06 - New Kids On The Blog
Hirntot auf dem Mittelmeer – 7 Tage AIDA

Traditionen

Meine Familie hat viele zweifelhafte Traditionen. Eine davon ist diese: Da alle Familienmitglieder mittlerweile über ganz Europa verteilt sind, gibt es zwei mal im Jahr aus der Zentrale Hamburg (meine Eltern) einen Urlaubs-Befehl. Und so kommen wir dann zusammen, aus allen Teilen Europas, um meinen Eltern bei ihrem tapferen Versuch zu unterstützen, eine dieser Traditionen aufrecht zu erhalten, die die Familie mehrmals im Jahr zusammen bringen.

Neben Frustrationskatalysatoren wie Weihnachten oder atmosphärisch knapp an „Apocalypse Now“ vorbei schlitternden Geburtstagen von Großeltern sprechen wir vor allem über diese besondere Zeit im Januar, wo das Jahr noch nicht so richtig begonnen hat. Die Zeit, in der man die Vorsätze, die Familie erst mal mindestens 6 Monate nicht mehr sehen zu wollen, die ein Weihnachtsfest voller inspirierender Gespräche wie „Als Veganerin kann man also nur Wurzeln und Obst essen?“ oder „Mirjam, Deine beste Freundin aus der Schule, die hat schon 2 Kinder und ist mit einem Chirurgen verheiratet“ so mit sich bringen, schon wieder etwas lockerer sieht. Und wo unser mitteleuropäisches Schmuddelwetter (Hamburg möge mir das verzeihen) manchmal wirklich nicht dazu einlädt, sich im Bikini auf die Dachterrasse zu legen.

Der Januar also. Das Zeitfenster für unsere Eltern, Tanten, Onkel, Großeltern, uns an irgendeinen Ort auf der Welt einzuladen und dort ein paar Tage heile Welt zu spielen. Auch 2015 öffnete es sich wieder und führte uns (obschon ich wie jedes Jahr für Paris oder New York stimmte und wie jedes Jahr erneut ignoriert wurde) auf die Aida. Ja, DIE Aida. Ein Schiff. Ein Kreuzfahrtschiff. Ein Schiff, so will es das Gesetz, das jedem unter 50 umgehend die Vorstellung von einer Horde Rentnern in Hawaii-Hemden an Bingo-Tischen vor das innere Auge ruft, die gegen 12 Uhr mittags beim 22.Bier anfangen, die philippinischen Kellner mit rassistischen „Witzen“ zu penetrieren.

Ich habe keine Mittelmeer

Aber was soll ich sagen – So kam es nicht. Es kam schlimmer. Eine lauschige Fahrt an einem Januarmorgen zum Hafen von Palma de Mallorca spuckte mich aus in die Welt der Clubkreuzfahrten und sollte mir ein völlig neues Bild der Deutschen Urlaubskultur skizzieren. Als Sozialstudie sehr brauchbar, dennoch hätte ich diese Erfahrungen lieber in einer schön konfektionierten und jeder Zeit abstellbaren TV-Dokumentation gemacht.

Einschiffenversenken

Dieser Januarmorgen also begann damit, dass wir – wie es das Schicksal so will – zeitgleich mit etwa 400 Reisebussen am Hafen eintrafen. Das Einchecken auf das Schiff, inklusive einer durchaus bemerkenswert offenen Bagger-Attacke einiger Jünglinge in AIDA-Montur, wurde so zum Balanceakt. Meinen Eltern, noch nie große Freunde von riesigen Menschenmengen und wenig geschult darin, gleichzeitig mit 2.000 anderen Gästen in ein Hotel einzuchecken, verschlug es zunächst die Sprache. Halb so wild, dachte ich, meine Mutter wird ihre Sprache sicher sehr bald wieder finden, spätestens beim ersten gemeinsamen Essen, das sie routiniert in ein Verhör verwandeln wird. Und ausserdem konnte ich die Wartezeit dadurch trefflich dazu nutzen, die Mitreisenden AIDA-Gäste klischeehaft und oberflächlich in verschiedene Schubladen zu kategorisieren. Tatsächlich bildeten den Kern der auf Einlass wartenden Kreuzfahrtfreunde nicht etwa nur Rentner. Nein, auch einige ausgelassen sympathische (betrunken und scheisslaut) und in Haute-Couture (lustige Hüte mit der Aufschrift „Partykommando Prinzessinnen Bad Homburg“) gewandte Mittdreissigerinnen und diverse Fussball-Teams von regionaler Bedeutung in Landstrichen, die schon seit dem Krieg keinen Bundesligafussball mehr gesehen hatten, standen brav in der Reihe und freuten sich auf die Einschiffung. Eine Vokabel, die meinen Wortschatz an jenem morgen nicht zum ersten mal betrat, bislang aber immer etwas mit unkontrolliertem Harndrang zu tun gehabt hatte.

