Ich bin wieder da: Erfahrungen aus vier Wochen offline sein

Wer mir folgt weiß, dass ich noch mit den Auswirkungen einer Depression zu kämpfen habe. Ich bin zwar schon sehr weit, aber es bleibt ein langer Weg, bis ich die Depression im Griff habe – und nicht sie mich. Im Rahmen der Therapie wurde nun die Idee geboren, auch mal zu prüfen, wie gut ich ohne Internet auskomme, oder ob es da gewisse Abhängigkeiten gibt.

Deshalb habe ich vor etwas mehr als vier Wochen meine Präsenz in den Online Kanälen angekündigt auf Eis gelegt.

Letztlich wollte ich mir auch selbst beweisen, dass ich ganz gut ohne kann. Und was soll ich sagen? Es geht. Aber es ist zum Teil verdammt unbequem und macht zumindest mein Leben deutlich komplizierter. Das beginnt für mich schon beim Bezahlen von Rechnungen. Da meine Hausbank über 40km entfernt ist, erledige ich so gut wie alle Bankgeschäfte online. Das ging nun nicht mehr und so mussten wir bereits hier für dringende Rechnungen eine Ausnahmeregelung einführen. Der nächste Punkt war die Steuererklärung, die ich schon seit Jahren am PC und damit online erledige. Hier konnte ich beim Finanzamt einen Aufschub erreichen.

Dann die Einkäufe, insbesondere von allem, was unseren digitalen Haushalt betrifft: Druckerpatronen, Speicherkarten etc.. Alles zwar auch offline möglich, aber es fehlt der Preisvergleich und so habe ich bei einer Prüfung im Nachhinein festgestellt, dass ich für einiges deutlich mehr bezahlt habe als beim Online-Einkauf.

Auch der Kontakt zu Freunden und Bekannten ist komplett eingebrochen, da ich mit vielen davon online kommuniziere und oft gar keine Telefonnummer habe. Am besten lässt sich das ganze an einem Besuch aus England veranschaulichen. Das Ehepaar, das uns in Speyer treffen wollte, war mit einem Schiff auf dem Rhein unterwegs. Im Vorfeld hatten wir alles per EMail abgestimmt, und als ich offline ging, hätten wir  beinahe das Treffen verpasst, da alles darüber online gelaufen war und mir ja der EMail-Zugriff verwehrt war. Deshalb gab es auch hierfür eine Ausnahme und dank der Tracking-Software MarineTraffic bemerkten wir auch, dass unsere Gäste nicht nach Speyer weiterfuhren, sondern offensichtlich in Mannheim festhingen. Flugs die Nummer angerufen, die in Deutschland für Notfälle gilt und per EMail mitgeteilt worden war und so trafen wir sie dann doch noch.

Andere Dinge gingen plötzlich auch nicht mehr: Kein Streaming von Videos oder Musik mehr. Auch meine eigene Musiksammlung, die ich online gespeichert habe, war plötzlich weg. Ebenso die oft ausgesprochen hilfreichen Informationen von Apps wie Tripadvisor oder Foursquare über gut Restaurants, Bars, Freizeitaktivitäten.

Alles in allem, ja, ich hätte auch vieles offline erledigen können. Aber es ist so, wie mit dem Strom. Man kann darauf verzichten, aber man will es eigentlich nicht, weil einfach viele Dinge besser oder schneller mit erledigt sind als ohne. Vom permanenten Zugriff auf Google, Wikipedia und Co. mal ganz zu schweigen.

Und gerade auch meine Mitpatienten nutzen bereits sehr intensiv die Online-Medien. So existiert für uns eine eigene Whatsapp-Gruppe und auch auf Facebook tauschen wir uns aus. Hier saß ich genauso auf dem Trockenen, was Verabredungen und Kommunikation jenseits der Therapiezeit anging.

Mein Fazit aus vier Wochen offline sein: Ja, ich kann das gut aushalten. Aber ich finde es sehr unbequem und es macht zumindest mein Leben viel komplizierter.

 

Übrigens habe ich versuchsweise ins Fernsehprogramm geschaut, aber das ist mittlerweile so gruselig, dass ich darauf freiwillig und ohne jedes Problem verzichten könnte.