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Fridays For Future: Alles Schulschwänzer und Klimahysteriker

Heute sind wieder überall in Deutschland und anderen Ländern Tausende Kids im Rahmen von #FridaysForFuture auf die Straße gegangen. Es gibt aber auch zunehmend mehr Gegenwind und meistens ist dieser nicht ganz nachvollziehbar.

von Carsten Drees am 5. April 2019

Ernsthaft? Der Ochse schreibt schon wieder über diesen Klima-Scheiß und über die Kinder und Jugendlichen, die freitags die Schule schwänzen? Jau, mach ich – solange, bis es uns allen aus den Ohren wieder rauskommt und wir uns überlegen, allein schon deswegen der Wurzel des Übels zuleibe zu rücken.

Die Wurzel des Übels ist nichts anderes als der Teil des Klimawandels, der vom Menschen gemacht ist. Mehr als einmal habe ich hier angesprochen, dass uns langsam die Zeit davon läuft und mehr als einmal werdet ihr das auch in Zukunft noch ertragen müssen. Wenn ich das richtig beobachte, dann wächst die FridaysForFuture-Community stetig weiter und entwickelt sich so langsam zu einer großen, weltumspannenden Umweltorganisation, an die sich im Schlepptau auch noch die Organisationen ScientistsForFuture und ParentsForFuture dranhängen.

Gleichzeitig scheint aber auch der Unmut gegen diese jungen Umweltschützer zu wachsen, genau wie die Zahl derer, die mit kruden Argumenten und Begründungen das kleinreden wollen, was die Kids und die jungen Erwachsenen da derzeit auf die Beine stellen.

Nach wie vor wird sich auch immer wieder an der Person der Greta Thunberg gerieben, die zuletzt nicht nur als Klimaschutz-Aktivistin auffiel, sondern auch für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde sowie bereits andere Preise wie die “Goldene Kamera” einsacken konnte. Diese Preise sind natürlich ein gefundenes Fressen für diejenigen, die gierig auf alles warten, was man der Schwedin vorwerfen könnte.

Aber ganz ehrlich: Wenn ihr ein ernsthaftes Anliegen hättet: Würdet ihr auch nicht alles dafür tun, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen? Der Planet hat nur eine Chance: Dass wir unsere Klimaziele bis 2030 sicher erreichen oder besser sogar vorher schon. Und die Kids haben nur eine Chance, uns alle darauf aufmerksam zu machen und das ist die Chance, die sie derzeit zu nutzen versuchen.

Aufmerksamkeit ist dabei das A und O und genau das ist der Grund, wieso die engagierten Teenager Schulstunden dafür opfern und nicht etwa ihre Freizeit. Genau das ist der Irrglaube der vielen Kritiker: Die denken nämlich, dass da eine Generation von Blaumachern heranwächst, die nicht genug lernt, um später einmal einen vernünftigen Job zu ergattern.

Natürlich werden unter den Schülern welche sein, die das einfach gerne mitnehmen, dass kein Unterricht stattfindet bzw. man sich diesem Unterricht so entziehen kann. Aber der Punkt ist nicht, dass diese Kinder nichts lernen, weil sie auf der Straße stehen. Es ist genau umgekehrt: Sie stehen auf der Straße, weil sie die Schule nämlich bislang so gut gemeistert haben, dass das dadurch angehäufte Wissen ihnen verbietet, die Gefahr für unsere Umwelt zu ignorieren. Und immer wieder werden die Ansprechpartner von FridaysForFuture auf das Schuleschwänzen angesprochen — es IST also definitiv so, dass es mehr Aufmerksamkeit bringt, während der Schulzeit zu demonstrieren und nicht am Wochenende.

Schulschwänzer und Klimahysteriker

Vielleicht habt ihr gestern zufällig bei Lanz reingeschaltet. Dort waren u.a. Christian Lindner und die Klimaschutz-Aktivistin Luisa Neubauer zu Gast und duellierten sich natürlich eifrig. Ich fand es erstaunlich, wie gut sich ein Neuling vor der Kamera wie Luisa dort gegen den Polit-Profi Lindner behauptete. Das geht nicht, wenn man blind in Klimahysterie verfällt oder einfach nur genießen möchte, dass man freitags keine Schule hat. Das geht nur dann, wenn man sich mit Wissenschaftlern austauscht und die Fakten paukt, die es zur aktuellen Klima-Situation zu wissen gibt.

