Geplante Obsoleszenz: Nichts spricht für fest verbaute Akkus – oder doch?

Eine Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes zur Geplanten Obsoleszenz wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet. Das Fazit ist ein Maßnahmen- und Empfehlungskatalog, der nicht nur praxisfern, sondern auch lückenhaft ist.

Forscher des Freiburger Öko-Instituts und der Universität Bonn haben die durchschnittliche Lebensdauer elektronischer und elektrischer Geräte untersucht und einen Maßnahmenkatalog für das Umweltbundesamt erstellt. Hintergrund der Untersuchung war u.a. der Verdacht, dass Hersteller von Waschmaschinen, Staubsaugern, Fernsehern, Smartphones, Notebooks oder anderen Geräten absichtlich, gezielt und mit irgendwelchen „Tricks“ ein berechnetes Verfallsdatum in ihre Geräte einbauen und Kunden danach zu einer Neuanschaffung nötigen.

Tun sie nicht, jedenfalls nicht in der „eindimensionalen“ Sicht, die man allgemein mit dem Begriff geplante Obsoleszenz verbindet – das ist ein Ergebnis der Studie. Es gibt offenbar keinerlei Hinweise oder gar Belege dafür, dass Hersteller beispielweise über bestimmte Programmierungen oder Chips die Lebensdauer eines Geräts künstlich beschränken. Allerdings – und nun kommen wir zum interessanten Teil der Story – kalkulieren viele Hersteller sehr wohl von Anfang an die „gewünschte“ Lebensdauer eines Geräts ein.

Sie tun dies z.B. über die Wahl der eingebauten Komponenten und richten sich dabei auch nach den Vorlieben und Gewohnheiten der Konsumenten. Die – also ihr – planen nämlich durchaus in immer kürzeren Abständen die Neuanschaffung eines Geräts, ohne dazu durch ein defektes Gerät genötigt zu sein. Während ältere Geräte selbstverständlich tatsächlich irgendwann kaputtgehen, werden gerade jüngere Geräte immer häufiger ersetzt, weil der Besitzer ein „besseres“ Gerät haben möchte.

Die genauen Gründe dafür sind natürlich von Geräteklasse zu Geräteklasse völlig unterschiedlich. Bei Fernsehern vollzog sich zwar im untersuchten Zeitraum nicht mehr unbedingt der Wandel weg vom Röhrenfernseher hin zum Flachbildfernseher, währenddessen viele Menschen ein neues Gerät „ohne Zwang“ angeschafft und dem Tod ihres Altgeräts einfach ein wenig zuvorgekommen sind. Doch mit dem Wechsel von HD auf Full-HD (oder nun 4K), weitaus größeren Bildschirmdiagonalen und einer Änderung der Empfangsmöglichkeiten (DVB-T/C/S2) ergaben sich sicherlich ähnliche und durchaus valide Gründe für die Anschaffung eines Neugeräts.

Gruende fuer den Austausch von Fernsehgeraeten und Notebooks

Bei Waschmaschinen wiederum hat sich in den vergangenen Jahren mehr oder weniger viel am Wasser- und Energieverbrauch geändert – auch das wird einige zu einer Neuanschaffung bewogen haben. Auch wenn – wie sich im Nachhinein herausstellt – die Öko-Bilanz einer verbrauchsärmeren Maschine nicht zwingend die Neuanschaffung rechtfertigt.

Haushaltsgrossgeraete

Bei Geräten wie z.B. Notebooks oder Smartphones dürften die Gründe oftmals ganz andere sein. Verbraucher stellen an diese Geräte wesentlich bewusster eine gewisse Anforderung an die Leistung, also z.B. an die Arbeitsgeschwindigkeit. Ändern sich im Laufe der Jahre die eigenen Ansprüche und Tätigkeiten, wird die Diskrepanz zu einem ehemals völlig ausreichend dimensionierten Gerät schleichend immer offensichtlicher. Während sich z.B. ein Notebook auch weiterhin als reines Internet- und Office-Gerät einsetzen ließe, reicht die Leistung für das neue Hobby „Urlaubsvideos schneiden“ nicht mehr aus. Hinzu kommen steigende Anforderungen der jeweils aktuellsten Software – irgendwann ist einfach Schluss.

