1000 Musiker spielen "Learn to fly" von den Foo Fighters

Kommentar
Fliegen lernen – Von der Schönheit des Internets *Update*

Gerade in diesen Tagen ist das Internet oft ein hässlicher Ort: Offene Hetze gegen Flüchtlinge in allen Social Networks, Menschenjagd auf Großwildjäger, Gejammer und Empörung auf allen Kanälen und Anzeichen der Resignation bei vielen, die "dieses Internet" eigentlich so mögen. Höchste Zeit, mal wieder eine Lanze zu brechen für all das Tolle, für das das Internet eben auch steht.

Aktuell ist es wahrlich nicht immer schön, sich die Kommentare unter Artikeln von Spiegel Online und all den anderen großen Publikationen anzuschauen oder sich bei Facebook auf Wort-Schlachten einzulassen. Ressentiments gegen alles Unbekannte, am liebsten derzeit gegen Flüchtlinge, Aufrufe zum Handeln, die manchmal schon haarscharf an der Legalität vorbeigehen und eine Empörungskultur, die ich so wie gerade noch nie erlebt habe und die einen manches Mal verzweifeln lässt.

Woher kommt die Angst, dass einem der aus einem Krieg fliehende Mann hier in Deutschland meinen Job wegnehmen könnte? Woher kommt das Recht, sich im Netz über die Finanzpolitik eines kleinen Landes zu echauffieren, als wäre man selbst lange Jahre Finanzminister oder wenigstens einer der Wirtschaftsweisen gewesen und wie um Gottes Willen will man vor sich rechtfertigen, dass man selbst ein guter Mensch ist, wenn man (zu Recht!) das Abschießen eines stolzen Tieres nur als Sport verurteilt, gleichzeitig aber auf den Mörder dieses Tieres eine abscheuliche Menschenjagd veranstaltet, bei der einem das „geschieht ihm doch recht“ mehr als leicht über die Lippen kommt?

All das verstehe ich nicht und ich verstehe ebenfalls nicht den Hass, der einem entgegen schlägt, wenn man lediglich versucht zu gewichten und möglichst beide Seiten einer Medaille zu betrachten. Ich ertappe mich selbst manches Mal dabei, dass mich all das zermürbt und gelinde gesagt halte ich das für eine Katastrophe! Schließlich liebe ich diesen Ort – will man das Internet als solchen bezeichnen – seit vielen Jahren, weil ich dort jeden Tag so viel Neues sehen und lernen kann, weil ich dort unzählige Menschen kennen, schätzen und sogar lieben gelernt habe und nicht zuletzt, weil ich dank Internet mein Geld mit dem verdienen kann, was mir Spaß bereitet.

Höchste Zeit, mal ganz kurz inne zu halten und sich auf diese positiven Dinge zu besinnen, für die das Internet eben auch steht. Oft, wenn mir das Herz aufgeht, ich mich für einen anderen Menschen freuen kann oder einfach laut und herzlich lachen muss, dann passiert das, während ich online bin und auf diesen Bildschirm starre: Da, wo sich irgendwelche Idioten mit ausgedachten Vorurteilen über eine Islamisierung oder zu viele Flüchtlinge aufregen, gibt es eben auch die Gegenseite, die diese BILD-Zeitungs-Leser-Legionen in die Schranken weißt, wo sie nur kann und auf der sich auch die positiven Flüchtlings-Geschichten abspielen. Da, wo uns die Politik manchmal ohnmächtig wirken lässt, können wir uns online organisieren und vermitteln, dass wir geschlossen gegen eine schlechte Idee stehen.

Das Leben geht ziemlich schnell vorbei. Wenn man nicht ab und zu anhält und sich umsieht, könnte man es verpassen! Ferris Bueller

Ich will beileibe nicht meine Augen verschließen vor all dem Übel, welches da täglich tonnenweise neu ins Internet gekippt wird und gerade hier auf dem Blog wollen wir auch immer wieder aufs Neue den Finger in all die Wunden legen, die uns auffallen, aber manchmal muss man wirklich einfach mal kurz verschnaufen und auch die kleinen, schönen Dinge sehen und sich über sie freuen. Ein Beispiel dafür will ich euch auch bringen (und überlege, ob man als Gegenpol zu all dem Hass nicht jede Woche ein solches positives Beispiel bringen sollte), welches mich seit gestern begeistert.

Learn to fly – Fliegen lernen

Vermutlich sind die meisten von euch auch bereits über die Aktion „Rockin‘ 1000“ von Fabio Zaffagnini gestolpert. Der Musik-Fan hat 1000 italienische Musiker um sich versammelt, die allesamt live einen wundervollen Song der Foo Fighters spielen – als Appell an die Band, einmal in seine Heimat nach Cesena, Italien zu kommen, um dort ein Konzert zu spielen.

Rockin1000-made it

Bei dem Video, welches seit gestern fast 5 Millionen mal angeklickt wurde (okay, 10 x allein von mir) hatte ich – wie man im Ruhrpott sagt – das erste Mal die „Pisse in den Augen“, als ich nämlich die Musik gehört hab, die begeisterten Menschen sah und dem leidenschaftlichen Appell von Zaffagnini lauschte. Das zweite Mal war es jetzt soweit, als sich die Band um Dave Grohl (der spätestens seit seinem „Beinbruch? Ich spiel dennoch weiter“-Konzert eh im Godmode unterwegs ist) auf italienisch via Twitter zu Wort meldete mit einem „Wir sehen uns bald, Cesena!“

Auch solche Dinge passieren immer wieder im Internet und offline hätte es vermutlich weder den erfolgreichen Aufruf an all die italienischen Musiker gegeben, die an Rockin‘ 1000 beteiligt waren, ich hätte dieses tolle Video nie gesehen und Dave Grohl hätte wohl ebenfalls nie davon erfahren und die Foo Fighters wüssten immer noch nicht, dass es ein Örtchen wie Cesena gibt. Wenn ihr also das nächste Mal wieder in Rage geratet, weil euch die Dummheit so geballt entgegen schwappt: Vergesst nicht, dass uns dort auch immer wieder zumindest ein kleines Lächeln ins Gesicht gezaubert wird! Keine Ahnung, was ihr macht – ich jedenfalls wünsche euch ein großartiges Wochenende und schaue mir jetzt „Learn to fly“ zum 11. Mal an.

Update:

Ein kleines Update will ich euch der Vollständigkeit halber geben, denn Dave Grohl hat nicht nur per Twitter angekündigt, dass er mit seinen Jungs nach Cesena kommen will. „Davide“ legte auch ein Video nach, in welchem er sich für die Aktion bedankt, für sein schlechtes Italienisch entschuldigt und natürlich nochmal bekräftigt, dass die Band sich auf den Weg nach Cesena machen wird.