Kommentar
Höhlen-Kinder, Flüchtlinge und Comedians: Es ist kompliziert

Jubeln bei geretteten Kids, Schweigen hingegen bei ertrunkenen Flüchtlingen, Lebensretter vor Gericht und Comedians als Hoffnungsträger. Die Welt von 2018 ist eine merkwürdige.

Seit gestern sind die Jungs einer thailändischen Fußballmannschaft und ihr Trainer aus der Höhle befreit und befinden sich nun allesamt in ärztlicher Behandlung. Wie es aussieht, geht es allen gut und das ist wahrlich eine gute Nachricht. Die besten Taucher der Welt haben sich an der Aktion beteiligt, einer hat für die Rettung sein Leben lassen müssen. Letzteres ist der bittere Wermutstropfen bei dieser ansonsten fantastischen Geschichte einer beispiellosen Rettungsaktion.

Diese Momente sind rar geworden, in denen man vor dem Fernseher hockt und gleichzeitig die ganze Welt mitfiebert, ob die Rettungsmission erfolgreich ist. Nicht, dass ich mir wünschen würde, dass noch mehr Menschen in Not geraten und medial aufbereitet gerettet werden müssen. Aber es sind diese Momente, in denen man das Gefühl hat, dass die Menschheit grundsätzlich eben doch diesen Funken Empathie besitzt, der uns hoffen lässt, dass ein wildfremder Mensch in Not gerettet wird.

Fast logischerweise in diesen Tagen setzt man diese Höhlen-Geschichte in Relation zu dem, was im Mittelmeer passiert. Hier müsst ihr aufpassen, dass ihr nicht in eine Falle tappt. „In Thailand beklatscht die ganze Menschheit eine Rettungsaktion, während man Flüchtlinge im Mittelmeer absaufen lässt“. Das klingt erst mal schlüssig und lässt sich auch fabelhaft in zynischen Cartoons verarbeiten, aber das macht es nicht richtiger.

Wir können nicht Katastrophen gegeneinander aufwiegen, das funktioniert einfach nicht. Der eine Tote ist nicht mehr oder weniger wert als der andere. Deswegen lassen sich auch nicht 12 Jungs und ihr Trainer gegen 629 Mittelmeer-Tote allein im letzten Monat aufwiegen. Ich verstehe die Intention, aber es ist nicht fair, Menschen vorzuwerfen, dass sie das Höhlen-Drama berührt und man vom Mittelmeer-Drama verhältnismäßig wenig mitbekommt. Als Lesetipp möchte ich euch da den Artikel von Marco Bertolaso ans Herz legen, den er für den Deutschlandfunk verfasst hat. Darin heißt es:

Mit Blick auf die Nachrichtenfaktoren lässt sich festhalten, dass die enorme Aufmerksamkeit für die Kinder in Thailand ein ganz normaler Vorgang ist. Was wir erleben entspricht guten menschlichen Regungen, es passt aber auch zu medialen Gesetzmäßigkeiten.

Es gibt keinen Grund, das Schicksal der jungen Fußballer gegen das von Flüchtlingskindern aufzurechnen. Es gibt aber allen Grund, intensiv weiter über die Flüchtlingskrise zu berichten, über einzelne Momente, aber auch über die komplexen Hintergründe. Wie bei allen Themen ist es Aufgabe von Medien, komplizierte Fragen verständlich zu machen und alle nötigen Informationen zusammenzutragen. Wir müssen auch auf die Sprache achten, damit sich nicht falsche Bilder in den Köpfen festsetzen. Der Informationsjournalismus kann nicht mehr tun, aber auch nicht weniger.

Wenn ihr den Beitrag des Deutschlandfunks gelesen habt, werdet ihr festgestellt haben, wie sachlich man diese Mechanismen erkennen kann, nach denen wir funktionieren und die dazu beitragen, wie intensiv wir bei verschiedenen Dingen mitfiebern. Das ist gleichzeitig auch ein schöner Ansatz, um die Situation zu beschreiben, in der wir uns gerade befinden.

Denn auch, wenn Lautsprecher bei AfD oder CSU Thesen raushauen, bei denen uns die Kinnladen herunterklappen, wenn uns Radikale in Kommentarsträngen mit ihren Äußerungen zur Weißglut bringen, oder wenn verunsicherte Bürger sich von politischen Rattenfängern Probleme andichten lassen, die sie in Wirklichkeit gar nicht haben, dann hat das mit diesen Mechaniken zu tun.

Es wird gelogen, zugespitzt, übertrieben, polemisiert, Details werden weg gelassen oder beschönigt: Es sind die Lautsprecher und die Populisten, die derzeit den Ton angeben und die uns am liebsten in eine Welt führen wollen, die wir schon längst hinter uns geglaubt haben. Dagegen müssen wir uns zur Wehr setzen und deswegen müssen wir all diese Mechanismen kennen.

