger spannend für jeden, der seine Werbung dort platziert – und wenn Sie weniger Werbung verkaufen, klingelt es weniger in der eigenen Kasse und die Aktionäre sind dann auch nicht so richtig begeistert. Ein Milliarden-Konzern wie Facebook geht deswegen nicht sofort am Stock, logisch – aber fragen sie mal nach bei AOL, Yahoo! oder MySpace: Da dachte auch niemand, dass sie schon nach wenigen Jahren und einst riesigem Erfolg irgendwann mal keine Rolle mehr spielen würden.

Sie schwimmen in Geld, wir Nutzer schwimmen derzeit in der Scheiße – machen Sie was, korrigieren Sie diesen Missstand! Legen Sie diesen Sumpf aus Hass-verblendeten Postings, Fake-Meldungen und all dem anderen Dreck trocken, der uns allen die Laune vermiest. Mir und sehr vielen anderen platzt so langsam der Arsch. Ich bin immer noch der Meinung, dass die meisten Menschen vernünftig sind und ich bin auch immer noch voller Hoffnung, dass man wieder für einen vernünftigen Ton sorgen kann. Facebook muss aber auch wollen! Ich weiß nicht, was wir von User-Seite aus tun können außer Beiträge melden und strafrechtlich relevante Inhalte zur Anzeige bringen. Als Blogger kann ich mir zumindest hier mit so einem Artikel ein wenig Luft verschaffen – wäre schön, wenn ich so einen Beitrag in Zukunft nicht alle zwei Wochen schreiben müsste.

 

Edit: Wie das so ist – man schreibt zwei Stunden und 1.800 Wörter lang seine Wut runter und was passiert? Pünktlich zum Ende erreicht mich die Nachricht, dass Facebook das beanstandete Posting gelöscht hat. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Menschen exakt dieses Foto gemeldet haben und wie viele von diesen Meldungen von Facebook abgeschmettert wurden.

Das ist schön, dass Facebook endlich reagiert hat, bestätigt aber nur all das, was ich hier geschrieben habe: Wenn ein Beitrag so oft beanstandet wird und Facebook nach der x-ten Meldung und ebenso vielen Ablehnungen plötzlich zu dem Schluss kommt, dass man es lieber doch entfernt, dann hat das nichts mit Gemeinschaftsstandards zu tun, denn die dürften sich nicht von einer Minute auf die andere geändert haben!

Das Profil der Person ist natürlich noch online, was mich gleich wieder wütend macht – schließlich hat man mich damals für 24 Stunden bei Facebook gesperrt (witzigerweise mit einem Posting, in welchem ich mich über einen rechten Hetzer aufregte und welches später – mit einer Entschuldigung wegen einer „versehentlichen Löschung“ von Facebook wiederhergestellt wurde).

sperre-01