Smart Clothes auf der Google I/O 2015
Google ATAP stellt Project Jacquard vor und kooperiert u.a. mit Levis

Mit Project Jacquard präsentierte Google ATAP ein weiteres, sehr interessantes Projekt, das endlich im grossen Stil den Markt für Smart Clothes revolutionieren könnte. Es handelt sich um berührungssensitive leiterfähige Fäden, die sich ohne Probleme in den Produktionsprozess eines Textilherstellers einbinden lassen - diese bisher allgegenwärtige Hürde könnte somit endgültig gefallen sein.

Von der Keynote der Google I/O 2015 waren wir ja ziemlich enttäuscht. Irgendwie fehlte da völlig der Wow!-Effekt, der rote Faden und die grosse Vision. Und ja, wir sind noch immer ein wenig geflasht von dem Feuerwerk, das Microsoft bei der Build 2015 gezündet hat, auch das könnte uns momentan etwas anspruchsvoller machen.

Nun ist die Google I/O 2015 ja nicht mit der Keynote erledigt und in den beiden letzten Tagen stellte sich heraus, das abseits von Android M, Google Photos, Android Wear und anderem Schnickschnack doch einige Dinge in den Google Labors in der Mache sind, die tatsächlich das Potential haben, die Technik-Welt völlig zu verändern. Besonders aufgefallen ist dabei wieder einmal Google ATAP, die sich ja schon einige Male als Ideenschmiede profiliert haben.

In diesem Jahr präsentiert Google ATAP mit Project Soli und Project Jacquard zwei überraschend marktreife Lösungen. Während es sich bei Project Soli um einen Mini-Radar zur Gestensteuerung von z.B. Smartwatches handelt, richtet sich Project Jacquard an die Textilindustrie. Das ist insofern von besonderer Bedeutung, weil in dieser Branche natürlich unglaublich viel Geld und Dynamik steckt, und weil sie besonders für den Einsatz von Technik im Massenmarkt relevant ist.

Hinter Project Jacquard verbirgt sich ein berührungssensitiver leitungsfähiger Faden, der wie der Faden eines normalen Stoffes verarbeitet werden kann und sich so sprichwörtlich “nahtlos” in den Produktionsprozess eines Textilherstellers einbinden lässt. Wer schon einmal eine Dokumention über eine Stofffabrik gesehen hat, weiss, dass dort mit riesigen Monstermaschinen und meterdicken Stoffspulen gearbeitet wird – da ist kein Platz für diffizile Platinchen oder Fädchen, die quasi unter Laborbedingen verarbeitet werden müssen.

Project Jacquard Stoffmaschine

Deshalb lässt sich der Faden, den das Project Jacquard entwickelt hat, einfach in Stoffe einweben. Besonders als “umgebender” Stoff scheint auf Grund der Robustheit momentan Baumwolle geeignet zu sein, doch theoretisch lassen sich die Leiterfäden auch in Seide oder Polyester verarbeiten. Zudem sind sie färbbar, fallen also im fertigen Produkt nicht auf.

Project Jacquard Stoff Farben

Die Herausforderung für die Forscher bestand eigentlich darin, diese Leiterfäden dann mit einer möglichst kleinen Platine zu koppeln, die sich ebenfalls unauffällig in der Kleidung platzieren oder einnähen lässt. Knopfgrösse – so lautete die Prämisse. Diese Platine wiederum koppelt sich dann kabellos mit z.B. eurem Smartphone und überträgt die durch den Stoff empfangenen Berührungssignale an das Gerät.

Project Jacquard Elektronik 2

In dem nachfolgenden Video erklären die Forscher selbst, wie das Ganze dann funktionieren soll.

Die Kollegen von phandroid.com haben die Präsentation gefilmt, die ebenfalls sehr aufschlussreich ist.

Denkbar wäre, dass man zukünftig einen Anruf annimmt und die Freisprecheinrichtung des auf dem Tisch liegenden Smartphones einschaltet, in dem man einfach auf seinen Ärmel tippt. Denkbar wäre aber auch, dass man sich frei im Raum bewegt und über die Sensoren im Stoff eine Präsentation steuert – oder meinetwegen den Netflix-Film wechselt – in dem man eine “virtuelle” Fernbedienung auf/in seinem Hosenbein benutzt. Irgendwie geht das alles in die mittlerweile unübersehbare Richtung, dass Technik nicht nur miniaturisiert wird, sondern quasi unsichtbar wird.

Man kann das Ganze gedanklich noch weit über den Bereich der Kleidung hinaus erweitern, wenn man sich einmal die vielfältigen Einsatzzwecke von Stoff in Erinnerung ruft. Taschen, Tischdecken, Vorhänge, Autositze, völlig egal. Gerhard hat z.B. bereits gestern gezeigt, was mit Glasfasern mittlerweile möglich ist, auch hier ergeben sich in Kombination mit einer solchen Technologie unendliche Möglichkeiten.

Ein wichtiges Indiz für die Akzeptanz eines solchen Produkts sind immer die frühzeitig gewonnenen Partner. Google hat sich mit Levis bereits ein echtes Schwergewicht ins Boot geholt, deren Anforderungen flossen schon in die Entwicklung ein.

Quelle: Google ATAP