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Fall Rebecca: Sollten wir wirklich mit hübschen Instagram-Fotos fahnden?

Der Fall Rebecca bewegt gerade das ganze Land. Die 15-Jährige ist anscheinend Opfer eines Verbrechens geworden. Aber was ist davon zu halten, dass ausgerechnet mit hübschen, gefilterten Instagram-Fotos nach ihr gefahndet wird?

von Carsten Drees am 7. März 2019

Viele schlimme Taten werden begangen und aufgeklärt, ohne dass die große Öffentlichkeit davon mitbekommt. Es gibt aber auch manchmal Verbrechen, die ein ganzes Land elektrisieren. Ihr erinnert euch sicherlich an den Fall Tuğçe — jene 23-jährige Frau, die 2014 auf dem Parkplatz eines McDonald’s-Restaurants niedergeschlagen wurde und an den Folgen starb.

Die junge Frau zeigte Zivilcourage, als nämlich zwei Mädchen von Männern belästigt wurden und bezahlte das mit ihrem Leben. Damals nahm ein ganzes Land Anteil an dem Drama, zudem wurde sie aber auch damals schon instrumentalisiert — etwas, was leider immer öfter passiert. Ich möchte jetzt nicht das Fass aufmachen, ob uns ein Verbrechen mehr packt und interessiert, wenn es um eine hübsche junge Frau geht und nicht etwa um einen alten, dicken Kerl. Aber wir können diesen Gedanken dennoch mal im Hinterkopf behalten.

Eigentlich möchte ich nämlich über einen Fall sprechen, der gerade landesweit für Furore sorgt: Der Fall der 15-jährigen Rebecca aus Berlin. Wie ihr sicher wisst, ist das Mädchen seit dem 18. Februar verschwunden und die Polizei geht derzeit von einem Verbrechen aus. Sie verbrachte die Nacht bei ihrer großen Schwester und ihrem 27-jährigen Schwager.

Der Schwager ist aktuell der Hauptverdächtige und erneut in Gewahrsam genommen worden, nachdem die Polizei ihn zwischenzeitlich freigelassen hatte. Ob das arme Mädchen noch lebt, oder tatsächlich Opfer eines Verbrechens wurde und ob der Schwager letzten Endes tatsächlich der Täter sein könnte, darüber mag ich jetzt hier an dieser Stelle nicht spekulieren.

Mich interessieren in diesem Beitrag hier andere Fragen:

  • Wieso ist das Interesse an ihrem Verschwinden bundesweit so viel größer als an vielen vergleichbaren Fällen?
  • Wieso wird mit einem Instagram-Foto nach ihr gefahndet?
  • Steigen oder die sinken die Chancen, brauchbare Hinweise zu bekommen, wenn man mit einem modifizierten Foto nach einem Menschen sucht?

Ich habe ein wenig zu diesem Fall gelesen und muss zugeben, dass ich bislang dachte, dass die Polizei da den Haupteinfluss nimmt, mit welchem Foto nach einem Menschen gefahndet wird. Dem ist allerdings nicht so. Die WELT hat sich von einer eine Sprecherin des Berliner Landeskriminalamtes erklären lassen, dass es die Angehörigen der vermissten Person sind, die darüber entscheiden, mit welchem Foto nach ihr gesucht wird. Das erscheint auf den ersten Blick auch logisch — immerhin weiß die Familie ja exakt, wie ein Familienmitglied zum Zeitpunkt des Verschwindens ausgesehen hat im Gegensatz zur Polizei.

Allerdings hätte ich vermutet, dass die Polizei bestimmte Regeln vorgibt, wie so ein Foto auszusehen hat. Dazu gehört für mein Empfinden, dass es keine Fotos sind, auf denen — durch eine Pose oder ein Verziehen des Gesichtes — die Person nicht wirklich gut zu erkennen ist. Ebenso bin ich aber auch davon ausgegangen, dass nicht mithilfe von Fotos gefahndet wird, auf denen sich die betreffende Person dank irgendwelcher Filter aufgehübscht hat. Das folgende Foto ist also das, welches nicht nur derzeit durch alle Medien des Landes geht, sondern welches auch offiziell von der Polizei Berlin als Fahndungs-Foto genutzt wird, wie ihr in der Polizeimeldung nachlesen könnt.

