40% fehlerhafte Teile? Die Produktion des Model 3 verzögert sich, berichten Tesla-Mitarbeiter

Die Produktion des Elektroautos Model 3 soll sich weiterhin verzögern, weil ein erheblicher Teil der von Tesla gefertigten Komponenten und Fahrzeuge aufwendig nachgearbeitet werden muss. Mitarbeiter berichten, dass überproportional viele Bauteile von spezialisierten Wiederaufbereitern vor der endgültigen Verschrottung bewahrt werden.

Die Produktion des Elektroautos Model 3 soll sich weiterhin verzögern, weil Tesla selbst einen überproportional hohen Teil fehlerhafter Komponenten fertigt. Dies berichtet der Fernsehsender CNBC unter Berufung auf mehrere aktuelle und ehemalige Mitarbeiter. Der Hersteller von Elektrofahrzeugen musste in der Vergangenheit viele mangelhafte Bauteile an darauf spezialisierte Wiederaufbereitungsanlagen überstellen, um deren endgültige Verschrottung zu verhindern, berichten die Quellen. Tesla bestreitet die Berichte.

Auf dem Elektroauto Model 3 ruhen die Hoffnungen der finanziell nicht sonderlich gut aufgestellten Kalifornier. Ursprünglich hatte das Unternehmen angekündigt, im Jahr 2017 zwischen 100.000 und 200.000 Einheiten des Fahrzeugs produzieren zu wollen. In den Monaten vor und nach dem offiziellen Start der Serienfertigung musste man die Prognosen immer weiter reduzieren.

Gründe für diese Verzögerungen seien u.a. Produktionsschwierigkeiten bei den dazu benötigten Batterien. Diese werden von Panasonic in der Gigafactory gefertigt. Nicht namentlich genannte Quellen hatten zudem darauf hingewiesen, dass es Unstimmigkeiten innerhalb der Führungsebene und Abstimmungsprobleme mit den Herstellern von Fertigungsanlagen gegeben habe. Im Rückblick gehen einige Automobil- und Produktionsexperten davon aus, dass Teslas Ambitionen zur Errichtung von besonders hochautomatisierten Fertigungslinien bisher nicht erfüllt werden konnten.

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In den zuletzt veröffentlichten Mitteilungen an Analysten und Investoren geht Tesla davon aus, dass man bis zum in Kürze anstehenden Quartalsende circa 2500 Model 3 pro Woche fertigen kann. Nac weiteren drei Monaten soll die die Produktion auf 5000 Einheiten pro Woche steigen. Die Produktion und Verfügbarkeit des Model 3 ist besonders zeitkritisch, weil die Bundesförderung in Höhe von 7500 US-Dollar für Fahrzeuge von Tesla in den kommenden Monaten auf 3750 US-Dollar halbiert wird. Wenig später wird sie nochmals sinken und beläuft sich dann auf nur noch 1875 US-Dollar. Interessenten könnten im Laufe dieser Reduzierungen ihre Reservierungen zurückziehen und ihre bereits getätigte Anzahlung von 1000 US-Dollar zurückverlangen.

Ein namentlich nicht genannter Tesla-Ingenieur schätzt, dass rund 40 Prozent der Teile, die in Teslas Fertigungswerk in Fremont hergestellt würden oder oder dort von externen Zulieferern angeliefert werden nachgearbeitet werden müssen. Sowohl die Überprüfungen als auch das Nacharbeiten führe zu langen Verzögerungen, wodurch sich wiederum die gesamte Produktion des Model 3 in die Länge ziehe. Ein weiterer Mitarbeiter des Tesla-Werks in Fremont bestätigte, dass die Fehlerrate des Unternehmens so hoch sei, dass die Produktionsziele nur sehr schwierig zu erreichen seien.

Um mit den Rückstand an fehlerhaften Teilen und Fahrzeugen fertig zu werden habe Tesla ganze Teams von Technikern und Ingenieuren aus seinen Servicezentren und von den Wiederaufbereitungslinien-Linien angewiesen, bei der Reparatur vor Ort in Fremont zu helfen. Zudem seien fehlerhafte oder beschädigte Teile von Fremont zu einer Wiederaufbereitungs-Einrichtung ins etwa 50 Meilen entfernte Lathrop geliefert worden, statt diese Teile “in-line” zu reparieren.

