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Greta Thunberg und die Deutsche Bahn: Eine verpasste Chance

Greta Thunberg fährt Deutsche Bahn und erzählt sogar davon. Besser kann es doch eigentlich gar nicht gehen für das oft geschundene Transportunternehmen, aber die Deutsche Bahn kommt - und zwar auf die dümmste Idee, wie man damit umgehen könnte.

von Carsten Drees am 16. Dezember 2019

Als ich gestern die Geschichte verfolgte, wie eine 16-jährige Klima-Aktivistin den Heimweg nach Schweden antritt, habe ich mir zu verschiedenen Zeitpunkten jeweils meinen Teil gedacht. Glücklicherweise hab ich mich dagegen entschlossen, direkt drauf los zu schreiben, denn es wäre vermutlich ein ziemlich unflätiger Rant geworden. Jetzt habe ich mich ein bisschen beruhigt, sauer auf u.a. die Deutsche Bahn bin ich dennoch. Noch wütender macht mich jedoch wieder mal der hetzende, uninformierte (bzw. Informationen ignorierende) Mob in den sozialen Medien, aber der Reihe nach:

Greta Thunberg ist auf dem Heimweg nach Schweden. Allein dieser Satz dürfte schon wieder bestens als Trigger funktionieren. Was hat dieses Thema auf einem Tech-Blog zu suchen, blabla. Längst wissen wir auch, dass es nichts gibt, was sie tun könnte, was man ihr nicht irgendwo später wieder vorhalten wird. Wenn sie zwei mal den Atlantik CO2-schonend mit Segelbooten überquert, hetzt die Meute immer noch, wieso die feine Dame nicht übers Wasser gegangen ist.

Seit einiger Zeit nun ist sie wieder in Europa, schimpfte in Madrid bei der Weltklimakonferenz mit einigen Politikern und zeigte sich enttäuscht über den Status Quo und nun endlich, nach vielen Monaten, macht sich das kleine Mädchen wieder auf den Weg nach Hause. Dazu durchquert sie u.a. die Schweiz und Deutschland mit dem Zug. Letzteres muss ich euch eigentlich nicht erzählen, denn gefühlt ganz Deutschland diskutiert seit gestern darüber. Eigentlich ist es ein Drama in drei Akten:

  1. Greta postet ein Bild, wie sie in einem offenbar überfüllten Zug auf dem Boden sitzend reist
  2. Die Bahn lobt sich erst selbst (Kampf gegen den Klimawandel, Ökostrom, diesdas) und basht Greta dann später
  3. Greta erklärt sich und sorgt damit dafür, dass die Deutsche Bahn ganz alt aussieht

Hier ist zunächst einmal das Bild, welches sie in den sozialen Medien geteilt hat:

Sie schreibt dazu, dass sie in einem überfüllten Zug durch Deutschland reist und endlich auf dem Weg nach Hause ist. Wir halten fest: Kein Vorwurf an die Bahn ihrerseits. Die Bahn nimmt den Ball dankbar auf, grätscht Greta anschließend aber so übelst weg, dass selbst Schalkes Karate-Nübel nach seiner Attacke im Spiel gegen Frankfurt respektvoll den Hut ziehen würde. Hier die beiden Tweets der Bahn:

Weil das nicht reicht, legt man sogar nochmal nach mit einer Pressemitteilung, in der man nochmals darauf hinweist, wie freundlich und kompetent sie vom DB-Team betreut wurde. Nun bin ich jetzt kein Social-Media-Experte, schon gar nicht innerhalb eines großen Konzerns, aber mir stellen sich dennoch direkt ein paar Fragen, von denen “Geht’s noch, DB?” allerdings die mit großem Abstand erste ist, die mir dazu einfällt. Die weiteren Fragen:

  • Wieso reagiert ihr so pikiert auf einen Tweet, in dem so überhaupt kein Vorwurf an euch gerichtet wird?
  • Wieso betont ihr überhaupt, dass sie einen Sitzplatz in der 1. Klasse besaß?
  • Wieso reagiert ihr nicht auf ihre spätere Erklärung? Wäre es nicht an euch, die Nummer klarzustellen, anstelle eures Passagiers?
  • Wieso duzt ihr eure Fahrgäste?
  • Wieso adressiert ihr euren Tweet zwar grundsätzlich an Greta, ohne sie aber zu verlinken und noch dazu antwortet ihr auf Deutsch statt in Englisch?

