Freifunker helfen den Flüchtlingsunterkünften bei der digitalen Erstversorgung

Für uns ist es normal, über unser privates WLAN im Netz zu surfen. Selbst einige Meter vor unserer Wohnung haben wir noch Empfang. Unterwegs ein offenes WLAN zu finden ist eher selten in Deutschland, doch genau so ein freier Zugang zum Internet kann den Menschen in den Flüchtlingsunterkünften helfen. Wie das geht zeigen einige sehr erfolgreiche Projekte der Freifunker.
von Claus Morell am 14. September 2015

Was ist eigentlich Freifunk?

Freifunk ist eine nicht kommerzielle Initiative, welche hier in Deutschland ihren Ursprung in Berlin hat. Das Ziel von Freifunk ist der Aufbau und Betrieb eines freien Funknetzerwerkes. Ein Netzwerk, in dem es keine Zensur gibt, keine Überwachung, in dem Anonymität herrscht und jedes Datenpaket gleich wert ist. Freifunk baut auf das Pico Peering Agreement auf.

Pico Peering Agreement
Das Pico Peering Agreement ist eine Vereinbarung, die das Peering von Community-Netzen regelt. In der Vereinbarung ist festgelegt, dass alle Teilnehmenden freien Transit durch ihre Infrastruktur anbieten. Sie legen alle dazu notwendigen technischen Details offen und lassen den durchgeleiteten Datenverkehr unangetastet. Gleichzeitig übernehmen sie keine Gewähr für den korrekten Betrieb der Dienste und können sie jederzeit wieder einstellen.
Quelle: https://de.wikipedia.org

Die Technik hinter Freifunk ist so einfach wie genial. Jeder Freifunker stellt einen WLAN-Router zu Verfügung, installiert auf diesem eine freie Firmware von Freifunk und spendiert dem Router dann ein wenig der eigenen Bandbreite. Empfohlen bei der Installation sind 8000 kbit/s Downstream und 500 kbit/s Upstream, doch wer nur weniger freigeben möchte, kann diese bei der Installation angeben. Den Router nun am Fenster platzieren und schon ist man ein Mitglied der Freifunker Gemeinde.

Der anfallende Traffic wird von dem Freifunk WLAN-Router, dank der eigenen Firmware, verschlüsselt über einen VPN (Virtual Private Network) Tunnel an einem Freifunk Gateway versendet, dort wieder entschlüsselt und geht dann erst ins Internet. Die in Deutschland leider bekannte Störerhaftung umgehen die Freifunker mit diesen simplen Trick, denn der Absender des Traffics in das Internet ist das Freifunk Gateway, nicht aber der Aufsteller des WLAN-Routers. Freifunk tritt als ein so genannter Internet Service Provider (kurz ISP) auf und ist damit, wie jeder kommerzielle ISP auch, von Störerhaftung nach TMG §8 ausgenommen. Der Traffic kann nur bis zum Freifunk Gateway verfolgt werden, nicht aber bis zum WLAN-Router des Freifunkers.

Aber es kommt noch besser. Der eigene Freifunk WLAN-Router kann sich mit anderen Freifunk-Routern dank der Firmware ganz einfach verbinden. Je mehr von diesen Routern an den Fensterbänken stehen, um so dichter wird das Netz. Freifunker sprechen dann von einem Mesh-Netzwerk. In so einem Mesh werden die zur Verfügung gestellten Ressourcen optimal genutzt, da nach außen alle Freifunk WLAN-Router den gleichen Namen haben. Der Clou bei einem Mesh Netzwerk ist, dass man immer noch eine Verbindung zum Internet hat, auch wenn der eigene Internetanbieter zufällig eine Störung haben sollte.

Freifunker werden kann wirklich jeder, denn alles was benötigt wird, ist ein älterer Router. Wer nicht zufällig einen alten Router in der Ecke liegen hat, kann sich online einen passenden Router kaufen und auf diesem die Freifunk-Firmware aufspielen. Dabei sollte man aber erst mal ein wenig auf den Freifunker Webseiten surfen, denn die Firmware unterscheidet sich von Stadt zu Stadt. Ist die passende Firmware gefunden, muss diese nur noch für den Router + Hardware Version herunter geladen werden. Der Namen des Routers und dessen Hardware-Version stehen meist unten auf dem Router. Das Aufspielen der neuen Firmware ist wirklich einfach. Als Admin am Router anmelden, über das Menü nun die neue Firmware aufspielen und das war es schon. Statt der altbekannten Anmeldung wird der Admin nun von einer Freifunk-Seite begrüßt. Hier vergibt man einen Namen für den Router, welcher für die Freifunkkarte gilt, stellt ggf. den Down- und Upstream ein, speichert die Einstellungen und registriert im Anschluss noch die eigene Position, einen Nickname und seine Mailadresse.

Wem das zu viel, oder zu schwer ist, kann sich an seine lokale Freifunk-Gruppe wenden. Bei einem der zahlreichen Freifunk-Treffen wird jedem, der Probleme oder Fragen hat, geholfen. Einige Freifunk-Gruppen bieten sogar vorkonfigurierte WLAN-Server zum Selbstkostenpreis an. Wir reden hier nicht von einer Investition über 100 Euro oder so: Die einfachen WLAN-Router kosten keine 20 Euro.