Dazu gehört aber auch, dass wir uns nicht ebenfalls zu leicht triggern oder vor politische Karren spannen lassen — die gleichen Regeln gelten natürlich auch für uns. Man kann schlecht Empathie einfordern, wenn man beispielsweise gleichzeitig bei weniger gebildeten Menschen, die nicht unserer Meinung sind, auf jedem Tippfehler herumreitet.

Ich schrieb in der Einleitung, dass die Welt von 2018 eine verrückte ist. Wer das nicht glauben mag, muss sich nur die oft verwirrenden und durch massives Unwissen geprägten Reden eines Donald Trump anschauen, oder schaut „unserem“ Innenminister Seehofer dabei zu, wie er sich — an Zynismus kaum noch zu überbieten — über die abgeschobenen Menschen erfreut, die nach Afghanistan zurückgeführt werden.

Zur verrückten Welt in 2018 gehört aber auch, dass jetzt ganz andere Leute in die Bresche springen, um uns die Welt zu erklären und um unseren Wertekatalog wieder zurechtzurücken.

Das Beispiel Micky Beisenherz habe ich ganz bewusst gewählt. Er ist sonst der lustige Klamauk-Onkel auf Facebook, der nicht nur im Dschungelcamp und der heute-Show dafür gesorgt hat, dass die Moderatoren lustige Dinge sagen, sondern sich auch in den sozialen Medien für keine Zote zu fein ist.

Er ist aber — siehe oben — auch derjenige, der Verfehlungen wie die von Seehofer mit scharfer Zunge kommentiert und dabei mit seinem für mein Empfinden bestens justierten Wertekompass eine Orientierungshilfe bietet, die uns dabei hilft, Dinge im richtigen Kontext zu sehen und zu bewerten.

Wenn die Welt in unserer Zeit also schräg wirkt, dann hängt das auch sicher damit zusammen, dass uns Comedians, Satiriker und Clowns die Welt erklären, die wir nicht mehr verstehen würden, wenn wir uns lediglich auf heute-Journal und Tagesthemen verließen. Es sind nämlich nicht nur die „Lügenpresse“-Rufer, die sich wundern, wieso ein Thema in den Nachrichten mal mehr und mal weniger prominent behandelt wird, oder wieso es nur bestimmte Sichtweisen gibt. Da wären wir vielleicht dann auch wieder bei den ertrinkenden Flüchtlingen im Mittelmeer, die derzeit nur eine eher untergeordnete Rolle in den Medien spielen — zumindest verglichen mit den „bis zu fünf Flüchtlingen pro Tag“, für die an der Grenze zu Österreich Transitzentren eingerichtet werden sollen.

Schaut euch mal dieses Interview mit den Protagonisten von „Die Anstalt“ an, die darüber sprechen, dass heutzutage Satire eben eine wichtige Instanz und Ergänzung darstellt, um uns ein Gesamtbild zu ermöglichen, welches wir durch Nachrichten alleine nicht bekommen.

Immer öfter sind es also Satire-Formate, bei denen uns das Lachen im Halse stecken bleibt, weil es die Uthoffs, Böhmermanns und Welkes sind, die uns die Zusammenhänge erklären müssen, die uns die Politik tunlichst verheimlicht. Apropos Böhmermann: Auch er ist einer von denen, die gerne herumblödeln aus Spaß an der Freude, ab und an aber auch ganz bewusst den Finger in wirklich unangenehme Wunden legen.

Wenn wir staunend vorm Fernseher sitzen und sehen müssen, dass NGOs davon abgehalten werden, im Mittelmeer Menschen vor dem Ertrinken zu helfen und Kapitäne ihrer Schiffe sogar deswegen vor Gericht gestellt werden, dann klappen auch diesen TV-Stars die Kinnladen runter. Der Unterschied zu uns kleinen Leuten: Sie haben eine riesige Fanbase, die man informieren kann — und nicht nur das: Man kann sie auch mobilisieren.

Böhmermann hat das kürzlich eindrucksvoll bewiesen, als er mit Reconquista Internet quasi versehentlich eine Bürgerrechtsbewegung auf den Weg brachte. Die kann man durchaus kritisch sehen und man muss auch nicht alles lustig finden, was ein Jan Böhmermann macht. Aber wir sollten jederzeit wertschätzen, dass es Menschen wie Böhmermann sind, die uns für Themen sensibilisieren und die oft genug auch ihren bekannten Namen dazu nutzen, sich in den Dienst der guten Sache zu stellen.

