Gefangen in der Selbstverstaendlichkeit – Zeilen zum Fest

Was ist eigentlich normal? Gedanken zu den selbstverstaendlichen Errungenschaften unserer Konsumgesellschaft und wie wir uns ueber selbige neu erfinden muessen.

Wo bitte sind die letzten 365 Tage geblieben? Ich weiss es nicht, ja ich wuerde mich wahrscheinlich voellig ueberfahren fuehlen, wenn mich nun direkt jemand danach fragt. In meiner kleinen Weihnachtsansprache von 2014, habe ich ausschliesslich ueber den Relaunch von Mobile Geeks gesprochen…. keine Angst, ich werde euch nicht damit nerven wollen. Ihr seht das Ergebnis hier taeglich und nach all den Hoehen und Tiefen in diesem Jahr kann ich da mit aller Bestimmtheit sagen, dass ich wahnsinnig stolz auf das Team bin. Die haben sich wirklich richtig gerade gemacht in diesem Jahr und zum Teil habe ich weitaus mehr von ihnen verlangt, als man von einem ganz normalen Angestellten erwarten kann. Aber was ist schon normal?

Ist es normal, dass ich das Wissen der Menscheit in meine Tasche stecken und ueberall abrufen kann? Ist es eigentlich normal, dass ich eine Videokonferenz in HD fuehren kann und das mit einer Person, die 10 000 Kilometer entfernt sitzt (hello Miss J)? Ist es eigentlich inzwischen normal, dass wir das unglaubliche Glueck hatten ein kleines mittelstaendisches Medien-Unternehmen aufzubauen und das praktisch aus dem Nichts zu monetarisieren? Also ich meine mit einem Produkt, welches nur als Nullen und Einsen besteht…

Sind wir oder ist unsere Welt noch normal, wenn all dies moeglich ist?

Es ist inzwischen so leicht sich an Veraenderungen zu gewoehnen. Wobei… sobald diese uns nuetzen, unseren Wohlstand naehren und die eigene Bequemlichkeit in den Arm nehmen, dann gewoehnen wir uns gerne und vor allen Dingen sehr schnell daran. Ja wir erfinden dann auch ganz tolle Begriffe und definieren diesen gesellschaftlichen Wandel. Freunde, wir sind nun Teil der Service-Gesellschaft und wenn wir weiter schoen artig sind, dann schaffen wir auch den evolutionaeren Schritt in die Informations-Gesellschaft.

Hey, keine Angst! Ich gruesse euch aus selbiger und glaubt mir, Taiwaner sind immer noch unglaublich liebenswerte Menschen und keine Roboter. Und genau das ist vielleicht gar nicht so selbstverstaendlich.

Wenn final die „Singularity“ an die Tuer klopft und wir hoffen muessen, dass ein kuenstliches Bewusstsein nicht so reagiert, wie wir vermeintlichen Herrscher des Planetens

All unsere technologischen Errungenschaften, all die ganzen Gadgets und Helferlein, die wir jeden Tag einsetzen… wir kontrollieren schnell noch ob die Klimaanlage schon an ist und rufen via Ueberwachungskamera ab, inwiefern der Staubsauger-Roboter schon unser Wohnzimmer gereinigt hat. Das ist alles schon zuviel fuer euch? Was wollt ihr denn dann in 10 oder 15 Jahren machen?

Geht es nach Moores Law, dann werden in etwa 10 Jahren Computer so leistungsstaerker sein, als ein menschliches Hirn und noch einmal 5 Jahre weiter schneller und „intelligenter“ als alle ueber 7, 8 Milliarden Hirne vereint! Und dann? Was ist dann eigentlich selbstverstaendlich? Was ist normal, wenn ich leistungsstarke kuenstliche Augen einsetzen lasse und die Grenzen zwischen „Virtual“ und „Reality“ komplett verschwimmen? Wenn final die „Singularity“ an die Tuer klopft und wir hoffen muessen, dass ein kuenstliches Bewusstsein nicht so reagiert, wie wir vermeintlichen Herrscher des Planetens: „Oh eine Muecke? Die haue ich jetzt platt um ihr zu zeigen, wer hier wirklich die Intelligenz darstellt“.