Das sind jetzt nur de ersten Dinge, die mir spontan einfallen. Ganz ehrlich: Ich mag es nicht, wie sehr, sehr oft mit unendlich viel Häme und Wut auf die Bahn eingeprügelt wird. Es ist nicht der Lokführer, der Schaffner oder der Mensch am Schalter, der zu verantworten hat, dass Züge ausfallen oder zu spät kommen, dass ganze Trassen vom Netz genommen werden oder dass die Bahn nicht in ausreichendem Maße modernisiert und instand gehalten wird. Es ist auch nicht das Team, welches die Social-Media-Kanäle betreut, also trifft man mit unangemessener Häme und wüsten Beschimpfungen auch hier ganz sicher den falschen.

Aber in diesem Fall hat es die Crew nun mal verbockt, die sich einfallen ließ, auf einen Nicht-Angriff mit einem Gegenangriff zu reagieren. Der Shitstorm war so unglaublich vorhersehbar und man fragt sich, wieso es ausgerechnet bei der DB niemand hat kommen sehen. Man fragt sich auch, wieso nicht besonnen reagiert wurde — oder mit Witz, wie es beispielsweise die BVG machen würde.

Die Deutsche Bahn versucht derzeit, ihr Image aufzupolieren. Die ganzen Klima-Diskussionen, mit losgetreten von — genau — eben jener Greta Thunberg, spielen der Bahn dabei richtig fein in die Karten. Jetzt hat man das unverschämte Glück, dass genau diese Galionsfigur, zu der sie gemacht wird, mit der Deutschen Bahn fährt und das selbst auch noch öffentlich dokumentiert. Statt diesen Glücksfall entsprechend zu verwerten, reagiert man denkbar dämlich. Fachlich einfach daneben, weil sie nun mal NICHT in dem eigentlich reservierten Zug saß, der ausgefallen ist und sie aufgrund dessen erst später tatsächlich dann einen Sitzplatz nutzen konnte.

Statt selbst auf die Idee zu kommen, das einfach mal zu überprüfen, zählt man Greta Thunberg an, stellt sie in eine Ecke, in der es so wirkt, als würde sie sich inszenieren und wundert sich vermutlich jetzt auch noch, aus welcher Ecke man dafür jetzt noch Resonanz bekommt.

Das wirkliche Drama an der Nummer

Während also ganz Deutschland darüber diskutiert, wo ein 16-jähriges Mädchen aus Schweden jüngst im Zug gesessen hat und das Hashtag #GretaGate immer noch in den Twitter-Trends zu finden ist, übersehen wir fast komplett das wahre Drama hinter dieser etwas eskalierten Shitstorm-Story: Es findet derzeit ein Weltklimagipfel statt, der unerfreulich ergebnislos über die Bühne geht.

Die versammelte Polit-Prominenz ist derzeit dabei, diesen so wichtigen Gipfel so unfassbar an die Wand zu setzen, als könnte man aus dem Handschuhfach unseres SUV jederzeit einen Ersatz-Planeten hervorzaubern. Man freut sich schon über minimalste Einigungen und gemeinsame Nenner, ohne aber auch nur annähernd so voranzukommen, wie es der Ernst der Lage verlangt.

Die Waldbrände in Australien interessieren gerade medial keine Sau mehr, dabei waren wir quasi live dabei, als der Koalabär technisch ausgestorben ist. Egal, ob in Deutschland, auf Bali oder jetzt hier in Taiwan: Überall höre ich sowas wie “Puh, eigentlich ist es hier zu warm für die Jahreszeit”. Wir waren auf Bali immerhin zur Regenzeit, hatten aber Temperaturen jenseits der 30 Grad und an einem einzigen Tag in drei Wochen mal für eine Stunde (!) tatsächlich Regen.

Wenn man also die Augen und Ohren offen hält, kann man beobachten, wie uns die Natur mehr als deutliche Zeichen sendet. Zeichen, die der Wissenschaft seit Jahrzehnten bekannt sind. Aber wir tun immer noch so, als wären Klima- und Umweltschutz verhandelbar und als könnte man darüber abstimmen, dass sich die Welt nicht zu sehr erhitzt.

