Huawei, TikTok, Epic: Globalisierte Welt, my Ass – wohin führt das alles?

Der Streit zwischen Apple und Epic eskaliert, TikTok und WeChat werden von Trump unter Druck gesetzt, Huawei sowieso. Schöne, globalisierte Welt, was? Ein Kommentar.

von Carsten Drees am 18. August 2020

Wisst ihr noch damals, als Palle hier auf dem Blog geschrieben hat? Wie ein Berserker hat er sich unermüdlich in die Schlacht geworfen, wenn Apple wieder einmal auf ein abstruses Patent verwies, welches dem Unternehmen beispielsweise die Alleinrechte auf abgerundete Ecken an Smartphones einräumen sollte. War das noch schön, als der Gipfel der Absurdität da erreicht war, wo sich Apple diese Patente sichern wollte und Samsung aber auch keine Gelegenheit ausgelassen hat, sich ganz unverschämt beim Design und Funktionen aus Cupertino zu bedienen. Ganze Blogger-Armeen arbeiteten sich dereinst an diesen Patentrechts-Schlachten ab und niemand sollte ahnen, dass es binnen weniger Jahre noch so viel schlimmer kommen würde.

Geklaut wird immer noch, geklagt ebenso. Ich bilde mir aber ein, dass die Reaktionen darauf ein wenig gelassener geworden sind. Immer noch fallen die jeweiligen Fanboys der verschiedenen Lager übereinander her, aber mit ein bisschen Abstand und um einen neutraleren Blick bemüht, erkennen die meisten mittlerweile längst an, dass unterm Strich alle davon profitieren, wenn mal iOS eine Android-Funktion abkupfert und umgekehrt oder sich ähnliches im Hardware-Bereich tut.

Dennoch ist die Situation heute eine sehr viel dramatischere und das hat zur Abwechslung nur ganz am Rande mit einer Pandemie zu tun. Was das angeht, so haben wir feststellen müssen, dass eine Schattenseite der Globalisierung die ist, dass selbst einem noch so gut aufgestellten Unternehmen der Arsch ruckzuck auf Grundeis gehen kann, wenn die Versorgungswege temporär abgeschnitten sind — oder die günstigen Arbeitskräfte in einem anderen Land gerade nicht produzieren können und die Ressourcen der Zulieferer somit knapp werden.

Das ist ein Thema für sich, auf das ich heute aber nicht hinaus will. Mir geht es darum, dass wir unumstößlich in einer globalisierten Welt leben. Das schreibe ich jetzt denkbar neutral, weil mit dieser Feststellung sowohl positive als auch negative Aspekte einhergehen. An den negativen Aspekten sollten wir nach wie vor weiter arbeiten, um das in den Griff zu bekommen — aber mir scheint es gerade so, als bleibt aktuell auch von den positiven Aspekten nicht mehr viel übrig.

Huawei, TikTok, Epic — nur drei Beispiele

Wenn Google beispielsweise nicht mehr mit Huawei zusammenarbeiten darf, macht mir das echt zu schaffen. Google als Unternehmen hinter Android und die vielen Smartphone-Hersteller, die dem Betriebssystem die ein oder andere Verbesserung angedeihen lassen — das befruchtet sich doch gegenseitig, die Gewinner sind wir alle, die wir Smartphones nutzen. Und es geht bei Huawei ja längst nicht nur darum, dass man Google-Dienste nicht mehr vorinstallieren darf. Es geht auch um Hardware, wenn beispielsweise Prozessoren mit ARM-Technologie nicht mehr genutzt werden dürfen.

Ich hab mich von Anfang an geweigert, das als irgendeine Form von “normal” zu betrachten, wenn Unternehmen in Europa oder in Fernost ihre Technologien nicht mehr an ein chinesisches Unternehmen veräußern dürfen, weil es der Präsident bzw. die Administration eines Landes so wünscht bzw. bestimmt.

Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Der derzeit größte Smartphone-Hersteller der Welt, der in den letzten Jahren die Konkurrenz mit seinen Innovationen abhängte, läuft jetzt Gefahr, außerhalb von China zurückgedrängt zu werden aufgrund dieses Politikums. Zudem bekommt man Schwierigkeiten, überhaupt weiter auf dem Niveau zu produzieren, weil erste Bauteil-Engpässe drohen.

Wenn man sich die Begründung für diese getroffenen Maßnahmen anschaut und dann im Hinterkopf hat, dass US-Unternehmen längst bewiesenermaßen mit US-Geheimdiensten zusammengearbeitet bzw. Backdoors ermöglicht haben — also genau das tut, was man Huawei vorwirft, aber nicht beweisen kann — wird die Absurdität der Maßnahmen nochmal deutlicher.

Anderes Beispiel: ihr habt ja auch alle mitbekommen, was derzeit über ByteDance bzw. TikTok geschrieben wird. Auch hier sieht die US-Administration eine Gefahr für die nationale Sicherheit und will ByteDance kurzerhand dazu zwingen, dass sie ihr US-Geschäft an ein US-Unternehmen abgeben. TikTok selbst ist in dieser Form gar nicht im Heimatland erhältlich, zudem liegen die Daten der US-Nutzer auch auf Servern in den Vereinigten Staaten.

