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#HuntingTheLight – mit dem Audi Matrix-LED-Licht zum Polarlicht

von Jan Gleitsmann am 24. Februar 2015

Vorsprung durch Technik feiert sich Audi mit seinem hübschen Marketing-Claim gerne selbst. Draussen auf der Strasse fragen sich aber viele Leute mittlerweile, welchen Vorsprung Audi denn jetzt konkret meint. Denn während die wichtigsten Mitbewerber aus Stuttgart und München in den letzten Monaten mit vielen interessanten, neuen Produkten für Furore gesorgt haben, kamen aus Ingolstadt zuletzt vor allem eins – Konzeptstudien. Eine Studie nach der anderen wurde dem Fachpublikum da auf den Automessen dieser Welt gezeigt. Aber einen echten Vorsprung durch Technik kann sich daraus nicht mal der dummen August noch der eingefleischte Audi-Fanboy ableiten. Zumal sich nicht jeder für Motorsport interessiert und das Gewicht von 10 LeMans Siegen in den letzten 11 Jahren zu würdigen weiss.

Zwei Dinge hat Audi meines Erachtens in den letzten Monaten jedoch hervorgebracht, die sich durchaus gut angehen und bei denen man zur Zeit durchaus einen Vorsprung erkennen kann. Zum einen das mit der dritten Produktgeneration des Audi TT eingeführte virtual cockpit (also das Austauschen der klassischen Rundinstrumente gegen ein grosses Display, das man in voller Größe zum Visualisieren von wichtigen Informationen nutzt), zum anderen das 2013 mit dem Facelift des Audi A8 eingeführte Matrix LED-Licht. Letztgenanntes könnte man mit Hinweis auf die Oberklassen-Limousine als für die meisten potentiellen Kunden als eher nichtig abweisen, aber mit der Vorstellung der neuen TT-Generation wird die Technologie nun auch im Kompakt-Segment angeboten und da wird es dann schon für eine größere Anzahl von Kunden interessant. Auch die neu geliftete Version des Audi A6 ist jetzt mit Matrix-LED-Scheinwerfern verfügbar. Bei allen Modellen müssen die Kunden einen ähnlichen Aufpreis für das Matrix-Licht auf die Ladentheke legen – um die 2.000 Euro.

Grund genug für einen klugen Kopf in der Audi Presseabteilung ein Event zu planen, bei dem man die Vorzüge des Lichtsystems auch wirklich erleben kann. Meistens sind die Fahrveranstaltung für uns Presseheinis nämlich so angelegt, dass wir die Testwagen abgeben müssen, bevor sich die Sonne für ein paar Stunden verabschiedet. Und dies darf ich schon mal vorwegnehmen: Am hellen Tage bringt das neue Licht mal so ganz gar nichts. So hat man mich und andere Pressevertreter unter dem schmissigen Hashtag #HuntingTheLight ins hohe Norwegen eingeladen, wo es im Winter ja auch nur bedingt hell wird, die Nächte auf jeden Fall deutlich länger sind als in unseren Breiten. Zumindest, wenn man erst nach einer Odyssee von Bielefeld über Düsseldorf, München und Oslo in Tromsø, Norwegen landet. Ganze 350 Kilometer nördlich vom Polarkreis und nur noch 9 Autostunden vom Nordkap entfernt (von Bielefeld aus fährt man mal eben 35 Stunden).

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Kaum bin ich aus dem Flieger gefallen, verabschiedete sich auch schon das Tageslicht und im dichten Schneegestöber geht es dann erst über breitere Bundesstrassen, später über ungleich schmalere Landstrassen zwei Autostunden lang in Richtung Hotel. Schon beim Losfahren habe ich mich fast vor Angst eingenässt. Die Strassen – ja selbst die Bundesstrassen waren fest und fett mit Schnee überzogen. Feinstes quattro-Wetter hatte mich meine Ansprechpartnerin am Flughafen begeistert in die Hände klatschend in Empfang genommen. Allradantrieb hin oder her. Mir war durchaus mulmig auf meinen ersten selbstgefahrenen Metern. Und das, obschon ich erst vor zwei Wochen in Finnland mit einem Porsche auf einem Eissee herumdriften durfte. Aber dort gab es keinen Gegenverkehr, dafür aber Auslaufzonen und das Schlimmste, was mir passieren konnte, war die Schmach per Funkgerät einen Cayenne anzufordern, der mich aus einem der Schneeberge ziehen musste. Aber hier in Norwegen war das kein Spass mehr. Das war der Ernstfall. Mit anderen Verkehrsteilnehmern. Mit engen Landstrassen die steil bergab gingen und nicht nur blank aussagen, sondern tatsächlich vereist waren.