Rebecca hat hier ein Foto gepostet, wie ihr es zu Millionen in den sozialen Medien findet, egal ob auf Twitter, Facebook oder natürlich Instagram. Schöne, große Augen, volle Lippen und eine (zu) perfekte Haut. An anderer Stelle können wir da gerne mal drüber diskutieren, wohin so ein Trend führt, bei dem Menschen im wirklichen Leben dann so deutlich anders aussehen könnten als ihre Online-Version.

Aber darum geht es mir wie gesagt gerade nicht. Ich frage mich ernsthaft, wie sinnig es ist, mit so einem Foto zu fahnden. Und bevor wir uns falsch verstehen: Das ist tatsächlich ein ernst gemeinte Frage und kein rhetorischer Kniff oder so. Weil ich tatsächlich unentschlossen bin, ob so ein Vorgehen hilft, oder ob es die Suche schlimmstenfalls schwerer macht.

Für letzteres spricht, dass Rebecca eben nicht exakt so aussieht auf dem Bild, wie sie tatsächlich im Real Life aussieht. Hier habt ihr ein anderes Foto, welches sie zeigt:

Und hier schließlich noch ein Bild, welches von einem Flugblatt stammt, welches die Familie selbst verteilt hat, um nach Rebecca zu suchen. Dort seht ihr links nochmal das obige Foto, rechts ein weiteres Bild mit Filter:

Die WELT hat dazu auch mit dem Medienpsychologen Joe Groebel gesprochen. Er spricht davon, dass das Bild, mit dem gefahndet wird, die 15-Jährige nahezu wie eine Ikone oder einen Hollywood-Star aussehen lasse. Für die Aufmerksamkeit ein positiver Effekt, wie er meint.

Das Einfühlungsvermögen mit dem Opfer hat sich durch die Präsenz des Bildes erhöht. Durch die ständige Wiederholung rückt einem das Mädchen vermeintlich näher, man hat das Gefühl, es zu kennen Joe Groebel, Medienpsychologe

Im Vergleich — beispielsweise zu einem unscharfen Schwarz-Weiß-Foto — fühlen wir uns dieser Person nicht nur eher verbunden, das Bild wirkt auch positiver. Positiv im Sinne von einer Chance, dass die ganze Geschichte doch noch einen guten Ausgang nehmen kann und Rebecca eben doch nicht Opfer eines Verbrechens wurde.

Die Frage, die sich für mich daraus eben ergibt und die ich oben schon gestellt habe: Steigen die Chancen, Hinweise auf ihren Verbleib zu bekommen durch ein so modifiziertes Foto? Oder werden sie geringer? Ich schwanke wirklich zwischen diesen beiden Möglichkeiten, weil ein aufgehübschtes, farbenfrohes Foto anscheinend tatsächlich dafür sorgt, dass der Fall viel mehr Aufmerksamkeit bekommt. Mehr Aufmerksamkeit bedeutet folgerichtig, dass viel mehr Menschen darüber nachdenken, ob sie dieses Mädchen irgendwo am besagten Morgen noch gesehen haben und viel mehr Augenpaare auch jetzt konzentriert nach ihr Ausschau halten können.

Andererseits befürchte ich eben auch, dass ein solcher Beauty-Filter eine Person nicht nur (subjektiv) hübscher macht, sondern auch schwerer erkennbar. Weil das Motiv eben nicht mehr 1:1 dem Original entspricht und weil diese Filter dazu tendieren, Frauen einander eher anzugleichen. Der Effekt könnte dann sein, dass Zeugen, die es tatsächlich gut meinen, einfach nur sehr ähnliche Mädchen gesehen haben und die tatsächlich verschwundene Rebecca.

Ihr seht mich also wirklich unentschlossen in dieser Frage. Grund genug, um bei euch nachzuhören, wie ihr darüber denkt. Sollten Fahndungs-Fotos lieber absolut authentisch sein, oder könnt ihr nachvollziehen, dass mit aufgehübschten Fotos darauf gesetzt wird, die Aufmerksamkeit möglichst hoch zu halten? Schreibt es uns in die Kommentare.