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#FridaysForFuture: Weiter so, Kids – ohne euch schaffen wir es nicht

Mehr als 3.500 Schulkinder waren heute allein in Hamburg auf den Straßen, um unter dem Motto #FridaysForFuture für das Erreichen der Klimaziele zu demonstrieren. Wir brauchen diese Kids, denn allein schaffen wir es ganz sicher nicht.

von Carsten Drees am 1. März 2019

Immer öfter unterhalte ich mich mit intelligenten Menschen darüber, was unserer Meinung nach in Deutschland derzeit verkehrt läuft. Und immer öfter kommen wir dann irgendwann in der Diskussion an den Punkt, an dem wir uns fragen, wieso in Deutschland eigentlich niemand auf die Straßen geht — oder zumindest viel zu selten.

Wieso konnte eine Bewegung in Deutschland erwachsen, die gegen die “Islamisierung des Abendlandes” zu Tausenden durch hauptsächlich ostdeutsche Straßen zieht — nicht aber eine Bewegung gegen unverschämt hoch steigende Mieten oder eine Bewegung für soziale Gerechtigkeit, für sichere Renten oder was auch immer. Kann man das mit “wir sind irgendwie nicht so” abtun, dass wir zwar mehr und mehr über die tatsächlichen Probleme sprechen, aber nicht so leicht selbst auf die Straßen gehen? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.

Jeden Tag denke ich viel über unser Land, unsere Gesellschaft und unseren Planeten nach. Einfach, weil ich sowieso News-Junkie bin und weil es mich eben interessiert, was um mich herum los ist. Daher bekomme ich immer — für mein Empfinden — zeitig mit, wo der Karren gerade im Dreck steckt und überlege mir in der Folge halt auch, wie eine Lösung aussehen könnte.

Was aber tue ich darüber hinaus, um diese Probleme zu lösen oder zu lindern? Genau — nicht viel leider. Sprechen wir doch konkret über das Thema, um das es auch bei #FridaysForFuture geht: Die Zukunft unseres Planeten! Ich probiere, weniger Fleisch zu essen, weniger Plastikmüll zu produzieren, nach Möglichkeit die Bahn dem Flugzeug vorzuziehen und ähnliches. Das rettet nicht den Planeten und lässt mich auch nicht mit gutem Gewissen schlafen. Dennoch glaube ich, dass wir ganz viele von diesen kleinen Schritten brauchen, damit sich im Ganzen was ändert.

Aber es ist nicht genug. Selbst, wenn ich nur noch im Home-Office sitze und komplett aufs Reisen verzichte, wenn ich nur noch regionale Lebensmittel verspeise und überhaupt keinen Plastikmüll mehr produzieren würde, wäre die Welt nicht gerettet. Auch dann nicht, wenn 80 Millionen Deutsche mitmachen würden.

Das liegt daran, dass es ein paar Stellschrauben gibt, die so weit außerhalb unserer Reichweite sind, dass wir sie einfach nicht erreichen können. Stellschrauben, an die man nur gelangt, wenn man in der Politik die Geschicke seines Landes mitbestimmen kann. Das bedeutet, dass man Politiker — möglichst auf Bundesebene — sein muss, damit man zu einer Verbesserung der Situation beitragen kann.

Und genau da wird es haarig in einem demokratischen Staat, wie es unsere Bundesrepublik nun mal ist. Wir wählen unsere Volksvertreter und dann schauen wir ihnen halt dabei zu, wie sie um Kompromisse streiten. Viele Wähler bedeuten eben auch viele verschiedene Ideen, in welche Richtung sich das Land bewegen sollte. Politiker müssen es also ihren Wählern erst einmal recht machen, müssen es gleichzeitig der Industrie recht machen und müssen dann auch noch damit zurechtkommen, dass vielleicht andere Länder ganz andere Dinge erreichen wollen.

Wenn ein Donald Trump sein Land wirtschaftlich an die Wand fährt mit seiner Ego-Politik, dann ist das auch für uns Europäer interessant, kann unserer eigenen Wirtschaft aber mitunter sogar helfen. Wenn derselbe Donald Trump aber den Klimawandel leugnet und aus dem Pariser Abkommen aussteigt, bekommen wir das hier nicht kompensiert — nicht in Europa und erst recht nicht in Deutschland allein.

