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Gedanken über die Automobile Zukunft: Wollen wir das eigentlich?

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Einige Gedanken über die Automobile Zukunft
von Jens Stratmann

Ich war – wie viele vom Mobilegeeks Team – auf der CES in Las Vegas und habe mir die neusten Trends, Entwicklungen und Zukunftsvisionen angesehen und während ich so durch die Messehallen ging und später über den Strip flanierte, machte ich mir so meine Gedanken. Diese möchte ich heute mit euch teilen und eventuell regen sie ja auch Diskussionen an.

Wir leben in der Zukunft! Viele reden über das autonome Fahren und schieben das sehr entfernt in die Zukunft, doch dabei ist diese Technik längst allgegenwertig. Man kann z.B. im Stau „autonom“ fahren. Das ist toll, ein automatisches abbremsen und anfahren im Stau, ein Folgemodus auf der Autobahn und ja, auch der Tempomat der die Geschwindigkeit des Vordermanns hält ist ein Bauteil des autonomen Fahrens. Die Technik ist vorhanden, das Auto kann alleine lenken, alleine beschleunigen, alleine verzögern und das ganze funktioniert sogar gut. Auf der Autobahn sollte es „ohne Probleme“ möglich sein autonom zu fahren, auf der Landstraße dürfte es etwas schwieriger werden doch die Kür der technischen Meisterschaft im autonomen Fahren wird in der Stadt ausgetragen. Da sind die Risiken versteckt.

Eine Frage stellt sich mir noch: Wer haftet im Schadensfall? Nehmen wir mal als Beispiel nun wirklich die Zukunftsvision von Mercedes-Benz. Der F015 kann autonom fahren, der Fahrer muss dafür nicht einmal mehr den Blick auf die Straße wenden, kann seinen Sitz umdrehen und mit den anderen Mitfahrern z.B. Karten spielen (ich habe gerade 200 $ beim Pokern verloren, werde das also nicht mehr tun). Wer haftet denn dann im Schadensfall?

Aktuell sieht es ja so aus, dass der Fahrer haftet doch wer haftet wenn das Fahrzeug selber steuer, lenkt und der eigentliche Fahrer nur noch zum Halter wird? Da müssen sich die Versicherungen Gedanken drüber machen. Steigen die Versicherungsbeiträge für Fahrzeuge die (wenn auch nur zum Teil) autonom fahren können? Wird die Automobilindustrie selbst diese Versicherungen anbieten und hofft darauf, dass schon nichts passieren wird, was ist wenn die Technik verrückt spielt?

Übrigens: Auch wenn das Fahrzeug nur automatisch einparken kann, sprechen wir von einem autonomen Fahrzustand. Derzeitig muss der Fahrer bei vielen System ja noch eigenhändig das Fahrpedal und die Bremse betätigen und das Fahrzeug selbst lenkt nur, aber das wird auch nur noch eine Frage der Zeit sein.

Das wird alles die Zukunft zeigen und die bleibt in allen Richtungen spannend. Nun müssen erst einmal die Rahmenbedingungen geschaffen werden und da wird die USA schneller mit durch sein als wir in Deutschland.

Wer soll das bezahlen? Planen die Hersteller gerade an den Grundbedürfnissen bzw. am Geldbeutel der potenziellen Kunden vorbei? Am Stand von BMW gibt es Laser-Licht und OLED-Rückleuchten zu sehen. Ich mag das Licht, ich mag die Rückleuchten doch ich persönlich mag den Aufpreis nicht bezahlen. Vor allem nicht im Schadensfall. LED Rückleuchten kann man derzeitig nur komplett tauschen und das gilt auch für LED Scheinwerfer und ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei den Laser-Scheinwerfern anders ist. Die Frage die sich mir stellt, wollen die Kunden das eigentlich alles. Die Automobilindustrie entwickelt und entwickelt, geht immer höher und weiter und das ist auf der einen Seite natürlich richtig aber wer soll das alles kaufen? Klar, wir reden hier über Luxus. Aber jedes auf der CES gezeigte Teil, jeder Artikel, jede App und jede Innovation ist Luxus. Wir brauchen es nicht. Wir kommen gut ohne aus, aber wir wollen es haben. Ich kenne das Gefühl etwas haben zu wollen, leider kenne ich auch das Gefühl mir nicht alles leisten zu können. Das wir in Deutschland mehrere Schichten haben dürfte unbestritten sein. War zum Beginn der Automobilität noch derjenige neidisch, der keine Pferdekutsche mit zwei Pferden besaß, wird es in Zukunft dann vermutlich derjenige sein, der nicht autonom fahren kann.

