Frohes Fest: Not Driving Home For Christmas

Es ist Heiligabend, es beginnen die Fest- und Fresstage. Ich blicke aus der Ferne aufs Weihnachtsfest und aufs Jahr und hab ein paar Gedanken mit euch zu teilen. 

von Carsten Drees am 24. Dezember 2019

“Make Love Your Goal” — wenn ich Holly Johnson diese Zeilen singen höre im “Frankie goes To Hollywood”-Hit “The Power Of Love” von 1984, dann fühle ich mich automatisch irgendwie weihnachtlich, zumindest im Rahmen meiner Möglichkeiten. Wenn ich sage “im Rahmen meiner Möglichkeiten”, dann liegt das an meiner “Grinch”igkeit und meiner tendenziellen Abneigung gegen dieses Fest.

Wieso ich es nicht so besonders mag? Sicher auch, weil es das oft beklagte Konsum-Fest ist, aber hauptsächlich aus persönlichen Gründen, die ich mehr oder weniger ausführlich sicher schon hier oder an anderer Stelle im Netz ausgebreitet habe. Weil Weihnachten eben für mich auch immer vor allem ein Familienfest war und ich aus verschiedenen Gründen diese Familie nicht mehr um mich habe, kann also auch so ein Weihnachten wie früher für mich nicht funktionieren.

Aber — so hoffe ich zumindest — das hat mich dennoch nicht zu einem verbitterten, alten Kerl werden lassen, der anderen ihre Weihnachtsstimmung missgönnt oder neidet. Im Gegenteil: Ich mag es sehr, wenn an diesen besinnlichen Tagen verstärkt reflektiert auf die Welt geblickt wird, man sich ein wenig zurücknimmt und entschleunigt und die meisten Menschen zumindest gefühlt friedlicher unterwegs sind.

Meine Familie sind längst meine Freunde geworden. Ich hab das große Glück, tolle Freunde zu haben, mit denen ich sogar die Festtage verbringen könnte. ich hätte Caschy und seine wundervolle Familie besuchen können, die immer einen Platz für mich haben, hätte in Dortmund ebenso bei Freunden unterkommen können, andere gute Freunde treffe ich zumindest zu Silvester in Hessen.

Aber bei niemandem davon werde ich mich an Weihnachten blicken lassen. Denn “Driving Home For Cristmas” fällt dieses Jahr für mich aus. Ich bin bereits im November nach Asien geflüchtet, habe mir in Taiwan die Hauptstadt und die Ostküste dieses großartigen Landes angeschaut, hab auf Bali sowohl den Touri-Süden als auch den weitestgehend Touristen-freien Norden entdeckt, war auf den Komodo-Inseln und jetzt gerade erst im total verrückten Tokio.

Jetzt sitze ich wieder in meiner Airbnb-Bude in Taipeh, wo ich das Jahr ausklingen lassen werde mit Sascha Pallenberg, mit dem ich diesen ganzen Trip zusammen erleben durfte. Ich hab also in den letzten Wochen viel von der Welt gesehen und sehr viele, sehr unterschiedliche Menschen kennengelernt. Man kann also eigentlich sowohl in Kilometern als auch im Kopf nicht viel weiter vom heimischen Weihnachtstrubel entfernt sein, als ich es die ganze Zeit war.

Dennoch — oder vielleicht genau deswegen — kann ich all die Menschen dieses Jahr viel besser ertragen mit ihren Postings über den Weihnachts-Logistik-Stress, über die Vorfreude, übers Kekse-Backen und Adventskalender-Türchen-Öffnen. Es lohnt sich immer, manchmal einfach ein wenig die Perspektive zu wechseln. Dazu muss man nicht in Taiwan oder Indonesien sein, aber dadurch, dass man so ganz andere Menschen mit ganz anderen Prioritäten trifft, hilft es ungemein beim Perspektivenwechsel.

Auf den Komodo-Inseln oder auf Bali leben die Menschen so viel schlichter und ursprünglicher und ihr könnt es euch vielleicht denken: Die machen allesamt einen so viel zufriedeneren, glücklichen Eindruck als wir stressgeplagten und oftmals gerne prophylaktisch empörten Deutschen. Dabei sind sie einfach unendlich freundlich zu all ihren Mitmenschen — wohl auch etwas, was man dem Durchschnitts-Mitteleuropäer nicht latent unterstellen würde.

