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Fleischersatz, Labor-Fleisch, Insekten: Fleisch-Freunde, gewöhnt euch dran

Immer öfter geht es den Fleischessern an den Kragen. Nicht nur Veganer fordern auf, zumindest partiell auf den Konsum von Fleisch zu verzichten. Ich finde, wir sollten uns daran durchaus langsam gewöhnen - also an den Gedanken von Alternativen zum klassischen Schnitzel oder Burger.

von Carsten Drees am 19. Dezember 2018

Da sitze ich jetzt vor meinem Rechner und schreibe  von oben herab und mit bestem Gewissen einen Artikel über Ernährung. Schließlich hab ich tatsächlich heute noch kein Gramm Fleisch zu mir genommen und meinen Magen eben erst mit einem Arabic (veganer Sojaeiweiß-Spaß in einer Teigrolle und köstlichster Sauce) und einer Kartoffel mit Knoblauch-Sauce gefüllt.

“Von oben herab” blicke ich natürlich dennoch nicht auf unsere Leserschaft. Tue ich allgemein schon nicht, aber speziell auch bei diesem Thema nicht, da ich ja vielen als Fleisch-Liebhaber bekannt bin und mir der erhobene Zeigefinger gerade diesbezüglich so gar nicht zusteht. Über Ernährung mag ich mich heute aber dennoch unterhalten, denn wenn wir hier auf dem Blog gern einen Blick auf die Welt von morgen werfen, dann gehört fraglos auch die veränderte Ernährung dazu.

Vielleicht stutzt ihr beim Term “veränderte Ernährung”, aber ich denke schon, dass sich da in den letzten Jahren einiges getan hat. Wenn schon alteingesessene Wursthersteller wie “Rügenwalder Mühle” mittlerweile einen großen Teil ihres Umsatzes mit fleischlosen Produkten erzielen und sich vegane Fleischersatz-Produkte in jedem Supermarkt finden, hat sich da zweifelsohne einiges verändert.

Immer mehr Menschen machen sich Gedanken über ihre Ernährung. Dabei geht es nicht ausschließlich darum, auf den Verzehr von Fleisch zu verzichten, sondern oftmals erst einmal intensiver darüber nachzudenken, welche Lebensmittel man so verputzt und wo sie herkommen. Das sage ich deswegen, weil wir auf eine Zeit zusteuern, in der es schwieriger und schwieriger wird, jedermann satt zu bekommen.

Bis 2050 müssen wir damit rechnen, dass zehn Milliarden Menschen diesen Planeten bevölkern. Und spätestens dann reden wir nicht “nur” darüber, dass man das Leid der Tiere beenden muss, die unter unwürdigsten Bedingungen ihr Dasein fristen, nur um dann von uns verspeist zu werden. Dann reden wir nämlich auch davon, dass wir möglichst regionale Produkte kaufen sollten und dass die Lebensmittel möglichst nachhaltig und effizient produziert werden müssen.

Die Frage des Standorts ist dabei eine sehr wichtige und all die, die sich derzeit so entschieden gegen gen-manipulierte Lebensmittel aussprechen, sollten bedenken, dass eine auf diese Art modifizierte Pflanze eben unter Umständen dafür sorgen kann, dass auch in kargsten Regionen kein Nahrungsmangel herrschen muss. Heute will ich mich aber weniger mit GMOs und mehr mit den Menschen beschäftigen, für die der Genuss von Fleisch zum Leben dazugehört und ja, selbstverständlich schließe ich mich da mit ein.

Aktuell müssen wir erkennen, dass jede dritte weltweit angebaute Pflanze der Futterbeschaffung dient. Futter für die Tiere, die wir anschließend verspeisen. Nicht der einzige Haken bei der Viehhaltung. Tagesschau.de fasst zusammen:

Schon jetzt zählt die Viehhaltung mit ihren Treibhausgasen zu den größten Klimakillern. Sie verbraucht ein Drittel der weltweiten Agrarfläche. Ein Drittel aller produzierten Pflanzen dienen als Viehfutter. Für ein Kilo Steak benötigt man 15.000 Liter Wasser. Trotz des ganzen Aufwands trägt Fleisch mit nur 18 Prozent zur weltweiten Kalorienzufuhr des Menschen bei.

