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#FridaysForFuture: Es ist 5 vor 12 – und wir arbeiten uns an Greta ab?

Greta Thunberg polarisiert gerade die Menschen. Ich verstehe den Hass auf dieses Mädchen nicht und frage mich, wieso so Viele ihre Prioritäten so merkwürdig setzen. Ein Kommentar.

von Carsten Drees am 15. Februar 2019

Da ist sie wieder, die kleine, 16-jährige Göre aus Schweden. Quatscht seit einem halben Jahr unter dem Hashtag #FridaysForFuture vom Klimawandel und dass wir uns am Riemen reißen sollen. Nebenbei stiftet sie europaweit andere Teenager dazu an, freitags die Schule zu schwänzen. Angeblich, um ein Zeichen für die Umwelt zu setzen und um gemeinsam für die Einhaltung des Pariser Abkommens zu kämpfen, aber wir wissen es natürlich besser: In Wirklichkeit sind das alles faule Blagen, die jede Gelegenheit nutzen würden, um nicht in die Schule zu müssen.

Und was ist das überhaupt für ein Mädchen, diese Greta? Vor ein paar Wochen ist sie erst 16 Jahre alt geworden und glaubt, dass sie mit ihrer altklugen, besserwisserischen Art die Welt rettet, indem sie Phrasen drischt und selbst überhaupt keine Lösungen anbietet. Dann hat sie auch noch das Asperger-Syndrom und ist demzufolge gar nicht in der Lage, vernünftig sozial zu interagieren. Zu guter letzt wird sie instrumentalisiert: Zunächst mal von ihren Eltern selbstverständlich und dann auch von all diesen Klima-Irrsinnigen mit ihren Weltuntergangsfantasien.

Ob ich so denke? Um Gottes Willen, natürlich nicht. Aber so wird gedacht. Tausendfach, millionenfach! Ihr schlägt eine Breitseite des Hasses entgegen, was immer sie auch tut. Erfreulicherweise inspiriert diese junge Frau auch sehr, sehr viele Menschen und bewegt somit wirklich was. Aber es macht mich wahnsinnig, dass sie von so vielen für wirklich jede Kleinigkeit an den Pranger gestellt wird. Das Browser Ballet hat sich all diese Hater in diesem Video schön vorgeknöpft und deren “Argumente” ad absurdum geführt:

Es ist in der Tat absurd: Ich weiß, dass ich mir heute als gestandener Mann noch in die Hose mache, wenn ich vor zehn Leuten sprechen soll. Dieses kleine Mädchen hingegen stellt sich vor die Weltöffentlichkeit, spricht beispielsweise beim Weltwirtschaftsforum in Davos und wirkt dabei so routiniert, als macht sie das seit 20 Jahren.

Apropos Davos: Ihre Kritiker haben sie dafür angezählt, dass sie zwar auf der einen Seite die Welt retten möchte, auf der anderen Seite aber mit umweltschädlichen Flugzeugen unterwegs ist, um in Davos kluge Reden zu schwingen. Wahr ist, dass sie sich 65 Stunden lang in den Zug gesetzt hat, um von Schweden in die Schweiz zu gelangen. Und was machen die Kritiker? Suchen sich sofort das nächste vermeintliche Argument und kritisieren allen Ernstes, dass sie ihre Verpflegung in einer Plastikbox aufbewahrt. Geht’s noch?

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Lunch in Denmark.

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Aber ehrlich gesagt wundere ich mich schon gar nicht mehr, wenn nur vermeintlich besorgte Bürger ihren Hass ins Netz rotzen und aus den unmöglichsten Gründen ein kleines Mädchen beschimpfen. Gerade von Rechts bekommt sie nämlich derzeit eine Breitseite nach der nächsten. Viel schlimmer ist es hingegen, wenn gestandene Polit-Profis wie Paul Ziemiak ebenfalls über sie spotten.

Der ist wahrlich kein kleines Licht, sondern immerhin Generalsekretär der CDU. Ihm passte es nicht, dass Greta den deutschen Kohlekompromiss, der einen Ausstieg aus der Kohle bis zum Jahr 2038 vorsieht, als absurd bezeichnet hat. Sie habe nur ideologisch gedacht und nicht berücksichtigt, dass auch Arbeitsplätze an der Nummer hängen und irgendwer den Ausstieg auch bezahlen muss.

