Kampfansage
Huawei: In zwei Jahren werden wir Apple überholen

Vornehme Zurückhaltung sucht man bei Huawei spätestens dann vergeblich, wenn es um die Konkurrenz geht. Der CEO Richard Yu nutzte die Präsentation des neuen Mate 9 Phablet für eine unmissverständliche Ansage: in zwei Jahren werde man Apple überholen und dann der zweitgrößte Smartphonehersteller der Welt sein.

Der Technologieriese Huawei ist nicht unbedingt bekannt für leise Töne. Mit dem gewachsenen Selbstbewusstsein aus mehreren aufeinanderfolgenden erfolgreichen Jahren im hart umkämpften Smartphone-Business hauen die Chinesen gerne “mal so richtig auffe Sahne” – und behalten zum Leidwesen vieler Konkurrenten dann auch noch recht.

Dementsprechend war es wenig überraschend, dass Richard Yu (CEO Mobile Devices) die gestrige Vorstellung des neuen Huawei Mate 9 für eine Kampfansage in Richtung Cupertino nutzte. Man werde Apple in den kommenden zwei Jahren überholen und dann der zweitgrößte Smartphonehersteller der Welt sein. Bumms, das hat gesessen.

Bemerkenswerterweise spielt das 1987 gegründete Unternehmen erst seit wenigen Jahren in der Smartphone-Szene eine Rolle und hat seitdem für mächtig Aufregung gesorgt. Geräte für Endkunden werden erst seit 2011 vertrieben, zuvor beschränkten sich die Geschäftsfelder auf Netzwerkinfrastrukturen und Dienstleistungen für staatliche Institutionen und private Unternehmen. In der Anfangsphase fiel das Unternehmen aus der Handy-Hauptstadt Shenzhen vor allem mit mäßig verarbeiteten, ziemlich günstigen Einsteiger- und Mittelklasse-Smartphones auf.

„Das neue [Huawei] P9 Plus ist gleichauf mit Apples iPhone 7 Plus, kostet aber gut 200 Euro weniger und bietet doppelt so viel Speicher.“ Stiftung Warentest, 11/2016

Nach und nach schafften es die ersten Geräte in die quersubventionierten Vertragspakete europäischer Mobilfunkanbieter, damit stieg die Präsenz der Marke auch hierzulande enorm an. Mittlerweile dominiert Huawei (nicht nur) zahlenmäßig die aktuellen Bestenlisten. Aktuelle Geräte wie das Mate 9, das Huawei P9, das P9 Plus und P9 Lite zeigen, dass sie es eigentlich längst mit den meisten etablierten Herstellern aufnehmen können.

Im Jahr 2014 konnte Huawei bereits mehr als 48 Millionen Smartphones weltweit absetzen, im gleichen Jahr erfolgte die Gründung der Tochtermarke Honor. Auffällig ist, dass rund 76.000 der insgesamt 170.000 Mitarbeiter im Bereich Forschung und Entwicklung arbeiten – eine derart hohe Quote dürften wohl nur wenige Unternehmen auf diesem Planeten erreichen.

“Als wir vor vier Jahren ankündigten, dass wir Smartphones verkaufen wollen, sagten uns Leute wir seien verrückt. Als wir sagten, dass wir 100 Millionen Smartphones verkaufen wollen, sagte man uns wir seien verrückt.” Richard Yu, Huawei Mobile

Mittlerweile halten die meisten Konkurrenten Huawei wohl nicht mehr für verrückt, sondern für gefährlich. Allein im dritten Quartal 2016 konnte das Unternehmen 33,6 Millionen Smartphones verkaufen und erreichte damit einen Marktanteil von immerhin 9%.

Von den beiden Platzhirschen Apple und Samsung ist damit zwar immer noch meilenweit entfernt, doch für Huawei scheint das allenfalls eine Frage der Zeit zu sein. Apple setzte im dritten Quartal 2016 circa 45,5 Millionen Smartphones ab und erreichte damit einen Marktanteil von 12%. Samsung, unangefochtener Spitzenreiter, brachte es auf 75,3 Millionen Geräte und einen daraus resultierenden Marktanteil von 20,1%.

“Wir nehmen sie uns Schritt für Schritt vor, Innovation für Innovation.” Richard Yu, Huawei Mobile, über Apple

Sicherlich mit einem Blick auf die oben bereits erwähnten Kapazitäten in den Bereichen Forschung und Entwicklung sieht Huawei seine Stärke in der Möglichkeit, jede neue Technologie als Gelegenheit zu nutzen. Es sei, so Yu, letztendlich “wie Autofahren”. Bei jeder Kurve und an jeder Abbiegung habe man die Gelegenheit, den vorausfahrenden Wettbewerber zu überholen.