Werden wir alle überfordert? Wir sind „nur Menschen“. Wir sind keine Maschinen. Ich bin zwar „erst“ 35, merke aber bereits, dass ich einfach nicht mehr so Leistungsfähig bin wie vor 10 Jahren. Klingt komisch, ist aber so. Nun könnte man auf der einen Seite sagen, dass die Technik uns viele Aufgaben abnehmen könnte, aber auf der anderen Seite muss man diese ja auch bedienen können. Dann finde ich es natürlich toll, wenn die Hersteller versuchen diese Bedienungen einfacher zu machen. In der Zukunft sehe ich keine herkömmlichen Tasten und Schalter mehr im Auto. Es werden Displays. Wie kleine Smartphones, mit wechselnder Belegung. Kapazitive Bildschirme, eventuell sogar mit einer haptischen Rückmeldung. Dafür lässt man das Display dann einfach an der ein oder anderen Seite vibrieren und erzeugt somit das Gefühl etwas getan zu haben. Eventuell sprechen wir in der nahen Zukunft wirklich komplett mit dem Auto, eventuell sogar im Dialog oder wir öffnen das Schiebedach in dem wir einfach eine Handbewegung nach hinten machen, eventuell müssen wir in der Zukunft ja auch nur noch an eine gewissen Funktion denken, wer weiß das schon? Schön zu sehen ist da übrigens, dass einige Hersteller auch auf Kundenwünsche reagieren. Bei Ford z.B. wurde Sync 3 vorgestellt. Das Infotainment-System ist definitiv schneller und attraktiver geworden.

Überlasten wir nicht nur uns, sondern auch das Netz? Die Fahrzeuge vernetzen sich. Car to X, Car to Car, Car to User Kommunikation. Kommunikation ist alles, doch dafür braucht man auch Bandbreite. In Deutschland befinden wir uns doch was das betrifft in einem Entwicklungsland. Während wir hier in Las Vegas fast überall LTE haben muss ich in Deutschland doch schon fast froh sein, wenn ich auf der Autobahn normales 3G bekomme. Wenn nun noch mehr technische Spielzeuge ins Netz wollen um z.B. Musik per Stream zu hören, ggf. sogar Videos zu streamen, dann müssen wir auch an der Infrastruktur arbeiten.

Fakt ist: Wir befinden uns nun im Jahr 2015 und es sind nur wenige Zukunftsvisionen aus Zurück in die Zukunft eingetreten. Dennoch hat sich in den letzten Jahren vieles getan. Schuld daran? Sicherlich das Streben nach dem Glück, das Internet und die technischen Möglichkeiten. Will man das alles? Das weiß ich nicht. Ich sehne mich manchmal nach etwas Ruhe, nach dem obligatorischen Abschalten und das kann ich inzwischen schon gar nicht mehr. Wer ein paar Minuten abschalten möchte, der kann sich das oben eingebundene Video ansehen. Ein paar Impressionen aus Las Vegas, ein paar autonome Fahraufnahmen vom Mercedes-Benz F015 Concept-Fahrzeug und etwas Musik.

Habe ich Angst vor der Zukunft? Nein, denn ich weiß, dass ich das Lenkrad nur dann aus der Hand geben werde wenn ich es möchte. Dafür wünsche ich mir dann auch die elektronischen Helferlein. Wenn durch den technischen Fortschritt nur ein Menschenleben gerettet wird, weil die Technik halt doch einiges besser kann als der DAU der hinterm Lenkrad sitzt, dann hat sich der Aufwand gelohnt.

Ich will sicherlich gar nicht alle Zukunftsvisionen selber nutzen, finde es aber schön, dass es Menschen gibt die sich „für uns“ darüber Gedanken machen. Wenn es diese Menschen nicht gäben würde, dann würden wir heute noch Pferde vor Kutschen spannen und ihr könnten diesen Text hier vermutlich nur gedruckt auf etwas Papier lesen. Wir müssen eigentlich gar nicht mehr über „die Zukunft“ reden, denn eigentlich sind wir bereits mittendrin. Habt ihr Angst vor „der Zukunft“ oder freut ihr euch darauf? Was ist euch wichtig? Welche Dinge im Automobil wünscht ihr euch? Ohne welche Features könnt ihr nicht mehr leben? Ich freue mich auf ein lebhafte Diskussion, denn eventuell kann man daran auch die Frage klären, ob die Automobilindustrie an den Bedürfnissen und Wünschen der Kunden vorbeiplant oder ob ich persönlich einfach nur in meinem Graben sitze und nicht mehr den Weitblick habe über den Tellerrand hinweg die Visionen zu sehen.