Jüngstes Beispiel ist hier wieder das täglich stattfindende Drama im Mittelmeer. Böhmermann hat eine Spendenaktion angezettelt für die Crew der Lifeline, um rechtlichen Beistand gewährleisten zu können. Hier sein Video zur Aktion:

Einen Spendenaufruf gibt es auch noch von seinem Kollegen Klaas Heufer-Umlauf, der unter dem Hashtag #civilfleet in die selbe Kerbe haut. Während bei Böhmermann auf diese Weise etws mehr als 209 000 Euro zusammengekommen sind, liegt Heufer-Umlauf jetzt sogar schon bei über 235 000 Euro! Auf seiner Spenden-Seite sagt er:

Statt zu retten, schottet Europa sich auf Kosten der Menschen in Not ab und verhindert die Rettung durch private Organisationen. Momentan werden auf Malta die Schiffe von drei Seenotrettungsorganisationen festgehalten, wodurch immer mehr Menschen sterben. Was ist das für eine Welt, in der stärker gegen das Retten als gegen das Sterben vorgegangen wird?

Dank Facebook wird es auch jedermann derzeit äußerst leicht gemacht, Geld für eine gute Sache zu machen, wie ihr am Beispiel der sehr geschätzten Kathrin Weßling sehen könnt, die für Sea-Watch in kürzester Zeit mal eben mehr als 7 000 Euro sammeln konnte.

Was will uns der Autor sagen?

Jau — ich habe viele Themen angerissen in diesem Beitrag. Wir haben geredet über Politiker, die bestenfalls nicht im Bilde, schlimmstenfalls egoistisch und zynisch sind. Wir haben geredet über Medien, die nicht über alles berichten und dass es manchmal sehr logisch zu erklären ist, wieso das so ist.

Desweiteren haben wir über Leid gesprochen, welches sich weder in Zahlen bemessen noch mit anderem Leid vergleichen lässt und wir haben auch über Comedians und Satiriker gesprochen, die oftmals einen sehr wertvollen Beitrag dazu beisteuern, dass wir diese höchst komplexe Welt verstehen können und die auch mit eigenen Aktionen Hilfe für Geflüchtete anschieben.

Das schreit jetzt nach einem Fazit oder zumindest nach einem „… und die Moral von der Geschicht'“-Schluss, aber im Grunde appelliere ich in Beiträgen dieser Art immer wieder einfach nur an den eigenen Menschenverstand. Genau so halte ich es hier jetzt auch wieder. Ich wiederhole mich, ich weiß — aber ich mache das, weil ich glaube, dass die Guten immer noch in der Mehrheit sind, auch wenn man uns oft nicht so gut hört. Und weil ich glaube, dass wir uns nur immer und immer wieder zu Wort melden müssen, um diese Welt wieder in den Griff zu bekommen.

  • Wir müssen dringend aufhören, Leid gegen Leid zu verrechnen. Dieser ganze Whataboutism-Scheiß, den man viel zu oft in den sozialen Medien vernimmt, muss eingedämmt werden — egal, von welcher Seite er kommt.
  • Wir dürfen nicht darauf vertrauen, dass uns eine oder zwei Nachrichten-Sendungen pro Tag alles Wichtige servieren und auch von verschiedenen Betrachtungswinkeln aufbereiten. Wir dürfen aber auch nicht den Fehler machen zu glauben, dass dahinter stets eine böse Absicht steckt, weil es ganz logische Gründe gibt, wieso Themen mal behandelt werden und mal nicht.
  • Gerade aus dem Bereich Satire/Comedy kommen viele helle Köpfe, die die wichtigen Themen nicht nur gut verpacken können, sondern auch das richtige Werteverständnis mitbringen, um gegen Nationalisten, Populisten, Radikale und alles mögliche Übel der Welt ein Zeichen zu setzen.
  • Lasst uns Leute — egal, ob links oder rechts, unserer oder anderer Meinung, schlau oder dämlich — stets so behandeln, wie wir selbst auch behandelt werden möchten. Ihr werdet staunen, wie viel einfacher es manches mal die Kommunikation macht. Wenn sich euer Gegenüber wie ein Vollarsch benimmt, macht das nichts – behaltet trotzdem eure Linie bei.

Ich bleibe dabei: Die Welt ist aktuell eine ziemlich verrückte. Aber die Menschheit ist nicht am Arsch. Es gibt so viele Belege dafür, dass wir oftmals auf einem tollen Weg sind. Vielleicht sollte ich mir mal angewöhnen, jede Woche mindestens einen Beitrag zu schreiben, der sich mit so einem Thema befasst, welches uns zeigt, dass sich die Welt punktuell verbessert. Sagt mir in den Comments gerne eure Meinung dazu und lasst mich wissen, wenn ihr andere Tipps und Ideen hat, wie wir uns aus diesem Wust aus Geschrei, Populismus und Falschmeldungen befreien.