2015 Audi A6 allroad quattro im Schnee vor einem Fjord

Zum Fahren hatte man mir den Schlüssel zu einem Audi A6 allroad quattro 3.0 TDI in die Hand gedrückt. Das ist ein A6 mit 18 Zentimeter Bodenfreiheit und ein paar Plastik-Anbauteilen, die das Fahrzeug offroadfähig aussehen lassen sollen. Im Leben würde ich mir so ein Fahrzeug nicht kaufen. Es sei denn, es sei denn ich würde in Tromsø wohnen. Ehrlich! Um die Geschichte in aller Wahrheit zu erzählen, die Audis hatten auch noch Spikes aufgezogen. Und die haben wohl auch noch ihren Teil dazu beigetragen, dass ich nach 10 Minuten am Steuer doch deutlich entspannter geworden bin und sogar bei dem einen und auch bei dem anderen Abbiegen nach dem Einlenken noch mal unnötig viel Gas gegeben habe, um das Heck ein wenig kommen zu lassen. Kurzum, die Aktion hat mich voll und ganz beeindruckt. Ich war wohl das perfekte Opfer. Ohne quattro will ich Norwegen im Winter nicht mehr erleben. Naja, es kann auch xdrive oder 4MATIC sein, ich bin da nicht so wählerisch. Der Punkt ist auf jeden Fall, dass Allrad dort oben voll und ganz Sinn macht – und selbst in unseren Breiten den Autofahrern bei dem hach so kritischen ersten Schnee deutlich mehr Sicherheit beim Fahren geben sollte.

Aber Licht, verdammt Jan, was ist denn nun mit dem Licht? Ich muss gestehen, ich war eher dort, um das Polarlicht zu sehen. Denn eigentlich war das Aurora borealis zur Jagd ausgeschrieben und das Matrix-LED-Gedöns eher Mittel zum Zweck. Ich hatte mich nämlich Anfang schon im September letzten Jahres bei der Vorstellung des neuen Audi TT von den Vorzügen des Matrix-LED-Lichts überzeugen können. Und ich möchte nicht übertreiben – ich finde es ziemlich genial.

Audi-Funktionsweise-Matrix-LED-Scheinwerfer-Pressebild

Der Witz an der Geschichte ist nämlich, dass Du quasi in der Nacht die ganze Zeit mit Fernlicht fahren kannst. Das würde ja auch schon mit einem Fernlicht-Assistenten funktionieren. Der erkennt ja ein vorausfahrendes oder entgegenkommendes Fahrzeug und schaltet dann das Fernlicht aus. Beim Matrix-LED-Licht hingegen wird das Fernlicht zu keiner Zeit ausgeschaltet. Lediglich die Objekte selbst (also die entgegenkommenden oder vorausfahrenden Fahrzeuge) werden vom Fernlicht ausgespart.

So funktioniert das Matrix-LED Licht von Audi

Audi-Aufbau-Matrix-LED-Scheinwerfer-Pressebild

Lässt man mal die ganze Technik, all die Steuergeräte, Sensoren und Regler aussen vor, dann ist die Funktionsweise des Matrix-LED Lichts wirklich schnell und einfach erklärt. In den Matrix LED-Scheinwerfer des Audi A6 sind 19 kleine Einzel-Dioden pro Scheinwerfer (im Audi A8 verfügt jeder Scheinwerfer über 25 Fernlicht-Leuchtdioden, beim TT sind es nur 12 pro Seite) verbaut, die alle im Zusammenspiel mit Reflektoren für das Fernlicht verantwortlich sind. Diese 19 Segmente der Scheinwerfer lassen sich je nach Situation in wenigen Millisekunden einzeln zu- und abschalten bzw. dimmen. Das System kann somit deutlich schneller reagieren als ein Fahrer. Das Fahrzeug verfügt per se schon über diverse Kameras. Hinter dem Rückspiegel an der Frontscheibe ist eine Kamera verbaut, die den vor dem Auto befindlichen Bereich überwacht. Erfasst diese Kamera nun die Leuchtsignatur eines entgegenkommenden oder vorausfahrenden Verkehrsteilnehmers, dann schaltet das Steuergerät des Matrix-LED Lichtes einzelne Segmente also Dioden aus oder dimmt sie in 64 Stufen. Somit wird genau der Bereich ausgespart, in dem sich der erkannte Verkehrsteilnehmer befindet. Der Bereich wird natürlich ständig angepasst, so dass sich der Bereich bei einem entgegenkommenden Fahrzeug dementsprechend verschiebt. Sobald der Gegenverkehr vorbeigefahren ist oder das erkannte Objekt aus der Sichtfläche verschwunden ist, blendet das Fernlicht wieder vollständig auf, also alle 19 Einzel-Dioden geben wieder volles Licht.

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Das Ganze kann man übrigens auch selbst ganz einfach “erleben”. Einfach bei einem handelsüblichen Audi mit Matrix-LED bei Nacht das Fernlicht aktivieren. Dann platziert man sich mit einer LED-Taschenlampe vor das Auto und leuchtet dieses an. Bewegt man sich nun von Links nach Rechts oder anders herum, kann man sehr schön sehen, wie einen das Fernlicht ausspart bzw. wie die einzelnen Felder dimmen. (Update 24.02. 14:44 Uhr Leider klappt das nur, wenn der Audi mit mindestens 30 km/h auf einen zubewegt, das System funktioniert im Stand nicht.)

