Hilfe! Ich habe Netflix durchgeguckt!

Ich komme mit meinen Abos nicht mehr aus! Wieso ich mit dem Wettbewerb der Streamingdienstanbieter und verschiedener Sender nicht mehr klarkomme und was das mit meinen Streaminggewohnheiten macht.
von Jessica Mancuso am 11. April 2017

Wahrscheinlich kennt jeder Zweite dieses Gefühl, der seit über einem Jahr einen Netflix-Account hat: Man findet nichts Neues, und wenn man doch was anklickt, dann sieht es so aus, als kenne man auch das schon irgendwoher. Aber woran liegt das?

Der Algorithmus ist schuld

Meine Meinung. Dass diese super cleveren Algorithmen einem nur Ärger bereiten, weil sie nicht denken können, liegt nahe. Wer kennt das nicht: Man hat eine dramatische Politserie geschaut und daraufhin werden einem fast ausschließlich solche Filme und Serien vorgesetzt. »Weil Du XY geschaut hast, wird dir auch YX gefallen!« – ja, dasselbe in Grün, genau das, was ich gesucht habe!

Ohne Hilfe von diversen Seiten, die einem anzeigen, was es tatsächlich Neues auf Netflix gibt, wüsste ich ja von nichts! Denn Netflix informiert bloß über neuhinzugefügte Eigenproduktionen und fortführende Staffeln von Serien, die man bereits begonnen hat. Super Service, keine Frage. Aber mir reicht das nicht. Ich brauche mehr. Mehr Abwechslung. Mehr Aktualität. Mehr Spaß! Und das bringt uns auch schon zum nächsten Problem.

»Die Serie hab ich doch schon mal gesehen…«

Kennt ihr dieses Gefühl auch? Obwohl eine neue Serie angepriesen wird, denkt ihr bereits nach den ersten zwei Folgen, dass ihr das so ähnlich schon ein Dutzend Male gesehen habt? Das ist wahrlich ein Phänomen. Natürlich bin ich mir darüber im Klaren, dass es letztendlich nur eine Handvoll Motive gibt, aber herrje, man wird ja wohl dennoch etwas Neues daraus machen können! Das schafft die Literatur schließlich auch seit Tausenden von Jahren, wieso also nicht die schnelllebige Filmbranche? Und an der ganzen Branche liegt es ja auch nicht, immerhin ist mit »Westworld« ja auch etwas Großartiges erschaffen worden, das wir so noch nicht gesehen haben. Was vor allem Netflix-User noch nicht gesehen haben, denn die Serie gibt es ausschließlich auf Sky, genau wie unzählige aktuelle Staffeln von “The walking dead” und “How to get away with murder”. Und apropos »Westworld« – das bringt mich gleich zum nächsten Aufschrei.

Ich bin ein Streamer – holt mich hier raus!

Mit Netflix und den Amazon Prime Inhalten habe ich mich fast zwei Jahre lang wunderbar aufgehoben gefühlt. Ja, zwischenzeitlich wusste ich nicht einmal, was ich zuerst schauen sollte, so viele tolle Sachen gab es! Mittlerweile mischen aber eine Vielzahl von Anbietern mit, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Netflix das Feld nicht zu überlassen. Als Unternehmen durchaus clever, denn von einem gesunden Wettbewerb haben rein theoretisch auch die Nutzer was. Aber – jetzt folgt ein Großes aber – ist man als User auch ganz schön angeschmiert, wenn man stets auf dem Laufenden bleiben möchte. Denn Netflix und Prime können zwar einiges, aber eben keine Aktualität. Das kann man beiden nicht vorwerfen, waren schließlich Streaming-Dienste nie auf Aktualität ausgelegt. Aber zurück zu unsereins, der ein bis zwei Streaming-Abos abgeschlossen hat und sich dennoch ärgern muss, weil die coolste Serie des Quartals ausschließlich auf Sky läuft. Da könnte ich regelmäßig gegen Mülltonnen treten! Was für ein Driss! Wie viele Abos muss man abschließen, wie viel Geld im Monat ausgeben, damit man schauen kann, was gerade gehyped wird? Nicht, dass man immer dem Mainstream folgen sollte … aber wenn man ebendieses Gefühl hat, alles auf den abonnierten Plattformen gesehen zu haben, dann ist der Drang sehr groß, sich auf Plattformen zu bewegen, die nicht zu 100% legal sind. Wie schade, wo man doch diese schlechte Angewohnheit verloren hatte, als man für ein paar Euro im Monat 24/7 legal streamen konnte.