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Beim Smartphone ist es ähnlich, begünstigt wird der Wechsel zu einem neuen Gerät hier auch durch heftig reduzierte bzw. gesponserte Geräte im Rahmen eines neuen Mobilfunkvertrags.

Hersteller wiederum kennen diese Marktmechanismen natürlich ebenfalls – und planen die somit vom durchschnittlichen Verbraucher vorgegebenen Zeiträume tatsächlich in ihre Komponentenauswahl und ihren Produktionsprozess ein. Sprich: auch wenn es theoretisch vielleicht möglich wäre, durch qualitativ hochwertigere (und somit teurere) Komponenten oder andere Produktionsprozesse die Lebensdauer eines Computers oder Smartphones zu verlängern, wird bereits seitens des Herstellers darauf verzichtet. Somit werden Geräte also tatsächlich mit einer „geplanten Obsoleszenz“ gefertigt, allerdings nicht – wie oft vermutet – durch den gezielten Einbau schad- oder fehlerhafter Produkte. Vielmehr lautet ein Fazit der Untersuchung, dass die Hersteller für die Lebensdauer des Geräts den jeweils vom Käufer gewünschten Mindestzeitraum zu Grunde legen und dabei – auch, aber nicht ausschliesslich aus Kostengründen – möglichst wenig Spielraum einkalkulieren.

Coltan: An fast all unseren Smartphones klebt BlutColtan: An fast all unseren Smartphones klebt Blut

Das klingt im ersten Moment nach einer logischen und weitgehend akzeptablen Erklärung, die Tücken liegen allerdings im Detail. Zu den gravierendsten Mankos gehört, dass ein Verbraucher die vom jeweiligen Hersteller eingeplante Nutzungsdauer nicht kennt und somit nicht in der Lage ist, diesen elementaren Faktor in seine Kaufentscheidung einzubeziehen. Während sich z.B. Smartphone- oder Notebook-Hersteller heutzutage mit der Detailtiefe ihrer technischen Datenblätter übertreffen und jedes erdenkliche Detail über die Geräte preisgeben, fällt beim Faktor Lebensdauer ganz schnell der Vorhang. Dies erstreckt sich nicht nur auf die prognostizierte Lebensdauer der eingebauten Hardware: in der Regel weiß z.B. kaum ein Käufer, ob er in einem, in zwei oder gar in vier Jahren noch mit den neuesten Updates und Patches für sein Smartphone versorgt wird.

Die oftmals für ihren Regulierungswahn gescholtene EU hat unterdessen durchaus Verordnungen erlassen, die dem Verbraucher entgegenkommen sollen. So sind bspw. Notebookhersteller seit dem 01. Juli 2014 verpflichtet, die erreichbare Mindestzahl der Akku-Ladezyklen anzugeben – für Smartphone-oder Tablet-Hersteller gilt diese Verordnung allerdings nicht. Und letztendlich stellt sich auch die Frage nach der Praxisrelevanz – wer weiß schon, wie viele Ladezyklen für eine erhoffte Mindestlebensdauer von x Jahren ausreichend wären?

Nichts spricht für fest verbaute Akkus. Siddharth Prakash, Freiburger Öko-Institut

Dementsprechend zielt auch der Maßnahmenkatalog der Forscher weniger auf eine rein technische Information der Kunden durch weitere Messwerte, die dem durchschnittlichen Verbraucher u.U. gar nichts sagen. Vielmehr empfehlen die Wissenschaftler tatsächlich die (gesetzliche?) Festlegung von Mindestanforderungen und Standards für Bauteile und Komponenten, deren Ausfall eine Unbrauchbarkeit des Geräts zur Folge hätte.