Im Gegensatz dazu habe ich Millionenstädte wie Taipeh und Tokio gesehen und speziell in Japans Hauptstadt kommen so unfassbar viele Menschen auf engstem Raum zusammen, dass man sich die Frage stellt, wie die all den Verkehr, den Lärm, den Trubel, die Menschenmengen, das Gedrängel in der Bahn so ruhig hinnehmen können. Im dagegen echt beschaulichen heimischen Dortmund beobachte ich diese Gelassenheit nämlich leider so gar nicht.

Ich würde mir wünschen, dass wir uns ein paar Dinge von diesen Menschen abschauen und alles vor allem auch ein wenig entspannter betrachten würden. Wir haben ein merkwürdiges Jahr hinter uns. Ein Jahr, welches von seiner Tonalität noch einmal rüder daher kam als die vorherigen Jahre. Wir haben einige dafür Verantwortliche auch hier auf dem Blog bereits in den letzten Jahren angesprochen: Gerade Populisten wie die AfD, Donald Trump oder Boris Johnson und deren Anhänger sorgen dafür, dass der Ton immer rauer und schärfer wird.

Das bereitet mir schon lange Kopfschmerzen und wird vermutlich auch in 2020 eher schlimmer als besser. Aber ich habe die Befürchtung, dass dieser verschärfte Ton längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. In diesem Jahr haben wir den Aufstieg von Fridays For Future gesehen, einer Bewegung, bei der ich mich frage, wie man allen Ernstes deren Zielen — “Hört beim Klimawandel bitte auf die Wissenschaft” — feindlich gegenüber stehen kann. Wir sahen, wie viel Hass diese jungen Menschen, besonders die Initiatorin dieser Bewegung Greta Thunberg, auf sich ziehen können.

Wir sehen aber eben auch, dass man im guten Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, ebenfalls ausfällig wird. So wird auch von Umwelt- und Klimaaktivisten oft ein harscher Ton angeschlagen. Ebenso beobachte ich es bei Rechtsextremen und -radikalen sowie den Leuten, die diesen was entgegensetzen wollen. Auch in meiner eher Links-Mitte-Bubble erlebe ich zunehmend mehr Menschen, die sich im Ton vergreifen und die sogar Gewalt gutheißen. Solange ein Rechtsextremer aufs Maul bekommt oder einem Rechtspopulisten Böses widerfährt, ist es nicht nur einfach okay für diese Menschen — es ist sogar Grund für Begeisterung, für Gelächter, für Häme und Freude. Das kann und werde ich nicht akzeptieren, Freunde! Wenn ein Rechter einen Migranten niederknüppelt, dann ist er mindestens mal ein gewaltbereites Arschloch und er hat sich wahrlich verdient, dass man ihm seiner gerechten Strafe zuführt. Über diese Strafe entscheidet aber nicht der Mann auf der Straße oder der Pöbel auf Facebook. Ich werde niemals darüber lachen können, wenn ein offensichtlich Rechtsextremer öffentlich zusammengeschlagen wird und ich findet, ihr solltet das ebenfalls nicht.

Ähnliches gilt für die Diskussionskultur online und auch im Real Life. Ich habe in meinem Artikel übers “Greta-Prinzip” bereits ausführlich geschrieben, dass ich mir ein Mindestmaß an Anstand und Respekt erbitte im Umgang miteinander, egal wie kontrovers ein Thema ist.

Das Greta-Prinzip

Ich muss aber eben immer öfter beobachten, dass es deutlich zu kurz gesprungen ist, wenn man der Meinung ist, dass es “die anderen” sind, die sich da zumeist im Ton vergreifen. Egal, ob Umweltaktivist oder SUV-Liebhaber, egal ob links-grüne Gesinnung oder AfD-Anhänger: Wir alle müssen uns hinterfragen und unser Tun reflektieren. Wir alle müssen in einem fairen Ton mit Menschen kommunizieren. Wir alle müssen mindestens einen Gang runterschalten und uns darum zu bemühen, eine andere Meinung anzuerkennen und zu dulden, solange sie sich im rechtlichen Rahmen befindet.

Weihnachten ist dazu meines Erachtens eine perfekte Möglichkeit, nochmal darauf hinzuweisen. Man ist tendenziell etwas friedlicher unterwegs, macht sich selbst mehr Gedanken über sich und die wichtigsten Menschen, die einem umgeben und kann vielleicht ein bisschen besser erkennen, dass man im Leben weiter kommt, wenn man nicht unentwegt auf Krawall gebürstet ist.

