Ich bin eine Berlinerin

Ich habe die Schnauze voll. Ich möchte meinem 6-jährigen Cousin nicht erklären müssen, „was war denn da mit dem Weihnachtsmarkt in Berlin?“. Wie frei von Ideologien, Hass und Agenden Kinder sind, merkt man daran, dass für sie nicht mal die theoretische Möglichkeit existiert, dass jemand einen LKW absichtlich in eine Menschenmenge steuert. Und doch muss ich es ihm erklären. An Weihnachten. Diese paar besinnlichen Tage bei der Familie, in einem prächtig rausgeschmückten Hamburg, das in seinem Dezember-Lichtermeer noch eindrucksvoller beweist, die schönste Stadt Deutschlands zu sein. Die dafür da sein sollten, in sich zu kehren, dankbar zu sein und so viel unbeschwerte Zeit wie möglich mit seinen Lieben zu verbringen.

Vor allem mit den Jungspunden der Familie, für die Geschenke, Weihnachtsmann und Christmesse noch Institutionen sind, auf die man sich das ganze Jahr freut. Bereits vergangenes Jahr war es schwer, meinen Cousinen und Cousins zu erklären, warum ich so viel Zeit in Paris verbringe, so wenige Tage nach den schlimmen Anschlägen. Warum lebt man dort, wo böse Menschen böse Dinge tun? Dieses Jahr kommt eine ganz neue Dimension hinzu. Für eine 10-jährige Hamburgerin ist Berlin näher als Paris. Sie schaut dich mit großen Augen an und du kannst sie nicht mehr ablenken mit Geschenken oder Fragen nach Justin Bieber.

We Are The World, We Are The Children

Dass Verrückte mich dazu zwingen, Weihnachten erklären zu müssen, warum Terror existiert, macht mich traurig, wütend und fassungslos. Ich möchte jeden einzelnen von diesen Menschen schütteln, anschreien, ohrfeigen und fragen, wie er das seinen Kindern erklärt. Seinen Cousinen. Aber das kann ich nicht, und so stehe ich da vor dieser zauberhaften Horde kleiner Menschen, die eigentlich nur Geschenke möchten und Geschichten von den Großen hören und Süßigkeiten und spielen, spielen, spielen – aber plötzlich auch Antworten auf Fragen, auf die in gewisser Weise niemand eine wirklich plausible Antwort hat.

Außer, man ist rechter Rattenfänger auf Stimmenfang in der NPD-Zielgruppe und bei den inszeniert in Angst versetzten Bildungsfernen. Dann hat man auf alles eine Antwort. Nur keine Lösungen. So läuft das Rattenfangen eben und auch diese Menschen möchte ich gerne schütteln. Zumindest Horst Seehofer, den man alleine deswegen ohrfeigen müsste, dass er die vergangenen Monate hart und zielstrebig daran gearbeitet hat, sich und seine CSU noch rechter als Petry, Pretzell, von Storch und Gauland zu positionieren, und das muss man nach AfD-Provokationsthemen wie Holocaust-Leugnung, Schüsse auf Flüchtlinge an der Deutschen Grenze oder Jérôme Boatengs Nachbarqualitäten auch erst mal schaffen.

Ich jedenfalls habe keine guten Antworten. Und so stehe ich vor ihnen, auf tönerneren Füßen als Daniela Katzenberger vor einer Matheklausur. Meine Familie weiß, dass ich viel Zeit in Paris verbringe. Auch sie spüren auf eine surreale Art eine Form von Angst, seit es dort die Anschläge gab. Auch nach Berlin führt es mich immer wieder. Schon bald, im Januar, wird wieder Fashion Week sein und die Hinterköpfe voller Sorge. Das ist sicher etwas, das die Täter erreichen wollten. Angst und Sorgen schüren und Orte der Freude zu Orten der Beklemmung machen. Das selbe Schema übrigens, das AfD und CSU nutzen, um ihre eigene Agenda zu platzieren. Man kann Freiheit predigen, Liebe und Zusammenhalt. Und doch muss man zugeben, dass vermutlich nichts mehr sein wird, wie es war. Zumindest in diesen Städten an diesen Orten.

Berlin wankt nicht. Berlin lässt den Terror abblitzen.

Ich war schon unzählige Male am Breitscheidplatz. Von vielen Zimmern des Waldorf Astoria schaut man direkt drauf. Wenn man in den Zoo Palast möchte, passiert man ihn. Das grandiose Bikini Berlin liegt auf der einen Seite, auf der anderen Seite, Richtung Kudamm, war mal eine mehrstöckige Buchhandlung. Es gibt sie schon eine Weile nicht mehr. Dort, wo früher Literatur, Kultur und Entertainment verkauft wurde, ist heute ein „Forever 21“ und verkauft Weihnachtspullover für 8,95 Euro. Wann immer ich länger in Berlin war, bin ich immer irgendwann an dieser Buchhandlung in unmittelbarer Nähre vom Breitscheidplatz gelandet. Auf der Suche nach inspirierenden und beruhigenden Zeilen in einer Welt voller neuer Dinge, die ich als junges Mädchen erst mal verarbeiten musste.