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Willi mir das wirklich antun?

Am ersten Abend konnte man – sofern man nicht durch die mutige Kombination von Gelb, Rot, Orange und Grün, die sich durch die meisten Flure der Kabinentrakte ziehen, blind oder durch das Abrufen seiner E-Mails via iPhone durch die interkontinentalen Roaming-Kosten mittellos geworden war – sich nach dem Abendessen in einem der gefühlt 84 Buffet-Restaurants im Theatro einfinden und der AIDA-eigenen „Late Night Show“ mit Willi Arsan beiwohnen.

„Willi wer?“ werden Sie zu recht fragen. Nun, Willi Arsan ist der männlichen Bevölkerung, die Sonntags Vormittags die Qualitätssendung „Doppelpass“ verfolgt, möglicher Weise als Co-Moderator bekannt. Er moderiert auf der AIDA eine eigene Late Night Show. Diese „Late“ Night beginnt auf der AIDA (vielleicht dem fortgeschrittenen Alter der Passagiere geschuldet) sicherheitshalber bereits um 20:00 Uhr. Und auch die Berufsbezeichnung „Co-Moderator beim Doppelpass“ ist jetzt vielleicht ein wenig hoch gegriffen, besteht seine Aufgabe dort doch weitestgehend darin, E-Mails und Facebook-Kommentare von Zuschauern zu verlesen, was die AIDA aber nicht davon abgehalten hat, ihn anzukündigen, als würde Harald Schmidt auf der AIDA exklusiv für das ZDF ein „Wetten Dass“-Comeback moderieren.

Mein erster Abend gipfelte also in einem Potpourri an alten Gags und bei Twitter geklauten etwas neueren Gags, die ein vermutlich angetrunkener D-Promi einem durch die zum abendlichen Buffet freizügig ausgeteilten Alkoholika bereits geschmeidig gemachte Auditorium feilbot, das – bestehend aus fast uniformiert in Camp David Hemden gekleideten Männern und Frauen mit absurden Frisuren – ihm dankbar jeden Gag abfeierte, als hätte Daniela Katzenberger ihre erste selber gelöste Matheaufgabe an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt.

Apropos Daniela Katzenberger und genagelt … ach nee, das ist eine andere Geschichte.

 

Der Anfang ließ sich also schon mal gut an. Ich ergab mich in mein Schicksal, entnahm der Bordzeitung die Highlight des kommenden Tages und begab mich voller Vorfreude auf eine Bikinizonen-Reflexmassage, eine Karaoke-Show mit dem Duo Alpenrausch, einem Frühschoppen im bordeigenen Brauhaus, einer Vorstellungs-Show mit Kapitän Jörg Miklitza (der sich übrigens, so viel sei bereits verraten, mit den Worten: „Ich komme aus einer Stadt, einer Seefahrerhochburg, wo man nur Kapitän werden kann, genau: Dresden“ vorstellte) und „Willi wer?“, Sushi-Kochkursen und Flamenco-Tanzkursen ohne Umwege direkt in die AIDA-Lounge. Etwa 34 Virgin Colada, drei Zuckerschocks und 4 Kilo später gab es dann zur allgemeinen Erheiterung eine international gesetzlich vorgeschriebene, spontane Rettungsübung.

Stay Tuned For Scenes From The Next Episode:

Freut Euch also jetzt schon auf Teil II meiner exklusiven AIDA-Reportage, in der Ihr erfahren werdet:

 

  • Warum ich bei einer wirklichen Havarie in jedem Fall nicht gerettet würde
  • Wie man mit dem Satz „Sind Sie nicht die Stripperin aus der AIDA-Bar?“ einen Tisch im Restaurant frei bekommt
  • Wie aus „Was kann in 7 Tagen auf dem Mittelmeer schon groß passieren?“ ein mittelschweres Familienerdbeben erwuchs
  • Kulturelle Höhepunkte: Schuh-Shopping in Marseille
  • Der Gegenbeweis zur Theorie der Schwarmintelligenz am Beispiel von „Bitte von dieser Seite anstellen“-Schildern am Buffet.
  • Kulturelle Höhepunkte II: Traditionelles spanisches Abendessen im Hard Rock Café Barcelona
  • Alpenglühen – ein musikalischer Abend des Deutschen Liedguts

u.v.m.

 

Grüße & aufAIDAsehen!