Ich bin viel schlauer wie Du!
Grammar-Nazis sind besserwisserische Klugscheisser – sagt die Wissenschaft

Menschen, die besonders häufig und harsch auf die Rechtschreib- und Grammatikfehler ihres Gegenübers reagieren, gehören psychologisch betrachtet zu einer problematischen Gruppe. Entgegen einer bisherigen Annahme sind sie nicht besonders gewissenhaft, sondern besonders unverträglich. Eine Studie offenbart, dass die Interpretation eines Texte weitaus mehr vom Charakter des Lesers abhängt als bisher vermutet.

Der Begriff “Grammar-Nazi” ist euch geläufig? Es handelt sich um jenen besonderen Menschen-Typus, der (nicht zwingend gesegnet mit eigenen grammatikalischen Fähigkeiten) öffentlich auf die Rechtschreib- und Grammatikfehler anderer Menschen hinweist. Mitunter geht es um die Kommentare vermeintlicher “Gegner” unter einem Beitrag, als besonders beliebtes Ziel gilt jedoch der Autor oder die Autorin eines Artikels.

Diese Leute sind zu einem erheblichen Teil besserwisserische Klugscheisser. Trottel und Dumpfbacken. Jerks, oder – wie es unsere Jessica so treffend formulierte: “Menschen, die noch zu Hause im Keller von Mutti leben!”

Gut, genauer gesagt sind es Menschen mit einer “weniger verträglichen Persönlichkeit”, stellen Wissenschaftler der Michigan University nun fest. Diese Kennzeichnung stammt aus dem Bereich der differentiellen Psychologie und bezeichnet Personen, denen man die Attribute einer “verträglichen Persönlichkeit” – z.B. mittfühlend, altruistisch, hilfsbereit, nett, vertrauensvoll, nachsichtig oder kooperativ – eher selten bis gar nicht zuspricht.

Wie in allen Lebensbereichen gibt es selbstverständlich auch hier Abstufungen und Steigerungen. Der ein oder andere wird solche “unverträglichen” Menschen vielleicht sogar in seinem Freundeskreis haben und erhält auch Jahrzehnte nach der gemeinsam verbrachten Kindergarten- und Schulzeit regelmäßig “gut gemeinte” Ratschläge zur Verbesserung der eigenen Orthographie. Bei diesen Freunden und Bekannten beobachteten die Wissenschaftler ein Phänomen, das weit über den Bereich der Rechtschreibung und Grammatik hinausgeht: der Grammar-Nazi im Freundeskreis kritisiert auch gerne das Verhalten anderer im Allgemeinen und erlaubt sich dabei kategorische Urteile, die man von einem “Freund” eigentlich nicht erwartet.

Die Dimension der wissenschaftlichen Untersuchung offenbart sich erst auf den zweiten Blick: unter Autoren gibt es schon länger die These, dass die Reaktion auf einen Text in z.T. erheblichem Maße weniger vom Inhalt und seiner Korrektheit als von den grundlegenden Charakterzügen des Lesers abhängt. Sprich: ist jemand grundsätzlich “Anti” eingestellt oder von Natur aus ein Besserwisser, wird er in einem Text – unabhängig vom Inhalt – immer nach Fehlern suchen und auf diese einsteigen. Ein Hinweis auf Rechtschreib- und Grammatikfehler ist dann nur die Spitze des Eisbergs, dahinter steht – in vielen Fällen – eine grundsätzlich ablehnende Charakterhaltung.

Grammar Nazis

Für das Untersuchung-Szenario setzten die Wissenschaftler zwei E-Mails auf, in denen sich eine fiktive Person um eine Anstellung bewarb. Die erste Mail war ohne Fehler, in der zweiten Mail befanden sich absichtlich einige grammatikalische Stolpersteine und kleinere Rechtschreibfehler wie z.B. Buchstabendreher. Insgesamt 83 Teilnehmer der (somit nicht repräsentativen) Studie sollten die Mails dann lesen und neben der grundsätzlichen Eignung für eine eventuelle Anstellung auch die Intelligenz, die Freundlichkeit und ähnliche Charaktereigenschaften des Absenders beurteilen. Die orthographischen Fähigkeiten der Empfänger wurde ebenfalls protokolliert, in dem die Wissenschaftler abschließend nach den erkannten Fehlern fragten.

In einem zweiten Teil mussten die Empfänger einen Fragebogen aus dem sogenannten Fünf-Faktoren-Modell (FFM) ausfüllen, aus dem die Wissenschaftler dann Rückschlüsse auf die Charaktereigenschaften ableiteten. Die Ergebnisse der beiden Befragungen wurden sodann miteinander abgeglichen.

Wenig überraschend zeigte sich dabei, dass als besonders “gewissenhaft” und weniger “offen” charakterisierten Persönlichkeiten besonders häufig die Rechtschreibfehler in einer der beiden Mails aufgefallen waren – allerdings erwuchs daraus nicht zwingend eine ablehnende Haltung gegenüber dem Absender. Auffällig war, dass als “nicht verträglich” charakterisierte Persönlichkeiten besonders harsch auf die Fehler des Absenders reagierten und daraus sehr abwertende Rückschlüsse auf z.B. die Intelligenz oder die Freundlichkeit gezogen wurden.

grammar policeIn der ausführlichen Aufarbeitung der Studie (hier und hier) gehen die Wissenschaftler besonders auf den Umstand ein, dass sich in Zeiten von Smartphones, Facebook und Co. das (Recht)Schreibverhalten vieler Menschen verändert hat, ohne dass man daraus Rückschlüsse auf deren orthographische Fähigkeiten ziehen könne. So schreiben z.B. viele Kommentatoren konsequent alles klein, weil ihnen die Zeit (oder Fingerfertigkeit) für großgeschriebene Anfangsbuchstaben fehlt. Anderen Menschen wiederum kommt die automatische Rechtschreibprüfung eines Smartphones zu Hilfe, das wäre ein gegenteiliger Effekt. Doppelte Leerzeichen sind auf kleinen Smartphone-Bildschirmen recht schwer zu erkennen, Punkte und Kommas “stören” ebenso wie Bindestriche die schnelle Texteingabe für ungeübtere Tipper – die Gründe für Fehler sind vielfältig und nicht immer offensichtlich.

Unter den hier als “Grammar-Nazis” titulierten Personen gibt es natürlich immer noch Menschen, die einen (an sich ehrenwerten) “Kampf gegen die Verwahrlosung der deutschen Sprache” führen oder ein ernsthaftes Interesse daran haben, dass ein geschriebener Text fehlerfrei ist. Doch spätestens wenn das eigene Umfeld einem zu verstehen gibt, dass man in anderen Lebensbereichen ein “besserwisserischer Klugscheisser” ist, sollte man sein eigenes Verhalten in diesem Nischenbreich einmal überdenken: kozentriert man sich allzu sehr auf die Fehler seines Gegenübers, entgehen einem nämlich vielleicht die wirklich wichtigen Dinge – und wenn es nur der Inhalt eines Textes ist ;-).

via sciencealert.com