Damit will ich sagen, dass wir zwar viel und gern auf die Politiker in unserem Land schimpfen, sie aber auch einen denkbar undankbaren Job haben, bei dem sie es nicht schaffen können, es allen gleichzeitig recht zu machen. Dummerweise — und da wird es eben ärgerlich für uns — hören die Politiker zwar durchaus zu — aber den falschen Leuten. Solange die Industrie und deren Lobbyisten teilweise die Gesetzentwürfe in die Blöcke diktieren können, werden sich grundlegende Dinge einfach nicht ändern können.

Auch hier wieder: Ich unterstelle der Politik keine böse Absicht. Wenn die Auto-Lobby beispielsweise vorrechnet, wie viele Jobs draufgehen könnten, wenn man bestimmte Änderungen vornimmt (Tempolimit, Förderung von E-Autos, Dieselfahrverbote, you name it), dann klingt das für Politiker eben auch erst einmal sehr schlüssig. Man will schließlich wiedergewählt werden und Leute, die wegen politischen Veränderungen ihren Job verlieren, wählen tendenziell nicht nochmal die selbe Partei, die ihnen das angetan hat.

Genau da kommen jetzt die Kids ins Spiel, die seit Monaten in Europa auf die Straßen gehen und zunehmend öfter auch in Deutschland den Freitag in der Schule schwänzen, um fürs Einhalten der Klimaziele zu kämpfen. Jenseits von Lobbyisten und Hinterzimmer-Deals gibt es nämlich noch was, was Politiker zum Umdenken bewegen kann: Bilder wie die von Greta Thunberg, die im letzten Sommer damit begann, alleine in Stockholm zu demonstrieren und nun eine riesige Bewegung ausgelöst hat.

#FridaysForFuture: Es ist 5 vor 12 – und wir arbeiten uns an Greta ab?

Das sind Bilder, die um die ganze Welt gehen und nicht zuletzt dank ihrer markigen Ansagen ist Greta trotz ihres geringen Alters derzeit wohl die berühmteste Klima-Aktivistin auf diesem Planeten. Diese Kids, die auch heute zu Tausenden auf die Straße gegangen sind, labern dabei auch nicht irgendwelchen ideologisch grün-gefärbten Mist, den man sich als Teenager so erhofft, sondern stützen sich ganz explizit auf die Aussagen von Klimaforschern.

Diese Klimaforscher reden sich bereits seit Jahren den Mund fusselig und sie warnen, warnen und warnen — aber die wenigsten hören zu. Die Kids hören zu und das teilweise auch aus einem ganz eigenen und nachvollziehbaren Interesse: Während die meisten von uns nämlich in 40, 50 Jahren schon die Ärsche zusammengekniffen haben, müssen diese Kids mit den Folgen unseres Handelns klarkommen.

Die müssen in der Welt leben, die wir als klitzekleiner Freundschaftsdienst komplett zugrunde gerichtet haben. Das sind Millionen Mütter und Väter allein in unserem Land, die ihren eigenen Kindern Tag für Tag immer und immer wieder aufs Neue in den Arsch treten. Wenn jetzt also Kinder und junge Erwachsene auf die Straße gehen, dann nicht, weil sie vom Greta-Hype infiziert wurden, oder weil sie so Bock auf Freistunden haben — sondern, weil ihnen die Nummer mit den Arschtritten endlich reicht.

Die jungen Menschen bekommen ihre Hintern hoch und machen jetzt das, was wir schon seit Jahren eigentlich alle tun sollten. Wir sehen dabei zu, wie sich die Weltpolitik den Arsch abfreut, weil man mit dem Pariser Klimaabkommen so unglaublich viel erreicht hat. Stimmt aber nicht: Das Abkommen an sich ist schon schwammig und selbst die halbgaren Ziele werden absehbar nicht erreicht — schon gar nicht, wenn sich dank des US-Präsidenten-Darstellers Trump die USA aus dem Abkommen verabschieden.

Wir lassen uns einlullen davon, dass es Fahrverbote für Diesel gibt und dass die E-Mobilität langsam in Tritt kommt und dass Supermärkte auf Plastiktüten verzichten und und und. In Wirklichkeit müssen wir aber einen Spagat hinlegen, der kaum noch zu bewältigen ist. Wir brauchen Kraftanstrengungen, um zu verhindern, dass es schon in wenigen Jahren eine Klimaentwicklung gibt, die nicht mehr ohne Weiteres umkehrbar ist.

Wenn wir an dem Punkt ankommen, können wir keinen Plan B mehr aus der Schublade zaubern — es sei denn, der Plan B sähe vor, dass wir den ganzen Laden jetzt komplett in die Luft jagen, damit das Verrotten des Planeten nicht unnötig in die Länge gezogen wird. Genau deswegen ist es auch so krank, wenn deutsche Politiker jetzt sagen, dass man das alles nicht nur aus ideologischen Blickwinkeln betrachten müsse, sondern beispielsweise auch, wie sich etwa ein Kohleausstieg auf die Arbeitsmarktsituation auswirkt.