Die Schilderungen der aktuellen und ehemaligen Mitarbeiter sind insofern bemerkenswert, weil sich Elon Musk unlängst abfällig über die innerhalb der Automobilindustrie etablierten Produktionsprozesse geäussert hatte. Musk vertrat in einer Analysten-Konferenz die Ansicht, dass Tesla seine Fahrzeuge wesentlich schneller und somit weitaus effektiver fertigen werde als der Rest der Branche. Damit griff der CEO von Tesla mehr oder weniger direkt das Toyota-Produktionssystem an, das sich mittlerweile in unterschiedlichen Ausprägungen in der Fahrzeugfertigung und anderen Produktionsprozessen durchgesetzt hat.

Verkürzt zusammengefasst basiert das Toyota Produktionssystem auf dem Ansatz, dass Qualität bereits im Produktionsprozess entstehen muss. Dieses sogenannte Jidōka-Prinzip bedingt, dass neben einer konsequenten Fehlervorbeugung und Fehlervermeidung und einer ständigen Optimierung von möglichst standardisierten Prozessen ein konsequenter Produktionsstopp bei Abweichungen von der Zielvorgabe “Hohe Produktivität bei höchster Produktqualität und pünktlicher Lieferung” erfolgt. Optimierungen in den Zeitabläufen, die für die Produktion eines Fahrzeugs benötigt werden, werden durch eine Harmonisierung des Produktionsflusses (Heijunka), ein Pullsystem (Kanban), einen kontinuierlichen Materialfluss, vielseitig qualifizierte Mitarbeiter und die Eliminierung von Verschwendung (bei gleichzeitiger Erhöhung der Wertschöpfung) erreicht.

Der von CNBC befragte Lean Manufacturing Specialist Matt Girvan äußerte sich skeptisch zu den Schilderungen der Mitarbeiter. Seiner Ansicht nach rechtfertige der Startup-Status von Tesla nicht, dass es zu einem derart hohen Aufkommen an Nacharbeitungen kommen könne. Vielmehr seien die Schilderungen ein Indiz für interne Qualitätsprobleme, die es in dieser Form bei kaum einem Automobilhersteller gebe.

“Remanufacturing is not unique to Tesla, it is something that other manufacturers do too. Remanufacturing involves taking older parts and reconditioning them so they can be used for cars when they eventually come in for service. Rather than making new parts from scratch, this is good for the environment and if done well, is equally good for the customer. Any ‘expert’ claiming there is something unusual about this or that it has something to do with the quality of cars that come off a production line is either very confused or just completely wrong.” Tesla

Tesla bestritt in einer ersten Stellungnahme die Schilderungen der Mitarbeiter. Die eigenen Wiederaufbereitungsteams würden keine Autos überarbeiten. Jedes Fahrzeug werde einer strengen Qualitätskontrolle unterzogen, damit man “perfekte Autos für jeden Kunden” produziere. die meisten Kalibrierungen, die bei der finalen Inspektion vorgenommen würden, seien nur geringfügig und in Minuten erledigt. Man habe in der Vergangenheit die Effizienz der eigenen Produktion erheblich verbessert und benötige nun für die gleiche Zahl produzierter Fahrzeuge nicht mehr drei, sondern nur noch zwei Schichten mit wenigen Überstunden.

Bei der Vorlage der letzten Quartalszahlen Q4/2017 fiel auf, dass Tesla seine Produktion seit rund 18 Monaten nicht mehr gesteigert hat. Stattdessen sind in der Bilanz ausgewiesene Rekordverkäufe auf den Abverkauf von Lagerbeständen zurückzuführen.

Eine Besonderheit bei Tesla ist, dass das Unternehmen bewusst auf ein großes Netzwerk von Zulieferern, die Teile herstellen oder überholen könnten, verzichtet. Stattdessen betreibt Tesla einen erheblichen Teil der Komponentenfertigung selbst und ist dementsprechend auch für die Reparatur und Wiederaufbereitung der Bauteile zuständig. Dass die für die Fertigung und Aufbereitung zuständigen Mitarbeiter in der Fahrzeugproduktion eingesetzt werden wäre jedoch äußerst ungewöhnlich und wird von Tesla bestritten. Während Mitarbeiter von weitaus größeren Abteilungen berichten, beziffert Tesla die Zahl der Mitarbeiter in der Wiederaufbereitung mit 40.

Quelle: cnbc.com