Navigationssystem mit Dashcam, Bluetooth und Freisprecheinrichtung

Garmin stellt NüviCam vor – Navigation mit Dashcam-Funktionalität

Ansteck-Navigationssysteme sind überflüssig? Autoblogger Jan Gleitsmann fährt einen 20 Jahre alten Opel Corsa und sieht das somit vollkommen anders. In München war er beim Produkt-Launch der Garmin NüviCam vor Ort, was die Würzburger als Schweizer Taschenmesser unter den Ansteck-Navigationssystemen anpreisen.

von Jan Gleitsmann am 23. April 2015

Bei genauerer Betrachtung teilen sich den Markt der Anklemm-Navigationssysteme im Auto die beiden Herstellern TomTom (55%) und Garmin (33%). Gerade mal 12% lassen sich den anderen Herstellern. Ich sitze gerade in München und habe mit Interesse den Produktlaunch von Garmins neuem Gerät mit dem eher ungewöhnlichen Namen Garmin NüviCam verfolgt.

Tendenziell fahre ich als Autoblogger ja eher die Neuwagen der Hersteller, die in der Regel auch mit Navigationssystemen ausgestattet sind. Mein privater Opel Corsa hingegen hat gerade mal ein Autoradio mit Kassettendeck… Natürlich haben die ganzen Smartphones den Markt der Ansteck-Navigationsgeräte in den letzten Jahren deutlich schrumpfen lassen. Ich persönlich navigiere auch über mein iPhone, wenn ich mal Unterstützung benötige. Dennoch will ich den kleinen schwarzen Kästchen mit Saugnapf nun wirklich nicht ihre Berechtigung absprechen.

Für alle, die sich mit den Produkten in letzter Zeit nicht weiter auseinander gesetzt haben – es hat sich einiges getan. Selbstredend können die Kästchen mittlerweile auch all das, was die Smartphones können, dazu bieten sie nun – und im speziellen Fall das Garmin NüviCam – einige Funktionen, die sich bislang mit dem Handy nicht abbilden lassen.

Das Totschlag-Argument gegen den Kauf eines Anstecknavis hat Garmin unlängst beseitigt. Wer eine NüviCam kauft, der erhält automatisch ein kostenloses, lebenslanges Update auf das Karten-Material. So mag dann ein Kaufpreis von 379 Euro schon mal eher gerechtfertigt sein als noch früher, wo man pro Update auch noch mal ordentlich zur Kasse gebeten wurde. Die Auto-Hersteller sehen dies ja auch immer noch als zusätzliche Einnahme-Quelle, wobei man die Leasing-Kunden zumindest schützt, in dem man 3 Jahre lang kostenlose Updates zur Verfügung stellt.

2015-Garmin-NueviCam-Produktlaunch-Muenchen-28

Für einen schwarzen Kasten kommt die Garmin NüviCam auch recht elegant daher. Das 6″ große Touchdisplay hat eine kapazitive Echtglas-Oberfläche und ein 3.2 Zentimeter flaches Gehäuse. Mit den übrigen Dimensionen 18.4 cm x 9.3 cm ist sie nur unwesentlich größer als ein aktuelles iPhone 6 Plus. Mit dem, wie auch mit jedem anderen Smartphone lässt es sich mittels Bluetooth auch verbinden. Die Verbindung lässt sich sowohl als Freisprechanlage nutzen, aber auch agiert das Smartphone bei Bedarf als Internetverbindung für die NüviCam. Dann zieht sich das Navigationssystem über das Netz Benzinpreise, Radar- und Verkehrsinformationen, zudem kann man auf die Daten von Foursquare zugreifen. Weiter kann man bei Bedarf seine aktuelle Position an Freunde und Bekannte versenden.

