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Gaming-Szene: Killende Spieler vs spielende Killer

Wieder einmal herrscht Aktionismus nach einer Gewalttat. Innenminister Seehofer richtet den Blick ganz bewusst auf die "Gamer"-Szene -- wieder einmal.

von Carsten Drees am 14. Oktober 2019

Zwei Menschen sind tot, verantwortlich ist ein bekennender Nazi. Ein Mann, der Rassist und Antisemit ist und der diese beiden Personen, die nicht in sein eigentliches Beuteschema passten, lediglich aus Verlegenheit tötete. Gescheitert an der massiven Tür der Synagoge, wo der Terrorist ein Blutbad anrichten wollte, nahm er wahllos die nächstbesten Menschen ins Visier.

Jetzt könnte man diskutieren, wieso die Synagoge am höchsten Feiertag der Juden nicht unter Bewachung stand. Man könnte auch kritisieren, dass es überhaupt der Fall ist, dass sich Juden in Deutschland im Jahr 2019 nur hinter bewachten Türen und Sicherheitsschleusen sicher fühlen können beim Gebet. Ganz sicher müssen wir aber über Rechtsextremismus in Deutschland sprechen.

All das geschieht auch mitunter, in den Fokus rücken aber — mal wieder — andere: Die Gamer! Der Bundesinnenminister sagte, dass man “die Gamerszene stärker in den Blick nehmen” müsse, der erwartbare Shitstorm im Anschluss an diese Aussage ließ natürlich nicht lange auf sich warten. Netz-Veteranen, die von immer wiederkehrenden Killerspiel-Debatten und merkwürdigen Zensursula-Geschichten erzählen können, fühlen sich natürlich an die gute, alte Zeit erinnert, in der auf jedes Attentat dieser stärkere Blick auf die Gamerszene folgte.

Ist das so? Der Amoklauf von Erfurt beispielsweise ist 17 Jahre her. Seitdem wurden Gesetze verschärft, immer wieder Gamer diskreditiert und es hat ja anscheinend nichts davon wirklich gefruchtet, oder? Sollte der erste Reflex nicht der sein, dass wir uns jetzt auf den Kampf gegen den Rechtsextremismus konzentrieren statt auf die Gamer? Ehrlich gesagt scheitere ich schon beim Begriff “Gamer-Szene”, denn wir reden hier von über 34 Millionen Menschen allein in Deutschland, die gelegentlich oder auch regelmäßig dem Hobby “Videospiel” frönen.

34 Millionen Menschen! Die Gamer-Szene – das sind ambitionierte Zockerprofis, deren Wettkämpfe längst fette Prämien einbringen können und die im Stream von Millionen Menschen verfolgt werden. Gamer-Szene, das ist aber auch jedes Kind an der Nintendo Switch, jeder Gelegenheits-Zocker, der im Bushäuschen zehn Minuten Sudoku oder Mahjongg spielt und Typen wie ich, die sich für Aufbau-Spielchen wie “Springfield” begeistern können.

Eigentlich ist man ja fast ein bisschen erleichtert, was Horst Seehofer angeht. Der klang ja zuletzt wochenlang so, als hätte er säckeweise Kreide gefressen und hat speziell beim Thema “Flüchtlinge” nahezu eine 180-Grad-Kehrtwende hingelegt. Fast konnte man ein bisschen Sympathie für ihn und Zustimmung für das von ihm Gesagte empfinden und zumindest mir kam das doch ziemlich spanisch vor. Jetzt ist also wieder alles beim Alten und der Bundes-Horst besticht wieder durch Aktionismus jenseits von übermäßigem Fachwissen anstelle von Empathie und Besonnenheit.

Okay, ganz so ist es nicht, muss ich zugeben. Seehofer hat nochmal nachgelegt und damit seine Aussagen präzisiert. Ob ihm die Idee selbst kam, oder ob man ihm gut zugeredet hat, ist dabei egal. Wichtig ist, dass er tatsächlich einen Punkt hat, wenn er sagt, dass Gaming-Plattformen von Rechtsextremisten missbraucht werden. Hier sein ganzes Statement:

Spielende Killer oder killende Spieler?

Damit nähern wir uns wohl dem eigentlichen Problem, soweit es auf den Gaming-Bereich zutrifft. Wir müssen schleunigst den Punkt hinter uns lassen, an dem wir pauschal Gamer an den Pranger stellen und das Spielen von Videospielen als Ausgangspunkt zur Radikalisierung betrachten. Wer so neben der Spur ist, ein so unglaubliches Blutbad wie Christchurch oder Halle zu planen, der hat einen anderen Antrieb. Der will nicht Menschen abknallen, weil es im Spiel schon so viel Spaß macht.

