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Ghosting: Und plötzlich verschwindet ein Mensch aus Deinem Leben

Ein Freund meldet sich grundlos plötzlich nicht mehr. Dieses Phänomen nennt sich Ghosting - und ist seit dem Aufkommen des Internets präsenter als je zuvor.

von Carsten Drees am 4. Juli 2019

Eine Geschichte: Ich hatte mal eine Bekannte, die ich Ende der Neunziger kennengelernt habe. Ich kannte sie aus dem Netz und wir hatten nur äußerst sporadisch Kontakt. Dann gab es bei mir eine Trennung und plötzlich hatte man sehr viel Zeit und sehr wenig Partnerin. Fast zwangsläufig verbrachte ich mehr Zeit im Netz, was damals noch etwas war, was deutlich weniger verbreitet war als heutzutage.

Jedenfalls schrieb ich jetzt häufiger mit ihr und irgendwann fingen wir an zu telefonieren. Es ging nicht darum, ihr auf einer romantischen Ebene näherzukommen. Vielmehr hatte man das Gefühl, dass man auf einer freundschaftlichen Ebene das perfekte Gegenstück gefunden hatte. Wir redeten Nacht für Nacht und ich lernte wieder zu lachen, traute mich Dinge zu erzählen, von denen ich wusste, dass mich meine anderen Freunde für verrückt erklären würden. Aber bei ihr konnte ich all das loswerden und auch sie schüttete mir immer und immer wieder ihr Herz aus.

Lange drückte ich mich davor, sie persönlich zu treffen. Sie wohnte nur eine halbstündige Zugfahrt entfernt, aber ich hatte Angst, dass ab diesem Moment irgendwie alles anders sein könnte. Eine Angst übrigens, die ich bis zum heutigen Tage habe bei Menschen, die ich schätzen lerne und bei denen ich befürchte, dass die Begeisterung von der anderen Seite abebbt, sobald man sich das erste Mal leibhaftig gegenüberstand.

Irgendwann knickte ich ein und wir trafen uns. Das Treffen war ein sehr zähes. Eigentlich wollten wir bei ihr mit ihrer Familie essen, später was trinken gehen. Stattdessen schleppte sie mich ein paar Stunden lang durch die Fußgängerzone. Natürlich merkte ich, dass sie mit dem ersten Blickkontakt das Interesse verloren hatte an mir und sie enttäuscht war, dass das Treffen ihr nicht den Kerl bescherte, auf den sie insgeheim gehofft hatte. Ich selbst war natürlich auch enttäuscht, weil man dachte, man trifft eine Seelenverwandte und stand dann da mit einer fremden, die kaum verheimlichen konnte, wie sehr sie das Treffen abbrechen wollte.

Abends telefonierten wir wieder zu unserer üblichen Zeit. Sie entschuldigte sich bei mir und erklärte, dass sie eben doch gehofft hatte, dass es irgendwie mehr sein könnte als “nur” Freundschaft. Für sie passte ich charakterlich und von meinem Humor her perfekt in ihr Beuteschema, optisch hingegen so gar nicht. Sie sagte mir bei dem Telefonat jetzt nicht direkt, dass ich aussähe wie eine Schippe Würmer, aber ließ mich das eben schon wissen, dass sie sich da was anderes erhofft hatte.

Das Gespräch war dann auch direkt nicht mehr so locker, wie es monatelang vorher jeden Abend gewesen ist. Dennoch war sie bemüht, sich vernünftig mit mir zu unterhalten und wir waren uns einig, dass wir uns natürlich dennoch weiterhin prima verstehen und weiter miteinander telefonieren und befreundet sein wollen.

Am nächsten Tag war sie  im Messenger (ja, es war ICQ) sehr kurz angebunden. Telefonieren würde heute auch nicht gehen. Ich weiß nicht mehr, ob sie sagte, dass sie was vorhat oder ob sie erzählte, sie wäre kaputt. Ist auch egal. Noch einen Tag später war sie nicht nur kurz angebunden im ICQ, sondern sehr offensichtlich genervt. Am Abend gab es wieder kein Gespräch. Long story short: Sie antwortete nicht mehr im Messenger, nicht mehr auf Emails, nicht auf SMS, nicht auf Anrufe.

Von einem Tag auf den anderen war diese — wie ich dachte — Freundin aus meinem Leben verschwunden. Nach Monaten, an denen wir tagtäglich stundenlang miteinander gechattet und telefoniert hatten. Mir fehlten damals die Worte, um zu beschreiben, was das mit mir machte. Ich glaube, die fehlen mir immer noch — aber ich weiß immerhin, wie man das Phänomen nennt: Es heißt “Ghosting”.

Mit diesem nur eher so mittel- bis untermittel-lustigen Schwank aus meiner Vergangenheit hab ich euch jetzt zu dem Thema geleitet, welches mich schon seit vielen Jahren begleitet, für das ich aber erst seit wenigen Jahren den passenden Begriff kenne. Dabei ist Ghosting sicher keine Erfindung des Internets. Leute, die sich auseinanderleben, gab es schon immer und darunter gibt es eben auch immer viele verschiedene Spielarten, wie man sich vom Gegenüber verabschiedet. Einfach grundlos den Kontakt abbrechen ist vielleicht die unschönste, aber eben auch eine sehr weit verbreitete dieser Spielarten.

