Hulk Hogan, ein Sex-Video, ein Klatsch-Blog und ein Multi-Milliardär

Ein in die Jahre gekommener Wrestler, in einem Sex-Video, beim Seitensprung mit der Frau von Bubba the Love Sponge - das war dem Klatsch-Blog Gawker eine Veröffentlichung wert. Der vermutlich fällige Schadenersatz von 140 Millionen Dollar könnte nun das Aus bedeuten. Und plötzlich, aus dem Nichts, betritt ein weiterer Akteur die Bühne ...

Während wir uns hierzulande mit medialen Nichtigkeiten wie z.B. Adblock Plus oder Apple auseinandersetzen, spielt sich jenseits des Atlantiks ein Drama ab, das Potential für eine Hollywood-Verfilmung haben könnte. Die Hauptdarsteller: Hulk Hogan, das Blog-Netzwerk Gawker und – wie sich nun herausstellt – der Multi-Milliardär Peter Thiel. Es geht um zig Millionen Dollar, die Privatsphäre von Prominenten und um die Lebensweisheit “Man trifft sich immer zweimal im Leben”.

Zu den Protagonisten: bei Gawker handelt es sich um einen im Laufe der zurückliegenden Jahre schnell und stark gewachsenes Blog-Netzwerk, unter dessen Dach sich mittlerweile eine ganze Reihe von mehr oder wenigen bekannten Blogs tummeln. gawker.com dürfte vielen geläufig sein, auch lifehacker.com oder gizmodo.com sind sicherlich keine Unbekannten. Das Unternehmen verbucht mittlerweile jährliche Umsätze von ca. 50 Millionen US-Dollar. Der 50-jährige Gründer Nick Denton ist gebürtiger Brite und homosexuell (was eigentlich nicht erwähnenswert wäre, wenn die sexuellen Vorlieben anderer Beteiligter nicht im weiteren Verlauf eine Rolle spielen würden).

Terrence „Terry“ Gene Bollea, auch bekannt als Hulk Hogan, ist ein us-amerikanischer Ex-Wrestler, der vielen Fernsehzuschauern zwischen 1979 und Irgendwas (so genau kann man das nicht sagen) viel Freude bereitet hat. Vor einigen Jahren machte er mit Turbulenzen in seinem Privatleben sehr unschöne Schlagzeilen, aber das sei hier nur am Rande erwähnt.

Peter Thiel ist ein deutschstämmiger, us-amerikanischer Investor, der sich u.a. mit Paypal und Facebook-Investments doof und dusselig verdient hat. Zuletzt machte er von sich reden, als er seine offizielle Unterstützung für den Präsidentschaftskandidaten Donald Trump bekannt gab.

Peter Thiel

Sowohl Peter Thiel als auch Hulk Hogan haben eine Vorgeschichte mit Gawker. Das mittlerweile eingestellte Gawker-Blog Valleywag veröffentlichte im Dezember 2007 einen kurzen Artikel mit der Überschrift “Peter Thiel is totally gay, people“. Peter Thiel, der seine Homosexulaität bis dahin niemals thematisiert hatte, fühlte sich und eine Reihe von Freunden und Bekannten dadurch geoutet und warf Gawker zwei Jahre später vor, dass sie das Leben einiger Menschen aus reiner Publicity- und Profit-Sucht ruiniert hätten.

Der damalige Autor des Artikels, Owen Thomas, arbeitet mittlerweile beim San Francisco Chronicle und bleibt bis heute bei seiner Ansicht, dass er Peter Thiel keineswegs geoutet habe. Er habe lediglich eine Tatsache, die einem kleineren Personenkreis längst bekannt gewesen sei, publik gemacht – weil er die Verheimlichung der Homosexualität für homophob und rückständig halte. Einen ähnlich gelagerten Fall gab es vor 25 (!) Jahren auch in Deutschland: damals outete Rosa von Praunheim sowohl Hape Kerkeling und Alfred Biolek vor einem Millionenpublikum als schwul und löste damit einen TV-Skandal aus.

“I did discuss his sexuality, but it was known to a wide circle who felt that it was not fit for discussion beyond that circle. I thought that attitude was retrograde and homophobic, and that informed my reporting. I believe that he was out and not in the closet.” Owen Thomas

Hulk Hogan traf die Gawker-Keule im Oktober 2012. Gawker veröffentlichte Fragmente eines Sex-Videos aus dem Jahr 2007, das den ehemaligen Wrestling-Helden bei einem Seitensprung mit der Frau seines besten Freundes zeigte. Die Abgabe einer Unterlassungserklärung verweigerte das Blog und berief sich stattdessen auf den 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten, also das Grundrecht auf Pressefreiheit.