Huawei könnte tatsächlich als lachender Dritter von den Problemen bei Apple und Samsung profitieren. Samsung hat es mit dem eigentlich als Referenzmodell geplanten Note 7 mal so richtig versemmelt und kämpfen nun nicht nur mit hohen Kosten für die aufwendige weltweite Rückrufaktion. Branchenkenner befürchten, dass das Akku-Desaster noch für lange Zeit Auswirkungen auf die Marken Galaxy und Note haben wird. Das wiederum würde für Samsung spätestens mit der Vorstellung neuer Modelle im kommenden Jahr zu weiteren Anstrengungen und Werbeausgaben führen.

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Apple wiederum hat mit dem iPhone 7 und iPhone 7 Plus auch nicht unbedingt die No Brainer abgeliefert. Es handelt sich um zwei solide Smartphones – doch irgendwie überwiegt der Eindruck, dass sich die Herrschaften aus Cupertino damit nur bis ins kommende Jahr retten wollten, in dem das mit Spannung erwartete – dann endlich auch optisch überarbeitete – iPhone 8 erscheinen soll. Der ein oder andere Kunde wird sich bei einer Neuanschaffung sicherlich einen Wechsel von Samsung zu Apple überlegen, doch viele scheuen den damit verbunden Wechsel von Android zu iOS.

“Schritt für Schritt werden wir das Vertrauen und die Loyalität der Kunden gewinnen. Es geht nur um Vertrauen und Loyalität.” Richard Yu, Huawei Mobile

Sollte es Huawei schaffen, in den kommenden Monaten ein leistungs- und preisklassenübergreifendes Smartphone-Portfolio zu etablieren, könnte der Blick der durchaus wechselwilligen Kundschaft also tatsächlich nach China gerichtet sein. Dort wiederum dürfte man sich längst mit der Frage beschäftigen, wie man abseits der verbauten Hardware auch Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz, Virtual- oder Augmented-Reality in die Waagschale werfen kann. In all diesen Bereichen hat Apple in den zurückliegenden Jahren anscheinend viel zu wenig geforscht und investiert und steht nun auch in der Wahrnehmung unserer Leser mit dem Rücken zur Wand.

Beim interkontinentalen Kettenrasseln darf man selbstverständlich nicht außer acht lassen, dass es hier um nackte Zahlen geht. Apple ist der König der Marge und des Profits. Die enormen Gewinne, die das Unternehmen mit jedem einzelnen iPhone einstreicht werden nur wenige Hersteller von Android-Geräten jemals realisieren können. Dennoch besteht für Apple die Gefahr, dass jeder verlorene Benutzer auch nicht mehr über die Cash-Cow namens „Services“ monetarisiert werden kann.

Huawei P9

Bei aller Euphorie und Zuversicht, im Heimatmarkt China läuft es für Huawei momentan nicht so prall. Zwar behauptet man mit einem Marktanteil von 15,7% tapfer Rang 3 der dortigen Hersteller-Charts, aber das Wachstum fällt für chinesische Verhältnisse sehr niedrig aus. Stattdessen musste Huawei einigermaßen perplex mit ansehen, wie die zur BBK Electronics Corporation gehörenden Konkurrenten Oppo und Vivo in einem weitestgehend stagnierenden Markt um jeweils +100% zulegten und damit auf die Positionen 1 und 2 stürmten.

Zudem wird man abwarten müssen, wie Huawei im immer noch wichtigen US-Markt wachsen will. Das Unternehmen wurde in den zurückliegenden Jahren immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert, es spioniere im Auftrag der chinesischen Regierung. Das schürt – berechtigt oder unberechtigt – alte Ressentiments und könnte durchaus im Hinterkopf der patriotischeren Kundschaft verankert sein. Zudem stehen chinesische Unternehmen stets im Verdacht, dass sie sie nur wenig Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Mitarbeiter nehmen. Hier wird man – Stichwort Vertrauen und Loyalität – noch präventive, fortlaufende und u.U. auch überprüfbare Überzeugungsarbeit leisten müssen, die über gute Hard- und Software hinausgeht.

In Europa sieht sich sich Huawei jedenfalls auf einem hervorragenden Weg. In Finnland sei man bereits Marktführer, nun nehme man man mit Modellen wie dem Mate 9 die Märkte Deutschland, Frankreich und Großbritannien in Angriff.

Schritt für Schritt, Innovation für Innovation. Immer mit’m Blick auf die nächste Kurve.

via dailymail.co.uk