5 Jahre gesetzliche Gewährleistung auf „kritische“ Bauteile?

Das Problem: konsequent zu Ende gedacht hätte dieser Gedanke eigentlich zur Folge, dass man die gesetzliche Gewährleistungsfrist von momentan zwei Jahren erheblich verlängern müsste. So weit wird das Umweltbundesamt in einem evtl. folgenden Gesetzesentwurf jedoch sicherlich nicht gehen, auch wenn die Autoren der Studie das vermutlich gerne hätten. Sätze wie

„Zentraler Baustein im empfohlenen Strategien- und Instrumentenmix sind Mindestanforderungen an die Qualität und Haltbarkeit von Produkten sowie ihrer kritischen Bauteile und Komponenten“

hören sich zwar wunderbar logisch an, doch im real existierenden Käufer-Verkäufer-Hersteller-Dreieck bedeutet das lediglich, dass der Hersteller die Einhaltung dieser von wem auch immer definierten Mindestforderungen zu gewährleisten hat. Und es bedeutete ebenso, dass man die Einhaltung dieser Mindestanforderungen für in Deutschland verkaufte Produkte einfordert, die aber – Hallo, Aufwachen, wir schreiben das Jahr 2016 – einheitlich für Weltmärkte produziert werden. Also auch in Ländern, in denen schon jetzt die gesetzlichen Verbraucherschutzbedingungen stark von den hierzulande geltenden Vorgaben abweichen – und zwar nach unten.

Das Umweltbundesamt stellt in puncto gesetzliche Gewährleistung dann auch umgehend klar:

Anders als bei der kaufrechtlichen Gewährleistung, die das Verhältnis zwischen Verkäufer und Käufer regelt, wird hier direkt derjenige in die Pflicht genommen, der für die Produktbeschaffenheit verantwortlich ist und diese am besten kennt.

In die Pflicht genommen? Also eine gesetzliche Garantie? Wie ist das zu verstehen?

Deshalb liegt der Fokus der praktikablen Empfehlungen ungewollt dann eben doch – wie zu erwarten – auf einer besseren und vor allem langfristigeren Reparierbarkeit der Produkte. Akkus von Smartphones und Notebooks sollten als typische Verschleißteile nach dem Ablauf ihrer Lebensdauer durch den Benutzer oder einen Fachbetrieb austauschbar sein und nicht mehr zur zwangsweisen Ersatzanschaffung eines Geräts führen.

Fazit: Halbwissen und Praxisferne treffen auf auf löbliche Ziele

Ganz ehrlich … die Erkenntnisse dieser Studie sind, je intensiver man sich damit beschäftigt, Pippifax. Zum einen ist die gezielte Auswahl von kurzlebigeren Einzelkomponenten selbstverständlich eine gezielte Methode zur Erreichung einer geplanten Obsoleszenz – ganz „eindimensional“. Es mag dahingestellt sein, dass Verbraucher „freiwillig“ Geräte vor dem Ende der Lebensdauer austauschen um sich ein „besseres“ Gerät anzuschaffen – aber in Zeiten von eBay & Co. fände sich immer auch ein ebenso interessierter Käufer für ein weiterhin funktionierendes „Altgerät“. Das Interesse an langlebigeren Geräten wäre also auf der Verbraucherseite durchaus vorhanden.

Zum anderen muss man festhalten, dass eine leicht geforderte „bessere Reparierbarkeit“ und der möglichst einfache Austausch von Einzelkomponenten selbstverständlich bedingt, dass diese Komponenten trotz ihres irgendwann erreichten Alters entweder weiterhin gebaut oder aber bis zum Sankt Nimmerleinstag in irgendwelchen Lagerhallen bevorratet werden. Glaubt jemand ernsthaft, Samsung, Apple & Co. legen sich über Jahre hinweg einen Millionen-Bestand mehrerer Akku-Generationen auf Lager – weil ja irgendwann mal jemand auf die Idee kommen könnte, das Bricket auszutauschen? Und ganz nebenbei: vielleicht können Akkus ja in drei, fünf oder zehn Jahren wesentlich umweltfreundlicher und ressourcenschonender produziert werden – will man dann einen Hersteller zwingen, weiterhin kompatible Alt-Modelle in Kleinstmengen zu produzieren?