Noch ein paar Worte zur Technik: Wie schon erwähnt, verschlüsselt der Router den Traffic. Eine Faustformel besagt: “Je günstiger der WLAN-Router, um so langsamer die Ver- und Entschlüsselung”. Das bedeutet, dass ein günstiges Gerät für 20 Euro ab X Nutzer durch die Verschlüsselung ausgebremst wird. Bei einer normalen Nutzung fällt das kaum auf, doch wer zum Beispiel seinen Laden mit Freifunk versorgen möchte, sollte sich lieber für einen WLAN-Router der Mittelklasse entscheiden.

Praktische Beispiele für ein eigenes Freifunk-Netz wären zum Beispiel ein einfacher Internetzugang für Freunde zu Hause, ein Mesh mit allen Nachbarn im Haus, im eigenen Laden ein Freifunk-Netz für seine Kunden anbieten, über längere Strecken kann sogar ein Richtfunknetz geschaffen werden, Orte mit schlechter Netzanbindung via Freifunk versorgen, oder den Menschen in den Flüchtlingsunterkünften einen Internetzugang bieten. Letzteres ist zur Zeit eine Mission einiger Freifunker und darüber möchte ich hier noch einige Worte fallen lassen.

Stellt Euch mal folgende Situation vor. Es gäbe Krieg hier in Deutschland und Ihr müsst mit Eurer Familie in ein anderes Land fliehen. Ihr habt nur noch das eigene Leben, zwei Koffer und ein Smartphone. In dem fremden Land würdet Ihr zwar irgendwie das Smartphone laden können, aber eine Karte mit Guthaben könntet Ihr Euch nicht leisten. Genau dann wärt Ihr über ein offenes WLAN glücklich. So könntet Ihr Euch zum Beispiel bei Euren Verwandten über Skype melden und im Kontakt bleiben. Ein freies WLAN ist ein Stück mehr Lebensqualität für Menschen, die sich das nicht leisten können.

Die Flüchtlingsunterkünfte hier in Deutschland, egal ob nun in einem Haus, Container, Schiff, oder gar in nicht winterfesten Zelten, haben meist keinen freien Zugang zum Internet. Man könnte fast sagen, das wir noch Flüchtlingsunterkünfte 1.0 in Deutschland haben.

Genau hier setzten einige Freifunker an und schaffen nun ein wenig Abhilfe. Privat und in ihrer Freizeit organisieren sie freie Zugänge zum Internet für Flüchtlinge. Hier in Hamburg wird unter anderem das Flüchtlingsschiff im Harburger Hafen, das Containerdorf beim Schwarzenberg und auch die provisorische Flüchtlingsunterkunft in der Messe Hamburg durch Freifunker versorgt. Das zur Verfügung gestellte Netz wird in den Unterkünften dankend genutzt und so fallen zum Beispiel täglich im Containerdorf beim Schwarzenberg um die 100 GB Traffic an.

Aber auch in anderen Städten wird schon die digitale Erstversorgung einiger Flüchtlingsunterkünfte durch Freifunker aufgenommen.

Vielleicht gefällt Euch der Gedanke, auch digital helfen zu können, denn oft ist es doch so, dass wir eh nicht unsere ganze Bandbreite brauchen. Bei Freifunk kann wirklich jeder mitmachen und ein wenig von der eigenen Bandbreite abgeben. Je mehr Freifunker sich um Flüchtlingsheime finden, um so besser wird deren Versorgung. Wenn Ihr Euch für dieses Thema interessiert, dann besucht einmal ein Treffen der Freifunker in Eurer Nähe.

Aber auch so ist Freifunk eine gute Sache, denn es gibt kaum ernsthafte Alternativen hier in Deutschland. Einige der großen ISPs rühmen sich mit ihren Hotspots, doch an diesen muss sich der Nutzer anmelden und hat zudem nur einige Freiminuten pro Tag. Bei Freifunk ist diese Serviceleistung kostenlos, es bedarf keiner Registrierung und es gibt keine Freiminuten pro Tag. Eine aktuelle Karte aller so genannten Freifunk-Knoten in Deutschland findet Ihr auf der Webseite Freifunk-Karte.

Eine große Frage bleibt noch offen. Was passiert, wenn die Vorratsdatenspeicherung kommt? Darauf haben die Freifunker zur Zeit keine richtige Antwort, aber schon einige Ideen. Eine wäre, den Freifunk-Traffic wie früher schon über ein anderes Land laufen zu lassen. Dann würde zum Beispiel der Traffic vom Router aus über einen Tunnel zu einem Gateway in die Niederlande geschickt. Bleibt zu hoffen, dass die Vorratsdatenspeicherung nicht kommt, denn das würde auch das Aussterben kleiner Internet Service Provider bedeuten.

Wer sich jetzt weiter informieren möchte, kann die Freifunker im Netz besuchen. Die zentrale Anlaufstelle ist http://freifunk.net/ und von dort erfahrt Ihr, wie Ihr eure lokalen Freifunk Gruppen erreicht.