Zuschauer am roten Teppich vor einer Film-Premiere - fast alle mit Smartphone in der Hand

Digitaler Burnout
Handy-Sucht: Wenn das Smartphone ‚uns‘ in der Hand hat

Eine Studie aus Bonn belegt, was wir doch eigentlich alle geahnt haben: Smartphones machen abhängig, unproduktiv und unglücklich! Müssen wir alle lernen, uns Auszeiten von unseren mobilen Begleitern zu nehmen?

Aktuell häufen sich die Meldungen, die sich mit unserer Smartphone-Nutzung und den Folgen befassen: Vor wenigen Tagen gab es bereits die Meldung, dass besonders Kinder gefährdet wären. Die Meldung stützt sich u.a. auf die Studie der Uni Bonn, genauer gesagt auf die Studie von Alexander Markowetz, Juniorprofessor für Informatik. Der erklärt aufgrund der ermittelten Ergebnisse, dass wir im Schnitt 88 Mal am Tag auf das Smartphone blicken, davon 35 Mal kurzzeitig, um beispielsweise die Uhrzeit zu checken – und 53 Mal entsperren wir das Smartphone, um Mails zu lesen/schreiben, zu chatten oder andere Apps zu nutzen. Von acht Stunden Schlaf am Tag ausgehend würde das bedeuten, dass wir das, was wir tun, alle 18 Minuten unterbrechen, um einen Blick aufs Smartphone zu werfen. In der Summe kommen dabei zweieinhalb Stunden täglich heraus, von denen nur sieben Minuten auf Telefonieren entfallen.

Fairerweise muss man dazu sagen, dass das Smartphone eine Menge Geräte ersetzt. Verwende ich das Gerät zweieinhalb Stunden am Tag, muss man davon auch die Zeit abziehen, in der man beispielsweise News liest, statt zur Zeitung zu greifen, Games zockt, statt sich an die Spielkonsole zu setzen und sich einen Weg anzeigen lässt anstatt auf einen Navi zu vertrauen. Wieso Markowetz dennoch glaubt, dass unsere Smartphone-Gewohnheiten zum Digitalen Burnout führen können? Weil – siehe oben – wir uns oft von dem Smartphone ablenken lassen, jede kleine Benachrichtigung checken und dadurch unsere Arbeit, oder was auch immer wir gerade tun, für den Moment unterbrechen müssen.

Digitaler Burnout: Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist

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Smartphones machen abhängig, unproduktiv und unglücklich!

Wir erleben die Entstehung des Homo Digitalis, der einen Großteil seiner Tätigkeiten mittels digitaler Medien abwickelt Alexander Markowetz, Juniorprofessor für Informatik

Steile These vielleicht, dass uns die Dinger allesamt abhängig, unproduktiv und in der Folge unglücklich machen. Sie stützt sich aber auf die Auswertung, die mithilfe der App Menthal erstellt wurde, die anonym die Nutzungsgewohnheiten von 60.000 Smartphone-Nutzern an Markowetz‘ Team übermittelte.

Menthal
Menthal
Entwickler: Menthal
Preis: Kostenlos
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Müssen wir uns nun alle Sorgen machen, dass der Burnout nur eine Facebook-Nachricht weit entfernt lauern könnte? Vermutlich nicht, aber man sollte die Problematik auch im Auge behalten und dafür sorgen, dass man zwar ab und an das Smartphone in der Hand hat – umgekehrt aber nicht das Smartphone uns in der Hand hat, sprich: Unseren Tagesablauf diktiert. Markowetz erklärt, dass der Mensch aktuell evolutionsbiologisch noch nicht in der Lage ist, mit dem Zustand umzugehen, dass man alles sofort haben kann an Informationen – bei der dafür notwendigen Selbstdisziplin und den benötigten Kulturtechniken haben wir aktuell noch deutliche Defizite.

Die Folge daraus ist, dass wir sowas wie Sucht-Symptome entwickeln: Dopamin wird nicht nur ausgeschüttet, wenn wir sehen, dass da eine Nachricht angekommen ist, sondern bereits dann, wenn wir in der Hoffnung aufs Display schauen, dass eine Nachricht dort sein könnte. Genau an dem Punkt muss man sich disziplinieren können, eben nicht jederzeit mit einem Auge aufs Smartphone zu starren – vermutlich leichter gesagt als getan.