Vielleicht hat das Gamification-Element des Anschlags aber tatsächlich mit Games zu tun, in denen man Gewalt gegen seine virtuellen Gegner ausübt. Jemand, der Antisemit und Rassist ist, verübt keinen Anschlag, weil er Videospiele zockt, sondern weil er Menschen verabscheut, die anders sind als er. Aber vielleicht gestaltet er seinen Anschlag anders, weil ihn Spiele dazu inspirieren. Das kann man diskutieren, trifft aber für mein Empfinden immer noch nicht den Kern des Problems.

Den sehe ich eher darin, dass die Zahl der Gamer so unglaublich groß ist. Nehmt als Vergleich mal Facebook. Wenn dort wieder einmal gehetzt wird oder — wie beim Fall Christchurch — die Plattform sogar für einen Live-Stream von einem Massaker missbraucht wird, gibt es hinterher sicher auch wieder Kritik an Facebook. Aber niemand würde sagen, man müsse jetzt was gegen “die Facebook-Nutzer” unternehmen, die sich zunehmend radikalisieren. Es ist das Gesetz der Zahl: Wo sich fast ein Drittel der Menschheit herumtreibt, sind zwangsläufig massig Arschlöcher unterwegs.

Ähnlich ist es beim Gaming und den anhängigen Communities auch: 34 Millionen Spieler — das bedeutet, dass auch hier zwangsläufig Subkulturen entstehen, unter denen sich konsequenterweise wie überall sonst auch Arschlöcher befinden. Einige dieser Arschlöcher (Sprache, Drees! Reiß Dich zusammen!) sind Rechtsextremisten und/oder Gewaltbereite. Hier muss angesetzt werden, denn diese Menschen gibt es nun mal tatsächlich auf den einschlägigen Plattformen. Wir reden hier von Killern, die eben auch spielen. Nicht von Spielern, die als Resultat daraus irgendwann killen.

Hier können wir gerne angeregt diskutieren, was man tun kann, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Das muss aber fokussiert geschehen. Wir brauchen also keine pauschale Verschärfung von Überwachungs-Gesetzen oder das Ächten von Spielern. Wir brauchen auch keine Hintertür bei Messengern, damit die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von WhatsApp und Co flächendeckend ausgehebelt werden kann.

Minister Seehofer muss sich irgendwie die notwendige Expertise draufschaffen bzw. die richtigen Menschen anheuern, die sich um diese Problematik kümmern. Aber das sollte Schritt Zwei sein. Schritt Eins: Unternehmt was gegen den Rechtsextremismus in Deutschland!

Am Tag der Deutschen Einheit können Nazis lachend durch Berlin marschieren und singen: “Wenn wir wollen, schlagen wir euch tot”.

Wir schauen der AfD dabei zu, wie sie bislang Unsagbares in den normalen Sprachgebrauch übernimmt — in sozialen Medien, in Interviews und selbst im Bundestag.

Gerade heute sind wieder Neonazis durch Dortmund marschiert und zig mal im Jahr dürfen offen rechtsextremistische und gewaltbereite Menschen sich versammeln auf unseren Straßen.

Sie zeigen auf “Rechts-Rock”-Events zu ausländerfeindlichen Hymnen begeistert und aufgestachelt den Hitlergruß.

All das kann ich weder verstehen noch ertragen und genau hier müssen wir ansetzen. Keine Ideologie, die sein eigenes Sein über das eines anderen Menschen stellt, darf öffentlich so ausgelebt werden. Wieso gibt es keine flächendeckenden Razzien in den Wohnungen all dieser rechtsradikalen Hetzer, die auf den einschlägigen Demos unterwegs sind? Wieso wird zugesehen und zugelassen, wie sich online offen antisemitisch geäußert wird und zu Gewalt aufgerufen wird? Wieso kassiert die Polizei nicht jeden Neonazi ein, der den Hitlergruß zeigt, verbotene Symbole trägt oder Minderheiten Gewalt androht?

Man darf die Augen nicht vor rechten Subkulturen auf Gaming-Plattformen verschließen — aber das weitaus größere Problem ist und bleibt der Rechtsextremismus an sich. Handeln Sie, Herr Bundesinnenminister!

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