Kommentar
Genmanipulierte Babys: Die Büchse der Pandora ist geöffnet

In China kamen vor Wochen die Zwillinge Lulu und Nana zur Welt. Die Besonderheit: Sie wurden mittels Genschere Crispr/Cas9 manipuliert - in meinen Augen absolut unverantwortlich und mit vermutlich weitreichenden Folgen.
von Carsten Drees am 27. November 2018

Es macht seit gestern die Runde und wir sollten uns zu dem Thema tatsächlich mal ernsthaft Gedanken machen: Es geht natürlich um die Zwillinge, die in China jüngst zur Welt kamen und die mittels der nicht unumstrittenen Genschere namens Crispr/Cas9 (oder kurz: Crispr) behandelt wurden. Der behandelnde Arzt, Professor Jiankui He, erzählt begeistert davon, dass Lulu und Nana gesund zur Welt gekommen sind und spricht auch wie selbstverständlich davon, dass er die beiden genetisch manipuliert habe.

Was genau hat er unternommen? Mittels Crispr deaktivierte er in den beiden Embryonen das Gen für den Zellrezeptor CCR5. Dadurch sollen die Babys vor HIV geschützt werden, wobei dieses nicht der einzige Weg ist, wie das Virus in den Körper gelangen kann. Das bedeutet, dass nach dem derzeitigem Wissensstand nicht garantiert werden kann, dass Lulu und Nana durch diesen Eingriff geschützt vor einer Aids-Infektion sind. Aber noch wichtiger: Dieses Feld der Wissenschaft ist noch so wenig erforscht, dass wir aktuell gar nicht abschätzen können, welche Risiken bestehen.

Ein unverantwortlicher Alleingang

Während HIV bzw. der Ausbruch des Virus mittlerweile eigentlich recht gut präventiv behandelt werden kann, wissen wir bei der ganzen Crispr-Nummer noch nicht, welche Schäden angerichtet werden können. Insgesamt elf Crispr-Embryonen hat der chinesische Forscher bei sechs verschiedenen Frauen eingesetzt, die Zwillinge Lulu und Nana sind das Ergebnis, wobei die Existenz der beiden lediglich von He Jiankui verkündet wurde.

Es soll geheim gehalten werden, in welcher Familie die beiden aufwachsen, um sie vor der Öffentlichkeit zu schützen. Damit besteht zumindest die theoretische Möglichkeit, dass es sich hier um eine unglaubliche Luftnummer handelt, aber wir müssen davon ausgehen, dass diese beiden Babys tatsächlich unter den beschriebenen Umständen auf die Welt gekommen sind. Morgen beginnt in Hongkong eine große internationale Tagung zum Thema Genom-Editierung und diese Ankündigung ist natürlich genau der Paukenschlag, den der Professor bezwecken wollte, unabhängig davon, ob er blufft oder tatsächlich den Eingriff vorgenommen hat.

Das Gefährliche an seiner Vorgehensweise: Während man keinerlei Garantie hat, durch den Eingriff tatsächlich HIV ausknipsen zu können, besteht die Gefahr, dass den beiden unerwartete Nachteile entstehen können. So gibt es Krankheiten, die durch das manipulierte Gen deutlich mehr Schaden anrichten können, außerdem kann es schlimmstenfalls zu noch nicht absehbaren Mutationen kommen.

Das ist auch genau der Grund, wieso Ärzte, Wissenschaftler und viele Experten mehr weltweit Alarm schlagen: Mit diesem Eingriff wurde die Büchse der Pandora geöffnet und man bekommt sie vermutlich auch nicht wieder geschlossen. Die Zeit spricht beispielsweise von einem “ethischen Desaster” und schreibt in seinem Beitrag:

Auch zwei der drei Crispr-Entdecker kritisieren He scharf. Jennifer Doudna von der University of California in Berkeley sagte, es sei dringend nötig, den Einsatz bei Embryonen zu beschränken. Feng Zhang vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) fordert sogar ein Moratorium für das Einpflanzen genomeditierter Embryonen.

Auch in Deutschland wird massive Kritik laut:

Sollte es sich bewahrheiten, dass ein mithilfe von Crispr genmanipuliertes Baby erzeugt worden ist, wäre dies für die Wissenschaft ein Super-GAU. Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats

Es steht zu befürchten, dass jetzt alle Dämme brechen könnten. Wenn nämlich diese Schwelle erst einmal übertreten wurde, könnten sich andere Wissenschaftler dazu genötigt fühlen, ebenso zu handeln, um bei der Forschung nicht den Anschluss zu verlieren — auch, oder gerade mit Blick auf das Geld, was durch erfolgreiche Gen-Manipulationen über kurz oder lang in die Kassen gespült werden könnten.

