Kommentar
Gefährliches Instagram-Urteil: Ihr macht unser Internet kaputt

Ein aktuelles Gerichtsurteil besagt, dass eine vertaggte Marke bei Instagram automatisch als Werbung zu bewerten ist. Ein gefährliches und falsches Urteil, finden wir. 

DSGVO, das drohende EU-Leistungsschutzrecht und mehr: Beim Versuch, das Internet zu regulieren und zu reglementieren, scheinen Politiker im Vorbeigehen vieles von dem einzureißen, was im Internet über viele Jahre mühevoll aufgebaut wurde. Oftmals will man den Großen wie Google oder Facebook was entgegen setzen, wie auch beim Beispiel des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes. Getroffen werden zumeist aber die Kleinen, egal ob man nun Blogger, ein kleines Unternehmen, ein Betreiber einer Facebook-Seite oder schlicht ein Internetnutzer ist.

Ich will da noch nicht mal Boshaftigkeit unterstellen und nehme den meisten Politikern tatsächlich ab, dass sie glauben, etwas Tolles auf den Weg zu bringen. Sie machen ihren Job also mit bestem Wissen und Gewissen — das Problem ist halt nur, dass sie in manchen Dingen manchmal nicht sonderlich viel wissen.

Selbst Unwissenheit ist keine Schande: Ich verlange von einem 60-jährigen Politiker, der Zeit seines Lebens keinen Rechner genutzt hat und tendenziell schon mit seinem Smartphone überfordert ist, beileibe nicht, dass er sämtliche Auswüchse der Digitalisierung einordnen und daraus resultierend an den entsprechenden Stellschrauben drehen kann.

Aber wir dürfen wohl erwarten, dass ein Politiker, wenn er ein Gesetz auf den Weg bringen möchte, dann nicht einfach vermutet, was das Richtige sein könnte, sondern sich einen Expertenrat einholt. Darüber hinaus erwarte ich, dass dieser Expertenrat dann auch wirklich ein solcher ist und nicht etwa ein Gesetzentwurf, der schon von entsprechenden Lobbyisten ausgearbeitet wurde.

Fakt ist leider, dass es nicht nur Politiker sind, mit denen wir in diesen Punkten hadern müssen, oder genauer gesagt: Es betrifft nicht nur die Legislative (Gesetzgebung), sondern auch die Judikative (Rechtsprechung). Schlimmstenfalls wird ein schlecht ausgearbeitetes Gesetz also vor Gericht zusätzlich noch schlecht angewendet.

Genau von so einem Beispiel berichtet heute Basic Thinking. Christian Erxleben schreibt dort nämlich heute über den Fall der Bloggerin (Instagrammerin, Influencer, you name it) Vreni Frost. Bereits im März bloggte sie darüber, dass sie eine Abmahnung erhalten habe — vom Verband Sozialer Wettbewerb (VSW). Der Verband hat sich auf die Fahnen geschrieben, geltende Wettbewerbsregeln durchzusetzen und gegen unlauteren Wettbewerb vorzugehen. Zumindest in diesem Fall entpuppt sich der Verband aber als schnöde Abmahn-Klitsche.

Was Vreni vorgeworfen wird? Sie hat auf Instagram in mehreren Postings die Marken ihrer Klamotten getaggt — ohne explizit zu erwähnen, dass es sich um Werbung handelt. Wäre es tatsächlich Werbung für ein Unternehmen oder eine Marke, könnte ich den Unmut des Verbands nachvollziehen. Das ist aber nicht der Fall. In ihrem Artikel stellt die Bloggerin klar:

Dazu sage ich ganz deutlich: Alle meine bezahlten Posts, sowohl auf dem Blog als auch auf Instagram sind klar als bezahlt gekennzeichnet. Mehr gibt es hier nicht zu sagen. Vreni Frost

Es geht also nicht darum, dass sie tatsächliche Werbung nicht gekennzeichnet hat. Es geht tatsächlich darum, dass der abmahnende Verband jede getaggte Marke automatisch als Werbung bewertet! “Halb so wild”, könnte man sagen, wenn jemand sowas abmahnt und sich später herausstellt, dass der Vorwurf haltlos ist.

In diesem Fall ist es aber eben genau nicht so: Vreni ist gegen die Abmahnung vorgegangen und so war es dann Sache des Landgerichtes Berlin, abschließend über die Geschichte zu urteilen. Die enttäuschende, frustrierende und in meinen Augen gefährliche Entscheidung: Das Landgericht Berlin bestätigt die Abmahnung und ballert der Bloggerin eine einstweilige Verfügung vor den Latz: Sie darf keine Marken mehr taggen, ohne auch darauf zu verweisen, dass es sich um Werbung handelt.

Damit setzt man ein komplett falsche Zeichen, von dem man befürchten muss, dass es weitere Abmahnwillige auf den Plan ruft. Damit könnte ein Teil dessen, was “Social Media” auszeichnet, nachhaltig schwer beschädigt werden. Theoretisch wäre es so, dass wir beispielsweise Tesla in einem Artikel bashen können, wir den Beitrag in den sozialen Medien teilen und eine Abmahnung dafür kassieren könnten, wenn wir Tesla verlinkt oder getaggt hätten. Ich bin fast sicher, dass nicht nur wir Mobile Geeks und Tesla der Meinung wären, dass so ein Beitrag definitiv keine Tesla-Werbung darstellt.

Es bleibt jetzt zu hoffen, dass das Kammergericht Berlin diese Fehlentscheidung korrigiert. So lange kann Vreni aber nicht warten: Sie hat bereits jetzt alle ihre Instagram-Postings als Werbung gekennzeichnet, damit sie auf der sicheren Seite ist. Das Resultat: Es ist nun unmöglich für irgendjemanden zu erkennen, ob ein Instagram-Posting von ihr tatsächlich ein bezahltes ist oder nicht.

Das macht es für Influencer schwieriger, das macht es natürlich für die Follower schwieriger und nicht zuletzt macht es selbstverständlich auch die Arbeit von uns Bloggern und Journalisten schwieriger, wenn wir über Marken berichten. Es ist das, was wir leider immer öfter beobachten müssen, wenn Menschen über das Internet entscheiden, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben: Sie machen das Internet kaputt!

Auf diese Weise entsteht trotz vermutlich besten Absichten eine Lose-Lose-Situation und es beweist sich somit ein weiteres Mal: “Gut gemeint” ist eben doch oftmals das Gegenteil von “gut gemacht”.

Quelle: Neverever via Basic Thinking