Eigentlich müsste ein medialer Aufschrei uns alle so sehr in Panik versetzen, dass wir aus dem Demonstrieren auf unseren Straßen gar nicht mehr heraus kämen. Stattdessen ist es Greta Thunberg, die die Schlagzeilen bestimmt. Sie ist dabei so unglaublich gelassen und wirklich bestrebt, sich selbst nicht in den Mittelpunkt zu stellen. Interessiert aber leider nur keine Sau. Egal, ob sie sagt, dass wir den Wissenschaftlern zuhören sollen oder wie jetzt in Madrid, dass wir den Betroffenen aus den Krisengebieten zuhören sollen: Im Endeffekt entscheidet man sich dafür, dass die Person Greta Thunberg eben doch das spannendere Thema ist.

Selbstverständlich kann man dem Social-Media-Team bzw. der Presseabteilung der Deutschen Bahn nun nicht allein die Schuld daran geben, dass die Klimakonferenz weniger für Aufruhr sorgt als ein unbequemer Bahn-Sitzplatz, den wir alle irgendwann einmal innehatten. Aber sie haben einen großen Anteil daran, dass wir uns in Deutschland in diesen Tagen wieder einmal über das falsche Thema unterhalten.

Dazu kommt noch, dass auch die versammelte “Ihr seid doch alles Klimahysteriker/ Fuck you, Greta”-Bande natürlich auf den Plan gerufen wird — den Weidel-Tweet habe ich oben ja schon eingebunden. Wie so oft werden die Fakten wahlweise gekonnt bis zur Unkenntlichkeit verbogen oder gleich komplett ignoriert, so lange man nur dieses verhasste Mädchen und ihre Anhänger bashen kann.

Dabei sollte es doch mittlerweile selbst jeder AfD-Anhänger, jeder Elektromobilitäts-Hater und auch das Social-Media-Team der Bahn mitbekommen haben: Es geht verdammt nochmal nicht um dieses Mädchen! Es geht um einen verreckenden Planeten und darum, dass wir am Ende dieses Jahrzehnts doch eigentlich so weit sein sollten, uns über Landesgrenzen hinweg so zu verständigen, dass man in dieser Frage endlich mal an einem Strang zieht und zwar in die selbe Richtung.

Aber was rege ich mich eigentlich schon wieder auf? Lasst uns lieber weiter über die Deutsche Bahn bzw. deren Shitstorm sinnieren, ein schwedisches Mädchen wahlweise verunglimpfen und der Lüge/Selbstinszenierung beschuldigen und ganz entspannt mit einer Hand voll Popcorn abwarten, welche Empörungs-Sau als nächstes anstelle der wichtigen Themen durchs Dorf getrieben wird. Obwohl: Dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit folgend müsste der nächste PR-Coup ja eigentlich wieder mal von der SPD kommen, oder?

Die verpasste Chance

Ich erwähnte eingangs, dass ich bewusst nicht in meiner ersten Wut angefangen habe, diesen Artikel zu schreiben, sondern abgewartet habe. Deswegen habe ich auch versucht, die DB nicht zu sehr anzupöbeln — bringt uns schließlich auch alle nicht nach vorne. Im Endeffekt ist es egal, ob wir uns an Fakten-verdrehenden Parteien abarbeiten, die sich selbst für eine Alternative halten, oder ob wir uns durch einen PR-Zirkus wie diesen hier beschäftigen lassen. Wir alle sollten uns den tatsächlichen Themen zuwenden und hier auch einfach mal wieder anders priorisieren.

Aber die Bahn selbst sollte sich darüber im Klaren sein, dass sie hier eine mächtige Chance verspielt hat. Für ein Unternehmen, welches ganz bewusst die Klimaschutz-Karte spielen will, kann es eigentlich nichts Schöneres geben, als wenn das bestmögliche Testimonial von ganz allein anspaziert kommt. Der Ball lag schon auf dem Elfmeterpunkt und der gegnerische Torwart hat den Platz im Kasten freiwillig geräumt. Wenn man dann aus dieser Position noch schafft, ein fulminantes Eigentor zu fabrizieren, dann sollte man ganz schnell und ganz gründlich in sich gehen und sich mal überlegen, ob und wie man das nächstes Mal besser hinbekommt. Und jetzt lasst uns bitte aufhören, noch länger über diesen Humbug zu diskutieren — und werfen wir einen Blick auf die Weltklimakonferenz und wie wir die Mächtigen der Welt dazu bringen können, sich verdammt nochmal endlich zusammenzureißen und es nächstes Mal besser zu machen. So viele Gelegenheiten dazu kommen schließlich nicht mehr!

 

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