Audi-Nachtsichtassistent-Matrix-LED-Scheinwerfer-Pressebild

Interessant ist dann auf jeden Fall noch, dass das Matrix-LED Licht auch die Kurven ausleuchtet, wenn man denn am Lenkrad dreht. Die Auswertung der Gierachse und des Lenkwinkels während der Fahrt führt zur Aktivierung des entsprechenden Abbiegereflektors. In Verbindung mit dem großen MMI-Navigationssystem kann das Licht, dank der Karteninformation vom Navigationssystem sogar schon in die Kurve leuchten, bevor ich als Fahrer überhaupt das Lenkrad bewege. Und in Verbindung mit dem Nachtsichtsystem von Audi werden Fußgänger, die vom System erfasst und markiert werden, automatisch mit einzelnen Dioden 3 mal kurz angeblinkt, um sie auf der einen Seite zu warnen und auf der anderen Seite, um die Aufmerksamkeit des Fahrers auf den Fussgänger zu lenken. Alles ziemlich pfiffig. In Verbindung mit dem Fahrprogramm audi drive select werden je nach Fahrprogramm (effizient bis sportlich) die Scheinwerfer weiter ausleuchten. Nachstehender Clip kommt zwar aus der Audi marketing Abteilung, erklärt das Prinzip aber durchaus noch mal ganz anschaulich im Bewegtbild:

Im Ganzen ist es für mich ein stimmiges System, was mich überzeugt. Neu war für mich in Norwegen eher die Erkenntnis, dass das LED-Licht im Schneesturm besser ausleuchtet als “normales” Fernlicht. Zumindest habe ich bei heftigem Schneefall das Fernlicht nicht ausgeschaltet, obgleich ich dies sonst immer ziemlich schnell tue. Ihr kennt das doch auch, dass man bei Nachtfahrten mit Schneefall sich irgendwann fragt, wann die Warp-Geschwindigkeit einsetzt, oder?

Ein ganz anderen Aspekt möchte ich in diesem Zusammenhang auch ansprechen und der bezieht sich aus meiner Erfahrung nicht nur auf Audi, sondern auf alle Hersteller mit ihren ganzen hach-so-tollen Assistenzsystemen. Während unser zweistündigen Fahrt verabschiedeten sich nach Stunde 1 bei Temperaturen nur geringfügig unter dem Nullpunkt so nach und nach einige Assistenzsysteme. Die Kameras setzen sich irgendwann mit Schnee zu und das Radar friert wohl stumpf ein. Das ist natürlich sehr bitter, wenn man uns als Konsumenten erzählt, wie toll doch diese ganzen Assistenten sind, wie sicher sei doch das Fahren machen. Aber wenn es dann mal Winter wird, hat man mehr damit zu tun, die Warnung wegen dem Ausfall der Assistenten weg zu klicken als mit dem Fahren an sich. Werte Automobil-Industrie – ich sehe das Nachholbedarf!

Mit dem Polarlicht hat es leider nicht so ganz geklappt. Nur für etwa 5 Minuten war eine grünliche Erscheinung mit blossem Auge zu sehen, die man auch als Laie als Polarlicht identifizieren konnte. Der clevere Kollege hatte sein Stativ mitgenommen und zumindest dank Langzeitbelichtung ein paar schöne Fotos geschossen. Sein Ergebnis war dann deutlich imposanter als das bisschen Grün, das ich mit meinen Augen einfangen konnte.

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Abschliessend kurz zurück zu Audi, die sich ja Ende letzten Jahres mit BMW einen eher kindischen Marketing-Wettstreit geliefert haben, wer denn nun das erste Serienfahrzeug mit Laserlicht ausliefern könnte. BMW i8 versus Audi R8 LMX. Ich glaube, dass BMW dann doch gewonnen hat. Nebensächlich. Wohl aber doch spannend, wo die Lichtentwicklung weiter hinführt. Unseren technischen Ansprechpartner vor Ort habe ich dann auch gefragt, was denn nun besser sei – LED oder Laser. Jedes System hat seine Vorzüge hat er diplomatisch geantwortet. Demzufolge ist eine Kombination aus den beiden Systemen sinnvoll und ich kann mir vorstellen, dass wir dieses Kombi-System vielleicht sogar schon Anfang März bei der Enthüllung des neuen Audi R8 in Genf sehen werden. In diesem Fall wird dann also ein Laser das Licht in die Reflektoren schiessen. Eine wesentlich höhere Auflösung wird dann möglich sein und das Licht sollte sich noch präziser nutzen lassen. Im Heckbereich hingegen ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die eigentlich noch recht neue LED-Technologie von organische Leuchtdioden (Organic Light Emitting Diodes, OLED) abgelöst werden. Das wird vor allem die Designer freuen, die dann ihre Leuchtfläche auch bequem in die Rundungen der Karosserie aufnehmen können.

Bildquelle Schaubilder: Audi Deutschland