Ich fand dort Benjamin von Stuckrad-Barres „Soloalbum“ und Sven Lagers „Phosphor“ und tauchte in die Popliteratur ein, 10 Jahre, nachdem sie eigentlich schon wieder vorbei war. Ich war spät dran, aber ich liebte die Bücher. So wie ich Berlin liebe, auf diese schnodderige Art. Wenn ich am Hauptbahnhof ankomme, weiß ich nie, ob der Taxifahrer erwartet, dass man ihm ein mehrseitiges Dankesschreiben verfasst, weil er die Güte hatte, mich zum Hotel zu fahren.

Vor allem aber ist Berlin die Stadt, die dem Terror sagen wird: „Weißt Du was, junger Freund – mit mir nicht. Verzieh dich hier, oder es wird aber mal ganz, ganz böse enden“.

Überquert man die Tauentziener Straße Richtung Weltkugelbrunnen, steht man vor dem Europacenter. Ein Gebäude wie ein Sinnbild von Berlin. In seiner absurden Hässlichkeit fast schon wieder Kult. Vollgestopft mit Geschäften, die keiner braucht und Restaurants, in denen nur Touristen verkehren, die erstmals in Berlin sind. Und oben, ganz oben ein Club, in dem ich bereits mehrfach in in zartem Pink beleuchteten Himmelbett-VIP-Areas die Dekadenz der ganz jungen Berliner Generation bewundert habe, die zumeist „wenig Stil, aber Eltern mit zu viel Geld“ herausschrien in ihrem Verhalten, ihren Outfits und den unbeholfenen Flirtversuchen, die zusammengefasst zumeist etwa so klangen: „Ich werde in drei Monaten 18 und dann bekomme ich meinen ersten Porsche, cool, oder?“ Auch das ist Berlin.

Vor allem aber ist Berlin die Stadt, die dem Terror sagen wird: „Weißt Du was, junger Freund – mit mir nicht. Verzieh dich hier, oder es wird aber mal ganz, ganz böse enden“. Womöglich war Berlin der Ort, der zeigen wird, dass Terror nicht immer das schafft, was er plant: Eine Stadt in Angst zu versetzen. In Berlin hat man Angst vor Menschen, die um 6 Uhr morgens zwei stinkende Döner in der Bahn essen oder die dir nachts gegen das Auto pinkeln. Aber nicht vor feigen Massenmördern. Auch das wird sich rumsprechen.

AfD – Alternative für Debile

Ich verbinde so viele Geschichten und Erinnerungen an diesen Platz, diesen Ort, diese Straßen von Berlin, die jetzt heimgesucht wurden von einem erneuten Versuch, uns zu spalten, zu verunsichern, zu ängstigen, Panik zu schüren und dann genüsslich dabei zuzusehen, wie wir uns selber zerfleischen. Die Automatismen sind sofort aktiviert worden. Der Motor des geklauten LKW war kaum aus, da wurden sie schon in die Sozialen Netzwerke und Kommentarspalten gepresst: Die Angstreflex-Auslöser- und Propaganda-Kommentare der rechtspopulistischen Karrieristen von Null-Lösungs-Alternativen wie der CSU oder Pegida-Trittbrettfahrern wie der AfD.

Aufgehetzt durch unsägliche Geschmacklosigkeiten wie „Das sind Merkels Tote“ (Pretzell, AfD) bricht er los, der Diskussionskrieg der Ahnungslosen. Selbsternannte Terror- und Religionsexperten, die sich Angst vor Flüchtlingen haben einreden lassen und darum die Islamisierung für gefährlicher halten als globale Erderwärmung, Cyberkriminalität und alle Krankheiten der Welt zusammen, krakeelen ihren Hass in die Welt. Sie sehen sich schon an Weihnachten in Moscheen verschleppt und ausgepeitscht werden, weil sie Weihnachtslieder singen möchten. Sie beschwören den Untergang des Abendlandes oder zumindest von Deutschland, weil Massenvergewaltigungen von deutschen Frauen und Mädchen ja jetzt durch Angela Merkels Politik salonfähig werden.