Moores Law

Wir werden evolutionaere Schritte durchmachen und uns in den naechsten Jahren auf eine Art und Weise anpassen muessen, wie wir es in der gesamten Menschheitsgeschichte nicht tun mussten. Und ich rede hier nicht von 2000 Jahren, sondern von 20. Ist dies eigentlich schon selbstverstaendlich fuer uns? Wissen wir denn, wie normal das „Normal“ des Jahres 2035 sein wird?

Auf dem Weg zum Buero habe ich heute einen alten Mann gesehen, der sich nur mit „Tippelschritten“ vorwaerts bewegen konnte. Ein Schritt von mir… dafuer brauchte er 15 und wohl locker 20 Sekunden. Verdammt, wie arrogant ich doch bin anzunehmen, dass so ein ganz normaler Schritt eine Selbstverstaendlichkeit ist.

Oder was ist denn, wenn ich den Hahn aufdrehe und da kommt auf einmal heisses Wasser raus? Toll, oder? Wisst ihr eigentlich fuer wieviele hunderte Millionen dies nicht selbstverstaendlich ist? Wenn man mal so ein paar Sekunden drueber nachdenkt und kein empathieloses Arschloch ist.

image.adapt.480.low.hungary_border_refugees_hpIch gehe auch davon aus, dass wir alle hier in der letzten Nacht im eigenen Bett geschlafen haben bzw. zumindest weich und zugedeckt. Selbstverstaendlich! Da draussen gibt es aber Millionen Menschen, die fern von ihrer Heimat unterwegs sind. Aufgrund grausamer Kriege die wohl weitreichendste Entscheidung in ihrem Leben treffen mussten. Ihre Heimat zu verlassen und das meisst mit nicht mehr, als das was sie am Koerper tragen. Ueber Ozeane, durch Wuesten und Auffangslager, die insbesondere in den Ost-Europaeischen Laendern an dunkelste Vergangenheiten erinnern.

Was mag fuer diese traumatisierten Seelen eigentlich noch normal und selbstverstaenlich sein? Vielleicht keine Angst vor Terror und Totschlag haben zu muessen?

Ich werde mich am heutigen Abend mit Freunden treffen. Weihnachtsessen. Fettig, opulent… Alkohol. Wir feiern dann und wahrscheinlich werde ich die meissten Zeilen hier fuer wenige Stunden hinter mir lassen koennen.

Aber was fuer uns niemals normal und selbstverstaendlich sein darf ist, dass wir Menschen die unsere Hilfe benoetigen, selbige verwehren. Dass die Solidargemeinschaft auseinander, statt zueinander rueckt und dass wir den Frustrierten und lauten Schreihaelsen die Meinungshoheit in den Kommentaren, auf den Strassen und in den Parlamenten ueberlassen.

Wenn das passiert, dann koennt ihr euch alle sicher sein, dass die Singularitaet fuer uns wie ein Skynet Deluxe ausgeht. Kuenstliche Intelligenz, Machine Learning ist rational. Pure Mathematik. Und die wird irrationalen Hass und Vorurteile wegwischen wie eine Muecke.

Also ruecken wir enger zusammen und bauen zusammen an der Zukunft, die wir uns alle wuenschen. Eine Zukunft, die all die Selbstverstaendlichkeiten des Alltags auch fuer die Menschen moeglich machen, die heute Abend nicht wissen wo sie schlafen koennen und ob sie eine warme Mahlzeit bekommen werden.

Ich wuensche euch ein wunderschoenes Weihnachtsfest und bedanke mich im Namen des gesamten Teams fuer eure Geduld und den unglaublichen Support im zurueckliegenden Jahr.