Bild von Ulrike Mai auf Pixabay

 

Das ist Ghosting

Wieso dieses Phänomen so genannt wird, ist offensichtlich: Eine Person wendet sich sehr plötzlich ab, ist auf einmal nicht mehr zu greifen, nicht mehr erreichbar, sie wird zum Ghost. Für die andere Person ist sie in Gedanken immer noch allgegenwärtig und spielt immer noch eine Rolle und so jagt man noch eine Weile diesem Geist nach.

Wenn ich oben einleitend schrieb, dass das Aufkommen des Internets diesen Trend befeuert hat, dann hat das auch ganz viel damit zu tun, dass sich die Art, wie wir kommunizieren, wie wir daten, wie wir Beziehungen führen, in den letzten 20, 30 Jahren fundamental verändert hat. Dank der Technik können wir uns jederzeit sehen, auch wenn wir tatsächlich viele Kilometer entfernt sind. Wir können uns jederzeit alles sagen, wissen viel exakter, wo der andere gerade steckt — und können grundsätzlich deutlich besser, schneller und präziser kommunizieren.

Bei Tinder reicht ein Wisch auf dem Smartphone, um eine Person zu daten oder sie für immer ins virtuelle Aus zu befördern. Wir können sehen, dass unser Gegenüber unsere Nachricht gesehen hat, können nachvollziehen, wo er wann was gepostet hat und so vieles mehr. Wir können uns anderen Personen aber auch viel einfacher entziehen. Wir können sie bei Facebook entfreunden, ihnen bei Twitter entfolgen, können sie auf allen möglichen Plattformen blockieren.

Das Internet und seine Errungenschaften geben uns ein so riesiges Füllhorn an Möglichkeiten, mit Menschen in Kontakt zu treten — und gleichzeitig wird es uns so leicht wie nie zuvor gemacht, diesen Kontakt ganz bewusst zu umgehen, wenn uns danach ist. Und das muss nicht zwingend am Ende einer Beziehung sein. Es kann ebenso ein erstes Date sein, eine reine Sex-Geschichte oder eine platonische Freundschaft.

Wieso kommt es zu Ghosting?

Vermutlich ist das ein Paradoxon, denn auf der einen Seite ist es mir sonnenklar, wieso man es tut — auf der anderen Seite kann ich es eben nicht ein bisschen nachvollziehen. Der Teil, den ich verstehe, ist der technische: Du kommst irgendwann an einen Punkt, an dem Du Abstand von einem Menschen brauchst. Dann gibt es den Weg, diesem Menschen das zu erklären, es ihm verständlich zu machen — und dann zu gehen. Oder man hört einfach auf zu kommunizieren, entzieht sich diesem Menschen komplett und vermeidet damit ein unschönes, unerfreuliches Gespräch. Das ist also für mich der verständliche Teil: Man macht es, weil es so schön unkompliziert ist. Es geht schnell, es geht einfach, es tut (mir) nicht weh und niemand kommt zu Schaden — zumindest niemand, den ich noch sehen kann.

Der Teil, den ich nicht verstehe, ist aber der entscheidende für mich: Ich verstehe, dass es technisch eben so offensichtlich ist, sich wortlos aus dem Leben zu stehlen. Was ich nicht nachvollziehen kann: Wieso kommt man auf die Idee, es sich so leicht zu machen? Wenn auf der anderen Seite ein Mensch steht, den man geliebt hat, oder mit dem man lange befreundet war, der einen vielleicht durch die komplette Schulzeit begleitet hat — kommt man dann nicht ganz automatisch zu der Erkenntnis, dass es jemand, der eine Weile mit mir gemeinsam durchs Leben gegangen ist, verdient hat, dass man ihn nicht so dumm im Regen stehen lässt?

Wer macht es?

Pauschal lässt sich das ganz sicher nicht beantworten, weil es nicht ein besonderes Klientel gibt, welches sich dieses Vorgehens bedient. Vermutlich sind es Menschen, die zu schwach sind (oder sich zumindest zu schwach fühlen), um eine irgendwie geartete Trennung dem Betreffenden zu erklären.

Zudem dürften es tendenziell Personen sein, die sich nicht zwangsläufig jeden Tag über den Weg laufen. Ghosting bringt mir nicht schrecklich viel, wenn ich die ausgeblendete Person weiter jeden Tag auf der Arbeit sehe, wo ich eh mit ihr kommunizieren muss. Gerade die Online-Welt mit Tinder und anderen Dating-Apps, mit Messengern und Social Networks ist also wie geschaffen dafür, sich lautlos aus dem Leben des anderen zu schleichen.

