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Finnland macht vor, wie man den Kampf gegen Fake-News gewinnt

Haben wir den Kampf gegen die Fake-News bereits verloren? Nein, wenn wir zum Beispiel nach Finnland blicken. Dort wehrt man sich ebenso tapfer wie erfolgreich gegen Missinformationen.

von Carsten Drees am 11. Juni 2019

Alternative Fakten, Fake-News, “postfaktisch” — es gibt verschiedene Begriffe für etwas, was im Grunde alles das Gleiche meint: Das übermäßige Verdrehen und Dehnen von Wahrheit bzw. das freie Erfinden von vermeintlichen Wahrheiten. Egal, ob es um politische Meinungsmache geht oder um vermeintlich Unverfängliches wie der Wetterbericht der Öffentlich-Rechtlichen: Stets werden wir mit Unwahrheiten konfrontiert. Unwahrheiten, die mal von Populisten lanciert und verbreitet werden, manchmal sogar aber von Regierungen.

Bei diesen Regierungen wird als erste grundsätzlich die Regierung Russlands als erste genannt, wenn es darum geht, sich mittels Falsch-Nachrichten in die Belange anderer Länder einzumischen. Während Russland diese Unterstellungen natürlich weit von sich weist, versuchen andere Länder — darunter auch Deutschland — mit gesetzlichen Regelungen gegen Fake-News vorzugehen und vor allem die großen US-Unternehmen wie Facebook und Twitter strenger in die Pflicht zu nehmen.

Heute wollen wir aber nicht darüber diskutieren, wie erfolgreich oder wie wenig erfolgreich sich das deutsche Bestreben entwickelt. Stattdessen blicken wir auf einen europäischen Staat, der direkter Nachbar Russlands ist und der auf dem besten Wege ist, den Kampf gegen die Fake-News — zumindest vorläufig — zu gewinnen.

Falls ihr gerade keine Zeit habt, diesen Artikel komplett zu Ende zu lesen, könnte ich es auch mal flott auf das Wichtigste begrenzen, was in Finnland funktioniert: Bringt den Leuten Medienkompetenz bei!

It’s all about the Medienkompetenz, stupid

Kann es wirklich so einfach sein? Ja, anscheinend! Wobei man fairerweise dazu sagen muss, dass Finnland nun wirklich kein typisches Land mit typischen Bewohnern ist, gerade was die Beziehung zu Russland angeht. Russland und Finnland teilen sich eine über 1.300 km lange gemeinsame Grenze und bis kurz vor Ende des ersten Weltkrieges gehörte Finnland als Großfürstentum zum Russischen Reich. Erst seit 1917 ist man unabhängig von Russland und ist es seit jeher gewohnt, dass man sich gegen Propaganda vom östlichen Nachbarn zur Wehr setzen muss.

Den kritischen Blick in dieser Hinsicht haben die Finnen also quasi schon in ihrer DNA. Die Tatsache, dass die Propaganda nun übers Internet stattfindet, hat für viele Menschen dort nichts Grundsätzliches verändert, sondern stellt lediglich eine neue Spielart der Verbreitung von falschen Informationen dar.

Aber damit ist es nicht getan und das hat man in Finnland schon relativ früh — nämlich bereits 2014 — festgestellt. Bzw. hat man es nicht erst 2014 festgestellt, sondern in diesem Jahr bereits die Weichen gestellt, um erfolgreich gegen Fake-News vorgehen zu können. In dem Jahr hat sich Russland die Krim eingesackt und spätestens da wusste man in Finnland, dass man was zu unternehmen hat.

Also initiierte man eine beispiellose Anti-Fake-News-Initiative und das bereits zwei Jahre, bevor sich Russland in den US-Wahlkampf einmischen konnte. Vergleicht das damit, wie souverän sich die deutsche Regierung derzeit bei allem präsentiert, was mit dem Internet zu tun hat, dann bekommt ihr eine Ahnung, wieso die Finnen uns zumindest in diesem Punkt so viel voraus sind.

Die Anti-Fake-News-Initiative richtet sich dann auch an das komplette Volk: Egal, ob Studenten und Schüler, Lehrer, Journalisten oder auch Politiker — jeder in Finnland lernt, wie man falsche von tatsächlichen Nachrichten unterscheiden kann. CNN hat sich das mal angeschaut und zwar bei einem Kurs, der im Espoo Adult Education Centre gegeben wurde.

Jussi Toivanen, in seiner Funktion als Chief Communications Specialist des Premierministers, sprach dabei nicht nur das Thema Russland und die Einmischung des Landes an. So lernte man dort beispielsweise auch, wie man Bots im Netz erkennen kann: Indem man drauf achtet, ob es inkonsistente Übersetzungen zu lesen gibt, Stock-Fotos verwendet werden, ob es an persönlichen Infos mangelt und wie viel Postings pro Tag rausgehauen werden auf dem Account. Desweiteren wurde im Unterricht besprochen, wie man Social-Media-Profile, Fotos und Videos als Fake entlarven kann und selbst Deepfakes waren bereits Thema.

Weiterlesen: Fake-Videos: Mit diesen 5 Tipps gehst du auf Nummer sicher

In der Klasse saßen Menschen, die ihre Schul- und Studienzeit größtenteils schon lange hinter sich haben. Aber der Kampf gegen Fake-News setzt schon deutlich früher ein und zwar bereits bei den Kids im Kindergarten. Toivanen sieht Kindergärtnerinnen und Kindergärtner bereits als “erste Verteidigungslinie im Kampf gegen Fake-News.