Sie fürchten um ihre Sicherheit, ihren Besitz und halten Deutschland für eine GmbH. Und wie ein Uhrwerk reagiert die Fraktion der von AfD-Sympathisanten „Gutmenschen“ präzise mit hochemotionaler Gegenrede. Und schon geht es sofort wieder um Schuld, Angst, Hetze und Beleidigungen – nur nie um Lösungen. Da soll die Kanzlerin dann an die Wand gestellt und abgeknallt werden, weil sie ihr Land verraten hat. Alle Grünen sind pädophil, alle Regierungsmitglieder korrupt, fremdgesteuert und vor den Karren der totalen Unterwanderung unseres schönen Landes durch hochkriminelle Flüchtlings-Schläfer gespannt und alle Prominenten sind Marionetten der Gutmenschindustrie.

Gutmensch vs. Rattenfänger

Fast schon mit hysterischer Erregung gießen sie ihre meist sowohl inhaltlich als auch stilistisch sehr schmerzhaften Pamphlete in den Orkus des Internets und schauen dann zufrieden mit sich selber verträumt in den Himmel. Gott sei dank ist er über Deutschland noch weitestgehend voller Chemtrails und nicht voller Minarette. Derweil heiraten Frauke Petry und Markus Pretzell irgendwo in Leipzig und freuen sich über das schönste Hochzeitsgeschenk: Die Diäten, die sie als Abgeordnete für die kommenden Jahre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kassieren werden. Also, zumindest wenn Markus Pretzell nicht noch rausgeworfen wird, weil Listen zum NRW-Landtag manipuliert wurden und Petry ihren Machtkampf gegen Gauland und Höcke nicht verliert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wichtig ist mir etwas anderes. Sehr wichtig sogar. Wir dürfen unsere Freiheit nicht aufgeben. Wir dürfen sie nicht opfern. Nicht der Angst vor Terror und schon gar nicht der Manipulation von Rechts. Wir sollten uns besinnen darauf, was ein Land erreichen kann, wenn es sich von Liebe, Zusammenhalt und Vernunft leiten lässt. Und bevor es jetzt wieder einen Aufschrei gibt, dass ich das nur so lange sage, bis auch ich vom gewaltbereiten Muselmann vergewaltigt worden bin oder meine kleine Cousine erstochen wurde: Ja, ich weiss. Wir haben in diesem Land wie auf der gesamten Welt sehr große Probleme. Diese Probleme sind real. Sie sind nicht mal ansatzweise gelöst.

Wir haben Jahrzehntelang ganze Kontinente ausgebeutet, mit Waffen versorgt, unseren Reichtum auf ihrem Rücken ausgebaut und bekommen nun die Quittung. Mal unabhängig von Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft: Wir haben die verdammte Pflicht, diese Probleme human und engagiert zu lösen. Grenzen dicht und alle auf dem Mittelmeer ersaufen zu lassen, ist keine davon. Auch nicht, eine selbsternannte Alternative zu wählen, die dann hübsch ein paar gut dotierte Posten unter sich verteilen und sich die Hände reiben wird, wie bescheuert Wähler doch sein können.

Passt auf Euch auf

Eine Partei, die exakt nichts für die Menschen tut, die wirklich Hilfe benötigen (Hartz IV Satz kürzen), dafür alles, um Reiche noch reicher zu machen (Steuerreformen) und deren Taktik ausschließlich auf gezielt populistische und polarisierende Wahrnehmung in den Medien abzielt, die mit völlig absurden Thesen und Aussagen erzeugt wird und die bereits jetzt, weniger als vier Jahre nach ihrer Gründung, eine lange Historie nachgewiesener Falschmeldungen, Manipulationen und Märchenstunden vorzuweisen hat, gleichzeitig aber nicht müde wird, von der „Lügenpresse“ zu warnen, kann man doch nicht wählen. Verwirrte Schwachköpfe, die mit einem geklauten LKW in Weihnachtsmärkte fahren, Fußballstadien in die Luft jagen, Flughäfen anzünden oder Menschen auf Rockkonzerten erschießen möchten, wird man so jedenfalls nicht los.

Bitte passt auf Euch auf, versucht, mit Euren Familien ein so zauberhaft wir mögliches Weihnachtsfest zu feiern, haltet Euch fest, nehmt Euch in die Arme und gebt Euch das, was vielen Menschen auf der Welt leider fehlt: Ein sicheres zu Hause. Vielleicht denkt Ihr auch noch kurz an die Opfer auf der Welt, die dieser sinnlose Terrorfeldzug bereits gekostet hat und an ihre Familien und Angehörige, die dieses Weihnachten ohne sie verbringen müssen. Und wenn Ihr verzweifelt seid oder Lösungen sucht, dann macht euch auf die Suche. Informiert Euch. Häuft Wissen an und Fakten. Sucht bitte keine Antworten bei Rechtspopulisten. Denen seid Ihr nämlich egal. Besinnt Euch in diesen Tagen der Ruhe auf das Wesentliche und habt keine Angst. Und trinkt einen Glühwein für mich mit.

Frohe Weihnachten,
Marie