“Make Love Your Goal” — setzt euch Liebe zum Ziel. Das klingt vermutlich nicht nur im Frankie-Song sowohl kitschig als auch ironisch. Dennoch ist es die richtige Message, nicht nur an Weihnachten. ich würde nicht so weit gehen, dass man im christlichen Sinn seinen Nächsten lieben soll. Dafür bin ich zu sehr Atheist und zu wenig gewillt, Menschen zu lieben, für die Hetze und Häme probate Diskussions-Mittel sind.

Aber man sollte dennoch stets die Menschen und die Dinge, die man liebt, im Hinterkopf behalten und danach agieren.Dann sollte klar sein, dass man nicht voller Liebe auf ein eigenes Kind blicken kann und gleichzeitig hämisch ersaufende Flüchtlingskinder im Mittelmeer kommentiert. Dann sollte auch klar sein, dass es nicht zusammengeht, auf der einen Seite so viel Liebe zu seinen Eltern (und vice versa) zu verspüren und auf der anderen Seite Gretas Eltern vorzuwerfen, dass sie ihr Kind ganz bewusst verheizen, um sich die Taschen vollzumachen.

Wir haben so viele Baustellen — Klima, Gesellschaft, Digitalisierung und vieles mehr — um die wir uns zu kümmern haben im neuen Jahr. Deswegen lasst uns doch bitte wenigstens vornehmen, dass wir nicht mehr jedes Wort des Gegenübers auf die Goldwaage legen und Menschen einen Strick daraus drehen. Lasst uns nicht über Vorschläge des politischen Gegners von vornherein wahlweise hämisch lachen oder kreischend empört sein, sondern diese Vorschläge sachlich abklopfen. Lasst uns nicht die Köpfe wegen Nichtigkeiten einschlagen, denn bei so lapidaren Dingen wie der Frage nach Android oder iOS, Tesla oder deutscher Autohersteller usw. ist es ausdrücklich erlaubt, sachlich und argumentativ in Diskussionen zu gehen und die jeweils andere Meinung zumindest zu dulden.

Auch wir im Mobile-Geeks-Team möchten natürlich im Jahr 2020 wieder nicht nur über Tech berichten, über Social Media, über Mobilität und Nachhaltigkeit, sondern dabei auch immer wieder mal den Finger in die Wunde legen und auch unbequeme Dinge an- und aussprechen. Aber wir bemühen uns, dabei die Form zu wahren und uns all den Themen mit dem nötigen Respekt zu nähern — und es wäre super, wenn wir das einfach alle so halten könnten.

In Taipeh sind es heute frühlingshafte Temperaturen und ich werde mir mit Palle am heutigen Heiligabend ganz unchristlich diverse alkoholische Kaltgetränke reinstellen. Dennoch hat mich der Perspektivwechsel der letzten Wochen dazu gebracht, mit mehr Wohlwollen auf das weihnachtliche Treiben in Deutschland zu blicken. Mich lässt es glauben, dass es um viele Themen zwar gerade echt schlecht steht, wir aber mit Masse doch immer noch intelligente und positive Wesen sind, die mit Anstand, Empathie und dem oft beschworenen gesunden Menschenverstand in der Lage sind, all diese Probleme zu bewältigen und auch dann fair mit unseren Mitmenschen umzugehen, wenn gerade mal nicht Weihnachten ist.

Wir Mobile Geeks bedanken uns jetzt schon mal für euren wieder einmal tollen Support in diesem Jahr und wünschen euch, dass ihr ruhige, besinnliche und versöhnliche Festtage verbringt mit den Menschen, die euch wirklich wichtig sind. Egal, ob Festbraten-Overkill, Geschenke-Orgie oder auch ganz ruhig: Hoffentlich verbringt jeder von euch das Weihnachtsfest so, wie er es sich vorstellt. Denkt vielleicht auch an die Menschen, denen es nicht gut geht — vielleicht kann man gerade in diesen Tagen dafür sorgen, dass es auch so einem Menschen direkt ein kleines bisschen besser geht. Das kann ein versöhnlicher “es war nicht so gemeint”-Anruf sein, eine Einladung für eine einsame Person, ein kleines Essen, welches man einem Obdachlosen spendiert oder eine Nachricht an einen Freund — nur, um ihm mitzuteilen, dass er einem wichtig ist, auch wenn man es nicht oft ausspricht.

Kommt gut durch die Festtage, rutscht in einigen Tagen gut ins neue Jahr und vergesst mir den Frankie nicht: “Make Love Your Goal”.