Dennoch läuft die Gnadenfrist für TikTok und zudem hat man sich in den USA nun auch WeChat vorgeknöpft. Vielleicht das deutlich spannendere Produkt dieser beiden, weil es im heimischen China  sowas wie das Schweizer Messer unter den Apps ist. WeChat ist ein Messenger, aber auch die App, über die man Kinokarten bestellt und bezahlt, Arzttermine vereinbart, mit Unternehmen in Kontakt tritt und im Supermarkt an der Kasse bezahlt.

Beide Apps möchte man in den USA entweder gar nicht mehr sehen — oder aber unter US-amerikanischer Führung. Im Ernst: Wir dürfen nicht zu nachlässig nach China schauen und müssen das politische System dort mit Sicherheit kritisch betrachten. Aber wie bewertet ihr ein solches Vorgehen, bei dem — ohne jegliche Beweise — Apps vom US-Präsidenten persönlich diffamiert werden und wirtschaftliche Fakten wiederum ohne Vorlage irgendwelcher Beweise geschaffen werden?

Meines Erachtens wird das den USA alles noch vor die Füße fallen, weil Unternehmen Wege finden werden, wie sie auch an abstrusen US-Regeln vorbei existieren können. Mag sein, dass damit einige Apps oder gar Unternehmen vom amerikanischen Markt verschwinden — aber auf lange Sicht ist es genau dieser US-Markt, der darunter leiden wird. Einmal, weil US-Nutzer ihre gewünschten Produkte nicht weiternutzen können, zum anderen aber auch, weil ich glaube, dass es den US-Unternehmen nicht gut tut, wenn man sie so isoliert.

Drittes, jüngstes Beispiel: Epic Games! Mittlerweile bekommt man als Schreiberling keinen Originalitätspreis mehr dafür, wenn man darüber wortwitzelt, dass zwischen Epic und Apple (sowie Google) eine epische Schlacht entbrannt wäre. Auch über dieses Thema haben wir in den letzten Tagen mehrfach berichtet: Epic verdient viel Kohle mit Fortnite, muss aber jeweils 30 Prozent seiner In-App-Verkäufe direkt weiter an Google und vor allem Apple überweisen.

Mit einer eigenen Payment-Methode riskierte Epic, dass Fotnite aus den App Stores fliegen — was dann auch geschah. Kritik an dem Duopol von Google und Apple gibt es ja nicht erst seit Fortnite, auch vielen anderen — Beispiel Spotify — ist das System ein Dorn im Auge. Apple sorgt nun aber für eine weitere Eskalation: Nachdem Epic gegen Apple geklagt hat, reagierte das Unternehmen aus Cupertino ebenfalls und ließ durchblicken, dass man weitere Maßnahmen ergreifen wird. Dazu gehört auch, dass nun die Unreal Engine mit den Konflikt hineingezogen wurde.

Es ist eine herausragende Grafik-Engine, die bei weitem nicht nur für Epic-Spiele genutzt wird. Gerade die Demos der neuen Version lassen sich kaum noch von der Realität unterscheiden und somit ist die Unreal Engine natürlich für aktuelle und kommende grafikbasierte Technologien höchst attraktiv. Epic selbst erklärte dazu gestern noch, dass “Millionen von Entwicklern” sich bei ihrer Arbeit auf die Unreal Engine verlassen und Hunderte Millionen Nutzer diese Software im Einsatz haben.

Auch hier trifft man also nicht nur Epic Games inklusive seiner vielen Millionen Fortnite-Spieler, sondern zahlreiche weitere Unternehmen, sowohl aus dem Gaming-Bereich, aber auch aus anderen Branchen wie TV und Kino. im Gegensatz zu den ersten Beispielen handelt es sich hier nicht um einen Kollateralschaden des Handelskriegs zwischen den USA und China, das macht es allerdings auch nicht besser.

Am liebsten würde ich jetzt, wenn ich zum Ende meiner Betrachtung komme, mit einem Ausweg aufwarten, mit irgendeiner Idee, wie sich das alles in absehbarer Zeit zum Besseren wendet. Allein, mir fehlen die Ideen und mir fehlt die Fantasie. Aktuell werden stets nur unnötige Daumenschrauben angebracht und angezogen, die Leidtragenden sind nicht nur die betroffenen Konzerne, sondern im Endeffekt wir alle.

Auch die Unternehmen in den USA, die derzeit durch die US-Administration geschützt werden sollen, werden das zu spüren bekommen, dessen bin ich mir sicher. Irgendwer muss hier mal wieder deeskalierend einwirken und angesichts der derzeitigen Lage in Politik und Wirtschaft weiß ich tatsächlich nicht, wie das vonstatten gehen soll bzw. wer hier das Ruder rumreißen könnte.

Technologisch gesehen eröffnen sich in diesen Zeiten unfassbare Möglichkeiten für uns alle. Wenn die Industrien hier besser Hand in Hand arbeiten würden, könnte ein technologisches Schlaraffenland entstehen, welches uns unser Arbeitsleben erleichtert, unsere Leben durch bessere Health-Technologien verlängert und unsere Freizeit qualitativ aufwertet. Stattdessen hauen sich die Unternehmen untereinander die Köpfe ein — Milliarden-schwere Konzere, wohlgemerkt — und vielerorts werden zusätzlich seitens der Politik Hürden errichtet. Ich mag mich nicht damit abfinden, dass das tatsächlich der Weg ist, den wir gehen und dass wir in einer globalisierten Welt nichts besseres hinbekommen. Aber wie gesagt: Gerade fehlt mir die Fantasie, es deutlich positiver zu sehen.

 

Artikelbild: Pete Linforth auf Pixabay