Und ja, ich glaube auch, dass sie Christian Lindner zum Ende der Sendung auch ein wenig zum Grübeln gebracht hat. Weil es nicht um “Wir gegen die” geht, sondern “wir alle gemeinsam für diesen Planeten”. Das kommt in einem Politiker-Kopf nicht so einfach an, fürchte ich. Da sind die Synapsen irgendwie anders verknüpft und eher darauf programmiert, dass man auf einen politischen Gegner zeigen kann. Hier geht es aber nicht ums Streiten und um Konflikte, sondern darum, genau diese zu überwinden und einen gemeinsamen Weg zu finden.

Und mal ehrlich und ganz unabhängig vom Thema: Wer klingt eher so, als würde er die Welt retten wollen — der, der mit dem Finger auf andere zeigt und sie wahlweise als Hysteriker, Schulschwänzer oder Amateure verunglimpft, oder doch eher der, der sagt: “Wir haben mit den Experten zum Thema gesprochen und wir finden, dass wir auf sie hören sollten”. Eben — sehe ich auch so.

Wenn ich davon rede, dass sich die Kritik an den Kindern in den letzten Tagen gehäuft hat, dann bedeutet das auch, dass ich immer wieder sehr krude Argumente gehört habe, wieso Fridays For Future Quatsch ist. Was natürlich stimmt: Es ist nicht regelkonform, der Schule fernzubleiben — unabhängig davon, ob man in der Stadt cornern will, oder ob man demonstrierend die Welt retten möchte.

Das darf aber jetzt nicht der Punkt sein, wenn ihr mich fragt. Immer wieder wird argumentiert, dass die Kids zur Schule gehen sollen, damit sie eines Tages so viel Wissen, dass es ihnen a) einen guten Job bringt und b) sie in die Lage versetzt, tatsächlich den Planeten retten zu können. Sorry, aber das ist leider hanebüchener Unsinn. Wenn jetzt eines dieser Kinder noch drei Jahre zur Schule geht und dann noch sechs Jahre studiert, braucht es sich keinen Job mehr suchen, mit dem man den Klimawandel stoppt, wenn sich vorher niemand drum gekümmert hat.

Wenn ich sehe, dass auf der Straße ein Mensch angefahren wird, leiste ich ja schließlich auch erste Hilfe und hole einen Arzt — und gehe nicht etwa studieren, damit ich ihm in ein paar Jahren als Chirurg behilflich sein kann. Die Zeit läuft uns davon und genau jetzt müssen die richtigen Dinge unternommen werden — nicht in zehn Jahren!

Was ich ebenfalls oft lese und was mich noch wütender macht: Die Kids demonstrieren nur, weil es gerade “cool ist”, etwas für den Umweltschutz zu tun und die Eltern unterstützen das nur, weil sie nicht unangenehm vor den anderen Eltern auffallen wollen. Sorry, da packe ich mir an die Birne. Wir können uns darüber aufregen, dass es Kids gibt, die es cool finden, irgendwann in einem Clan mitzulaufen und kriminell zu werden und wir können uns über die aufregen, die es cool finden, gegen Ausländer und pauschal gegen alles Fremde zu hetzen. Aber wir dürfen doch bitte keinem Menschen vorwerfen, dass er es cool findet, die Welt ein bisschen besser zu machen, oder?

Und das Argument mit den Eltern ist natürlich auch kompletter Quatsch bzw. überhaupt kein valides Argument. Genau wie jede andere Gruppe in der Bevölkerung ist auch die Gruppe der Eltern keine homogene Menge, die gleich tickt und genau das selbe möchte. Wenn sich ein Elternpaar also entscheidet, das Kind bei seinen Demonstrationen unterstützen zu wollen, dann doch deswegen, weil man dahinter steht — und nicht, weil man vor anderen Eltern cool rüberkommen möchte.