Also ohne, dass wir über Ethik und Moral reden, kommen wir auch mit möglichst neutralem Blick zu der Erkenntnis, dass kein Weg dran vorbeiführt: Wir müssen weniger Tiere essen! Das lassen wir jetzt erst einmal ein wenig sacken und dann reden wir über drei Alternativen für unsere Ernährung, über die sich Hühner, Schweine und Rinder gleichermaßen freuen dürften.

Esst mehr Insekten

In dem hier verlinkten Video seht ihr gleich zwei deutsche Startups, die sich auf Produkte konzentrieren, deren Grundlage Insekten sind. TeneTRIO aus Potsdam produziert Leckerlis für Hunde und setzt dabei auf Mehlwürmer. Nachhaltigkeit ist bei der Wahl dieser Insekten ein wichtiger Punkt, aber nicht der einzige, denn u.a. sind sie auch eine großartige Proteinquelle. In dieser Grafik zeigt TeneTRIO auf, wie deutlich die Mehlwürmer aus eigener Zucht die Nase vorn haben gegenüber Rindern:

Sowohl beim Wasserverbrauch, bei den produzierten Treibhausgasen, beim Futterverbrauch als auch beim essbaren Anteil (die Würmer sind zu 100 Prozent essbar) liegen die kleinen Kollegen meilenweit vorne.

Die Frage ist jetzt natürlich: Können wir aber Menschen auch problemlos Essen aus Insekten anbieten? Dem Hund kann man so ein Leckerli aus Würmern locker unterjubeln – er weiß es ja nicht. Aber funktioniert es eben auch für den westlichen Gaumen, sich Insekten reinzuknuspern? Vermutlich habt ihr beim Thema “Insekten essen” auch direkt diese Bilder von fernöstlichen Straßenhändlern vor Augen, an deren Ständen man sich mit allerlei Krabbelzeug eindecken kann.

Ich behaupte mal, dass es schwierig wäre, sowas in Deutschland zu etablieren — also Insekten in dieser Darreichungsform. Der Trick ist daher, aus Insekten einen Rohstoff zu produzieren — wie es TeneTRIO eben auch macht — der nicht mehr auf Anhieb auf ein Insekt schließen lässt. Also keine Bange: Wenn ihr das nächste Mal irgendwo lest, dass Insekten das Nahrungsmittel der Zukunft sind, braucht ihr euch nicht ausmalen, wie es sich anfühlt, auf winzigen Flügeln oder Chitinpanzern herumzukauen.

Die Bugfoundation — ebenfalls aus Deutschland — macht es ebenso und verarbeitet dabei Buffalowürmer, die dann mit vegetarischen Komponenten kombiniert werden. Das Resultat ist der Insekten-Burger, den ihr oben auch als Artikelbild seht. Insektenmehl generell wird schon seit längerem verwendet und lässt sich nicht nur als Fleischersatz nutzen und somit in vielen Produkten unterbringen. Auch hierzu hab ich noch ein Video für euch, welches sogar schon drei Jahre auf dem Buckel hat:

Das Fleischprodukt ist tot – lang lebe das Fleischprodukt

Bei dieser Zwischenüberschrift, die ich mir aus Frankreich ausgeborgt und abgewandelt habe, wird vermutlich nicht direkt ersichtlich, worauf ich hinaus will. Es geht darum, dass wir künftig weniger Tiere verputzen — und trotzdem nicht auf Fleisch verzichten müssen. Das Zauberwort heißt “Laborfleisch” oder appetitlicher: in-Vitro-Fleisch.