Hogan zog – anders als Jahre zuvor Peter Thiel – vor Gericht, und bekam Recht. Das Gericht verurteilte Gawker wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte und der “absichtlichen Zufügung von emotionalem Stress” zu einer Schadenersatz-Zahlung von 115 Millionen US-Dollar, eine Jury legte nochmal 25 Millionen US-Dollar oben drauf. Hogan gab im Laufe des Prozesses an, sein Freund Bubba the Love Sponge habe ihn zum Sex mit seiner Frau ermutigt, von einer Aufzeichnung habe er aber nichts gewusst. Gawker entgegnete, Hogan habe als öffentliche Person sein Sex-Leben selbst thematisiert, somit gehöre die Veröffentlichung eines Sex-Videos zu einer normalen Berichterstattung.

Im April 2016 legte Gawker nach einem erfolglosen Wiederaufnahmeantrag fristgerecht Berufung gegen das Urteil ein, das Verfahren geht also parallel zu einem weiteren Prozess in die nächste Runde. In die nächste teure Runde, denn bei einem mittlerweile auf 140 Millionen US-Dollar angewachsenen Streitwert werden sich die Anwälte der beiden gegnerischen Parteien sicherlich nicht mit einem Pflichtverteidiger-Honorar abspeisen lassen.

Könnte bald um 140 Millionen Dollar reicher sein: Hulk Hogan

Man trifft sich immer zweimal im Leben

Genau hier kommt der o. erwähnte Peter Thiel wieder ins Spiel. Während der Investor im Jahr 2007 selbst auf ein gerichtliches Vorgehen gegen Gawker bzw. Valleywag verzichtet hatte, outete (sic!) sich Thiel nun gegenüber der New York Times als finanzkräftiger Protegé von Hogan. Er habe, so Thiel, in den zurückliegenden Jahren ein ganzes Team von Rechtsanwälten damit beauftragt Menschen ausfindig zu machen und zu unterstützen, die durch Gawker geschädigt worden seien.

Thiel reagierte damit auf frühere Vermutungen des Gawker-Ches Nick Denton, die manch einer als abstruse Verschwörungstheorie abgetan hatte. Denton war aufgefallen, dass der Hogan-Anwalt Charles J. Harder immer wieder Menschen in Prozessen gegen Gawker vertrat, die sich solche Prozesse eigentlich gar nicht leisten können. Ob Denton da bereits Thiel als Strippenzieher in Verdacht hatte, weiß niemand.

Niedere Beweggründe stritt Peter Thiel in seiner nun veröffentlichten Bestätigung ab. Es gehe ihm nicht um Rache, sondern um Abschreckung, denn Gawker habe unabhängig vom öffentlichen Interesse einen völlig neuen und schädlichen Weg beim Mobbing von Menschen eingeschlagen. Gerade sein Respekt für Journalisten gebiete es, dass er gegen Auswüchse wie Gawker vorgehe.

“It’s less about revenge and more about specific deterrence. I saw Gawker pioneer a unique and incredibly damaging way of getting attention by bullying people even when there was no connection with the public interest.” Peter Thiel

Bei Gawker sieht man das naturgemäß anders. Peter Thiel befinde sich auf einer Mission, auf der er Gawker zerstören wolle. Empört zählt das Blog andere “Opfer” (in Anführungszeichen) auf, die ebenfalls von Charles J. Harder vertreten würden, offenbar wittert man auch hier eine heimliche Verstrickung des Milliardärs. Ein Seitenhieb auf Thiels sicherlich kontroverse politische Orientierung bleibt ebenfalls nicht aus, der Artikel trägt den Titel “Right-Wing Billionaire Peter Thiel Is on a Mission to Destroy Gawker”.

“I Hate These People But I Would Never Kill Them.” Donald Trump

Tatsächlich gibt der überraschende Auftritt von Peter Thiel genügend Anlass für Diskussionen. Seine politische Nähe und die vermutlich damit einhergehende finanzielle Unterstützung von Donald Trump dürfte besonders jenen Wählern und Journalisten übel aufstoßen, die sich bereits seit geraumer Zeit über Trumps unverblümtes Gepolter gegen jedes Medium ärgern, das es wagt, ihn zu kritisieren. Auf einer Wahlveranstaltung hatte Trump unter dem Gegröle seiner Zuhörer z.B. verlautbaren lassen, dass er “Journalisten zwar hasse, aber niemals töten werde”.