Ein Bärendienst für die Menschheit?

Ich mache mir jetzt seit gestern Gedanken zu dieser unglaublichen Geschichte. “Unglaublich” ist dabei eigentlich relativ, denn spätestens seit dem Klon-Schaf Dolly vor über 20 Jahren war klar, dass dieser Zeitpunkt irgendwann kommen würde. Ehrlich gesagt ist es auch nicht einmal überraschend, dass ausgerechnet aus China dieser erste “Erfolg” vermeldet wird.

Bei allen berechtigten Kritikpunkten und bei aller Sorge um die beiden Zwillinge sehe ich aber noch ein riesiges Problem: Die Crispr-Technologie ist nämlich nicht nur das Werkzeug, welches in einer dystopischen Fantasie dazu führt, dass sich reiche Eltern ihre Kinder im Katalog mit all ihren genetischen Eigenschaften — Haarfarbe, Größe usw. — zusammenstellen können in einer Art Baukastensystem.

Crispr steht gleichzeitig nämlich auch für unendlich viel Hoffnung, die mit dieser Technologie einhergehen kann. Seit einigen Jahren erst kann mit dieser Genschere gearbeitet werden und die Auswirkungen erreichen sowohl den Menschen als auch die Pflanzenwelt. So besteht die Möglichkeit, durch gezielte Eingriffe Gemüse und Früchte haltbarer zumachen oder zu bewirken, dass sie resistenter gegen Temperaturen sind. Das wiederum bedeutet unterm Strich, dass dank Genschere der Welthunger besiegt werden könnte, weil Lebensmittel transportabler gemacht werden könnten durch eine bessere Haltbarkeit und auch, dass ein Produkt wie Weizen in Regionen angebaut werden könnte, die aktuell aufgrund der klimatischen Voraussetzungen bislang ungeeignet dafür sind.

Genau deswegen erweist der vorpreschende Professor, der nicht nur seine Uni, sondern schlimmstenfalls sogar die betroffenen Eltern im Unklaren ließ, der Menschheit und der Wissenschaft einen absoluten Bärendienst. Ich muss euch nicht erzählen, was medial los ist, wenn von genetisch veränderten Lebensmitteln die Rede ist, oder? Klar, GMOs genießen speziell in Deutschland nun wahrlich keine große Lobby.

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Der Punkt ist aber, dass wir genau diese Genschere zwingend benötigen, um die Menschheit auf so vielen verschiedenen Ebenen weiterzubringen, egal ob es um das Ausknipsen von Krankheiten, der Früherkennung von Problemen bereits im Embryo-Stadium oder das Beseitigen des Welthungers geht. Meldungen wie diese aus China sorgt aber dafür, dass die Skepsis und die Abneigung gegenüber diesen Technologien weiter wachsen werden.

Gerade Wissenschaftler müssen manchmal ins Risiko gehen, um Durchbrüche erreichen zu können, das sehe ich durchaus ein. Aber es darf eben dabei nicht auf Ethik, Moral und schon gar nicht auf den gesunden Menschenverstand verzichtet werden. Jiankui He hat hier absolut unverantwortlich gehandelt, weil er im Alleingang zwei neugeborenen Menschen diese Bürde aufgedrückt hat, bei der die tatsächlichen Folgen für die beiden Kids noch nicht im Ansatz erkennbar sind.

Dass der Tabubruch der CRISPR-Babies aus China kommt, war leider lange Zeit abzusehen: Aus dem Land der jahrzehntelangen…

Gepostet von André Vatter am Montag, 26. November 2018

Die Reihenfolge muss geändert werden: Während jetzt weltweit debattiert wird, wo die Grenzen sein sollten und wie man vorzugehen hat, hätten diese Debatten VOR dieser Meldung aus China stattfinden müssen. Vielleicht ist Crispr die mächtigste Waffe, die die Menschheit aus wissenschaftlicher Sicht jemals in Händen hielt. Aber es müssen Ethik-Fragen unbedingt besprochen und geklärt werden und das möglichst in einem globalen Kontext. Soll heißen, dass sich da alle Nationen zusammensetzen und einig werden müssen, bevor Ärzte wie jetzt in China alleine vorpreschen und das Gottspielen in Eigenregie für sich Entdecken.

Ich bin hin und her gerissen zwischen den unglaublichen Möglichkeiten der Genschere und dem vermutlich mindestens genau so großem Missbrauchspotenzial dieser Technologie. Wie würdet ihr verfahren? Darf der Mensch generell nicht in diese Prozesse hineinpfuschen, oder wünscht ihr euch auch eine weltweite Einigkeit bei Fragen der Ethik und der Vorgehensweisen?

Quelle: AP und Zeit