Schade, dass es diese ideologischen Menschen anscheinend in der CDU nicht mehr gibt, denn dann hätten wir nicht so viele Jahre beim Klima, bei der Digitalisierung und beim Umbau des sozialen Systems verpennt in den Merkel-Jahren. Die “weiter wie gehabt”-Politik fliegt uns derzeit an allen Ecken und Enden um die Ohren und gerade die CDU-Elite erinnert immer wieder an die Kapelle auf der Titanic, die noch fröhlich zum Tanz aufspielt, während um sie herum alles in die Rettungsboote hechtet.

Ach so, ich komme noch mal kurz auf den Punkt mit den Arbeitsplätzen zurück, die ja an der Kohle hängen. Wenn weniger Lobbyismus betrieben wird, ist man nämlich auch in Deutschland nicht wirklich geizig, wenn es ums Rasieren von Jobs geht, wie ihr diesem Facebook-Post inklusive Grafik entnehmen könnt:

Das Argument “Arbeitsplätze” wird also immer genau dann bemüht, wenn es schön in die eigene Agenda passt. Ist nichts Neues, aber das macht es ja nicht weniger unappetitlich. Ähnlich sieht es mit den Schulen aus: Unser Schulsystem ist ziemlich im Eimer. Ich will da jetzt gar nicht in die Tiefe gehen und darüber diskutieren, dass der klassische Frontalunterricht ebenso ausgedient hat wie die starren Lehrpläne. Wichtiger ist mir in diesem Zusammenhang, dass man es verschläft, rudimentäre Dinge geregelt zu bekommen — beispielsweise dafür zu sorgen, dass nicht so viele Unterrichtsstunden aufgrund fehlender Lehrer ausfallen.

Wenn sich aber eine Bewegung wie #FridaysForFuture entwickelt und mehr und mehr Kids an den Freitagen den Schulen fernbleiben, um zu demonstrieren, dann sieht man mindestens den Untergang des Abendlandes gekommen. Als ob die Kinder und Jugendlichen automatisch verblöden würden, wenn sie ein paar Stunden in der Schule fehlen.

Nicht falsch verstehen: Natürlich wird es unter den Demonstranten auch genügend Jungs und Mädels geben, denen es wohl ein bisschen um das Klima geht, aber hauptsächlich um eine willkommene Freistunde. Und es ist darüber hinaus auch nicht zu billigen, dass beliebig Schule geschwänzt wird. Aber ich erwarte nicht, dass die Jugendlichen Europas freitags für die Umwelt demonstrieren, montags für soziale Gerechtigkeit und dienstags für Menschenrechte etc.

Wir kennen das von den Streiks: Damit sich Dinge ändern, muss man manchmal dahin gehen, wo es wehtut. Die 16-jährige Greta hat es verstanden, denn sie will nicht, dass wir zu optimistisch in die Zukunft sehen, wenn es ums Klima geht. Sie will ganz bewusst die Panik in die Köpfe der Menschen pflanzen. Das halte ich für legitim, denn es handelt sich hier nicht um die Art Panik, die von Populisten geschürt wird. Es handelt sich um die Art Panik, bei der man sich wundert, dass sie nicht schon längst jeden Menschen auf diesen Planeten unruhig schlafen lässt.

Es ist fünf vor Zwölf und wir sind tatsächlich alle gefragt. Neulich schrieb ich einen Artikel darüber, dass ja irgendwie jeder von uns ein schlechter Mensch ist, wenn man es so streng nimmt, wie es von so vielen Berufs-Echauffierern derzeit gesehen wird. Aber die Welt ist noch längst nicht im Eimer, nur weil wir immer noch Plastik nutzen, immer noch Fleisch fressen und immer noch drei mal im Jahr in den Urlaub fliegen. Wenn wir alle ein bisschen mehr auf den Planeten achten, den Politikern in den Hintern treten, dabei gleichzeitig den eigenen hochbekommen, dann bekommt man auch diesen Karren noch aus dem Dreck gezogen.

Genau dazu brauchen wir noch viel mehr Gretas, die ideologisch an die Sache gehen und weniger Hater. Greta hier, Klimawandel da — ich kann mir denken, dass euch das langsam zum Hals rauskommt, aber ich werde hier auf dem Blog weiter trommeln. Vielleicht so lange, bis wir alle demonstrierend auf den Straßen stehen und nicht nur ein paar Schülerinnen und Schüler. Da müsst ihr leider alle durch. Und zum Schluss lasse ich sie selbst nochmal zu Wort kommen, denn Greta hat sich sehr ausführlich zu diesen Anfeindungen und den vermeintlichen Argumenten der Kritiker geäußert, außerdem stellt sie noch einmal klar, dass sie für sich selbst steht und nicht etwa vor irgendwelche Karren gespannt wurde.