Thiel, der sich in der Vergangenheit wiederolt für die Redefreiheit eingesetzt hatte und als Unterstützer des Committee to Protect Journalists gilt dürfte derartige Äußerungen sicherlich nicht gut heißen. Dennoch erweckt seine bisher verheimlichte Unterstützung im Gerichtsverfahren Hogan vs Gawker natürlich den Eindruck, dass er die Pressefreiheit als durchaus optionales Grundrecht betrachtet, das eben ab einem bestimmten Punkt seine Grenzen hat. Fraglich ist, wo diese Grenzen im Spannungsfeld zwischen Trump, einem Sex-Video und dem 1. Zusatzartikel der Verfassung für Thiel liegen.

Das Geld, das Du brauchst, um an Dein Recht zu kommen

Andererseits muss man einfach konstatieren, dass sich auch vermeintlich prominente Menschen wie Hulk Hogan einen langwierigen und kostspieligen Prozess gegen ein Medien-Schwergewicht wie Gawker tatsächlich nicht leisten könnten, wenn sie nicht zufällig eine rein an Publicity interessierte, auf Erfolgsbasis honorierte Anwaltskanzlei finden. Die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Glücksfall nimmt überproportional mit dem Prominenten-Status ab. Anzunehmen, dass die Klatschblätter dieser Welt dies nicht bei ihren u.U. rechtlich zweifelhaften “Enthüllungen” einkalkulieren wäre wohl sehr blauäugig. Ein Player wie Thiel, der dann aus niederen oder höheren Beweggründen in den Ring steigt, verändert das Kräfteverhältnis natürlich dramatisch.

Nicht minder dramatisch ist allerdings die Vorstellung, dass wir hier wieder einmal nur die Spitze des Eisbergs sehen. Wenn jemand wie Peter Thiel – ungeachtet seiner politischen Präferenzen und fernab von Rachegefühlen – mit Millionen aus der Portokasse einen Prozess gegen ein unliebsames Medium finanzieren kann, dann können das auch andere. Hulk Hogan und ein mehrere Jahre zuvor aufgezeichnetes schäbiges Sex-Tape sind das eine – doch wo ist die Grenze? Geht der nächste Millionär morgen mit einem Strohmann und an den Haaren herbeigezogenen Anschuldigungen gegen eine Zeitung vor, die mit ihrer Berichterstattung seine Investitionen gefährdet? Was passiert, wenn sich eine Zeitung oder eine Internetseite einen solchen Prozess nicht leisten kann und deshalb nachträglich – oder in vorauseilendem Gehorsam – die eigentlich wahren Fakten (selbst)zensiert?

Der Fall mag sich typisch für die USA in finanziellen Regionen abspielen, die für einen Normalsterblichen nicht wirklich fassbar sind, zumal wir in Deutschland von vergleichbaren Schadenersatzsummen Lichtjahre entfernt sind. Doch auch hierzulande können Menschen ihr Recht nicht selten nur deshalb nicht durchsetzen, weil sie sich anders als ihr u.U. finanzkräftiger Kontrahent keinen guten Anwalt oder keinen Gutachter leisten können. [Hier Affiliate-Link für eine Rechtsschutzversicherung einsetzen]*.

Würde man dann die Hilfe von einem Peter Thiel annehmen – mit Sicherheit, oder? Was denkt ihr? Würdet ihr das eurem Gegner gönnen, wenn es umgekehrt wäre?

Sogar für ein kleines Medien-Imperium wie Gawker scheint der Fall mittlerweile tatsächlich existenzbedrohende Ausmaße anzunehmen. Nachdem man im Angesicht des Hogan-Prozesses bereits Unternehmensanteile verkauft hatte, lotet man momentan die Optionen für einen kompletten Verkauf des Netzwerks aus. Nick Denton legte heute in einem Offenen Brief an Peter Thiel nach und versuchte, seine Sichtweise darzulegen. Er ging dabei auch auf die Namen anderer Beteiligter ein, gefolgt von einem umfangreichen Fragenkatalog.

*[Spässle gemacht ;-)]