Wie dieses Disziplinieren aussehen kann? Beispielsweise könnte man Smartphone-freie Räume in Unternehmen etablieren, oder aber dafür sorgen, dass ein Termin, zu dem man sich verspätet, bzw ihn gar nicht wahrnehmen kann, definitiv per Anruf kommuniziert wird und der somit nicht den Wartenden dazu nötigt, möglichst Whatsapp, Facebook und E-Mail im Auge zu behalten, weil eine solche Verspätungs-Information ja überall reinrauschen könnte.

Dieses Selbst-Disziplinieren wird nicht gerade leichter dadurch, dass man es oft nicht allein in der Hand hat. Die Digitalisierung sorgt dafür, dass sich unsere Gewohnheiten verändern. Jede Information ist jederzeit greifbar, jede Person nahezu jederzeit erreichbar. Früher habe ich Leuten Briefe geschickt und dann eine Woche oder länger gewartet, bis ein Brief zurück kommt. Heutzutage bekommen Leute schon Herzrasen, wenn sie feststellen, dass der Empfänger eine WhatsApp-Meldung liest und dennoch nicht umgehend binnen Minuten antwortet.

Ebenfalls zählen die beruflichen Veränderungen zu den Faktoren, die uns zu schaffen machen können: Gibt euch euer Arbeitgeber ein Firmen-Smartphone in die Hand, endet der Tag eben nicht mehr um 17 Uhr, denn tendenziell lest ihr auch noch die E-Mails, die spätabends reinkommen.

…aber denkt denn niemand an die Kinder?

Nochmal dramatischer wird die ganze Nummer, wenn wir an die Menschen denken, die in dieser digitalen Welt aufwachsen und gar nichts anderes kennen – die Kinder!  Für eine aktuelle Studie im Auftrag der Landesmedienanstalt NRW wurden dazu Kinder im Alter zwischen acht und vierzehn Jahren befragt. Fast jeder zweite der Befragten gab dabei an, dass man durch das Smartphone bei den Hausaufgaben beeinträchtigt wird, 20 Prozent ließen durchblicken, dass sich durch die exzessive Smartphone-Nutzung die Schulnoten verschlechtert haben und unschöne elf Prozent der Befragten wären sogar digitales Mobbing-Opfer – beispielsweise durch Ausgrenzen aus WhatsApp-Gruppen – geworden.

Smartphone - erlebte Risiken von Kindern und Jugendlichen

WhatsApp scheint eh ein Hauptgrund dafür zu sein, dass sich jedes vierte Kind von seinem Smartphone gestresst fühlt. Auch Alexander Markowetz beschäftigt sich in seinem Buch explizit damit, welche Auswirkungen unsere Smartphone-Gewohnheiten auf unseren Nachwuchs haben.

Kinder wachsen heute in einer Welt auf, in der soziale und digitale Medien vierundzwanzig Stunden am Tag verfügbar sind. Wenn sie erwachsen sind, können sie sich nicht mehr vorstellen, dass es auch nur eine Stunde ohne geht. Alexander Markowetz, Juniorprofessor für Informatik

Auf die Kids trifft demnach das noch eher zu, was für uns ja irgendwie auch oftmals schon gilt: Alles, was man privat treibt – jedes Essen im Restaurant, jedes Konzert und jede Party – wird erst dadurch wirklich rund, dass man Bilder davon auf Facebook, Twitter oder Instagram postet. Wer nichts postet, war nicht dabei.

Wie kann die Lösung aussehen?

Wir kennen nun das Problem, aber noch nicht die Lösungsansätze dafür. Markowetz blickt in die Vereinigten Staaten, wo seiner Meinung nach jetzt schon „Digitale Eliten“ dazu übergehen würden, sich selbst digitale Diäten aufzuerlegen. So wird beispielsweise das Schlafzimmer zur Smartphone-freien Zone erklärt – etwas, was ich zugegebenermaßen für mich persönlich nicht für praktikabel halte. Ich bilde mir ein, dass es mich nicht stresst, dass mich mein Smartphone weckt und nicht irgendein Radiowecker. Und zum Einschlafen konzentriere ich mich auf angenehme Inhalte, zocke ein paar Minuten und lese Artikel, die mit meinem Job nichts zu tun haben und bei denen ich tagsüber nicht zum Lesen gekommen bin.