Klingt martialisch, wenn man vom Kampf und von Verteidigungslinien spricht, aber genau diese Frage stellen sich Finnen: Sind diese Fake-News ein Krieg, bei dem der Feind ins Land einmarschiert, nur auf einem anderen, digitalen Weg? Betrachtet man es so konsequent, kann man auch nachvollziehen, wieso die finnische Regierung so bestrebt ist, seine Bürger aufzuklären.

Bereits 2015 forderte Präsident Sauli Niinisto sein Volk auf, sich eigentverantwortlich im Kampf gegen Falschnachrichten zu engagieren, ein Jahr später holte er sich externe Hilfe in Form von US-amerikanischen Experten ran. Die haben dann Beamte und Behörden unterrichtet: Wie erkennt man Fake-News, wieso gehen sie viral und was unternimmt man dagegen?

In der Folge dann wurde das Bildungssystem umgekrempelt, damit eben auch die Jüngsten sofort ein Gespür dafür bekommen, wie wichtig Medienkompetenz in unserer Zeit sind. Auch hier auf dem Blog fordern wir das schon seit Jahren und es gibt sicher auch in Deutschland hier und da vernünftige Ansätze — einen flächendeckenden Kampf gegen Fake-News sehe ich hier aber weit und breit leider nicht.

Der CNN-Bericht findet ein weiteres Beispiel: In einer Klasse wurde kurz vor den EU-Wahlen besprochen, welche Schlüsselthemen besonders im Fokus stehen. Die Schüler ermittelten Brexit, Einwanderung, Sicherheit und Wirtschaft als relevante Schwerpunkte, dann wurden Gruppen gebildet, die sich jeweils mit einem dieser Themen befassten. Mit der Hilfe ihrer Notebooks und Smartphones stürzten sich die Schüler dann auf die News zum jeweiligen Thema und klopften sie entsprechend ab: Seriöse Quelle oder eher Fake.

Auf diese Weise vermittelt man den Schülern nicht nur, wie man eine Quelle verifiziert, sondern erzieht sie auch dahingehend, generell kritisch auf alles zu blicken, was man im Netz — oder sonst wo — hört und liest. Eigentlich sollte man meinen, dass wir alle genau wissen, was zu tun ist, wenn wir auf einen News-Artikel stoßen: Mal drauf schauen, auf welcher Plattform er veröffentlicht wurde bzw. von welchem Autor. Ein Blick auf weitere Beiträge auf der jeweiligen Seite zeigt uns meistens sehr schnell, woher der Wind weht. Außerdem sollte man immer nach weiteren Quellen suchen, die über das gleiche Thema berichten.

Aber leider ist das alles eben nicht selbstverständlich und genau deswegen ist es so wichtig, dass Medienkompetenz vermittelt wird und dass jeder — egal, ob jung oder alt — einen kritischen Blick auf Nachrichten entwickelt.

Aber wollen nicht Facebook und Co Fake-News sowieso beseitigen?

Klar, besonders Facebook trägt eine besonders große Verantwortung als die Plattform, über die sich der Löwenanteil an Fake-News verbreitet. Die Social-Media-Angebote sind natürlich in der Pflicht, Strategien gegen Fake-News zu entwickeln und wir wissen ja auch, dass diese Unternehmen das weit oben auf der Agenda haben (oder uns zumindest das Gefühl geben wollen, dass es oben auf der Agenda steht).

Egal, ob durch Personal oder durch KI: Das Erkennen und Beseitigen falscher Nachrichten auf diesen Plattformen wird natürlich auch weiterhin ein wichtiger Baustein sein im Kampf gegen Fake-News. Es ist aber eben auch nur ein Baustein, der allein nicht viel bringt, wenn wir nicht alle eine Grundkompetenz in der Art und Weise besitzen bzw. erlernen, wie man mit Medien umzugehen hat.

In Finnland ist man sich übrigens sicher, dass man Fake-News mit den guten Ansätzen nicht endgültig besiegt hat. Man sieht es als Teilerfolg, weiß aber eben auch, dass  auch die andere Seite nicht schläft und sich weiter entwickelt. Dennoch ist es schön zu sehen, dass es durchaus eben Mittel gibt, wie man gegen Fake-News erfolgreich vorgehen kann und — oh Wunder: Diese Mittel haben mit Information zu tun. Uns steht alles an Information im Netz jederzeit zur Verfügung. Wird höchste Zeit, dass wir in der Schule nicht mehr zu viele Stunden damit verschenken, Daten zu vermitteln, die sich sowieso jeder in Sekunden ergoogeln kann. Stattdessen gehört Medienkompetenz prominent auf jeden Stundenplan.

Mag sein, dass das nicht 1:1 von Finnland auf jedes andere Land übertragbar ist. Finnland steht ja schließlich nicht grundlos ganz oben oder zumindest ziemlich weit oben in etlichen Ranglisten, beispielsweise bei der Gleichberechtigung, beim gefühlten Glück, bei der Pressefreiheit und bei der sozialen Gerechtigkeit. Ein Demokratieverständnis lässt sich auch nicht ohne weiteres exportieren. Aber man kann jederzeit mit den richtigen Experten sprechen und sich diese Strategien gegen Fake-News beibringen lassen. Man muss halt nur mal damit anfangen.

Quelle: CNN

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