Hierbei wird Fleisch einfach gezüchtet, euer Burger kommt also quasi aus der Petrischale. Gegenüber der üblichen Tierhaltung bietet dieses kultivierte Fleisch, über das man in diesen Tagen immer häufiger liest, klare Vorteile bei der Umweltbilanz, zusätzlich werden eben keine Tiere in Massen gehalten und getötet für dieses Fleisch. Geschmacklich ist man noch nicht ganz bei dem, was wir von einem guten Stück “echten” Fleisches gewohnt sind und auch preislich muss die Nummer noch attraktiver werden. Dann jedoch haben wir mit diesem kultivierten Fleisch einen ganz entscheidenden Baustein, um a) mit gutem Gewissen Fleisch essen zu können und b) die Ernährung der Weltbevölkerung sicherzustellen.

Mosa Meat aus den Niederlanden ist nur eines von mehreren Unternehmen, auf das sich die Industrie jetzt gierig stürzt, um zu investieren — nicht zuletzt in die eigene Zukunft. Für Mosa Meat gilt das gleiche wie für vergleichbare Unternehmen, die Fleisch auf diese Weise züchten: Die komplexen Strukturen wie bei einem Steak bekommt man derzeit noch nicht hin, aber es ist eben möglich, Hack ziemlich authentisch zu ersetzen. Was man tun kann, wenn man weder totes Tier möchte, noch auf Steak verzichten will, lest ihr unter dem nächsten Punkt. Zum Thema verweise ich derweil auf diesen Spiegel-Artikel, der mehr zum aktuellen Status Quo des In-Vitro-Fleisches verrät.

Übrigens bekommt das Labor-Fleisch in den USA längst grünes Licht, während sich in Europa sowohl Verbraucher als auch Politik noch ziemlich zieren, gezüchtetes Fleisch verspeisen zu wollen.

Lang lebe das Fleisch-Imitat

Wir haben jetzt über Labor-Fleisch gesprochen und über Insekten. Gerade letztere sind vermutlich nicht so glücklich damit, dass sie unseren Fortbestand sichern sollen, indem sie sich von uns essen lassen. Aber erfreulicherweise — sowohl für uns als auch für die Insekten — arbeiten Wissenschaftler weltweit auch weiter daran, Fleisch auf pflanzliche Weise zu ersetzen und das immer erfolgreicher.

Als ich kürzlich in San Francisco war, konnte ich einen “Impossible Meatball” essen. Der stammt wie der “Impossible Burger” von Impossible Foods und verzichtet komplett auf Fleisch, ist also rein pflanzlich. Geschmacklich gefiel mir das sogar richtig gut, wobei es Teil eines mexikanischen Menüs war, welches mit viel Sauce und sehr gut gewürzt daher kam. Soll heißen: Hier braucht es keinen starken Eigengeschmack, stattdessen ist die Struktur bzw. die Beschaffenheit des Produkts wichtiger.

Meiner Meinung nach merkte man schon, dass es nicht wirklich Fleisch war, aber es kam der Sache doch schon recht nah und ist durchaus ein ordentlicher Ersatz für Hackfleisch-Produkte. Aber kann man auch ein Steak durch pflanzliche Alternativen ersetzen? Ja, behauptet zumindest Birgit Dekkers, Lebensmittelforscherin an der Universität im niederländischen Arnheim gegenüber Tagesschau.de:

Die Textur von Fleisch ist besonders. Kauen führt zum spezifischen Geschmackserlebnis. Diese Textur ahmen wir nach. Mit diesem Mixer hier. Er wurde eigentlich entwickelt, um verschiedene Materialien zu verformen. Nur durch Zufall kamen wir dahinter, dass der Apparat auch Texturen herstellen kann. Birgit Dekkers

Eine Masse aus Sojaeiweiß wird hierbei auf 120 Grad erhitzt und zusammengepresst. Es besteht die Möglichkeit, die Richtungen vorzugeben für das Eiweiß, so dass letztendlich Fasern entstehen, die denen von Fleisch äußerst ähnlich sind. Neben Soja kommen alternativ auch Bohnen, Linsen, Sonnenblumen- und Raps-Samen zum Einsatz.

