From Paris With Love – Bleu // La Trilogie – Partie 1

"That was the moment I fell in love with Paris and the moment that I felt that Paris had fallen in love with me." (aus dem Film „Paris Je t ´aime“, 2006)

“Il n’y a que deux endroits au monde où l’on puisse vivre heureux:  chez soi et à Paris.”

Noch immer liegt ein Schatten der Fassungslosigkeit und der Angst über Paris. Aber auch die Aura einer Entschlossenheit, den Alltag dazu zu zwingen, sich wieder auf die schönen Dinge zu konzentrieren. Dass das nicht einfach ist, wird mir schnell klar. Viele Dinge sind anders als sonst. Am Gare du Nord empfangen Polizisten mit schusssicheren Westen und schweren Maschinenpistolen den Thalys, der sich noch Sekunden zuvor scheinbar teilnahmslos durch die Vorstädte seinen Weg nach Paris gebahnt hat, vorbei auch am Stade de France, wo der Terror vor zwei Wochen begann.

Der Fahrer meines Uber referiert darüber, dass Uber es ihm nicht erlaubt hatte, über die App Fahrten anzunehmen, diese aber nicht abzurechnen. Er hätte gerne Leute aus Straßen geholt, in denen sie sich nicht sicher fühlen konnten.

“Whoever does not visit Paris regularly will never really be elegant.”

Am Abend flaniere ich wie so häufig am ersten Abend in Paris über die großen Boulevards. Die Seiteneingänge der gigantischen Shopping-Tempel Galeries Lafayette und Printemps am Boulevard Haussmann sind verschlossen. Man gelangt nur noch über die Haupteingänge in die Gebäude und wird dort wie am Flughafen mit Metalldetektoren abgetastet. Auch die Handtaschen werden durchsucht. Das ist natürlich gut so und strahlt eine gewisse Art von Sicherheit aus, erinnert jedoch in jeder Sekunde auch wieder daran, was in diesen Straßen zuletzt geschehen ist.

Schaufenster und Werbeflächen sind im Star Wars Fieber. In wenigen Tagen läuft Episode 7 an. Stormtrooper mit Gewehren und Todessterne wirken auf das etwas fragile Stimmungsbild der Stadt ein wenig befremdlich. Aber Star Wars kommt erstmals als Disney-Produktion und das wirkt sich natürlich auf das Merchandising aus. Der lange Atem der Unterhaltungsindustrie macht auch vor einem melancholischen Paris nicht halt. Und vielleicht ist das gut so. Vielleicht ist das auch ein Statement für Normalität.

Am Ende der Grands Boulevards, am Place de la République, wird es zum ersten Mal gespenstisch. Die Attentate sind plötzlich zum Greifen nah. Sie sind nicht mehr nur ein Bild auf einem Fernseher. Tausende Blumen und Kränze türmen sich vor dem Monument in der Mitte des Platzes. Hunderte Transparente und Briefe von Menschen aus der ganzen Welt versuchen, Trauer zu verarbeiten und gleichzeitig Hoffnung zu geben. Noch immer strömen sie aus jeder Himmelsrichtung, von jeder Straße auf den Platz, ausgerüstet mit weißen Rosen oder Fahnen der Trikolore.

Durchmischt werden sie von Soldaten, die immer wieder wie eine Ode an das nicht 100% Verhinderbare zwischen ihnen auftauchen. Ihre Maschinengewehre reflektieren seltsam grünlich in den letzten Sonnenstrahlen dieses Herbstabends.

Rechts, wo der Platz in den Boulevard du Temple übergeht: Viele Kamerateams. Vor einem Dutzend Übertragungswagen stehen Kommentatoren aus jedem Winkel der Erde und teilen in einem Wirrwarr exotischer Sprachen ihre Eindrücke mit der Welt.

Die Stadt, in der ich meine schönsten Momente erlebt, meine größten Erfolge gefeiert und auch meine besten Freunde gefunden habe, ist tatsächlich ins Wanken geraten. Die herrschaftlichen Gebäude, die mir schon als Kind so unfassbar massiv und riesig vorkamen (und damit auch auf eine beruhigende Art so unzerstörbar), ließen Paris stets wie eine urbane Festung wirken – auch sie erscheinen mir plötzlich hilflos. Fluctuat nec mergitur.

“We´ll Always Have Paris.”

Alles wirkt etwas langsamer, etwas bedrückter, fast ein wenig erschöpft. Nur die Supermodels auf den großen Billboards der Luxus-Kaufhäuser überstrahlen tapfer diese Melancholie. Sie hüllen die Stadt in ein strahlendes Lächeln, als wollten sie uns zurufen: Kauf Dir etwas Schönes, das Du nicht brauchst und das viel zu teuer ist, und Du wirst nie wieder vor etwas Angst haben müssen. Japanische Touristen tragen, als hätten sie die Aufforderung vernommen und folgsam beherzigt, so viele der berühmten, braunen Louis Vuitton Tüten durch die Stadt, wie sie tragen können.