Mag aber auch sein, dass ich es nur verkläre und eigentlich das beste Beispiel dafür bin, wieso mein Smartphone im Schlafzimmer nichts zu suchen haben sollte. Wichtig ist, dass wir uns damit auseinandersetzen und – jeder für sich – eine gesunde Mitte finden, wie wir gleichzeitig die großartigen neuen Möglichkeiten nutzen, ohne uns ihnen zu unterjochen. Vermutlich wird es eine Weile brauchen, bis der Mensch an sich in der Lage ist, mit der ständigen Verfügbarkeit von Informationen umzugehen, kleine eigenständige Schritte können wir aber natürlich jetzt schon von uns aus machen: Flugzeug-Modus, wenn man gerade intensiv arbeitet, nicht Zombie-gleich durch die Stadt marschieren und trotz Smartphone noch ein Auge für Verkehr und Mitbürger haben.

Lesenswert: Entschleunigung 2.0 – Warum ich den Benachrichtigungs-Wahn nicht mehr mitmache

Wenn ihr auf Konzerte geht, versucht mal, das Smartphone auch dann in der Tasche zu lassen, wenn ihr glaubt, dass da vorne gerade das tollste Lied der Welt auf die bestmögliche Weise dargeboten wird. Das hat nicht nur den Effekt, dass euch eure Hinterleute nicht dafür hassen, dass sie anstelle der Band eine Armee aus hochgereckten Smartphones betrachten, sondern führt dazu, dass man sich vielleicht auch mal wieder daran gewöhnt, besondere Momente als exakt solche zu begreifen.

Evolution des Konzert-Zuschauers

Oh, wenn wir gerade davon reden, dass man vielleicht auch mal schlicht den Moment genießen sollen: Aktuell macht gerade im Internet ein Foto die Runde, welches das sehr schön dokumentiert. Das Foto stammt von der Black Mass-Premiere in Boston, als die Schauspieler – u.a. Johnny Depp, Dakota Johnson, Kevin Bacon und der göttliche Benedict Cumberbatch – sich die Ehre gaben und wurde von John Blanding vom Boston Globe geknipst. Schaut auf die Protagonisten, schaut darauf, was sie alle tun – von einer einzigen (eingekreisten) alten Dame abgesehen:

Wichtig bei all dem, was ich hier so ellenlang niedergeschrieben habe: Natürlich sollen nicht pauschal Smartphones oder Technologien verteufelt werden! Wir müssen schlicht lernen, richtig damit umzugehen, richtig zu dosieren, richtig zu kommunizieren. Und hey – ich schließe mich bei all dem selbstverständlich nicht aus: Das hier ist kein Text mit erhobenem Zeigefinger, sondern eher der Beitrag einer Person, die sich durch die Studie selbst so ein bisschen ertappt fühlt ;)

Wenn ihr am Wochenende rausgeht, probiert es doch einfach selbst mal, euch beim Smartphone-Gebrauch ein wenig zurückzuhalten. Klar dürft ihr ein Foto von der Band vor euch machen oder das witzige Gruppen-Foto, wenn ihr in einer geselligen Runde unterwegs seid. Aber lasst es nicht ausarten, lasst mal die beruflichen E-Mail E-Mails sein und checkt nicht alle drei Minuten, was bei Facebook läuft. Ich bin sicher, man wird dennoch das Wochenende überstehen und wer weiß, vielleicht wird es ja das tollste seit langem! So oder so: Lasst mich in den Comments wissen, wie ihr über zu exzessiven Smartphone-Gebrauch denkt, welche Lösungsansätze ihr selbst habt und nicht zu vergessen: Schönes Wochenende euch allen!

Quellen:

Handy- und mobile Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen – Studie im Auftrag der Landesmedienanstalt NRW (PDF)

BDCwire

PraxisVITA: Smartphone-Burnout – Kinder besonders gefährdet

Wie Handys zum “digitalen Burnout” führen – Pressemitteilung zur Studie der Uni Bonn

„Es ist wie bei einer Sucht“ – Interview der FAZ mit Alexander Markowetz