Dann gibt es noch das immer selbe Geschwurbel, in dem davon geredet wird, dass die Kids zwar freitags für die Umwelt bzw. für die Einhaltung der Klimaziele demonstriert, sich aber ansonsten im SUV der Eltern chauffieren lässt und zwei mal im Jahr in Urlaub fliegt bzw. am besten noch auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs ist.

Wie kann man sich nur so viel Mist an den Haaren herbeiziehen, der durch keine Zahlen oder Fakten zu untermauern ist und wie kann man wirklich glauben, dass das ein besseres Argument ist als: “Wir glauben den Wissenschaftlern, die das seit Jahren schon sagen und wir möchten einfach, dass die Politiker den Wissenschaftlern zuhören”.

Es geht hier nicht um Ökonomie, nicht um Arbeitsplätze und am allerwenigsten geht es darum, Wähler für die eigene Partei zu gewinnen. Ich versuche es nochmal mit einem meiner berühmten, weit hergeholten Beispiele: Wenn ich bei einem Unfall so schwer verletzt werde, dass ich die Wahl habe, mir ein Körperteil amputieren zu lassen, oder an den Unfallfolgen zu verrecken — wie würde ich mich wohl entscheiden?

Mein Leben wäre danach beschissener, weil mir ein Arm oder ein Bein fehlt, aber ich würde leben. Ähnlich ist es mit unserer Gesellschaft und dem Klima auch: Wir können die Nummer komplett an die Wand fahren und zulassen, dass der Klimawechsel nicht mehr rückgängig zu machen bzw. nicht mehr einzudämmen ist, dass unzählige Arten sterben und viele Menschen ihre Heimat verlieren (PS: Ratet mal, wohin diese Klimaflüchtlinge sich dann auf den Weg machen würden?) Oder — und das ist die unerfreuliche Alternative dazu: Wir nehmen in Kauf, dass wir uns in unserer Bequemlichkeit einschränken müssen, dass viele Unternehmen vielleicht weniger verdienen und viele Menschen ihre Jobs verlieren könnten. Aber wie man es dreht und wendet — es bleibt das kleinere Übel. Ein Planet mit Arbeitslosen ist nun mal deutlich besser als überhaupt kein Planet.

Sorry, dass ich hier schon wieder so eine lange Text-Tapete runtergeschrieben habe mit Dingen, die doch eigentlich allesamt so offensichtlich sind. Aber wenn jedes mal bei dieser Thematik ein Mensch hängenbleibt, der dadurch umdenkt und ein kleines bisschen anders agiert, dann ist doch schon viel erreicht.

Das ist übrigens auch noch so ein Punkt, der mich gerade nervt und das möchte ich abschließend noch sagen: Immer wieder wird Freunden der FridaysForFuture-Bewegung vorgeworfen, dass sie ein Smartphone besitzen, ein Auto fahren oder in Urlaub fliegen. Dazu nur noch so viel: Jeder muss sehen, was er persönlich tun kann. Ich schreibe diese Artikel, um Aufmerksamkeit fürs Thema zu generieren. Mittlerweile gehe ich sogar auch auf die Straße, ich versuche, Plastikmüll zu vermeiden und versuche, beim Essen mehr auf Qualität und auf regionale Produkte zu achten. Ich kenne eine Fantastilliarde Menschen, die sich konsequenter fürs Klima einsetzen, aber ich bessere mich und ich mache Schritte in die richtige Richtung. Genau das möchte ich von euch allen: Tut alle genau das, was ihr schaffen könnt — und haltet anderen nicht vor, wenn sie doch einen Flieger besteigen oder einen Salat aus einer Plastikbox fressen.

Ach ja, und lasst die demonstrierenden Kids in Ruhe bzw. unterstützt sie. Die sind nämlich nicht die Idioten — wir sind es, die den Arsch nicht hochkriegen und seit vielen Jahren dabei zusehen, wie unsere Regierung die Klima-Nummer brutal an die Wand fährt!

PS: Das Artikelbild habe ich vorhin hier in Dortmund geschossen. Richtig klasse, dass auch hier bei Fridays For Future Dortmund wieder Hunderte auf der Straße waren und dass sich hinter den Kids auch wieder Lehrer und Eltern einreihten!