Goodwood Festival of Speed – Benzingeruch für die ganze Familie

von Jan Gleitsmann am 3. Januar 2015

Als Petrolhead ist es ja nicht immer einfach, sein Dasein als Familienvater mit der Leidenschaft für Autos zu verbinden. Welche Familie quält sich schon gerne über eine Automesse oder einen Oldtimer-Flohmarkt. Selbst bei einem Rallye-Lauf oder einer Oldtimer-Ausfahrt ist die Aufmerksamskeitspanne eher kurz und die Begeisterung eher medium nachhaltig. Aber da kann man tricksen. Und einer der schöneren Tricks lautet Goodwood. Aber belassen wir es erst einmal dabei, dass wir Goodwood als Arbeitstitel im Kopf behalten und das offizielle Projekt mal Brighton nennen. Ältere Semester horchen jetzt eventuell schon auf, denn Brighton ist nicht nur als südenglische Küstenstadt bekannt. 1979 kam der Film Quadrophenia in die Kinos. Darin schlagen sich britische jugendliche aus zwei Lagern – Rollerfahrer gegen Rocker – zu den Klängen von THE WHO – die Köpfe ein. Der Film ist heute noch sehr sehenswert, die Kultur rund um die Scooterboys oder auch Mods genannt sieht man ja heute leider gar nicht mehr. Brighton bietet aber auch noch allerlei musikalische Highlights, unter andere, haben hier Fatboy Slim oder auch The Kooks ihre musikalischen Wurzeln. Zudem bietet Brighton einen wunderschönen Pier, den es zu besuchen gilt. Auf jeden Fall ist dieser Ort ein lohnenswertes Ziel für den nächsten England-Kurzurlaub.

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Interessanterweise liegt nicht nur Brighton in der Grafschaft West Sussex, nein, man mag es kaum glauben, wenige Meilen entfernt findet man auch das Goodwood House. Eine weitere wundervolle Sehenswürdigkeit, der man vielleicht Beachtung schenken möchte. Ganz nebenbei, in unmittelbarer Umgebung zum Goodwood House, gibt es das Goodwood Plant, was zwar ebenfalls den Namen Goodwood trägt, aber die Produktion von Rolls-Royce Motor Cars beherbergt. Vielleicht auch hier eine weitere Attraktion, die man besuchen könnte.

In Goodwood House residiert Charles Henry Gordon-Lennox, Earl of March and Kinrara. Lord March wurde 1955 geboren und bedient eines der Klischees, das ich zumindest von englischen Lords der 60er Jahre habe. Er interessiert sich für Motorsport. Und nicht nur so nebenbei, sondern richtig. Nicht zuletzt ist er der Präsident vom British Automobile Racing Club. Nun gut. Er hat viel Platz vor seiner Hütte. Er mag den Motorsport. Und ganz offensichtlich ist er sehr pfiffig, denn seit 1993 richtet er jährlich eine Motorsportveranstaltung namens “Festival of Speed” auf seinem Anwesen aus. Statt eines Schotterwegs hat er eine feine Asphaltpiste vor der Haustür. Auf 1.86 km Länge befinden sich 9 Kurven. Und in der Tat wird sie als Rennstrecke genutzt. Es ist kein Rundkurs, was seinen ganz eigenen Charme hat, weil die Fahrzeuge in der Regel aus der Box zum Start an den Zuschauern vorbeifahren, dann das eigentliche Rennen bestreiten und zu guter Letzt wieder vom Ziel zurück in die Box fahren.

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Die Vielfalt ist es, die mir so gut gefallen hat. Ich war sowohl 2013 als auch 2014 vor Ort und durfte das Spektakel jeweils einen Tag lang genießen. Man sieht die unterschiedlichsten Fahrzeuge. Angefangen bei Vorkriegsmotorrädern bis hin zu aktuellen Formel 1-Boliden. Alle fahren “das Rennen” – die einen mehr oder anderen weniger ernsthaft. Dragster kann man ebenso bestaunen wie original restaurierte Fahrzeuge aus der Vergangenheit. Ständig sieht man Fahrzeuge auf der Rennstrecke vorbeisausen und -knattern.

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Wer dem überdrüssig wird, der schlendert an der Rennstrecke entlang. Es gibt einen klassischen Teil, wo besonders wertvolle oder einzigartige Klassiker bestaunt werden können. Die Atmosphäre ist dabei hoch entspannt. Selbst ein klassischer Maserati mit dem Wert diverser Einfamilienhäuser steht da einfach so zum Betrachten auf dem Rasen – ohne Zaun oder jegliche Absprerrung. Kein “Don’t touch”-Schild gibt dem Zuschauer das Gefühl, als er wäre ungebeten. Gleichzeitig habe ich auch keine einzige Person gesehen, die so einen Klassiker angefasst hätte. Auf der anderen Seite der Rennstrecke präsentiert die Auto-Industrie ihre aktuellen Modelle – hin und wieder gibt es in Goodwood sogar Weltpremieren.

Weltstars kann man dort auch treffen. Ich selbst hatte das Vergnügen, mich beispielsweise in der Aura von Lewis Hamilton zu sonnen und ein Selfie mit Sir Stirling Moss zu schiessen. Und der Earl of March lässt es sich auch nicht nehmen, sich hin und wieder dem Volk zu zeigen.

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Die Hersteller scheinen sich dort in Südengland sehr wohl zu fühlen. In meinem ersten Jahr dort war Porsche der Hauptsponsor, im zweiten war es Mercedes. Man erkennt den jeweiligen Sponsor an den Fahrzeugen, die eine imposante Skulptur schmücken, die sich unmittelbar vor dem Herrenhaus befindet. Das Programm ist bunt. Hin und wieder zieht ein Senkrechtstarter über dem Gelände seine Kreise. Bei meinem ersten Aufenthalt spielte Slash (ja, der Slash von Guns’N’Roses) auf dem Dach des Herrenhauses einen Song für die Besucher. Aber vornehmlich geht es dann doch um Autos. Wer müde wird, lässt sich ins Gras plumpsen und ruht sich eben ein wenig aus. Alles entspannt und locker.

Locker ist es überhaupt dort. Proppenvoll war es die letzten beiden Jahre – im Übrigen bei strahlendem Sonnenschein. Aber selbst an den engsten Stellen gab es nicht – wie ich es in Deutschland zu oft erlebt habe – ätzendes Gedränge oder Miesepeter in Schlangen. Die Engländer präsentieren sich wirklich freundlich, höflich und tiefenentspannt. Jeder darf mal alles sehen, bloss kein Drängeln. Es geht doch auch ohne. So habe ich gar keine Bedenken, meine Kinder nach Goodwood zu bringen.

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Wer sich das nächste Festival of Speed ansehen möchte, ob nun mit oder ohne Familie, muss sich bis zum 25. Juni 2015 gedulden und hat somit noch ausreichend Zeit, um seinen Ausflug vorzubereiten. Ganz preiswert ist es aber nicht. 30 Englische Pfund kostet ein Tagespass, 141 Pfund das ganze Wochenende. Verpflegung kann man mitbringen oder auch dort kaufen. Weitere Informationen gibt es auf der zugehörigen Webseite. Ich selbst werde 2015 wohl mal aussetzen, aber ich werde auf jeden Fall zurückkehren.

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