Das ist halt die Scheiße mit diesen oben erwähnten Stellschrauben: Dreht man an einer, passiert auch bei der nächsten Schraube was. Da kann man entweder rechtzeitig versuchen, ein Gleichgewicht zu schaffen — oder man lässt den ganzen Mist viele Jahre einfach unberücksichtigt und steht jetzt komplett ahnungslos an diesen Schräubchen und dreht letzten Endes nur noch am Rad.

Ganz einfach gesagt: Wenn wir das Klima weiter verhunzen, wenn weiter Arten aussterben, Monokulturen weitergeführt werden, wenn wir also eine Kettenreaktion auslösen — dann brauchen wir uns auch keine Sorgen mehr um unsere Jobs machen. Wenn der Planet erst einmal am Arsch ist, ist es nämlich egal, ob ihr Fliesenleger, Schornsteinfeger, Formel-1-Pilot oder Bundeskanzler seid.

Wisst ihr, ich mach auch gern Dinge auf den letzten Drücker. Ich suche mir beispielsweise verschiedene Züge aus, die mich zum Flughafen bringen — und welchen Zug nehme ich natürlich? Genau: Den Zug, der zuletzt fährt und mit dem ich so gerade eben noch den Flug bekomme und selbst diesen Zug erreiche ich dann manchmal nur rennend.

Das kann ich tun, weil ich alleine für die Folgen verantwortlich bin. Bekomme ich den Flug nicht, verpasse ich schlimmstenfalls einen Termin, ärgere mich schwarz und gehe wieder nach Hause und versuche, es morgen besser zu machen. Aber diese Klima-Nummer ist was anderes. Es ist ein Flug, den ich nur erreichen kann, wenn ich jetzt in dieser Sekunde aus dem Haus sprinte und einen Zug nehme, der zufällig plötzlich deutlich schneller fährt, als er es jemals zuvor gekonnt hat. Und diesen Flieger will nicht nur ich erreichen, sondern jeder Mensch auf diesem Planeten. Leute, die ganz unterschiedlich ticken und auf unterschiedlichsten Wegen zum Flughafen gelangen. Wenn nur einer aus der Reihe tanzt und diesen Flieger nicht erwischt, schmieren wir alle ab.

Okay, das ist ein bisschen sehr konstruiert als Bildnis für unsere Klima-Krise, aber ihr könnt sicher erahnen, worauf ich hinaus will: Wir müssen nicht ein bisschen besser werden, ein bisschen nachhaltiger leben und ein bisschen weniger Plastik verschwenden. Wir müssen ein dramatisch anderes Leben führen, aber dazu müssen eben auch die richtigen Bedingungen geschaffen werden.

Das kann nur die Politik, wenn sie global Hand in Hand arbeitet und gleichzeitig der Industrie auf dem Planeten überall auf die Finger klopft. Wenn ich hier schreibe und mich darüber aufrege, dass sich zu wenig bewegt, passiert da gar nichts. Wenn aber jede Woche mehr und mehr Menschen auf die Straße gehen und genau so enthusiastisch für die Einhaltung der Klimaziele kämpfen, wie es unsere Kids gerade tun, dann kann was passieren.

Es gibt viele vernünftige Ansätze und ja — die Zeit reicht tatsächlich noch dicke, wenn wir jetzt anfangen. Aber es muss jetzt auch passieren! Und genau deswegen ist es so unfassbar absurd, wenn Teile der Regierung — in diesem Falle Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) davon sprechen, dass die Kids da zwar ein berechtigtes, unterstützenswertes Anliegen haben, sie der Sache aber eben lieber in der Freizeit nachgehen sollten. Genau — deswegen finden Streiks der Gewerkschaften ja auch immer zum Feierabend statt, stimmt’s?

Es ist auch absurd, dass die Regierung in Sachen Bildung so unfassbar viel hat liegen lassen in den letzten Jahren und jetzt glaubt, dass unsere Kids ausgerechnet deswegen in ihrem Leben scheitern könnten, weil sie einige Freitage in der Schule verpassen. Genau das Gegenteil ist der Fall: Die Jungs und Mädels haben kapiert, was man jetzt opfern muss, damit sich Dinge bewegen. Jetzt müssen eigentlich nur noch wir Erwachsenen mitziehen — also: Wann sehen wir uns auf der Straße?