Serienreif ist das leider noch nicht, aber auf lange Sicht sollt ihr die so gefertigten Produkte dann natürlich auch in heimischen Supermärkten vorfinden.  Wie sich das geschmacklich verhalten wird, kann man durchs bloße Lesen dieser Story selbstverständlich nicht erkennen, aber ich bin tatsächlich guter Dinge, dass die Industrie in der Lage sein wird, diese Fleisch-Surrogate ansprechend zu würzen.

Schöne neue Fleisch-Welt?

Steuern wir jetzt also auf eine bessere Ernährungs-Welt zu, in der Tiere nicht mehr leiden müssen, ohne dass wir irgendwo Abstriche machen müssen? Jein, sag ich mal. Auch in 20 Jahren werden noch genügend Menschen Tiere verspeisen, dessen bin ich mir sicher. Aber es wird deutlich seltener passieren als heute, zumindest in westlichen Gefilden. Generell zieht der Fleischkonsum aktuell ja leider noch weiter an, gerade weil Länder wie China und Indien jetzt erst so richtig auf den Geschmack kommen.

Es gibt definitiv nicht nur den einen, einzig richtigen Königsweg bei der Ernährung. Weder ist das vegane Leben ein solcher Königsweg (erkundigt euch beispielsweise mal, wie viel Wasser für die Produktion von Avocados verbraucht wird), noch sind die in diesem Beitrag aufgezählten Wege das Allheilmittel.

Damit wir sowohl der Umwelt, als auch den Tieren was Gutes tun und gleichzeitig noch dafür sorgen, dass wir auch in 20 und 30 Jahren weltweit genügend auf dem Teller haben, müssen diese verschiedenen Punkte ineinander greifen. Wenn wir alle weniger Fleisch essen, beim Einkauf sowohl von Fleisch als auch anderen Produkten darauf achten, möglichst auf regionale Waren zu setzen und zudem auf die oben beschriebenen Alternativen zurückgreifen, können wir es schaffen, dass tatsächlich jeder Mensch auf diesem Planeten satt wird und wir weder der Umwelt noch den Tieren so großes Leid zufügen, wie wir es heute noch tun.

Persönlich würde ich mir jedenfalls wünschen, dass wir uns alle etwas mehr Mühe geben. Das gilt für Fleischesser wie mich, die einfach mal den ein oder anderen Tag auf Fleisch verzichten können und zudem darauf achten, was genau sie woher beziehen. Aber auch von Veganern und Vegetariern wünsche ich mir, dass sie sich mehr bemühen — gerade im Umgang mit uns Allesfressern. Natürlich ist das Rind nicht glücklich darüber, dass es als Burger auf meinem Teller gelandet ist. Aber man könnte zumindest auch anerkennen, dass jemand, der sonst jeden Tag Fleisch verspeist hat, jetzt vielleicht nur noch drei mal die Woche zum Steak oder Burger greift.

Durch verschiedene Diskussionen, die ich zum Thema schon auf Facebook geführt habe, weiß ich, dass wir es hier mit einem wunden Punkt im Leben von sehr vielen Menschen zu tun haben. Wie so oft gilt auch hier wieder: Weniger Schwarz-Weiß-Denken, weniger “ich muss mein Gegenüber von meiner Meinung überzeugen” und mehr richtiger Dialog — davon profitieren wir alle. Persönlich glaube ich, dass die oben skizzierten Wege wichtige Punkte darstellen, um den Planeten auch in einigen Jahren noch ernähren zu können. Falls ihr anderer Meinung seid, lasst es mich gerne wissen und verratet mir eure Ansätze.