Was kann ich tun, wenn ich Ghosting-Opfer werde

Ganz ehrlich — das ist jetzt der Punkt in diesem Artikel, an dem ich selbst ziemlich ratlos nach Worten suche. Ich glaube, es ist immer schwierig, die richtigen Tipps zu geben, egal, ob es um einen verstorbenen Menschen geht, um Liebeskummer — oder eben auch um Ghosting. Jedes Mal muss man irgendwie bewältigen, dass ein Mensch nicht mehr da ist und/oder nicht so auf mich reagiert, wie ich es mir erträume.

Aus dieser Ähnlichkeit heraus würde ich als Laie jetzt wohl am ehesten empfehlen, dass genau die Dinge funktionieren, die bei Trauer, bei Trennung und bei Liebeskummer auch funktionieren. Das Erste wäre für mich vermutlich, dass ich sicherstelle, dass dieser Mensch keinen Kontakt mehr möchte. Vielleicht gibt es ein Missverständnis, einen tragischen Grund oder was auch immer, was es dem anderen derzeit nicht möglich macht, mit mir zu kommunizieren. Die Wahrscheinlichkeit ist vermutlich realistisch gesehen nicht sonderlich hoch, dass es so ist, dennoch wäre es das erste, was ich ausschließen wollen würde. Vielleicht hat man die Möglichkeit, einen Freund oder Verwandten anzusprechen und möglichst unaufdringlich Antworten zu finden.

Wenn ich weiß, dass der andere partout nichts mehr mit mir zu tun haben will, dann gibt es im Grunde nur eine Sache, die man tun kann: Den Umstand akzeptieren! Vielleicht liegt der andere falsch, vielleicht ist er auch einfach nur dumm oder ein Arschloch. Aber egal, was es ist: Wenn er mit euch nichts mehr zu tun haben möchte, dann vermeidet es um Gottes Willen, ihn mit Nachrichten zuzuballern.

Jemand, der sich von euch abwendet, wird sicher nicht wieder begeistert in euer Leben treten, nachdem ihr versucht habt, ihn letzte Nacht 40 mal anzurufen oder ihn wieder und wieder auf sämtlichen Kanälen angeschrieben habt. Da hilft tatsächlich — meiner Meinung nach — nur das Akzeptieren dieser neuen Situation. Falls die andere Person sich umentscheidet und wieder auf euch zugeht, könnt ihr ja immer noch entscheiden, wie ihr damit umgehen wollt.

Das Einzige, was ich euch wirklich mit auf den Weg geben kann: Werdet selbst nicht zu so einem Ghost. Egal, wie schwer es euch fällt — reißt euch zusammen, überwindet euch und lasst euer Gegenüber nicht dumm sterben. Vielleicht reicht ja sogar schon ein einziger Satz, indem man mitteilt, dass man den Kontakt nicht aufrechterhalten kann. Aber lasst bitte Menschen nicht am ausgestreckten Arm verhungern. Schon gar nicht, wenn es nicht nur die Zufallsbekanntschaft war, sondern ein langjähriger Freund bzw. eine langjährige Freundin.

Umgekehrt warne ich aber auch davor, jemanden für einen schlechten Menschen zu halten, nur weil er eben aus für euch nicht nachvollziehbaren Gründen zum Ghost wird. Manchmal ist der Mensch einfach ein Penner, manchmal ist er feige. Vielleicht ist es aber hin und wieder auch so, dass es sich um eine zutiefst verunsicherte Person handelt, vielleicht auch eine mit psychischen Problemen. Es gibt Menschen, die mit Konfrontationen einfach nicht umgehen können, die sich vielleicht in Diskussionen unterlegen fühlen oder denen einfach das Verständnis für das fehlt, was sie euch gerade angetan haben. Das entschuldigt dieses Ghosting in der Regel nicht, macht es aber vielleicht ein wenig besser verständlich.

Abschließend noch so viel: Ich bin manchmal auch eine reine Vollkatastrophe, was Kommunikation angeht. Ich melde mich manchmal viel zu lange nicht, höre Sprachnachrichten zu spät ab und verliere manchmal liebe Menschen selbst zwischendurch mal aus dem Blick. Aber ich behaupte von mir, dass ich mich niemals so aus einem Leben stehlen würde. Ich liebe klare Ansagen und bin heilfroh, wenn mir jemand erklären kann, was er an mir beknackt findet oder wieso er mit mir nichts zu tun haben möchte. Umgekehrt bin ich zu meinen Mitmenschen aber auch so und das unabhängig davon, ob die das möchten oder nicht. Damit ecke ich oft genug an, weil ja niemand gerne hört, dass man irgendwo an ihm ein Defizit ausgemacht hat oder schlicht kein Interesse an einer Person hat. Aber auf lange Sicht bin ich überzeugt davon, dass es einfach fairer ist, andere so zu behandeln, dass sie immer wissen, was gerade Phase ist.

Schreibt mir gerne in den Kommentaren, wie ihr über Ghosting denkt und von mir aus auch, ob ihr selbst schon mal Opfer einer solchen Geschichte geworden seid — oder vielleicht selbst schon mal zum Ghost werdet. Gerade im letzten Fall würde mich euer Feedback interessieren und die Erklärung, die ihr dazu habt.