From Paris With Love Marie 01

Quelle: Regendelfin (Instagram)

Das Hotel du Louvre liegt direkt gegenüber vom Palais Royal und der Comédie-Française. Auf den vielen runden Säulen, die aussehen, als hätte Cruella De Vil aus dem Film „101 Dalmatiner“ hunderte Hutschachteln verschiedenster Größen im Innenhof des Palais verstreut, habe ich Ende der 90er Jahre als Kind mit meinem Vater um ein Eis fangen gespielt. Als ich 2005 zum ersten Mal alleine herkam, fast noch ein Kind und doch mit der Überzeugung, dass die Welt mir gar nicht groß genug sein könnte, zog es mich nicht mehr tagsüber, sondern am Abend in den Palais und auf diesen Säulen ging es plötzlich auch nicht mehr um Eis, sondern um Gras. Seither versuche ich, diese prägenden, unschuldigen Momente meiner Kindheit immer wieder aufleben zu lassen. Und so zieht es mich bei jedem Aufenthalt in Paris dort hin, um ein paar Momente durch die Säulengänge des Palais zu streifen.

Um den kleinen Park des Palais herum gibt es mittlerweile das Café Kitsune und einen Stella McCartney Store – beides ebenfalls gute Gründe, diesen ruhigen Ort mitten im Trubel des ersten Arrondissements zu mögen.

“A walk about Paris will provide lessons in history, beauty, and in the point of Life.”

Wenn man so will, habe ich an den Palais Royal in Paris mehr oder zumindest ältere Erinnerungen als an meine Schulzeit. Auch in diesem Dezember wird eine neue hinzukommen. In einem Paris im Terror-Modus beruhigt mich ein Ort, der stets solche Assoziationen weckt, auf eine ganz zauberhafte Weise. Wie ein wärmender Mantel legt sich eine Atmosphäre der Besinnung um meine Schultern. Vor meinem Auge sehe ich mich an genau diesem Ort mit 4 Jahren, mit 7 Jahren, mit 12 Jahren, mit 16, mit 18, mit 21, mit 25.

Und mit einem Lächeln auf den Lippen gleite ich aus dem Palais Royal hinaus und lasse mich wieder einsaugen in die Hektik der Rue Saint Honoré. Ich blicke die Avenue de l’Opéra hinauf zur Opéra Garnier und beobachte die vielen atemberaubend stylisch und doch unaufgeregt gekleideten Pariser, die sich vor der Comédie-Française zusammenfinden, als hätten sie eine Demo für Eleganz und Stil geplant. Und doch wollen sie heute Abend einfach nur glücklich sein und sich „Le Misantrophe“ von Moliére ansehen. Danach werden sie opulent essen gehen und erlesene Weine trinken. Sie werden gute Musik hören, gute Gespräche führen, Gauloises rauchen und niemandem erlauben, ihnen vorzuschreiben, ob sie ihr Leben genießen dürfen.

In diesem Moment zeigt mir die Stadt der Liebe, dass sie auch die Stadt der Hoffnung sein kann. Und die Stadt der Zukunft. Ich schiebe meine Hände in die tiefen Taschen meines Mantels und bin das strahlende 4-jährige Mädchen, dessen größte Sorge es war, ob das Eiscafé auch Erdbeereis haben würde.

Gleichzeitig bin ich die junge Frau von heute, die vor zwei Wochen, in der Nacht der Attentate, weinend vor ihrem MacBook saß und sich hilflos fühlte, ängstlich und alleine. Die einen veritablen Shitstorm abbekam für einen Tweet, der mir furchtbar wichtig war im Angesicht der Tragödie, die sich gerade in Paris abgespielt hatte.

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Quelle: Regendelfin (Instagram)

Als ein Hybrid aus dieser Mischung aus Unbeschwertheit und bestürzter Sprachlosigkeit lächle ich in den Abend, denn Paris hat mir schon so vieles beigebracht. Heute aber wahrscheinlich das wichtigste: Hass ist eine Antwort auf rein gar nichts. Terror ist ein Instrument von wahnsinnigen Irren, die als einzige Antwort Hass und Gewalt kennen. Religionen werden von wenigen Verrückten als Legitimation für Verbrechen missbraucht – aber die Welt ist stärker. Die Liebe ist stärker. Das Gute im Menschen ist stärker.

“Even the pigeons are dancing, kissing, going in circles, mounting each other. Paris is the city of love, even for the birds.”

Paris wankt, aber es geht nicht unter. Die Menschen mit Verstand und Herz mögen als Gutmenschen abgekanzelt werden, aber sie retten die Welt. Unsere Generation hat die Aufgabe, sich einem globalen Terror zu stellen, der Sprengstoffgürtel auf die ChampsÉlysées bringt, aber wir werden ihm die Stirn bieten. Und wir werden gewinnen. Die Kinder unserer Kinder sollen in einer Welt ohne Terror aufwachsen. Dafür werden wir jetzt die Weichen stellen.

je-suis-charlieLesenswert: JE SUIS CHARLIE

Beseelt von dem Gefühl, erst nach Paris kommen zu müssen, um die Überzeugung zu erlangen, dass wir alles schaffen werden, auch diesen aktuellen Feuersturm der Geistesgestörten, schlendere ich – erstmals völlig unbeschwert seit dem Abend des 13. Novembers – durch das Tor zum Place du Carrousel. Links vorbei an der Pyramide des Louvre, rechts am kleinen Arc de Triomphe du Carrousel. Er steht dort, mächtig und stark, wie ein Tor zu den Tuilerien, die spätherbstlich immer noch Glanz versprühen. Weiter unten an der Seine schaue ich auf das Lichtermeer von Saint-Germain-des-Prés und spüre etwas, von dem man nie genug haben kann: Echte Hoffnung.