Icaros: VR-Flugsimulator und Fitnessgerät in einem

Ein Designkonzept der Firma Hyve Innovations aus dem Jahre 2011 erreicht langsam die Produktionsreife: Der Icaros. Angelehnt ist der Name an einer griechischen Mythe, bei der der Protagonist Ikarus in einem Gefängnis eingesperrt ist und mithilfe von selbst gebastelten Flügeln von dort entkommen will. Final scheitert aber der Fluchtversuch; durch die Selbstüberschätzung stürzte Ikarus ab: Das genutzte Wachs schmolz aufgrund der näher kommenden Sonne. Kann sich der Icaros von Hyve in der Luft halten oder droht auch hier der baldige Absturz, noch ohne durchgestartet zu sein? Ein Gastbeitrag von Mika Baumeister.

Bei dem Icaros handelt es sich um ein Fluggerät aus Metall und Aluminium, das Gestell, in dem der Mensch liegt, ist auf zwei Achsen beweglich: Grundsätzlich lässt sich so durch Gewichtsverlagerungen die Position in ein Virtual-Reality-Spiel übertragen. Entwickelt wurde der Icaros von Johannes Scholl, zusammen mit Michael Schmidt brachte er ihn zur Marktreife.

Während vergleichbare VR-Peripherie, etwa der Cyberith Virtualizer, der Birdly und der Kat Walk immer Strom – oder zumindest ein USB-Kabel – benötigen, kommt der Icaros als solches völlig ohne Strom aus. Der einzige Sensor zur Erkennung der aktuellen Positionsdaten ist akkubetrieben und kann per Klett fest an dem Fluggerät befestigt werden. Das hat zwei Vorteile: Neben dem komplett kabellosen Design ist auch die Kompatibilität zu möglichst vielen Geräten gewährleistet. VR-Geräte können per Bluetooth auf den Sensor zugreifen. Sinn des Ganzen: Sowohl ein PC mit Bluetooth-Kompatibilität als auch ein einigermaßen leistungsstarkes Smartphone können die Daten empfangen und auch entsprechend verwerten. Beim Smartphone ist sowohl die Verwendung von iOS als auch Android möglich, am PC ist derzeit die Oculus Rift (DK2) im Einsatz. Die HTC Vive würde aber auch funktionieren.

Die Akkulaufzeit des einzigen elektronischen Bauteils ist dabei relativ lang: Verbaut ist neben einem Bewegungssensor, drei Knöpfen zur Bedienung (schneller und langsamer Fliegen, Wechsel zu echter Realität für auf- und absteigen)und einem Bluetooth 4.0 Low Energy-Modul nur noch der entsprechende Akku. Das Dongle lässt sich per MicroUSB laden und ist in der von uns getesteten Version noch 3D-gedruckt.

Leute, die vorher noch nie Virtual Reality ausprobiert hatten, sollten dies vor der Nutzung des Icaros in Erwägung ziehen. Auch wenn die Einweisung in die Nutzung des Icaros wirklich simpel und logisch ist, können Irritationen eintreten. Konkret kann der völlig ungewohnte Balanceakt auf dem Icaros gepaart mit dem nicht vorhandenen visuellen Signal aus der „realen“ Welt das Gehirn schlichtweg erst ein wenig überfordern.

Icaros 21

Apropos Einweisung: Vor der vollständigen Nutzung des Icaros wird der Apparat erst einmal ohne Virtual Reality bestiegen. Der Nutzer testet dann erst einmal die Balance. Diese ist entscheidend: Nur wenige Zentimeter entscheiden über die Lage des Nutzers. Ist die Hüfte und der Oberkörper zu weit vorne, kippt er komplett mit dem Kopf Richtung Boden. Eine nach hinten gerichtete Hüfte bewirkt logischerweise das Gegenteil. Eine Beugung nach rechts neigt das Gerät in selbige Richtung, dementsprechend ist eine Rolle nach links mit einer Gewichtsverlagerung nach links möglich. Das Gerät ist so gut ausbalanciert, dass keine großen Kräfte zur Positionsveränderung benötigt werden. Die maximalen Neigungswinkel auf beiden Achsen betragen 35°.

Gleichzeitig stellt die Größe des Spielers meist kein Problem dar: Zwischen 1,50 und 2 Metern kann prinzipiell jeder den Automaten nutzen. Der Icaros ist desweiteren eine subtile Art, Sport zu machen: Durch die Verlagerung des Körpergewichts werden viele Muskeln im Bauch-, Becken- und Hüftenbereich benötigt. Das ist aber nicht wirklich auffällig oder besonders anstrengend. Dennoch merkt man nach gut 20 Minuten, dass der Körper beansprucht wurde.

Icaros 18

Das verwendete Samsung Galaxy S6 war bei unserem Besuch mit einer großen, in Unity designten Welt in Form einer App mit dem Namen „Proximity“ ausgestattet, welche eine Art Alpenlandschaft mit einem Canyon widerspiegelte. So war eine Vielzahl von Flugmanövern möglich: Neben einer Art Downhill-Wingsuit-Fliegen konnte auch durch das Valley wie durch einen Hinderniskurs geheizt werden.

Icaros 01

Neben diesem Flugspiel könnten zum Beispiel etwa auch die Spiele War Thunder oder World of Warplanes den Icaros als Flugsteuerung nutzen: Anstatt Maus und Tastatur oder den Joystick zu nutzen, würde der eigene Körper zum Flugzeug werden. Und, wie immer, gilt: Mit Freunden spielen macht definitiv mehr Spaß.

Icaros wird im nächsten Jahr in den Verkauf gehen. Der Preis des Fluggeräts wird bei 7500 Euro ohne Steuern liegen, dabei ist neben dem reinen Gestell auch der angesprochene Sensor mit allem nötigen Zubehör sowie eine VR-Brille. Um welche es sich dort handeln wird, konnte noch nicht spezifiziert werden.

Mit dem Preis und dem relativ begrenzten Funktionsumfang – es sind fast ausschließlich Flugszenarien denkbar – ist die Icarus für den Normalnutzer zu teuer und nicht flexibel genug. Dafür bietet das Gerät in seiner Sparte im VR-Sektor eine hervorragende Performance – das technische Zusammenspiel ist genial und für passende Szenarien ist das Gerät super. Ein großer negativer Faktor ist aber dieser: Während bei Tretmühlen ungefähr alle Spiele gezockt werden können, sind Games in der Luft 1. eher rar gesät und 2. bieten jene kaum Story für den Langzeitspaß. Der Multiplayer kann hier aber viel retten.

Für wen lohnt sich die Icaros also? Für absolute Enthusiasten sowie Unternehmen, die mit der Hardware touren. Die Icarus zeigt wunderbar, was auch ohne Elektronik möglich ist: Ein ausbalanciertes System, welches auch ohne VR seine Daseinsberechtigung hat. Etwa wäre eine Anwendung in der Physiotherapie denkbar. Das Gerät trainiert neben dem Gleichgewichtssinn auch oben angesprochene Muskelgruppen. Mit VR macht das Konstrukt aber ungleich mehr Spaß. So wird immerhin aus der bei unserem Test herrschenden Büroatmosphäre eine sehr interessante Erfahrung in einer anderen Welt.