Warum man das Produkt nun NüviCam genannt hat, konnte mir niemand adhoc beantworten, der zweite Namensteil kommt auf jeden Fall durch die eingebaute Kamera zustande. Diese leistet ganz unterschiedliche Aufgaben. Zum einen soll sie als klassische Dashcam genutzt werden können. Obacht, hier ist die Rechtslage sowohl bei uns als auch bei unseren europäischen Nachbarn ganz unterschiedlich und zum Teil ist der Einsatz auch verboten. Generell ist es so vorgesehen, dass die HD-Kamera, die sich seitlich auch leicht schwenken lässt, fortwährend aufnimmt, ihre Aufnahmen aber genauso fortwährend überspielt. Nur wenn der Bewegungssensor Erschütterungen oder starke G-Kräfte (beispielsweise bei Vollbremsungen oder Einschlägen) registriert, wird die Videodatei konserviert. 90 Sekunden vor dem Ereignis bleiben erhalten, wie auch 90 Sekunden nach dem Ereignis.

Das Kamerabild wird aber auch fortwährend analysiert und von zwei Systemen ausgewertet, die Garmin als Spurhalte-Assistent und Kollisionswarner betitelt. Da das System losgelöst vom Fahrzeug selbst – eine OBD2-Schnittstelle ist erstmal nicht vorgesehen, ich interpretiere die Worte der Produktverantwortlichen aber mal ganz frech so, dass man unlängst daran arbeitet – agieren muss, arbeitet der Spurhalte-Assistent auf der Autobahn aber nur mit durchgezogenen Linien. Das System kann ja nicht wissen, ob er Fahrer den Blinker beim Spurwechsel gesetzt hat und eben gewollt die Spuren wechselt. Erkennt das System das Überqueren einer durchgezogenen Linie, dann warnt es mittels Signaltons und einem gelben (Achtung) und roten (schon überfahren) Balken im Display. Das System nimmt seinen Dienst ab einer Geschwindigkeit von 65 km/h auf.

Der Kollisionswarner arbeitet auf ganz ähnliche Weise. Er versucht anhand der Kamerabilder zu errechnen, ob das eigene Fahrzeug mit einem anderen zu kollidieren wird. In der Stadt ist das System wenig dienlich, da es erst ab Geschwindigkeiten von 50 km/h arbeitet. Im Falle einer möglichen Kollision warnt das System nicht schon beim Überschreiten des Sicherheitsabstands mit einem Signalton und einem roten Balken im Display. Erst ein wenig später setzt es ein, der Fahrer soll aber noch genug Zeit haben – auch mit Schrecksekunde – sein Fahrzeug abzubremsen. Ich bin auf einen ersten Test unter realen Bedingungen gespannt. Die Systeme der Autohersteller nehmen ja für ihre Berechnungen in der Regel die Daten des Radars hinzu. Ein rein kamera-basiertes System kann wirklich nur die visuellen Informationen auswerten. Aber dann ist so ein kamera-basiertes System zur Not immer noch besser als eine Kollision.

Ein interessantes Feature ist in meinen Augen die “Garmin Real Directions”. Statt dem üblichen hölzernen Angaben der Navigationsstimme, bietet das Garmin-System durchaus für uns Menschen verständlichere Angaben. “Biegen Sie hinter der Apotheke rechts ab.” ist meiner Meinung nach wirklich einfacher zu verstehen als “Biegen sie in ungefähr 320 Meter rechts ab.”

Ähnlich lebensnah ist das Feature “Garmin Real Vision”. Nähert man sich seinem Navigationsziel wird auf den letzten Metern die Kamera-Ansicht aktiviert in der das Ziel dann entsprechend hervorgehoben wird.

Passend zur Nüvicam, die ab Ende Mai im Handel erhältlich sein wird, kann man sich eine Rückfahrkamera von Garmin kaufen. Bis zu vier der Garmin BC30 kann man drahtlos mit der Nüvicam verbinden. Einschränken wird die Kauflaune allenfalls der Preis von 169 Euro pro Kamera. Das Zusatzgerät lässt sich, wie der Vorgänger BC20, einfach am Nummernschildträger montieren, die Stromversorgung erfolgt über den Rücklichtanschluss.