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Zudem – und da muss man den Wissenschaftlern einfach widersprechen – gibt es aus Verbraucher- und Herstellersicht selbstverständlich Argumente, die für einen fest verbauten Akku sprechen. An allererster Stelle steht hier z.B. die eigentlich allgemeine bekannte Tatsache, dass Ersatz-Akkus hersteller- und gerätekategorieübergreifend zu den meistgefälschten Komponenten gehören und als solche ein echtes Sicherheitsrisiko darstellen können. Unter welchen Produktionsbedingungen und zu welchem Schaden für die Umwelt diese Fälschungen hergestellt werden und in wessen Taschen diese illegalen Umsätze gelangen steht nochmal auf einem ganz anderen Blatt. So wird ein eigentlich löblicher Ansatz der Öko-Forscher zu einem Bumerang, für den man aktuell eigentlich noch gar keine Lösung parat hat.

Generell muss man der Studie – wie vielen vergleichbaren Untersuchungen – vorwerfen, dass sie Zusammenhänge zwar im größeren Kontext nennt, im Detail aber Erklärungen schuldig bleibt. So erweist sich die Unterteilung der geplanten Obsoleszenz in werkstoffliche, funktionale, psychologische und ökonomische Obsoleszenz zwar als sinnvoll und bietet verschiedene Ansätze, um die Motivitation von Unternehmen und Verbrauchern besser zu verstehen. Doch an der Praxisrelevanz und an den Rückschlüssen auf mögliche Empfehlungen hapert es dennoch.

Mir fehlt z.B. völlig die detaillierte Beachtung des m.E. generell geänderten Kaufverhaltens. Die Hürde für die Neuanschaffung einer Waschmaschine oder eines teureren Flachbildfernsehers ist z.B. ökonomisch betrachtet nicht nur nach rationalen Kriterien gesunken. Auch die Beschaffung selbst gestaltet sich heutzutage – mit Elektronikmärkten an jeder Ecke und Online-Shoppern in jedem Haushalt – wesentlich einfacher als noch vor 10 oder 15 Jahren. Hinzu kommen 0%-Finanzierungen, ein z.T. gewandeltes Verhältnis zum „Wert“ eines Produktes, eine geringere Markentreue und ähnliche Faktoren, die mitunter eine enorme Hebelwirkung bei der Entscheidung für oder gegen ein neues/altes Produkt entfalten. Es gibt also bei der generell sinnvollen Unterteilung auch Überschneidungen, die sich nur sehr schwer durch einen wie auch immer gestalteten „Maßnahmenkatalog“ regulieren lassen werden.

Recycling? Kein Thema?

Matthias Feilhauer (Benutzer: thousandways)) (Self-photographed) [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons Matthias Feilhauer
Was mir ebenfalls völlig untergeht ist der Recycling-Ansatz. Momentan verschiffen Europa und die USA m.W. tonnenweise Elektronikschrott in andere Länder, wo die einzelnen Komponenten in irgendeiner Art und Weise wiederverwertet werden. Was ist aus der Idee geworden, über eine möglichst hohe Recycling-Quote zumindest den Rohstoffbedarf mit all seinen umweltschädlichen Auswirkungen zu senken? Seit wann spielt dieser Punkt in einer Studie zur Obsoleszenz von technischen Produkten keine Rolle mehr?

Amnesty International - Kinderarbeit bei Handy-ZulieferernAmnesty International: Kinderarbeit bei Handy-Zulieferern

Viel zu wenig beachtet wird auch die internationale Ebene: es mag ja sein, dass wir hierzulande oder vielleicht sogar europaweit Normen und Qualitätsmaßstäbe festlegen könnten, die mittelfristig zu einer Mindesthaltbarkeit technischer Produkte führen sollen. Doch auf das in Asien gefertigte und weltweit einheitlich vertriebene Produktportfolio eines Smartphone-Herstellers dürfte das nur in den seltensten Fällen Auswirkungen haben. Hinzu kommen wechselseitige Abhängikeiten zwischen Hardware und Software, die sich in Zukunft eher vergrößern als verringern werden. Diese Diskrepanz aus eigentlich sinnvoller Kritik und praktischer Umsetzbarkeit führt leider in der Politik erfahrungsgemäß zu einer allenfalls halbgaren Umsetzung eines solchen Maßnahmenkatalogs, mit der weder den Verbrauchen noch den Unternehmen oder gar der Umwelt geholfen ist.

Die vollständige Studie findet sich zum Download unter oeko.de.