Meine letzten Monate auf Netflix

In letzter Zeit habe ich fast ausschließlich alte Filme auf Englisch gestreamt – wenn schon kein neuer Input, dann wenigstens Fremdsprachen üben, oder so ähnlich. Und dazu muss ich sagen, dass ich die Sprachauswahl auf Netflix sehr schätze. Davon abgesehen, dass ich gerne auch Serien aus Frankreich und Spanien schaue, finde ich es super, dass mein Ohr wieder auf diese Sprachen trainiert wird, während die deutschen Untertitel dazu laufen. Und gerade Serien wie »3%« (brasilianisch), »Trepalium« (französisch) oder auch »Velvet« (spanisch). Besonders freue ich mich dieses Jahr auch auf die erste italienische Dramaserie aus dem Hause Netflix (»Suburra«) – wird ja auch Zeit.

Was ich zurzeit also bevorzugt auf Netflix mache: Sprachen üben. Mit reinem Vergnügen hat das aber nichts zu tun. Immerhin konnte ich mit »Police Academy« und »21 Jump Street« noch ältere Kaliber ausfindig machen, die nicht aus der Mode kommen. Und mit Mode meine ich an dieser Stelle bloß meinen persönlichen Geschmack.

Also, Netflix, bitte erhöre mich: Produziere bitte nicht die 5. Serie, die ihren Vorgängern nicht das Wasser reichen kann. Das sehen wir gerade auch am Fall »Ironfist«, der die Marvel-Welt verdichten soll. Ja, es ist eine weitere Superheldenserie und ja, ich musste die ersten paar Folgen kichern und konnte das überhaupt nicht ernst nehmen. Superhelden, gerade jene in Strumpfhosen, haben es da schon immer schwer gehabt. Doch jetzt einen Helden zu haben, der sich in Kampfszenen so langsam bewegt, dass man sich nicht sicher sein kann, ob er gleich zuschlägt oder bloß die aufgehende Sonne zu Ende führen möchte – naja. Bei einigen Szenen habe ich von der deutschen zur englischen Synchro gewechselt, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass dieser Ironfist wirklich so dämlich kichert. Aber er kichert dämlich. In allen Sprachen.

Und Claire – wenn wir beim Eisenfäustchen bleiben möchten, wie ich ihn abschätzig nenne – geht mir nur noch auf die Nerven. Diese Krankenschwester führt sich in der neusten Marvel-Produktion wie der Chef vom Dienst auf: »Zur Seite, bitches. Die heimliche Hauptfigur ist nun im Ring!« – zumindest gefühlt drängt sie sich in den Vordergrund und ich begreife nicht, wozu das gut sein soll. Und das möge Rosario Dawson mir verzeihen, mochte ich sie in Daredevil doch noch. Und so schön es auch sein mag, dass das Marvel-Universum sich verdichtet und alles mehr Sinn als je zuvor macht – an der Punisher-Serie hege ich so große Erwartungen, dass ich schon Angst habe, Netflix könnte mich dahingehend enttäuschen. Denn machen wir uns nichts vor: Nach Daredevil braute jede neue Serie stetig ab. Und ich, ja, ich habe das Gefühl, das alles schon mal gesehen zu haben.